mini|hochkant|Claas Relotius (2018)
Claas-Hendrik RelotiusRezension von Relotius auf blog.zeit.de, 9. Februar 2011, siehe unten: „von Claas-Hendrik Relotius“. (* 15. November 1985 in HamburgStipendien-Aufenthalt in Kuba vom 02. Februar bis 15. März 2013. (PDF; 1,1 MB) Heinz-Kühn-Stiftung; abgerufen am 19. Dezember 2018.) ist ein deutscher Autor, der bis 2018 als Journalist tätig war. Er schrieb vorwiegend für den Spiegel, seine Reportagen wurden vielfach ausgezeichnet. 2018 wurde bekannt, dass er große Teile seiner Reportagen und Interviews frei erfunden hatte, was einen Medienskandal auslöste.
Leben Relotius wuchs als Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs für Wasserwirtschaft in Rosengarten südlich von Hamburg auf. Er studierte Politik- sowie Kulturwissenschaft in Bremen und Valencia.Claas Relotius. Profil auf der Website der Hamburg Media School Von 2009 bis 2011 absolvierte er ein Masterstudium an der Hamburg Media School (HMS), mit Auslandsaufenthalt in Tel-Aviv.Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge. Rowohlt, Berlin 2019, ISBN 978-3-7371-0086-1, S. 24–26, 128.
Relotius schrieb unter anderem für Cicero, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Financial Times Deutschland, die taz, Die Welt, das SZ-Magazin, Zeit Online sowie für die Schweizer Publikationen Weltwoche, NZZ am Sonntag und Reportagen. Seit 2017 war er fest angestellter Redakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, für das er zuvor freiberuflich gearbeitet hatte.Die SPIEGEL-Artikel von Claas Relotius (Jahre 2011 bis 2016). Linkliste. In: Spiegel Online. 20. Dezember 2018, abgerufen am 4. November 2022. Er galt als einer der auffälligsten Autoren der Redaktion. Das amerikanische Forbes-Magazin zählte ihn zu den herausragenden Autoren unter 30 Jahren in Europa. In den Jahren 2012 bis 2018 erhielt Relotius insgesamt 19 Auszeichnungen im Journalismus. Sämtliche Preisgelder von 21.000 Euro spendete er im selben Zeitraum an Kinderhilfsorganisationen.
Anfang 2023 berichteten einige Fach- und Publikumsmedien, dass Relotius für die Werbeagentur Jung von Matt tätig sei. Im Sommer 2025 bestätigte Agentur-Gründer Jean-Remy von Matt dieses.
Affäre um Erfindungen in journalistischen Texten
Beginn der Affäre Im Herbst 2018 arbeitete der Spiegel-Reporter Juan Moreno mit Relotius an einer Reportage über Bürgerwehren und Flüchtlingstrecks an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Er bemerkte Unstimmigkeiten im Text, überprüfte Angaben und teilte seinen Verdacht der Ressortleitung mit. Die Leiter des Gesellschaftsressorts reagierten skeptisch auf die Vorwürfe, woraufhin Moreno seinem Kollegen hinterherrecherchierte, Mitglieder der im Text beschriebenen Bürgerwehr in den USA besuchte, um Beweise für Erfindungen von Relotius zu sammeln und die Verantwortlichen beim Spiegel zu überzeugen.
Am 17. Dezember 2018 reichte Relotius seine Kündigung ein. Am 19. Dezember 2018 ging der Spiegel mit dem Fall an die Öffentlichkeit. Claas Relotius habe „in großem Umfang eigene Geschichten erfunden“, die das Nachrichtenmagazin abgedruckt hatte. Nach eigenen Angaben reichten Relotius’ Arbeiten von korrekt recherchierten Texten über die Erfindung von Figuren, Szenen, Zitaten und anschaulichen Details bis hin zu komplett erfundenen Geschichten.
Reaktionen und journalistische Debatte mini|hochkant|Titelseite der Spiegel-Ausgabe Nr. 52/2018 zum Fall Relotius mit dem Leitspruch „Sagen, was ist.“ des Gründers Rudolf Augstein
Der Spiegel bat öffentlich um Entschuldigung. Der designierte Chefredakteur Ullrich Fichtner kündigte an, die Affäre durch eine auch mit externen Mitgliedern besetzte Kommission aufklären zu lassen. Die Journalisten Brigitte Fehrle, Clemens Höges (stellvertretender Chefredakteur des Spiegel) und Stefan Weigel (stellvertretender Chefredakteur der Rheinischen Post) wurden beauftragt zu untersuchen, weshalb die Prüfsysteme des Nachrichtenmagazins nicht gegriffen haben, und ihre Ergebnisse öffentlich zu dokumentieren.
