mini|Walter Krämer (vor 1933) Walter Krämer (* 21. Juni 1892 in Siegen; † 6. November 1941 in Hahndorf) war ein deutscher Politiker der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er war 1932/33 Abgeordneter des Preußischen Landtags, wurde 1933 verhaftet und 1941 in einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Hahndorf bei Goslar ermordet. Zuvor hatte er als „Arzt von Buchenwald“ vielen Häftlingen medizinisch geholfen, wofür ihm der Staat Israel im Jahr 2000 postum den Titel Gerechter unter den Völkern verlieh.
Leben
Weimarer Republik Walter Krämer war von Beruf Schlosser, ab 1910 freiwilliger Soldat bei der kaiserlichen Marine. Ende des Ersten Weltkriegs wurde er wegen eines Einbruchs in ein Lebensmitteldepot der Offiziere, später wegen seiner Beteiligung an den Aufständen revolutionärer Matrosen in Kiel inhaftiert. Befreit durch die Novemberrevolution, kehrte Krämer im Jahr 1918 nach Siegen zurück, wo er sich im Arbeiter- und Soldatenrat engagierte. Er schloss sich der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an und nahm im März 1920 an den Kämpfen in der Folge des Kapp-Putsches auf der Seite der Roten Ruhrarmee teil, in der er als Abschnittskommandeur tätig war. Ende 1920 trat er der KPD bei, deren Organisationssekretär im Unterbezirk Siegen er ab 1923 war. Ab 1925 vertrat er die KPD in der Stadtverordnetenversammlung. Er war als Unterbezirks- bzw. Bezirkssekretär in Krefeld, Wuppertal, Kassel und Hannover tätig. 1932/33 war er Mitglied des Preußischen Landtags. Damit war er neben Fritz Fränken (KPD) und Fritz Fries (SPD) einer von drei Landtagsabgeordneten der politischen Linken, die im Siegerland tätig waren.Zeitweiliger Unterbezirkssekretär der KPD war noch Rudolf Hennig, Mitglied des Reichstags (1930–1933). Der Kommunismus im Siegerland. In: Siegener Zeitung, 5. April 1933.
Bei einem Angriff nationalsozialistischer Abgeordneter auf Mitglieder der KPD-Fraktion im Mai 1932 wurde Krämer ernsthaft verletzt.Bodo Ritscher: Arzt für Häftlinge, Weimar-Buchenwald. 1988, S. 21. Krämer war Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG).Einzelheiten siehe: Ulrich Friedrich Opfermann: Siegerland und Wittgenstein im Nationalsozialismus. Personen, Daten, Literatur. Ein Handbuch zur regionalen Zeitgeschichte (= Siegener Beiträge, Sonderband 2001). Siegen 2000; 2. Auflage: 2001.
Nationalsozialismus Nach dem Reichstagsbrand im November 1933 wurde Krämer am 28. Februar in Hannover verhaftet. Wegen Hochverrats wurde er zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Haftorte waren ab Januar 1935 Hameln, Hannover und Hildesheim. Mit dem Haftende wurde er von der Gestapo erneut festgenommen und am 15. Januar 1937 im KZ Lichtenburg und im August 1937 im KZ Buchenwald inhaftiert.
Krämer wurde nach der Verdrängung der als Kapos eingesetzten „Gewohnheitsverbrecher“ durch die im Lageruntergrund agierende KPD Kapo des Häftlingskrankenbaus. Dem maßgeblich von Eugen Kogon erarbeiteten Buchenwald-Report zufolge änderten sich „[i]nsbesondere durch die Initiative des kommunistischen Landtagsabgeordneten Walter Krämer […] die Verhältnisse im Krankenbau grundlegend. Von diesem Zeitpunkt ab wurde der Krankenbau zu einem Hauptstützpunkt des Kampfes gegen die SS sowie zu einer Oase zur Sicherheit der gefährdeten Häftlinge.“David A. Hackett (Hrsg.): Der Buchenwald-Report. Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. München 2002, S. 247.
