mini|hochkant=1.1|Die Cheopspyramide, Gegenstand zahlreicher Theorien der Pyramidologen mini|hochkant=1.1|Pyramide und Sphinx in der Description de l’Egypte (1810)
Unter der Bezeichnung Pyramidologie werden unterschiedliche pseudo- und parawissenschaftliche Theorien zusammengefasst. Gegenstand dieser Theorien sind Abmessungen und Anordnungen in erster Linie der Pyramiden des Alten Ägypten (vor allem der Cheops-Pyramide). Ziel der Theorien ist meist, den Abmessungen und ihren Verhältnissen mystische Deutungen zu unterlegen, Verknüpfungen mit anderen wissenschaftlich nicht akzeptierten Theorien herzustellen (z. B. dass die Erbauer Flüchtlinge aus dem versunkenen Atlantis, Extraterrestrier etc. waren), oder ihnen Prophezeiungen für die Zukunft zu entnehmen (insbesondere das Datum der Wiederkunft Christi betreffend).
Der Begriff wird heute vor allem abwertend gebraucht.
Antike und mittelalterliche Berichte und Legenden Vieles von dem, was rückblickend als haltlose Spekulation erscheint, hat seinen Ursprung nicht in der Phantasie der neuzeitlichen Gelehrten, sondern stammt tatsächlich aus der Antike. Daher sollen zunächst die weitgehend legendären Berichte antiker Autoren und mittelalterlicher Reisender behandelt werden.
Vor allem zwei Aspekte der Pyramidologie haben ihre Wurzeln bereits in der Antike: Die Annahme, dass die alten Ägypter alles Spätere überragende wissenschaftliche Erkenntnisse und Weisheitslehren in der Pyramide verschlüsselt oder versteckt hätten: Dies entsprach der antiken Sicht, dass das Ältere das jeweils Bessere gewesen sei. Dementsprechend musste die ägyptische als die damals anerkannt älteste Kultur entsprechend über die tiefste Weisheit verfügt haben.E. Hornung: Das esoterische Ägypten. ... München 1999, S. 28 f. Die Wahrnehmung der Pyramiden als Zeugnis einer uralten, rätselhaften Vergangenheit, dementsprechend tauglich als Projektionsfläche für eigene Vermutungen und Spekulationen: dabei muss man berücksichtigen, dass die Pyramiden zur Zeit des Herodot bereits 2000 Jahre alt waren und authentische Informationen über Zweck und Technik schon damals, wenn nicht längst verloren, so doch für einen griechischen „Touristen“ nicht verfügbar waren.Mark Lehner: Das erste Weltwunder. Düsseldorf 1997, S. 38 f.
Herodot Herodot berichtet, dass die Große Pyramide auf Befehl eines tyrannischen Königs namens Cheops erbaut worden sei. In dreimonatigen Schichten hätten jeweils 100.000 Arbeiter an den Bauten gefront. In den ersten zehn Jahren sei eine breite Dammstraße errichtet worden, ein Werk, das für Herodot fast ebenso beeindruckend schien wie der Bau der Pyramiden selbst, da die Straße etwa einen Kilometer lang, 18 m breit und 14 m hoch gewesen sei und mit geglätteten Steinen belegt gewesen sei, „ein Werk, das nicht viel geringer war als die Pyramide“.Herodot: Historien II, 123. Außerdem seien am Fuße der Pyramiden unterirdische Kammern errichtet worden, in deren einer Cheops selbst beerdigt worden sei.Man hielt den Bericht von dem Grab des Cheops auf einer Insel in einem unterirdischen See für reine Legende, bis Zahi Hawass 1999 bei einer Ausgrabung in einem unterirdischen Kammersystems des Gizeh-Plateaus eine der Beschreibung weitgehend entsprechende Anlage entdeckte, die er als ein symbolisches Grab des Osiris klassifizierte. Siehe (abgerufen am 5. November 2009) Herodot spricht von einer Insel in einem unterirdischen See, der durch einen Nilkanal gefüllt werde. Jede Seite der Pyramide sei etwa 240 m lang und ebenso groß sei die Höhe. Ihr Bau habe 20 Jahre gedauert.
