Rolf A. Weil (* 29. Oktober 1921 in Pforzheim; † 17. September 2017 in Lincolnwood), mit vollem Namen eigentlich Rolf Alfred Weil, musste aufgrund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit 1936 zusammen mit seinen Eltern Deutschland verlassen. Er studierte in Amerika Ökonomie und unterrichtete ab 1946 an der Roosevelt University in Chicago, der er 42 Jahre verbunden blieb. Von 1965 an als geschäftsführender Präsident und von 1967 bis 1988 als gewählter Präsident, war er der dritte und bislang am längsten amtierende Präsident der Roosevelt University. mini|Rolf A. Weil (links) und der ebenfalls aus Deutschland stammende Otto Wirth in der Roosevelt University in den 1950er Jahren (Quelle: Archiv der Roosevelt University)
Kindheit und Jugend in Deutschland Rolf A. Weil stammte aus einer schon lange im Südwesten Deutschlands ansässigen jüdischen Familie. Er war das einzige Kind von Heinrich (später Henry) Weil (* 1886 in Freiburg; † 1959 in den USA) und dessen Ehefrau Lina, geborene Landauer (* 1890 in Nürtingen). Heinrich Weil arbeitete als stellvertretender Filialleiter („store manager“) in der Stuttgarter Niederlassung der Singer Company.Soweit im nachfolgenden Artikel keine anderen Quellen benannt werden, stammen alle Angaben aus dem Transkript der Memoirs of Rolf Weil und dem Eintrag im Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933.
Rolf A. Weil wurde in Pforzheim geboren, doch schon ein Jahr nach seiner Geburt zogen seine Eltern mit ihm nach Stuttgart. Hier besuchte er auch nach der Machtergreifung noch ein traditionelles humanistisches Gymnasium. Über sein damaliges Leben berichtet er: „Wie man sieht, hatten die 1930er Jahre, die die prägende Zeit meines Lebens waren, einen großen Einfluss auf mich, denn hier bin ich im vor-nazistischen Deutschland mit meistens nicht-jüdischen Kindern aufgewachsen. Alle meine Freunde waren nicht-jüdisch. Meine Eltern waren nicht sehr religiös. Plötzlich wirst du als Jude bezeichnet; plötzlich passieren dir schreckliche Dinge.“Memoirs of Rolf Weil, S. 23. „Anyway you can see that the 1930s, which was the formative period of my life, had a great influence on me because here I grew up in pre-Nazi Germany with almost all non-Jewish children. All my friends were non-Jewish. My parents weren't very religious. All of a sudden you're being labelled a Jew; all of a sudden terrible things happen to you.“ Weil beschreibt die Ausgrenzungen, die er erleiden musste, aber er berichtet auch von der Faszination, die die Aktivitäten der Hitlerjugend auf ihn ausübten und an denen er gerne teilgenommen hätte. Über die ihm verweigerte Teilnahme an einem vierwöchigen Landschulheimaufenthalt schreibt er: „Es war eine wunderbare Idee! Natürlich wurde sie zur politischen Indoktrination verwendet. Für ein Kind war das nicht von Bedeutung, die Idee, für vier Wochen wegzugehen und ausgebildet zu werden, klang wunderbar. Am Tag vor ihrer Abreise hatte ich bereits gepackt. Ich bekam eine Nachricht, dass es Juden nicht erlaubt ist, mitzugehen, und so wurde ich dann auf eine andere Schule versetzt. In der anderen Schule kannten mich die Kinder nicht. Ich wurde als einer dieser schmutzigen Juden angesehen, die hierher gebracht wurden. Es war sehr, sehr schwierig.“Memoirs of Rolf Weil, S. 24. „It was a marvelous idea! Of course it was used for political indoctrination. To a kid that isn't what was meaningful, the idea of going away for four weeks and being educated sounded wonderful. The day before they were going I was already packed. I was got a note saying Jews are not permitted to go along and so then I was transferred to another school. In the other school the kids didn't know me. I was looked at as one of those dirty Jews that's been brought in. It was very, very difficult.“ Dass er dennoch weiterhin das Gymnasium besuchen konnte, schreibt Weil dem Frontkämpferprivileg seines Vaters zu, das diesem und seiner Familie aufgrund seiner aktiven Teilnahme am Ersten Weltkrieg einen relativen Schutz bot.