In einem offenen Brief vom 22. Dezember 2018 schrieb der designierte Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann von erheblichem hauseigenen Versagen. Der Vorgang sei „so irre, so dreist und so absurd, dass einem die Verfehlungen im Nachhinein geradezu ins Gesicht springen“. Am 28. Dezember 2018 zog die Chefredaktion personelle Konsequenzen. Klusmann kündigte an, dass Ullrich Fichtner (Chefredakteur) und Matthias Geyer (Blattmacher, Ressort Gesellschaft) „ihre neuen Verträge erst mal aussetzen und ruhen lassen“ würden, bis eine hausinterne Kommission die Affäre „abschließend untersucht“ habe.„Spiegel“-Chefs lassen ihre Verträge ruhen. In: Bild.de. 28. Dezember 2018, abgerufen am 31. Dezember 2018.
Der US-Botschafter in Deutschland Richard Grenell forderte eine unabhängige Untersuchung, weil u. a. über amerikanische Orte falsch berichtet worden war, und warf dem Spiegel Antiamerikanismus vor.Fall Relotius: US-Botschaft wirft „Spiegel“ „eklatanten Anti-Amerikanismus“ vor welt.de, 21. Dezember 2018. In den Vereinigten Staaten griffen Medien den Fall auf. Er wurde zum Anlass für Medienkritik und Analysen der transatlantischen Beziehungen genommen.Nina Rehfeld: Wie Fergus Falls mit Claas Relotius umgeht. In: faz.net. 3. Januar 2019. Der US-amerikanische Journalist James Kirchick schrieb in faz.net, der Spiegel verbreite „seit langem schon einen kruden und sensationslüsternen Antiamerikanismus“.
Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen stellte fest, der Fall Relotius erzwinge eine Debatte über die Ethik des Erzählens im Journalismus. Stilmittel wie in der Literatur seien zwar erlaubt, aber die Inhalte müssten stimmen.Manfred Götzke: „Extrem subjektives Storytelling ist vorbei“. In: deutschlandfunk.de. 23. Dezember 2018. (Interview).
Stefan Niggemeier, selbst ehemaliger Spiegel-Autor, attestierte dem Magazin im Zusammenhang mit dem Fall Relotius eine „gefährliche Kultur des Geschichten-Erzählens“.Stefan Niggemeier: Der Fall Relotius: Der „Spiegel“ und die gefährliche Kultur des Geschichten-Erzählens. In: Übermedien. 19. Dezember 2018. Niggemeier wies auch darauf hin, dass es sogar in journalistischen Lehrbüchern als legitim angesehen werde, in Reportagen das Reden und Handeln mehrerer Personen „in einer einzigen Figur zu verdichten“. Die als akribisch geltende Dokumentationsabteilung habe sich von Relotius’ „wirklich in großer Perfektion geschriebenen Texten berauschen lassen“. Dadurch sei ein Mythos zusammengebrochen.
In der Welt schrieb Christian Meier, Relotius vermöge mit Sprache umzugehen wie kaum jemand sonst in seiner Generation. Seine Reportagen „waren fast immer spektakulär, extrem gut komponiert und geschrieben“. Er habe sein Talent missbraucht. Es gebe in der Geschichte nur Verlierer.
Georg Altrogge kritisierte, das Magazin sei dafür bekannt, Lesern zu suggerieren, seine Reporter seien unmittelbare Zeugen des Geschehens oder könnten sich auf Informationen aus erster Hand berufen; dafür sei „das Magazin häufig in die Kritik geraten, vor allem aufgrund des tendenziösen Charakters solcher oft nicht einmal gegendarstellungsfähiger Passagen“.Georg Altrogge: Das Nachrichtenmagazin und der talentierte Herr Relotius: Spiegel sucht im Betrugsskandal nach Fehlern im System. In: Meedia. 20. Dezember 2018.
