Das Rossarzneibuch von Meister Albrant ist ein hippiatrischer (= pferdeheilkundlicher) deutschsprachiger Text, der im 13. Jahrhundert am Hof Friedrichs II. entstand. Er gehört zur Fachprosa und enthält eine Auflistung von Rezepten gegen 36 Pferdekrankheiten. Dieses Werk zählt zu den wenigen Texten der älteren deutschen Literatur, die bis in die Neuzeit hinein stark nachwirkten. mini|„Wann die Würm ein Roß beißen“ (Rossarzneibuch des Walter von Nitzschwitz in der Langenburger Handschrift, Ende 16. Jahrhundert)

Geschichte Es sind verschiedene tierheilkundliche Werke der Gattung Rossarzneibuch überliefert,Volker Zimmermann: Hartmann von Stockheim. Verfasser eines dt. Roßarzneibuches. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Band 3: Gert van der Schüren - Hildegard von Bingen. De Gruyter, Berlin / New York 1981, ISBN 3-11-007264-5, Sp. 527–528.Karl Maria Schober: Die aus dem Pflanzenreich stammenden Heilmittel und die therapeutische Verwendung der wichtigsten unter diesen Drogen im Roßarzneibuch des Mang Seuter (1583). Veterinärmedizinische Dissertation München 1936. Leo Scholl: Die aus dem Tierreich stammenden Heilmittel im Roßarzneibuch des Mang Seuter (1583) und ihre Anwendung. Veterinarmedizinische Dissertation München 1939.Rossarzneibuch des Ottmar Stab.Gottfried Kreuzer: Ein anonymes Roßarzneibuch aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Veterinär-medizinische Dissertation München 1972.Uta Deinhardt: Ein ‚Ross Artzney Büech‘ aus dem Jahre 1598. Veterinär-medizinische Dissertation München 1968. das Meister Albrant zugeschriebene „Roßarzneibuch“ stellt nimmt in deutschsprachigen Texten des Mittelalters jedoch eine zentrale Stellung ein.Bernhard Schnell, William C. Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 246–247: Veterinärmedizin (›Roßarznei‹).

Autor Der Verfasser des hier behandelten ursprünglichen Rossarzneibuchs ist Albrant, oft Meister Albrant, mitunter aber auch Albracht, Alebrant, Hildebrant, Hilbrant, Abram oder Albertin genannt.zu Albrant siehe den Artikel in der NDB Er stammte aus Deutschland, wirkte aber in Italien: In den ältesten Handschriften seines Rossarzneibuches wird er als Schmied und Marstaller Kaiser Friedrichs II. in Neapel bezeichnet, urkundlich ist seine Existenz allerdings nicht verifizierbar. Das Wort Marschall bedeutet ursprünglich Pferdeknecht (althochdeutsch: marah = Pferd, schalc(h) = KnechtAngela von den Driesch: Geschichte der Tiermedizin. 5000 Jahre Tierheilkunde. München: Callwey 1989, S. 56.) und bezeichnete den Stallmeister bzw. Vorsteher des Pferdestalls. Dessen Aufgaben umfassten alle Bereiche der Pferdehaltung einschließlich der medizinischen Versorgung. Friedrich II. gilt als großer Förderer der Pferdeheilkunde, da in seinem Umkreis mehrere Hippologen tätig waren, darunter auch andere Deutsche wie ein gewisser Ackermann oder Meister MaurusVgl. Gerhard Eis: Mittelalterliche Fachliteratur. 2., durchges. Aufl. Stuttgart: Metzler 1967 (= Sammlung Metzler. Realienbücher für Germanisten Abt. D: Literaturgeschichte. M14.), S. 31..

