mini|Palwei. Ausschnitt des Fotos unten. Palwei ( „Flöte“), auch palwe, palweh (pulwe, pillui,pu-lwe. In: Curt Sachs: Reallexikon der Musikinstrumente. Julius Bard, Berlin 1913, S. 300a, 308a. von Proto-Lolo-Birmanisch *p-lwe,David Bradley: Phonological Convergence Between Languages in Contact: Mon-Khmer Structural Borrowing in Burmese. In: Berkeley Linguistics Society, Band 6, 1980, S. 259–267, hier S. 264 Pwo-Karen pi˥ pa˥Naw Veronica: (PDF) Masterarbeit, Payap University, Chiang Mai 2011, S. 154), ist eine längs geblasene Bambusflöte, die in Myanmar hauptsächlich in der Kammermusik gespielt wird. Nach Art der Tonerzeugung durch eine Außenkernspalte gehört die palwei zu den Bandflöten (englisch ring flutes), deren Hauptvertreter die suling in Indonesien ist, wohingegen ein seitliches Loch an der palwei, das einen Mirliton-Effekt erzeugt, eine Verbindung zu einigen ostasiatischen Längs- und Querflöten und zur thailändischen Kernspaltflöte khlui bildet.

Herkunft und Verbreitung mini|Klassischer Mahagita-Gesang in Myanmar. Die weibliche Gesangsstimme wird vom Bambusxylophon pattala begleitet, alternativ von der Bogenharfe saung gauk. Beide Instrumente werden gelegentlich um eine palwei ergänzt. Aquarell von 1897. Seit dem 1. Jahrtausend ist ein Einfluss der indischen und der chinesischen Musik auf das Gebiet von Myanmar erkennbar. Beispielsweise gelangte die seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. auf indischen Skulpturen und Reliefs abgebildete Bogenharfe (vina)Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 36 vermutlich mit der Ausbreitung des Buddhismus von Indien nach Myanmar, wo sie Mitte des 7. Jahrhunderts bei den Pyu auf einem Relief auftaucht, und weiter bis ins Reich der Khmer im heutigen Kambodscha. Indische Bogenharfen sind dort in der Hauptstadt Angkor auf Reliefs am Anfang des 13. Jahrhunderts erbauten Bayon abgebildet.Roger Blench: Reconstructing African music history: methods and results. (PDF; 2,2 MB) Safa Conference, Tucson, 17.–21 Mai 2002, S. 2–6, hier S. 5 Obwohl Querflöten bereits im 1. Jahrtausend häufig an indischen Tempelwänden erscheinen, fehlen sie in Angkor. Dafür finden sich am buddhistischen Heiligtum Borobudur (Anfang 9. Jahrhundert) auf der indonesischen Insel Java neben indischen Bogenharfen und einigen Lauteninstrumenten auch Darstellungen von Querflöten.Jaap Kunst: Music in Java. Its History, its Theory and its Technique. (2. Auflage 1949) 3. Auflage herausgegeben von Ernst L. Heins. Band 1. Martinus Nijhoff, Den Haag 1973, S. 107

