mini|Sybyzgy aus Pflanzenrohr mit drei Grifflöchern Sybyzgy (kasachisch сыбызғы), auch sybysghy, sybyzγy, sybyzghy, sybyzyk, sibizga, tschibyzga, tchibyzga, ist eine beidseitig offene Längsflöte (Endkantenflöte) aus Pflanzenrohr oder Holz mit drei oder vier Grifflöchern, die in Kasachstan traditionell von männlichen Hirten gespielt wird. Typischerweise wird bei der sybyzgy wie bei verwandten Flöten in der Bergregion des Altai, darunter der mongolischen Hirtenflöte tsuur und der tuwinischen schuur, zum Ton der Flöte mit der Stimme ein tiefer gutturaler Brummton eingesungen.

Die praktisch baugleiche und mit derselben Gesangstechnik gespielte kirgisische Längsflöte tschoor wird teilweise auch sybyzgy genannt. Die zentralasiatischen Hirtenflöten sind mit der türkischen kaval verwandt.Carole Pegg: Inner Asia. 1. Historical connections. In: Grove Music Online, 2001

Herkunft und Verbreitung Die vom Balkan über Vorderasien und Zentralasien verbreiteten Hirtenflöten haben ein hohes Alter. Ihre mutmaßlichen Ursprünge liegen in den Panflöten der Jäger und Fischer, etwa der jungsteinzeitlichen Kitoi-Kultur am Baikalsee, wo durch Kerben verzierte Vogelröhrenknochen gefunden wurden. Sie werden in das 4. Jahrtausend oder 3./2. Jahrtausend v. Chr. datiert.4000–3000 v. Chr. In: Masahiko Todoriki: Archaic Oirat substratum of the “circa-Altai musical Kulturkreis” in Tuva. In: The New Research of Tuva, September 2017, S. 147–208, hier S. 168; 2500–1750 oder 2000–1500 in: James B. Griffin: Some Prehistoric Connections between Siberia and America. In: Science, Band 131, Nr. 3403, März 1960, S. 801–812, hier S. 810; zweite Hälfte 3. Jahrtausend – Anfang 2. Jahrtausend v. Chr. in: Henry N. Michael: The Neolithic Age in Eastern Siberia. In: Transactions of the American Philosophical Society, New Series, Band 48, Nr. 2, 1958, S. 1–108, hier S. 32f Im Gebiet um den Baikalsee und in Jakutien wurden auch Kernspaltflöten mit Grifflöchern von jungsteinzeitlichen Jägern und Fischern gefunden.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo: Mittelasien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 9) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1987, S. 26, 44

Die ältesten Darstellungen mit Musikinstrumenten im östlichen Zentralasien sind Terrakottafiguren von Affen aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr., die Flöten, Panflöten, Schneckenhörner, Halslauten und Trommeln spielen. Die musizierenden und tanzenden Affenfiguren werden mit dem Vorkommen von aus Indien stammenden Volkskulten in Verbindung gebracht. Musizierende Affen sind bereits von sumerischen Darstellungen bekannt. Mehrere Musikinstrumente, darunter etwa die Kegeloboe, verbreiteten sich im Verlauf des 1. Jahrtausends von Vorderasien über Zentralasien bis nach China, wo sie als „fremdländische“ Musikinstrumente aus dem Westen in die höfischen Orchester gelangten, zu denen auch Tänzer gehörten.

Aus der Mitte des 1. Jahrtausends wurden in Afrasiab nahe Samarqand mehrere in Bruchstücken erhaltene Terrakottafiguren von musizierenden Frauen ausgegraben. Die aufrecht stehenden Musikerinnen sind in lange Mäntel und Pluderhosen gekleidet, mit beiden Händen umgreifen sie ein langes dünnes Blasinstrument, das sie vor dem Oberkörper senkrecht nach unten halten. Bei einer angenommenen Körpergröße von 170 Zentimetern müsste das Blasinstrument etwa 80 Zentimeter lang gewesen sein. Vermutlich waren es randgeblasene Längsflöten mit einer leicht konischen Spielröhre.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo, 1987, S. 88, 96