Annahmen der Forschung zufolge verfügte Albrant über gebildete Grundkenntnisse, es wird ihm sowohl zu der 1224 von Friedrich II. gegründeten Universität in Neapel als auch zur hohen Schule von Salerno eine Verbindung zugeschrieben.Vgl. Gerhard Eis: Mittelalterliche Fachliteratur. 2., durchges. Aufl. Stuttgart: Metzler 1967 (= Sammlung Metzler. Realienbücher für Germanisten Abt. D: Literaturgeschichte. M14.), S. 31. Über sein weiteres Leben ist nichts bezeugt. Früher vermutete man im Rossarzt von Papst Clemens IV., von welchem eine Rossarzneihandschrift in Codex 730 der Stiftsbibliothek Einsiedeln enthalten ist, ebenfalls Meister Albrant, neuere Forschungsansätze widersprechen diesem Zusammenhang allerdingsVgl. Oliver Pfefferkorn: Die Textsorte Rossarzneibuch in frühneuhochdeutschen Handschriften und Drucken. In: Frühneuhochdeutsch – Aufgaben und Probleme seiner linguistischen Beschreibung. Hrsg. von Anja Lobenstein-Reichmann und Oskar Reichmann. Hildesheim: Georg Olms Verlag 2011 (Germanistische Linguistik 213–215), S. 583..

Entstehung Meister Albrants Rossarzneibuch entstand höchstwahrscheinlich im zweiten Viertel des 13. JahrhundertsVgl. Bernhard Dietrich Haage; Wolfgang Wegner: Deutsche Fachliteratur der Artes in Mittelalter und Früher Neuzeit. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2007 (= Grundlagen der Germanistik. 43.), S. 173. in mittelhochdeutscher Sprache und fällt damit in den Beginn der sogenannten 'Stallmeisterzeit' (in der Veterinärmedizin die Zeit zwischen dem 13. Jh. und der Gründung der ersten tierärztlichen Lehrstätten in der 2. Hälfte des 18. Jhs.). Eingeleitet wurde diese um 1250 mit der Veröffentlichung des Handbuchs der Pferdekunde (als De medicina equorum bekannt) von Jordanus Ruffus, dem Oberstallmeister Friedrichs II. Weitere zu dieser Zeit entstandene Werke sind die tiermedizinischen Schriften von Albertus Magnus oder die Marescalcia von Laurentius Rusius, der Mitte des 14. Jhs. in Rom als Tierarzt tätig war.Vgl. Driesch 1989, S. 57.

Meister Albrants Schrift blieb von diesen Quellen offenbar unbeeinflusst. Im Vergleich zu seinen Kollegen beruft er sich nicht auf antike und arabische Vorbilder oder magische Verfahren, sondern zeigt eher empirische Ansätze und stützt sich auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen. Weiters unterscheidet er sich durch die Wahl der Sprache und des Zielpublikums: Sein Rossarzneibuch ist das erste deutschsprachige pferdeheilkundliche WerkVgl. Gerhard Eis: Meister Albrants Roßarzneibuch im deutschen Osten. Mit einem Nachwort zur Neuauflage. Hildesheim [u. a.]: Olms 1985, S. 46. und richtete sich nicht an Gelehrte, sondern an Praktiker, wie vermutlich Ritter, Kriegsleute, Kleriker und Pilger. Diese Aspekte sind unter anderem Gründe für die große Popularität des Werkes, neben der praktischen, einfachen Anwendbarkeit und letztendlich auch der großen Bedeutung des Pferdes für die Mobilität im Mittelalter. Es spielte sowohl im ländlichen Raum als Nutztier als auch am Hof für die Jagd, die Kriegsführung oder die Nachrichtenübermittlung eine wichtige Rolle, weswegen die Pferdeheilkunde nachvollziehbarerweise den größten Bestandteil der frühen Veterinärmedizin ausmacht.

Überlieferung und Editionsgeschichte Die Beliebtheit von Meister Albrants Rossarzneibuch zeigt sich in der überaus großen Anzahl von Überlieferungen. Derzeit bekannt sind 218 Handschriften, 8 Inkunabeln und eine Vielzahl von Drucken zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert.Vgl. Haage/Wegner 2007, S. 173. Auffällig ist diese Überlieferungsfülle besonders im Vergleich zum populärsten deutschsprachigen Dichtwerk des Mittelalters, Wolfram von Eschenbachs Parzival, der auf 86 Handschriften kommt.