Weiter berichtet Herodot, die Pyramiden seien in Stufen von innen nach außen erbaut worden, wobei man die Steine mit Hilfe von Maschinen von einer Stufe zur nächsten gehoben habe. Er erwähnt auch Inschriften auf der Außenseite der Pyramiden. Vom Ursprung der mittleren Königinnenpyramide G1b erzählt er, dass Cheops in seiner Bosheit schließlich seine Tochter zur Prostitution gezwungen habe, um Mittel für den Pyramidenbau zu beschaffen. Diese habe sich aber von jedem Freier einen Stein als Zusatzlohn ausbedungen und aus diesen Steinen sei G1b erbaut worden. Nach Cheops hätten auch noch sein Bruder Chephren und sein Sohn Mykerinos jeweils kleinere Pyramiden in der Nähe der ersten Pyramide erbaut.Herodot: Historien II, 124ff; II, 134.
Diodor Diodor berichtet in seiner im 1. Jahrhundert v. Chr. verfassten Universalgeschichte, dass die Große Pyramide von König Chemmis von Memphis errichtet worden sei. Ihre Seitenlänge sei sieben Plethra (etwa 220 m) und die Höhe 6 Plethra (etwa 190 m). Das Alter der Pyramiden gibt er mit mindestens 1000 Jahre an, sagt aber auch, dass manche Autoren ein Alter von 3400 Jahren nennen. Im Gegensatz zu Herodot meint er, dass der Transport der Steine mit Hilfe aufgeschütteter Rampen erfolgt sei, da es zu der Zeit noch keine Kräne gegeben habe. Am Bau hätten 360.000 Arbeiter mitgewirkt und die Bauzeit wäre 20 Jahre gewesen. Entsprechend Herodot beschreibt auch Diodor die Pyramidenbauer als Tyrannen, die ganz Ägypten zu harter Fronarbeit zwangen. Die erbitterten Untertanen drohten, die Leichname der Könige zu vernichten, weshalb weder Chemmis (= Cheops) noch sein Bruder Cephren (= Chephren) in ihren Pyramiden, sondern an einem geheimen Ort begraben worden seien. Von der Pyramide des Mykerinos berichtet er, sie sei im unteren Teil mit schwarzem Stein, im oberen Teil mit weißem Kalkstein wie die beiden größeren Pyramiden verkleidet gewesen. Auf der Nordseite befinde sich eine Inschrift, die Mykerinos als Erbauer nenne.Diodor: Bibliothéke historiké I, 63, 2-64.
Strabon StrabonStrabon: Geographika 17, 33–34. greift die eigentümliche Geschichte, dass nämlich die Pyramide des Mykerinos von einer griechischen Kurtisane namens Rhodopis errichtet worden sei, wieder auf. Herodot hatte es erwähnt, aber ausdrücklich abgelehnt und als ahistorisch bezeichnet.Herodot: Historien II, 134. Strabon erzählt dagegen eine Legende, die als frühester Beleg für das Märchenmotiv vom Aschenputtel gilt: Ein Adler habe der in Naukratis badenden Rhodopis eine Sandale entführt, sie dem in Memphis eben Gericht haltenden Pharao in den Schoß fallen lassen, der sich ohne unmittelbare Ansicht der Person in die Trägerin der Sandale verliebte, Boten in alle Himmelsgegenden aussandte, um die Trägerin dieser Sandale ausfindig zu machen und die Aufgefundene zu seiner Königin machte. Nach ihrem Tod habe er ihr die (laut Strabon) zwar kleinere, aber wegen des für einen Teil der Verkleidung verwandten äthiopischen Steins besonders kostspielige Pyramide errichtet.
Plinius der Ältere In seiner vielbändigen Naturgeschichte (Naturalis historia) kann Plinius der Ältere nicht umhin, auch die ägyptischen Pyramiden zu erwähnen. Er missbilligt diese Bauwerke sehr deutlich, da als Motiv für ihre Errichtung ja meistenfalls überliefert würde, die Pharaonen hätten so ihr Vermögen nicht Nachfolgern oder lauernden Rivalen überlassen und das niedere Volk nicht unbeschäftigt sein lassen wollen.Plinius der Ältere, Naturalis historia. XXXVI.16-17. Er erwähnt die Existenz zahlreicher unvollendeter Pyramiden, um dann auf die Pyramiden von Gizeh zu sprechen zu kommen. Er gibt den genauen Ort an, erwähnt den Sphinx, gibt seine Maße an, und dass ein Pharao namens Amasis darin begraben sein soll.Unter dem Namen Amasis ist Ahmose II., ein Pharao der Saitendynastie bekannt. Von einer Verbindung zum Sphinx ist nichts bekannt. Er gibt die Seitenlänge der größten Pyramide mit 883 (römischen) Fuß an (etwa 261,7 m), die Höhe von der Spitze mit 15 Fuß (etwa 4,44 m). Möglicherweise bezog sich diese Angabe auf die Höhe des Pyramidions.Altitudo a cacumine, pedes 15. Im Inneren befinde sich ein 86 Ellen (etwa 38,2 m) tiefer Brunnen, durch den Nilwasser in das Innere gelangt sei. Zur Frage der Bauweise und der dazu nötigen Rampen referiert er zwei Theorien: Nach der einen hätten die Rampen aus Salz und Salpeter bestanden, nach Vollendung der Pyramiden habe man den Nil die Rampen wegwaschen lassen. Nach der anderen Theorie wären die Rampen aus Ziegeln gewesen, die man danach einfach an Privathaushalte verteilt habe.