Gegenüber den zahlreichen Darstellungen von Musikinstrumenten aus vorgeschichtlicher bis frühmittelalterlicher Zeit in Zentralasien sind nur wenige originale Musikinstrumente erhalten. Die meisten Flöten dieser Zeit bestehen aus Knochen oder Ton, beispielsweise eine 16 Zentimeter lange Knochenflöte mit vier Grifflöchern aus der ehemaligen Hauptstadt Bundschikat, die vom 7. bis zum 9. Jahrhundert im südlichen Zentralasien existierte. Aus der nahegelegenen, zur selben Zeit bewohnten Palastfestung Tschilchudschra stammt eine schlecht erhaltene Rohrflöte mit mindestens drei Grifflöchern. Eine weitere, in das 9. bis 11. Jahrhundert datierte Längsflöte stammt aus Altyntepe in der südusbekischen Provinz Qashqadaryo. Die vollständig erhaltene Spaltflöte besteht aus einem Adlerknochen und hat fünf Grifflöcher. Ein anderer zentralasiatischer Flötentyp sind randgeblasene Gefäßflöten aus Ton.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo, 1987, S. 154

Der aus dem südlichen Zentralasien stammende muslimische Gelehrte al-Farabi (um 872–950) verwies auf die aus ihren Namen abzuleitende Herkunft der in der arabischen Musik verwendeten Instrumente, darunter die nay tatari, also die „tatarische (zentralasiatische) Flöte“.Henry George Farmer: The Organ of the Ancients from Eastern Sources (Hebrew, Syriac and Arabic). William Reeves, London 1931, S. 74 Die ney (persisch, „Rohr[flöte]“) ist eine lange Endkantenflöte, die von der Türkei über die arabischen Länder, Iran bis nach Zentralasien verbreitet ist, aber anders als die sybyzgy bevorzugt in den städtischen klassischen Musikstilen gespielt wird.

Bei den Karakalpaken in Zentralasien (Usbekistan) wird das Blasinstrument nach seinem Material benannt, etwa als agach-nai („Holzflöte“),Scheherazade Qassim Hassan, Jean During: Ney. In: Grove Music Online, 2001 in den Bergregionen der uigurischen Region Xinjiang wird die naj aus einem Adler- oder Geierknochen gefertigt.Jean During: Zentralasien. A. Traditionelle Kunstmusik und Volksmusik. III. Usbeken und Tadschiken. 4. Tadschikische Traditionen. c. Badachschan. In: MGG Online, November 2016

mini|hochkant|Kurai-Spieler in der russischen Republik Baschkortostan mit einer der sybyzgy entsprechenden Spielweise Nach ihrer Verwendung als Hirtenflöte mit der sybyzgy verbunden ist die arabische schabbaba, die namentlich (von arabisch schabbāb, „Jugend“) bevorzugt von jungen Hirten gespielt wird.W. H. Worrell: Notes on the Arabic Names of Certain Musical Instruments. In: Journal of the American Oriental Society, Band 68, Nr. 1, Januar – März 1948, S. 66–68, hier S. 67 Zu den langen endgeblasenen Flöten aus Holz oder Rohr in Zentralasien, die mit der sybyzgy verwandt sind, gehören die mit einem eingesungenen Kehlkopfbordun gespielte kurai (quray) der BaschkirenSusanne Ziegler: Russland. A. Volksmusik. III. Musik der Wolga-Ural-Völker. 6. Baschkiren. In: MGG Online, November 2021 die türkische kaval, die armenische blul und die kurdische bilûr.

Das bekannteste kirgisische Blasinstrumente ist die Längsflöte tschoor, die weitgehend der kasachischen sybyzgy entspricht. Sie ist 55 Zentimeter lang mit einer Spielröhre aus Holz oder Rohr und drei bis vier Grifflöchern.George S. Golos: Kirghiz Instruments and Instrumental Music. In: Ethnomusicology, Band 5, Nr. 1, Januar 1961, S. 42–48, hier S. 43 In der Mongolei heißt diese endgeblasene Flöte aus Holz tsuur.Traditional music of the Tsuur. UNESCO, 2009 Seltener ist die kirgisische sarbasnai (möglicherweise von persisch sarbaz nai, „Soldatenflöte“) aus einer 60 Zentimeter langen Metallröhre mit fünf Fingerlöchern.Mark Slobin: Kirgiz Instrumental Music. Society for Asian Music, New York 1969, S. 19 Die turkmenische Hirtenflöte tüidük aus Pflanzenrohr besitzt fünf Fingerlöcher und ein Daumenloch. Zu diesen offenen Längsflöten gehört auch die in der pakistanischen Provinz Belutschistan auf dieselbe Weise gespielte narh aus einem Pflanzenrohr mit vier Fingerlöchern.Nazim Khizar: Narh – The desert flute of Pakistan. Der einfache Flötentyp hat ein hohes Alter. Die mongolische tsuur soll bereits im 1. Jahrtausend zur Zeit der Hunnen bekannt gewesen sein.