In der vom 5. bis zum 7. Jahrhundert blühenden Pyu-Hauptstadt Sri Ksetra wurden Ziegelreste von buddhistischen Klöstern und Stupas freigelegt. Unter den ausgegrabenen Bronzefiguren waren neben mehreren Buddhas, Bodhisattvas und Vishnus musizierende Figuren, von denen eine Flöte, eine Trommel und eine Zimbeln spielt. Zwei weitere Figuren werden als Tänzer und Clown identifiziert.Michael Aung-Thwin: Burma Before Pagan: The Status of Archaeology Today. (PDF; 881 kB) In: Asian Perspectives, Band 25, Nr. 2, 1982, S. 1–21, hier S. 16 Der früheste schriftliche Hinweis zur burmesischen Musik ist eine chinesische Chronik der Tang-Dynastie (617–907), die über eine Truppe von 35 Musikern und Tänzern aus Pyu berichtet, die zum Jahreswechsel 801/802 am Hof des chinesischen Herrschers in Chang’an gastierte. Zu den erwähnten Musikinstrumenten gehören eine zwei Krokodilzithern (mí-gyaùng), drei Mundorgeln (hnyin), die beide zu auf dem südostasiatischen Festland verbreiteten Instrumentenfamilien gehören, eine Laute mit einem Naga-kopf, eine Laute mit einem wolkenförmig endenden Hals, fünf Stabzithern mit Kalebassenresonatoren, vier Flöten und sechs Trommeln.Gretel Schwörer-Kohl: Myanmar. 3. Geschichte der Musikinstrumente. In: MGG Online, 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1997) Längsflöten sind im alten Indien nur wenige abgebildet und kommen bis heute lediglich regional in der Volksmusik vor. Indien hat auch keine Panflöten hervorgebracht. Demgegenüber steht die Bezeichnung hsiao in China seit der Han-Dynastie (207 v. Chr. – 220 n. Chr.) für eine längsgeblasene Bambuskerbflöte und wohl bis in die Tang-Dynastie ebenso für eine Panflöte.Laurence Picken: T’ang Music and Musical Instruments. In: T’oung Pao, Second Series, Band 55, Nr. 1/3, 1969, S. 74–122, hier S. 117 Seit dem 12. Jahrhundert bezeichnet xiao eine Bambusflöte mit fünf Fingerlöchern, einem Daumenloch und mindestens zwei seitlichen Löchern am unteren Ende, sowie weitere regionale Längsflötentypen aus Bambus.Alan R. Trasher: Xiao. In: Grove Music Online, 2001 Die beiden seitlichen Löcher und das Mirliton-Loch in der Nähe des obersten Fingerlochs verbindet die xiao mit der palwei und der in Thailand und Kambodscha gespielten khlui, die nach Art der Tonerzeugung zu den Kernspaltflöten gehört. Weitere Flöten mit Mirliton sind die seit der Ming-Dynastie (1368–1644) gespielte Querflöte dizi (oder di) mit sechs Fingerlöchern,Frederick Lau: Instruments: Dizi and Xiao. In: Robert Provine (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Volume 7: East Asia: China, Japan, and Korea. Routledge, New York / London 2001, S. 183 die lange koreanische Bambusquerflöte daegeum, die als eine von drei Flöten im Vereinigten Silla-Reich (668–935) erwähnt wird und bis heute in Korea zur höfischen Musik und Volksmusik gehört,Robert C. Provine: Taegŭm. In: Grove Music Online, 2001 in Vietnam die Querflöte sáo or địch (cai on dic, namentlich abgeleitet von der chinesischen di) und die Querflöte limbe in der Mongolei.Carole Pegg: Limbe. In: Grove Music Online, 2001

Bei der javanischen suling und der palwei basiert die Tonerzeugung auf dem Prinzip der Außenkernspalte: Die Blasluft wird an einer über dem Wachstumsknoten eingeschnittenen Öffnung in der Rohrwand geleitet, die als Kernspalte fungiert. Durch einen aufgeschobenen Ring (Band) aus einer Pflanzenfaser gelangt die in Schwingung versetzte Luft zurück in die Spielröhre. Bei der javanischen suling befindet sich dieses Band direkt am oberen Ende der Flöte. Suling genannte Bandflöten sind auch in anderen Regionen Indonesiens und unter den muslimischen Bevölkerungsgruppen auf der südphilippinischen Insel Mindanao verbreitet. Mancherorts in Indonesien werden die Bandflöten mit dem aus Indien eingeführten Namen bansi benannt, so bei den Minangkabau im Westen Sumatras (bansi), in Teilen der Provinz Aceh in Nordsumatra (bangsi) und in der Provinz Kalimantan Barat (bangsi).Margaret J. Kartomi, Andrew C. McGraw: Bangsi. In: Grove Music Online, 13. Januar 2015 Einer von mehreren Namen für Bandflöten auf der indonesischen Insel Flores ist feko.Andrew C. McGraw: Feko. In: Grove Music Online, 28. Mai 2015

Außer bei den indonesischen Bandflöten und der palwei kommen Außenkernspalte an Bambusflöten noch bei den seltenen Doppelquerflöten vor, bei denen der Spieler mittig an einem Internodium in eine Bambusröhre bläst und die Blasluft auf beiden Seiten über Kernspalte geleitet wird, wodurch zwei Töne zugleich entstehen.Vgl. Kunz Dittmer: Zur Entstehung der Kern-Spaltflöte. In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 75, 1950, S. 83–89 Eine solche Doppelquerflöte ist die surpava im westindischen Bundesstaat Maharashtra und die bua warue, die gemäß der ethnologischen Literatur um 1900 auf der zu Vanuatu gehörenden Pentecost-Insel im Pazifik vorkam.Raymond Amman: Bua warue. In: Grove Music Online, 22. September 2015