1935 schickten die Eltern, die damals immer noch davon ausgingen, in Deutschland zu bleiben, Rolf A. Weil in ein Pensionat in Lausanne, dem sich eventuell eine College-Besuch anschließen sollte. Doch die veränderten politischen Rahmenbedingungen blieben nicht ohne Auswirkungen auf das Leben der Familie Weil, insbesondere aufgrund der beruflichen Position von Heinrich Weil. „Das eigentliche Problem war, dass wir Juden waren, und die Kombination aus einem Juden, der für das arbeitete, was sie als ausländisches Unternehmen betrachteten, verursachte einige sehr große Probleme. Dies war der Grund für unser Weggehen im Jahre 1936.“Memoirs of Rolf Weil, S. 2. „The real problem was that we were Jewish and the combination of a Jew working for what they considered a foreign concern posed some very major problems. That created the reason for our leaving in '36.“ Nachdem in einer Stuttgarter NS-Zeitung Anspielungen auf Heinrich Weils Stellung in dem Unternehmen erschienen waren, wurde er in die Singer-Zentrale in Berlin zitiert. Ihm wurde mitgeteilt, dass er nicht weiter in Deutschland für Singer arbeiten könne, und man bot ihm zuerst eine Stelle in Budapest und dann in Ankara an. Als Weil dies ablehnte, war die dritte Offerte das damals noch von Tel Aviv unabhängige Jaffa.
Im Frühjahr 1936 ging Heinrich Weil auf das Angebot von Singer ein und reiste zu einer Erkundung nach Jaffa. Er geriet mitten in den Arabischen Aufstand und war der Meinung, dass es hier für ihn und seine Familie keine Zukunft geben könne. Aufgrund familiärer Verbindungen in die USA stellte sich dann heraus, dass sie Visa für die USA erhalten konnten und Verwandte die Affidavits stellen würden. Im August 1936 reiste Heinrich Weil in die USA, und im Dezember folgten ihm seine Frau und sein Sohn.
Schule und Studium in Chicago Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in New York traf sich die Familie in Chicago, wo sie im Hyde-Park-Viertel eine Wohnung bezog. In diesem Viertel lebten damals viele Flüchtlinge, jüdische und nicht-jüdische, und in manchen Straßen war es nach Weil zwischen 1936 und 1940 so, dass „man genauso gut Deutsch wie Englisch sprechen konnte“.Memoirs of Rolf Weil, S. 15 In einem Beitrag für die Chicago Jewish Historical Society unter dem Titel HISTORY OF HYDE PARK JEWRY FROM THE 1930’S hat er sich später ausführlich mit der Flüchtlingsgeschichte des Hyde-Park-Viertels auseinandergesetzt, insbesondere mit der Geschichte der hier lebenden jüdischen Flüchtlinge.
Heinrich Weil sprach nur wenig Englisch, und die Singer-Company konnte ihm anfangs deshalb keine Arbeit anbieten. Sie war allerdings so großzügig, ihm für etwa ein Jahr jede Woche einen Scheck über $ 25,00 zuzusenden, was für damalige Verhältnisse relativ viel Geld bedeutete. Rolf A. Weil setzte den Betrag in Relation zur Miete ihrer ersten Fünfzimmer-Wohnung, für die sie monatlich $ 50,00 zu zahlen hatten und von der sie immer Zimmer untervermieten mussten, um die Kosten zu senken. Über diese damals übliche Praxis der Untervermietung schrieb Weil: „Ein interessanter Punkt an den deutschen Juden der 1930er Jahre ist, dass sie in einem bürgerlichen Viertel lebten, das sie sich nicht wirklich leisten konnten, außer durch Untervermietung eines Zimmers; das erlaubte ihnen, eine bürgerliche Existenz mit einem Einkommen einer niedrigeren Klasse zu führen.“HISTORY OF HYDE PARK JEWRY FROM THE 1930’S. „An interesting point about the German Jews of the 193O’s is that they lived in a middle class neighborhood they couldn’t really afford except by subletting a room; that allowed them to lead a middle class existence with a lower class income.“
Henry Weil konnte später doch wieder für die Singer-Company arbeiten, aber er war gesundheitlich sehr angeschlagen und hatte große Probleme sich an das amerikanische Geschäftsleben anzupassen. „Mein Vater war nicht für das amerikanische Geschäft gemacht. Er kämpfte sehr hart, er unterstützte seine Familie bis zu seinem Tod. Aber mein Vater war zu ethisch und ein zu weicher Verkäufer, um sehr erfolgreich zu sein.“Memoirs of Rolf Weil, S. 14. „My father was not made for American business. He struggeled very hard, he supported his family till the day he died. But my father was too ethical and ‚soft-sell‘ an individual to be very successful.“
Vom Frühjahr 1937 an besuchte Rolf A. Weil die Hyde Park High School, wo ihm aufgrund seiner deutschen Vorbildung seine mangelnden Kenntnisse der englischen Sprache und sein fehlendes Wissen in amerikanischer Geschichte besonders zu schaffen machten. Vor allem mit der Unterstützung seines Geschichtslehrers Walter Hipple, einem Schüler von Woodrow Wilson an der Princeton University, konnte er jedoch die meisten Klippen überwinden und seinen Abschluss erreichen. Hipple ermutigte ihn auch, sich am Ende seiner Schulzeit im Februar 1939 um ein Stipendium an der University of Chicago zu bewerben. Nachdem ein erster Anlauf gescheitert war, war es wiederum Hipple, der zu seinen Gunsten intervenierte und dafür sorgte, dass er mit einem Semester-Stipendium im Sommersemester 1939 sein Studium aufnehmen konnte.
