mini|right| Daten von 2019 mini|hochkant=0.9|„Gleichstellung der Geschlechter“ ist das 5. der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) – der GII enthält dazu einen Unterindex: den Frauenanteil im Landesparlament (SDG 5.5)
Der Index der geschlechtsspezifischen Ungleichheit (, kurz GII) ist ein sozialer Indikator zur Gleichstellung der Geschlechter in den Ländern der Welt, der vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) seit 2010 jährlich veröffentlicht wird. Der Index wird gebildet aus fünf statistischen Angaben zur Fortpflanzungsgesundheit von Frauen, zum Frauenanteil im Landesparlament sowie zur sekundären Schulbildung und Erwerbsbeteiligung im Geschlechtervergleich. Durch eine schrittweise Mittelung der Einzelangaben berechnet sich ein GII zwischen 1,000 und optimal 0,000: Je kleiner der GII, desto weniger sind Frauen gegenüber Männern benachteiligt bezüglich der erfassten Lebensqualitäten. Vier der Einzelangaben dienen als Ungleichverteilungsmaß der 2015 von den Vereinten Nationen beschlossenen „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ (SDGs). Insgesamt zeigt der GII eines Landes seinen Verlust an „menschlicher Entwicklung“ (human development), der durch geschlechtsspezifische Ungleichheit entsteht.
Ende 2019 veröffentlichte UNDP zum Jahr 2018 die GII-Werte für 162 Länder (siehe unten), zu 27 weiteren lagen keine ausreichenden Daten vor. Als zusätzlichen Vergleichsmaßstab zur Gleichberechtigung berechnet UNDP den länderspezifischen GDI (Gender Development Index zur geschlechtsspezifischen Entwicklung), gebildet aus Lebenserwartung, Schuljahren und Einkommen im Vergleich zwischen Frauen und Männern. Als eigenen Index veröffentlichte das Weltwirtschaftsforum zeitgleich seinen Global Gender Gap Index 2020 (GGGI) zum Jahr 2019World Economic Forum: The Global Gender Gap Report 2020. Cologny/Genf, 17. Dezember 2019, ISBN 978-2-940631-03-2, S. 9: Table 1: The Global Gender Gap Index 2020 rankings, S. 75: Austria, S. 169: Germany und S. 325: Switzerland (englisch; Zusammenfassung; interaktiver Data-Explorer; PDF: 25 MB, 371 Seiten auf weforum.org). – die folgende Übersicht zeigt alle drei Indizes zum Gender-Gap in den D-A-CH-LändernAlle Einzelwerte der drei D-A-CH-Länder: Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP): Germany, In: hdr.undp.org. Stand Oktober 2019; alle abgerufen am 6. Januar 2020 (englisch; Übersicht aller 189 UN-Länder). und vergleicht sie zu den weltweit sehr hohen Durchschnittswerten (43,9 % Ungleichheit), dabei bedeuten GII-Minuswerte ab 2010 (+/−) einen Abbau der Frauenbenachteiligung:
Land 2018 GII Rang ab 2017 ab 2010 GDI # GGGI Rang +/− GII +/− GII Schweiz 0,037 1 (+3) −0,003 0,040 −0,025 0,062 0,963 82 0,779 18 Österreich 0,073 14 (−1) −0,005 0,078 −0,038 0,111 0,963 84 0,744 34 Deutschland 0,084 19 (−11) 0,000 0,084 −0,013 0,097 0,968 72 0,787 10 Welt 0,439 100 (−11) −0,003 0,442 −0,034 0,473 0,941 101 0,686 95
Entwicklung des GII mini|hochkant=0.8|„Bildung für alle“ ist das 4. Ziel für nachhaltige Entwicklung – dazu enthält der GII den Unterindex „sekundäre Schulbildung“ von Frauen und von Männern (SDG 4.6)
Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) führte zunächst im Berichtsjahr 1995 zwei geschlechtsspezifische Indizes ein: eine frühere Form des GDI und den Frauenbeteiligungsindex GEM. Beide wurden aber in den Folgejahren von verschiedenen Seiten als mangelhaft kritisiert. Mit dem UNDP-Bericht 2010 wurde dann der GII (Gender Inequality Index) als Ungleichverteilungsmaß vorgestellt, der wesentliche Kritikpunkte berücksichtigten und die Auswertung von Daten zu möglichst vielen UN-Mitgliedsstaaten ermöglichen soll. Statistischen Daten des Jahres 2008 waren zu 137 Ländern verfügbar. Die Einführung des GII wurde folgendermaßen begründet (in Übersetzung):
Der Bericht über die menschliche Entwicklung 2019 berechnet die Veränderungen der GII-Werte nicht ab 2008, sondern anhand neuester Daten und Berechnungsmethoden ab dem Jahr 2010 sowie rückwirkend für die Jahre 2005, 2000 und 1995. UNDP bemängelt regelmäßig fehlende Datenzulieferung seitens einiger Länder, stellt aber insgesamt eine stetige Verbesserung der Datenlage fest: 2019 konnten statistische Angaben zu 162 Ländern ausgewertet werden, zu 27 weiteren lagen nur unzureichende Daten vor (siehe unten). Der Bericht fasst die Gesamtlage zusammen (in Übersetzung):
Weltweit liegt der GII 2018 bei 0,439 – das entspricht einer durchschnittlichen Ungleichheit von 43,9 % in den erfassten Lebensqualitäten, mit einer Verringerung von 3,4 % seit 2010 (0,473) und 8,2 % seit dem Jahr 2000 (0,521).
Rezeption Der spanische Demograf Iñaki Permanyer begrüßte 2011 die Einführung des GII: Iñaki Permanyer: Are UNDP Indices Appropriate to Capture Gender Inequalities in Europe? In: Social Indicators Research. Band 110, Nr. 3, Februar 2013, online: 6. Dezember 2011, S. 927–950, hier S. 940: Gender Inequality in Europe Using GII Variables (englisch; doi:10.1007/s11205-011-9975-6; ); Zitat: Anmerkung: Der hier erwähnte GDI bezieht sich auf den Vorgänger des neuen GDI, der dann im UNDP-Bericht 2014 eingeführt wurde.
Kritik Permanyer kritisierte in mehrfacher Hinsicht die Kompliziertheit des GII sowie seine Vermischung von Dimensionen und schlug 2011 vereinfachende Verbesserungen vor.Iñaki Permanyer: Are UNDP Indices Appropriate to Capture Gender Inequalities in Europe? In: Social Indicators Research. Band 110, Nr. 3, Februar 2013, online: 6. Dezember 2011, S. 927–950, hier S. 942: A New Gender Inequality Index (englisch; doi:10.1007/s11205-011-9975-6; ); Zitat:
Der deutsche Entwicklungsökonom Stephan Klasen (Universität Göttingen) ist Mitglied des UN-Ausschusses für Entwicklungspolitik und begleitet die geschlechtsspezifischen Maßnahmen und Indizes des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) seit den 2000er-Jahren mit kritischen Analysen und Verbesserungsvorschlägen. Klasen schrieb 2017:
Berechnung des GII und Beispiel mini|hochkant=0.8|„Gesundes Leben für alle“ ist das 3. der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung – der GII enthält dazu zwei Unterindizes: die Müttersterblichkeitsrate (SDG 3.1) und die Mutterschaft Minderjähriger im Alter von 15–19 Jahren (SDG 3.7)
Der Index der geschlechtsspezifischen Ungleichheit (GII) wird vom UN-Entwicklungsprogramm berechnet anhand von Daten der Vereinten Nationen (UNDESA, UNESCO), der Interparlamentarischen Union IPU (Parlamentssitze) sowie der Internationalen Arbeitsorganisation ILU (Erwerbsquote). Die Daten entstammen drei grundlegenden Bereichen der „menschlichen Entwicklung“ (human development):UNDP: Technical notes. Dezember 2019, S. 1: Infografik, S. 7–9: Technical note 4: Gender Inequality Index (englisch; Ergänzung zum Human Development Report 2019; PDF: 287 kB, 16 Seiten auf hdr.undp.org).