Bauform Die am häufigsten gespielte palwei besteht aus einem etwa 25 Zentimeter langen Bambusrohr mit einem Wachstumsknoten wenige Zentimeter vom oberen offenen Ende entfernt. Ein ovales Loch ist genau mittig über dem Knoten in die Rohrwand geschnitten. Ein über das Loch gewickeltes Band, das traditionell aus einer Pflanzenfaser und bei modernen Flöten aus einem mit einem Gummiband fixierten Fotofilmstreifen besteht, lenkt die Blasluft durch den Schlitz an der Kante des Wachstumsknotens und in die Spielröhre zurück. Die Flöte hat sieben Fingerlöcher in gleichem Abstand an der Oberseite und ein Daumenloch an der Unterseite. Zwischen der Anblasöffnung und dem ersten Fingerloch befindet sich etwas seitlich versetzt ein weiteres kreisrundes Loch, das mit einer Membran aus einer Zwiebelschale oder einem Spinnenkokon überklebt ist. Ähnliche Mirlitone aus Spinnennetzen sorgen bei Kalebassenresonatoren an afrikanischen Xylophonen und an manchen afrikanischen Saiteninstrumenten für einen schnarrenden Nebenklang. Diese palwei ist auf den Grundton g1 gestimmt. Ihre Stimmung entspricht der kürzeren Variante des Doppelrohrblattinstruments hne galeì (oder hne kales).

Eine mit 35 Zentimetern Länge auf den eine Quinte tieferen Grundton c1 gestimmte Flöte ist die palwei-gyì. Sie entspricht in ihrer Stimmung der tieferen Variante hne-gyì (hne ci oder hne kris). Der Tonumfang bei allen Instrumenten beträgt zwei Oktaven. Hinzu kommt die seltene lange Flöte wun-tha-nú palwei. Neben den Standardflöten mit sieben Fingerlöchern gibt es ferner manche Flöten mit sechs oder vier Fingerlöchern.John Okell, 2015

Spielweise mini|Musikinstrumente aus Myanmar, die in dieser Zusammenstellung in keinem Ensemble vorkommen. Von links: Doppelrohrblattinstrument hne, Flöte palwei, zwei Bogenharfen saung gauk, Trogxylophon pattala und rechts hinten die Bambusschlaggabel walet-hkok. Präsentation von burmesischen Musikinstrumenten auf der Expo 2015 in Mailand.

Das Doppelrohrblattinstrument hne besteht aus einer konischen Holzröhre und besitzt wie die palwei sieben äquidistante Fingerlöcher und ein Daumenloch. Ihr für Kegeloboen typisch lauter durchdringender Klang macht die hne für Ensemblemusik im Freien geeignet. Die beiden Größen der hne und der palwei sind gleich gestimmt, damit bei kammermusikalischen Aufführungen und besonders zur Gesangsbegleitung die leisere Flöte den Part des Rohrblattinstruments übernehmen kann. Hne-Spieler führen üblicherweise ein Paar palwei mit sich, die sie den musikalischen Anforderungen entsprechend gegen ihr Kegeloboenpaar austauschen. Kegeloboe, Flöte, Violine und Gesangsstimme produzieren lange, andauernde Töne, die nach manchen burmesischen Schriften zur Musik, die möglicherweise auf alte indische Quellen zurückgehen, als „weiblich“ gelten, im Unterschied zu den kurzen, „männlichen“ Tönen der Schlaginstrumente.John Okell: The Burmese Double-Reed “Nhai”. In: Asian Music, Band 2, Nr. 1, 1971, S. 25–31, hier S. 27, 29

Was als Musik Myanmars beschrieben wird, ist hauptsächlich die Musik der Bamar (Birmanen), die als Titularnation gut zwei Drittel der Landesbevölkerung ausmachen. Das klassische Orchester der Bamar für Aufführungen im Freien ist das hsaing waing, in welchem neben diversen Schlaginstrumenten (Gongspiele und Trommeln) eine oder zwei Kegeloboen verwendet werden. Diese sind im hsaing waing die einzigen Melodieinstrumente, die anhaltende Töne hervorbringen. Das hsaing waing-Orchester spielt bei zeremoniellen und allgemein festlichen Anlässen, auch zur Begleitung des burmesischen Marionettentheaters yoke thé. Nur in ländlichen Regionen kommt die große Bechertrommel ozi zum Einsatz.