Weil wollte eigentlich Geschichte studieren, entschloss sich auf einen Rat hin aber für ein Ökonomie-Studium an der University of Chicago. Als seine wichtigsten Lehrer dort erwähnt er Paul Howard Douglas, Jacob Viner, Henry Calvert Simons und Oskar Lange. 1942 bestand er das Bachelor-Examen und bekam danach von Simeon Elbridge LelandUniversity of Chicago Library: Guide to the Simeon E. Leland Papers 1930-1946 angeboten, in einem staatlich geförderten Forschungsprojekt der Cowles CommissionThe Cowles Commission über „Preiskontrollen und Preisbegrenzungen“Memoirs of Rolf Weil, S. 21. „... to do a study on price controls and rationing.“ mitzuarbeiten.
Abgesichert durch ein Stipendium im Rahmen des New-Deal-Programms der National Youth Administration (NYA)The Living New Deal: National Youth Administration (NYA) (1935) wollte Rolf A. Weil auch noch sein Studium fortsetzen. Für dieses Stipendium war allerdings die amerikanische Staatsbürgerschaft Voraussetzung. Der stand seine Klassifizierung als Enemy Alien entgegen.Siehe hierzu: Anne Schenderlein: GERMAN JEWISH “ENEMY ALIENS” IN THE UNITED STATES DURING THE SECOND WORLD WAR, BULLETIN OF THE GERMAN HISTORICAL INSTITUTE (GHI), 60, SPRING 2017 Wiederum war er auf die Fürsprache eines früheren Lehrers angewiesen, diesmal auf die von Paul Howard Douglas, der es mit Unterstützung der aus dem Hull House hervorgegangenen Immigrants Protective LeagueImmigrants Protective League erreichte, dass Weils Status als feindlicher Ausländer aufgehoben wurde. „Ich wurde 1944 amerikanischer Staatsbürger. Ich erhielt das NYA-Stipendium, bevor ich Staatsbürger wurde, aber ohne ein feindlicher Ausländer zu sein.“Memoirs of Rolf Weil, S. 22. „I became an American citizen in '44. I got on NYA before I was a citizen but whithout being an enemy alien.“ Mit dem Erhalt der amerikanischen Staatsbürgerschaft wäre Weil theoretisch auch zum Militärdienst verpflichtet gewesen; aufgrund seiner schlechten Sehfähigkeit wurde er jedoch mehrfach als kriegsuntauglich gemustert.
Nach zwei Jahren Mitarbeit in der Cowles Commission, während deren er auch die Vorarbeiten für seinen Master abschließen konnte, fand Weil auf Vermittlung von Simeon Elbridge Leland eine Stelle beim Staat Illinois. Für dessen Finanzbehörde („Department of Revenue“) arbeitete er in der Grundsteuerabteilung („property tax division“) und wirkte an der statistischen Ermittlung von Steuer-Hebesätzen („Tax Multiplier“) mit. Er bezeichnet sich selber als ersten, der 1945 für Illinois auf der Basis eines neuen Gesetzes („Butler Laws“) derartige Hebesätze ermittelt habe.Memoirs of Rolf Weil, S. 26