Wortumfeld In der instrumentalen Volksmusik der kirgisischen Hirten ist sybyzgy eine alternative Bezeichnung für die der kasachischen Längsflöte entsprechende tschoor.Razia Sultanova, Jean During: Zentralasien. A. Traditionelle Kunstmusik und Volksmusik. II. Kasachen und Kirgisen. 2. Kirgisen. b. Instrumente. In: MGG Online, November 2016. In Theodore Levin, Saida Daukeyeva, Elmira Köchümkulova (Hrsg.): The Music of Central Asia. Indiana University Press, Bloomington 2016, wird sybyzgy auf S. 155 (Kapitel 10: Elmira Köchümkulova: Kyrgyz Wisdom Songs: Terme Yrlary, S. 153–171) als kurzes Einfachrohrblattinstrument aus Schilfrohr („a short, single-reed pipe made from cane“) und auf S. 310 (Kapitel 14–2: Nurlanbek Nyshanov: Kyrgyz Küü, S. 309–325) als Querflöte („side-blown flute“) beschrieben. In entlegenen Dörfern in Usbekistan wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch die alten kurzen Schäferflöten chupon nai und ghajir nai aus Röhrenknochen sowie die Einfachrohrblattinstrumente sibizik (sibiziq) aus Pflanzenrohr angetroffen, mit denen besonders Frauen und Kinder Hirtenmelodien spielten.Faizullah Karomatov, Tom Djijiak, Theodore Levin, Mark Slobin: Uzbek Instrumental Music. In: Asian Music, Band 15, Nr. 1, 1983, S. 11–53, hier S. 13, 15

In dieselbe ländliche Kultur der Schäfer in Usbekistan gehört das kleine Einfachrohrblattinstrument sibiziq aus Pflanzenrohr, das dem turkmenischen dilli tüýdük entspricht. Die sibiziq kommt einer Beschreibung von 1972 zufolge in der tadschikischen Volksmusik unter dem Namen surnak vor und ist ein möglicher Vorläufer der usbekischen qoshnai, die aus zwei verbundenen Spielröhren mit Einfachrohrblättern besteht.Mark Slobin: Music in the Culture of Northern Afghanistan. (Viking Fund Publications in Anthropology, Band 54) The University of Arizona Press, Tucson (Arizona) 1976, S. 260f In Tadschikistan ist die qoshnai als juftnai bekannt.Tanja Merchant: Qoshnai. In: Grove Music Online, 28. Mai 2015

Das Wortumfeld von sybyzgy bezeichnet unterschiedliche Blasinstrumente. In dem von Mahmūd al-Kāschgharī Ende des 11. Jahrhunderts verfassten ältesten turksprachigen Lexikon wird sibizgu oder subuzgu als Pfeife (düdük), Röhre, Flöte oder Trompete (boru, vgl. karna) umschrieben. In Usbekistan wird die Rohrflöte nay der Schäfer (mit bis zu fünf Grifflöchern) auch sibizga oder sibiziq genannt.Vgl. Ibrohimova Gulxumor Zohidjon qizi, Usmanova Shoxista Shavkat qizi: Development and Types of Uzbek Folk Instrumental Songs. In: Science and Innovation: International Scientific Journal, Band 8, Nr. 2, 2022, S. 119–122 (usbekisch) In der Türkei ist das Einfachrohrblattinstrument sipsi mutmaßlich mit sybyzgy sprachverwandt. Bei den Turkmenen, die auf den Hochweiden (yayla) im Südwesten der Türkei wohl in einer alten zentralasiatischen Tradition musizieren, ist die sipsi ein Doppelrohrblattinstrument.Irene Markoff: Review von Musiques des yayla by Jérôme Cler (Ocora Cd, 1994). In: Ethnomusicology, Band 40, Nr. 3 (Special Issue: Music and Religion) Herbst 1996, S. 532–536, hier S. 535 Ein seltenes türkisches Einfachrohrblattinstrument aus zwei verbundenen Spielröhren ist regional als çifte sipsi („doppelte Pfeife“) bekannt. Laurence Picken (1975) stellt des Weiteren eine Verbindung von türkisch sipsi zu ungarisch síp her.Laurence Picken: Folk Musical Instruments of Turkey. Oxford University Press, London 1975, S. 350, 520 Das ursprünglich onomatopoetische Wort síp (allgemein „Pfeife“) bezeichnet allgemein ungarische Flöten und stand früher überwiegend für Rohrblattinstrumente.Bálint Sárosi: Die Volksmusikinstrumente Ungarns. (Ernst Emsheimer, Erich Stockmann (Hrsg.): Handbuch der europäischen Volksmusikinstrumente. Serie 1, Band 1) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1967, S. 80, 85

Bauform mini|Sybyzgy aus Messing mit vier Grifflöchern