Er eignete sich medizinische Kenntnisse im Selbststudium an, organisierte die Krankenversorgung und führte auch selbst Operationen durch, um zum Beispiel durch Misshandlungen der SS verletzten oder von erfrorenen Gliedmaßen betroffenen Mithäftlingen das Leben zu retten. Er galt als „ein sehr vorzüglicher Wundbehandler und Operateur“.David A. Hackett (Hrsg.): Der Buchenwald-Report. Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. München 2002, S. 91. Er weigerte sich, über sowjetische Kriegsgefangene das Todesurteil „Tbc-krank“ zu verhängen. Im Frühjahr 1940 erreichte er die Schließung eines von Mithäftlingen als „Mordhöhle“ charakterisierten Sonderlagers für meist staatenlose Juden aus Wien und den besetzten Ostgebieten mit dem Hinweis auf Seuchengefahr auch für die SS und die umliegenden Dörfer. „500 kaum noch lebensfähige Skelette brachte diese Rettungsaktion ins große Lager.“David A. Hackett (Hrsg.): Der Buchenwald-Report. Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. München 2002, S. 197.
In den ersten Novembertagen 1941 wurde Krämer zusammen mit seinem Stellvertreter Karl Peix zunächst im „Bunker“ des Lagers inhaftiert, um dann in das Außenlager Goslar überstellt zu werden. Beide wurden auf Anweisung des Lagerkommandanten Karl Otto Koch am Vormittag des 6. November von der SS unter aktiver Mithilfe des SS-Hauptscharführers Johann Blank „auf der Flucht erschossen“ – Krämer in einer Sandgrube bei Hahndorf, Peix auf dem Fliegerhorst Goslar. Zum Mordmotiv gibt es unterschiedliche Annahmen. Krämer stand für die Strukturen des Widerstands der politischen Häftlinge im Lager, die der SS nicht ganz verborgen geblieben waren. Die Lager-Gestapo hatte bei ihm vermerkt: „Darf nicht entlassen werden!“Mithäftling Paul Grünewald (Häftlingssanitäter und Schreiber in Buchenwald). In: Die Glocke vom Ettersberg. Mitteilungsblatt der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora, Frankfurt a. M. 1974, H. 55, S. 6 f. Krämer hatte ein großes Wissen über Verstöße von SS-Angehörigen gegen dienstliche Verpflichtungen. Er wusste von der Korruptheit des Lagerkommandanten und hatte Koch wegen einer Syphilis heimlich behandeln müssen.Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. Reinbek 1974, S. 304 f.
Seine Witwe Elisabeth „Liesel“ Krämer, geb. Lehmann, erhielt von der KZ-Verwaltung eine Urne mit seiner Asche, die im November 1941 in Siegen beigesetzt wurde.Alle Achtung liebe Liesel, da hätte mancher die Hosen voll gemacht. In: Hannoversche Frauen gegen den Faschismus 1933–1945, Heft 3, Hannover 1981–1983; hannover.vvn-bda.de
Rezeption und Erinnerung
Außerhalb der Heimatregion mini|hochkant|Gedenkstein für das Außenkommando Goslar des KZ Buchenwald, aufgestellt in Goslar am 110. Geburtstag Krämers 2002 mini|hochkant|Stolperstein für Walter Krämer in Hannover, verlegt am 4. Dezember 2012Walter Krämer. erinnerungundzukunft.de
Krämers Tätigkeit im Krankenrevier des Lagers führte nach 1945 zu dem Beinamen „Arzt von Buchenwald“. Der Publizist und Politikwissenschaftler Eugen Kogon (CDU) würdigte seinen Buchenwald-Mithäftling in Der SS-Staat u. a. als „starke, mutige Persönlichkeit.“ (1946).Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. Berlin 1946, S. 132. Der DDR-Schriftsteller und Mithäftling Bruno Apitz setzte ihm in Nackt unter Wölfen (1956, Verfilmung 1963) ein internationales Denkmal, indem er der Hauptperson den Namen Walter Krämer gab.Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen. Halle 1958. Vor allem in der Jugend der DDR war Krämer weithin bekannt, da der Roman von Apitz Pflichtlektüre an den Schulen war.Klaus Dietermann, Karl Prümm: Walter Krämer. Schlosser, Politiker, Arzt von Buchenwald. Verlag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland, Siegen 2015, S. 227. An der Martin-Luther-Universität Halle promovierte Christine Wenzel mit einer Dissertation über „Das Leben und Wirken des deutschen Kommunisten Walter Krämer“ (1970).Christine Wenzel (Rossberg): Das Leben und Wirken des deutschen Kommunisten Walter Krämer, ein Vorbild für die Mitarbeiter des Gesundheitswesens in der Deutschen Demokratischen Republik. Diss. A, Halle 1970. In Weimar und in Neukirchen/Erzgeb. waren zwei Medizinische Fachschulen von 1970 bis 1992/93 nach Krämer benannt. Im Weimarer „Traditionskabinett Walter Krämer“ (1975 ff.) ausgestellte und bewahrte Relikte aus Krämers privatem und politischem Leben wurden nun entfernt und teilweise vernichtet, weitere konnte die NS-Gedenkstätte seiner Heimatstadt Aktives Museum Südwestfalen retten und ausstellen. Es gab in Berlin-Lichtenberg eine Stomatologische Klinik (1976 ff.), die nach Krämer benannt, war. Am Klinikum Suhl gab es ein „Arbeitskollektiv Walter Krämer“ (1986 ff.) und andernorts einige weitere Benennungen.Klaus Dietermann, Karl Prümm: Walter Krämer. Schlosser, Politiker, Arzt von Buchenwald. Verlag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland, Siegen 2015, S. 228.