Er erwähnt einige weitere, schon aus anderen Berichten bekannte Details. Schließlich nennt er noch eine Liste der Autoren, die vor ihm über die Pyramiden geschrieben haben: Herodot, Euhemeros, Duris von Samos, Aristagoras, Dionysius, Artemidorus, Alexander Polyhistor, Butorides, Antisthenes, Demetrius, Demoteles und Apion.Die Namen können großenteils nicht zugeordnet werden, da entweder die betreffenden Werke verloren sind und es mehrere in Frage kommende Autoren gibt, oder weil die Autoren gänzlich unbekannt sind.
Spätantike und Mittelalter mini|hochkant|Joseph in Ägypten, im Hintergrund die als Kornspeicher gedachten Pyramiden mini|hochkant=0.4|links|Pyramiden in der Cosmographia des Sebastian Münster (1550)
In der Spätantike werden die Erwähnungen der Pyramiden spärlich. In dem Auszug aus den Aegyptiaca des Manetho, das im 8. Jahrhundert von dem Mönch Georgios Synkellos überliefert wird, findet sich eine Anmerkung, dass die Große Pyramide nicht, wie von Herodot berichtet, ein Werk des Cheops sei, sondern sie wird einem König Souphis zugeschrieben, der die Götter verachtet und ein Heiliges Buch verfasst hätte.Georgios Synkellos, Ekloge chronographias. S. 63.
Mit der arabischen Eroberung Ägyptens um 640 verschwinden die Pyramiden für viele Jahrhunderte aus dem Gesichtsfeld der westlichen Kultur. Erst im 15. Jahrhundert, schon an der Schwelle zur Neuzeit hat Cyriakus von Pizzicolli, ein italienischer Kaufmann und Humanist, der auf der Suche nach antiken Manuskripten unermüdlich Griechenland und die Levante bereiste, die Pyramiden besucht und berichtet davon in seinem Itinerarium.Cyriacus von Ancona: Itinerarium Giovannelli. Florenz 1742.
Einige Jahrzehnte später besuchte der Mainzer Beamte Bernhard von Breidenbach auf seiner Reise in das Heilige Land auch Ägypten, zeigt sich aber relativ wenig beeindruckt von den Pyramiden und erwähnt nur, dass es sich um Gräber ägyptischer Könige handele und nicht, wie offenbar von den Zeitgenossen öfters angenommen, um die Kornspeicher, die Josef erbauen ließ, um in den vom Traum des Pharao vorhergesagten sieben mageren Jahren eine Hungersnot zu vermeiden.Bernhard von Breidenbach: Peregrinatio in terram sanctam. Mainz 1486.
Biblische Pyramidologie Ein wesentliches Moment für das Interesse an den Abmessungen altägyptischer Monumente – und unter diesen fast ausschließlich an denen der Cheops-Pyramide – waren die zahlreichen in der Bibel enthaltenen Maßangaben. Darin werden die Abmessungen der Arche Noah, der Bundeslade, des Salomonischen Tempels teilweise sehr genau und ausführlich angegeben. Allerdings ist die zugrundeliegende Maßeinheit, die „biblische Elle“, nicht überliefert. Bereits Isaac Newton versuchte in seinen metrologisch-historischen Spekulationen die Länge des sacred cubit zu bestimmen.Isaac Newton: A Dissertation upon the Sacred Cubit of the Jews and the Cubits of the several Nations … Translated from the Latin of Sir Isaac Newton, not yet published. In: Miscellaneous Works Of Mr. John Greaves. Hughs, London 1737. Man hoffte, die genaue Länge der biblischen Elle aus den noch existierenden ägyptischen Bauten als Baumaß erschließen zu können, vor allem natürlich aus den Maßen der Großen Pyramide, an der das Volk Israel ja mitgebaut hatte, wie man glaubte, bis moderne Ägyptologie und Archäologie ein viel früheres Baudatum belegten.
John Greaves mini|hochkant|Titel von Greaves' Pyramidographia (1646)