Jörg Thadeusz, ehemaliger Moderator bei Verleihungen von JournalistenpreisenChristian Meier: Der „Spiegel“ und sein Fälscher welt.de, 22. Dezember 2018 und Juror beim Deutschen ReporterpreisGötz Aly: Kolumne Wer überhäufte Claas Relotius mit Preisen?, Berliner Zeitung, 8. Januar 2019, kommentierte, bei der Auswahl für Journalistenpreise sei es ihm „oft so vorgekommen, als stünde ein gewisses Weltbild fest“. Einen Preis erhalte, wer dieses Bild „mit einer süffigen Geschichte möglichst prachtvoll bestätigt“.Jörg Thadeusz: Relotius als Dauer-Preisträger: Wer das Weltbild bestätigte, stand bald auf der Bühne. In: WeltN24. 22. Dezember 2018. Ähnlich mutmaßte Dagmar Rosenfeld, zu dieser Zeit Chefredakteurin der Welt am Sonntag, dass Relotius’ Geschichten in das Weltbild der Redaktion passten. „Relotius hat aufgeschrieben, was sein soll. […] So gesehen hatten die Texte von Relotius etwas Tröstliches. Nur ist es nicht Aufgabe des Journalismus, zu trösten.“
Für den Zeit-Journalisten, Literaturwissenschaftler und Philosophen Thomas Assheuer treffen sich in Relotius’ Werken sowohl die konservative als auch die postmoderne Theorieschule: „Die konservative Schule behauptet, man könne den Selbstlauf der modernen Gesellschaft nur ertragen, indem man ihre Modernisierungsschäden durch tröstende Erzählungen kompensiere. Die postmoderne Denkschule behauptet, die Realität existiere gar nicht, sie sei ein Konstrukt – und Konstrukte solle man besser nicht anrühren, denn am Ende mache man sie noch kaputt.“ Assheuer bezeichnete Relotius weiter als „Genie der Einfühlung“, er habe Redaktion und Leser glücklich gemacht. „Der Superstar war kein Berichterstatter; er war ein Dichtergott, der seine Figuren durch die eigene Schöpfung spazieren führte […] Und weil er sich mit seiner Schöpfung auskannte, konnte der Weltbaumeister sie wunderschön erzählen.“
In der ZEIT wies der Autor Konstantin Richter auf Reporter wie Gay Talese oder Hunter S. Thompson hin, die ihre Subjektivität als poetische Wahrheit feierten. Sie verfassten „detailverliebte Rekonstruktionen von Szenen, die sie nicht selbst erlebt hatten. Sie gaben die Träume und intimsten Erinnerungen ihrer Protagonisten wieder. Sie machten aus drei Personen eine einzige, weil sie meinten, dass die Verknappung am Ende ausdrucksstärker sei als die schnöde Wirklichkeit […] Relotius hatte in seinen großen Geschichten immer Protagonisten, die wirkten wie Romanfiguren, da waren tolle Szenen und ein ganz eigener Ton. Es war kein Zufall, dass die Protagonisten immer Musik hörten, der Sound war wichtiger als die Wahrhaftigkeit.“
Michael Angele schrieb: „Wenn ich die Reaktionen auf den Fall Relotius Revue passieren lasse, dann scheint mir, als würde man alles Schwierige, Anspruchsvolle, Holprige am liebsten an die Literatur delegieren. Und nur noch reine ‚news‘ verkaufen wollen. Eine Reportage ohne literarische Mittel kann ich mir allerdings nur als Statistik vorstellen, und selbst die würde im Kontext einer Zeitung zur Literatur.“ Angesprochen sei also das Formbewusstsein. „Wer eine Zeitung liest, liest Formen, Gattungen, Genres. Er liest nicht einfach die nackte Wahrheit.“
Die Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher warnte vor der „naiven Auffassung, Realität sei medial abbildbar und Medieninhalte ein reines Abbild der Realität“. Die Reportage sei traditionell eine Gattung, die Fakten mit narrativen Elementen aufbereite, Relotius habe auf diese Darstellungsform zurückgegriffen. „Ich ordne Relotius der Traditionslinie des New Journalism zu. Ihr Begründer Tom Wolfe betonte die Möglichkeit, Wirklichkeit als Erzählung zu vermitteln.“ Mehrere Medien zogen denselben Vergleich.