Im Jahr 1999 wurde Krämer postum von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet.Walter Krämer auf der Website von Yad Vashem (englisch) An dem Verleihungsakt in Siegen durch den israelischen Botschafter am 11. April 2000, dem 55. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, nahmen mehr als 400 Personen teil.Klaus Dietermann, Karl Prümm: Walter Krämer. Schlosser, Politiker, Arzt von Buchenwald. Verlag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland, Siegen 2015, S. 235.
In Westdeutschland war Krämer außerhalb seiner Herkunftsregion, wo seine Vita strittig rezipiert wurde und er lange ohne Ehrung blieb, weitgehend unbekannt. An seinem 110. Geburtstag 2002 wurde in Goslar auf Initiative des Vereins „Spurensuche Harzregion“ ein Gedenkstein für das ehemalige KZ-Außenlager, dem Krämer angehört hatte, gesetzt.Klaus Dietermann, Karl Prümm: Walter Krämer. Schlosser, Politiker, Arzt von Buchenwald. Verlag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland, Siegen 2015, S. 236. 2017 wurde im neuen Wohn- und Gewerbegebiet Fliegerhorst in Goslar eine Straße nach ihm benannt.regionalgoslar.de Am 25. April 2011, dem 66. Jahrestag der Befreiung durch die Third United States Army, ehrte ihn die Lagergemeinschaft des Konzentrationslagers Buchenwald-Dora mit einer Gedenktafel. Es war die erste Ehrung für einen Deutschen. Daran nahmen aus dem Siegerland Gruppen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) und der DKP teil. Es sprachen u. a. der zeitweise in Siegen tätige Medienwissenschaftler Karl Prümm sowie Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.66. Jahrestag Selbstbefreiung der Häftlinge: KZ Buchenwald. VVN-BdA; . In Hannover verlegte Gunter Demnig vor dem Eingang der Buchhandlung Lehmanns an der Heiligerstraße 16 am 4. Dezember 2012 einen Stolperstein für Krämer.Veronika Thomas: 21 neue Stolpersteine für Hannover. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 29. November 2012.Siegener Zeitung, Printausgabe, 11. Dezember 2012. Dort hatte sich das Parteibüro der KPD befunden, in dem Krämer als Bezirksleiter tätig gewesen war. Den Stein hatte die VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein gespendet.Klaus Dietermann, Karl Prümm: Walter Krämer. Schlosser, Politiker, Arzt von Buchenwald. Verlag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland, Siegen 2015, S. 232.
Am 6. November 2021, zum 80. Todestag Walter Krämers, wurde in der nach ihm benannten Straße im Goslarer Stadtteil Fliegerhorst, eine Gedenk- und Hinweistafel eingeweiht. mini|alternativtext=Gedenktafel für Walter Krämer in der Walter-Krämer-Straße im Goslarer Stadtteil Fliegehorst|Gedenktafel für Walter Krämer in der Walter-Krämer-Straße im Goslarer Stadtteil Fliegehorst
Innerhalb der Heimatregion Seit dem Ende des Nationalsozialismus gab es am Siegener Grab Krämers eine jährliche Kranzniederlegung am zweiten Sonntag im September, dem „Tag der Opfer des Faschismus“, die Krämer repräsentierte. In den ersten Jahren beteiligten sich daran und an begleitenden Veranstaltungen zunächst auch die Stadt Siegen und nichtkommunistische regionale Politiker.Vergeßt die teuren Toten nicht. In: Freiheit, 21. September 1948.