Reproduktive Gesundheit (reproductive health), ermittelt aus a) Müttersterblichkeitsrate: Zahl der Todesfälle von Müttern pro 100.000 Lebendgeburten (Minimum: 10, Grenzwert: 1.000) b) Mutterschaft Minderjähriger: Geburten je 1.000 Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren Beide Werte − in der Berechnung für Männer auf 1 gesetzt − sind Teil der „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ (Ziel 3.1 und 3.7). Das Konzept „Reproduktive Gesundheit und Reproduktive Rechte“ steht für einen Rechtsansatz der UN, Familienplanung als Menschenpflicht zu verankern. Teilhabe (empowerment), ermittelt aus a) politische Beteiligung: Sitze im Landesparlament von Frauen und von Männern (nachhaltiges Ziel 5.5) b) sekundäre Schulbildung von Frauen und von Männern ab 25 Jahren (nachhaltiges Ziel 4.6) Erwerbsbeteiligung (labour force participation) von Frauen und von Männern ab 15 Jahren
Für jeden der 5 Indikatoren wird ein Mindestwert von 0,1 Prozent gesetzt. Zunächst wird dann ein geometrisches Mittel der 5 Einzelwerte je Geschlecht gebildet, im Anschluss werden die beiden Endwerte harmonisch gemittelt. UNDP nennt dazu als Beispiel die konkreten Zahlen für das Land Papua-Neuguinea: 1. a) Müttersterblichkeit: 215 (je 100.000 Lebendgeburten) 1. b) Jugendliche Geburtenrate: 52,7 (je 1.000) 2. a) Parlamentssitze von Frauen: 0,0 % (gesetzt auf das Minimum: 0,1 %) 2. b) Sekundärbildung: 9,94 % der Frauen und 15,16 % der Männer (ab 25 Jahren) 3. Erwerbsquote: 46,0 % bei Frauen und 47,6 % bei Männern (ab 15 Jahren)
Mit einer komplexen Formel werden aus den Einzelwerten getrennt für beide Geschlechter Zwischenwerte errechnet: Frauen: 0,05146 Männer: 0,57005
Harmonisches Mittel: 0,0944
Dann wird das geometrische Mittel sämtlicher Einzelwerte berechnet: 0,3637
Zum Schluss wird der GII berechnet: 1 − (0,0944 / 0,3637) = 0,740
Damit liegt Papua-Neuguinea im Jahr 2018 auf GII-Rang 161 (von 162), sein HDI von 0,543 liegt auf Rang 155 (von 189).
Liste von Ländern nach ihrem GII
Die folgende Liste zeigt den GII (Gender Inequality Index) zu den 162 ausgewerteten UN-Mitgliedsstaaten im Jahr 2018 gemäß der Rangordnung des UN-Entwicklungsprogramms in seinem Bericht über die menschliche Entwicklung 2019 (siehe unten zum Vergleich mit dem HDI), zusammen mit den 5 sozialen Indikatoren zur reproduktiven Gesundheit von Frauen, zur Befähigung und Teilhabe von Frauen sowie zu ihrer Beteiligung am Arbeitsmarkt: Müttersterblichkeit je 100.000 Lebendgeburten Mutterschaft Minderjähriger je 1.000 Mädchen im Alter 15–19 Frauenanteil im Landesparlament (👩-Sitze) – siehe dazu die Länderliste mit Veränderungen ab 1995 Sekundäre Schulbildung von Frauen (👩) und Männern (👨) Erwerbsbeteiligung (👩 und 👨 ab 15 Jahren)
Rang 1 belegt die Schweiz mit dem niedrigsten GII (0,037: geringe Frauenbenachteiligung), Österreich belegt Rang 14 und Deutschland Rang 19, zum Vergleich die Durchschnittswerte der UN-Mitglieder sowie der OECD-Staaten:Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP): Human Development Report 2019 – Beyond income, beyond averages, beyond today: Inequalities in human development in the 21st century. New York Dezember 2019, ISBN 978-92-1-126439-5, S. 147–160: Chapter 4: Gender inequalities beyond averages: Between social norms and power imbalances, sowie S. 316–319: Table 5: Gender Inequality Index (englisch; PFD: 8 MB, 366 Seiten auf hdr.undp.org).