Man geht davon aus, dass die Handschrift von Neapel über Friaul nach Böhmen gelangte und sich von dort nach Schlesien, in die Lausitz, das preußische Deutschordensland und nach Ungarn bis zur bulgarischen Grenze ausbreitete. Nachwirkungen finden sich bis hin zu den Pyrenäen, Italien, Osteuropa und Skandinavien. Die Schrift wurde in mehrere Sprachen übersetzt, u. a. ins Lateinische, Tschechische, Polnische, Russische und Niederdeutsche.Vgl. Gerhard Eis: Meister Albrants Einfluß auf die mittelniederdeutschen Roßarzneibücher. In: Forschungen zur Fachprosa. Ausgewählte Beiträge. Bern: A. Francke Verlag 1971, S. 130. Wenngleich sich auch in nordwestdeutschen Pferderezepten ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Einflüsse von Albrant nachweisen lassenGerhard Eis: Meister Albrants Einfluß auf die mittelniederdeutschen Roßarzneibücher. In: Forschungen zur Fachprosa. Ausgewählte Beiträge. Bern: A. Francke Verlag 1971, S. 130., entfaltete es in den südlichen und östlichen Teilen des deutschsprachigen Kulturraums die größte WirkungVgl. Gerhard Eis: Meister Albrants Einfluß auf die mittelniederdeutschen Roßarzneibücher. In: Forschungen zur Fachprosa. Ausgewählte Beiträge. Bern: A. Francke Verlag 1971, S. 139.. So blieb das Werk bis ins 18./19. Jahrhundert das Brevier der tschechischen Hufschmiede.Vgl. Gerhard Eis: Medizinische Fachprosa des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Amsterdam: Editions Rodopi 1982 (= Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur. 48.), S. 159. Die älteste bekannte Handschrift des Rossarzneibuches ist in der Prager Universitätsbibliothek erhalten und stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts.Vgl., Gerhard: Medizinische Fachprosa des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Amsterdam: Editions Rodopi 1982 (= Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur. 48.), S. 158.

Im Zuge seiner Verbreitung unterlag das Fachprosawerk einigen Veränderungen: Rezepte wurden bearbeitet, modernisiert, weggelassen oder hinzugefügt. Rossarzneibücher aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert waren oft zu dicken Bänden herangewachsen, in denen nur mehr ein Bruchteil zum einstigen Kernbestand gehörte, weswegen das Zuordnen eines Rossarzneibuches zu den Albrant-Handschriften oft problematisch ist. Zum Teil wurde dabei auch der Charakter des Textes verändert und nicht nur Anweisungen zur Behandlung von Krankheiten, sondern auch Ratschläge zur Manipulation und Behebung von Mängeln des Pferdes eingefügt, wie etwa das Fellfärben zur Unkenntlichmachung eines gestohlenen Tieres.Vgl. Gerhard Eis: Meister Albrants Roßarzneibuch im deutschen Osten. Mit einem Nachwort zur Neuauflage. Hildesheim [u. a.]: Olms 1985, S. 93f. Ein Beispiel eines solchen stark veränderten Textes ist die Rossaventüre, ein im 14. Jahrhundert in der Bodenseegegend entstandener Text, welcher eine Schnittstelle zwischen Veterinärmedizin und den Artes magicae (‚magische Künste‘) darstellt.Vgl. Haage/Wegner 2007, S. 264.Vgl. auch Volker Zimmermann: Die „Roßaventüre“ aus dem Cod. 792 der Donaueschinger Schloßbibliothek. In: Gundolf Keil und andere (Hrsg.): Fachprosa-Studien. Beiträge zur mittelalterlichen Wissenschafts- und Geistesgeschichte. Berlin 1982, S. 172–199. Diese Verbindung zur Rosstäuscherei förderte zwar die Verbreitung, ließ aber das Ansehen des Textes sinken.

Inhalt In der von Gerhard Eis rekonstruierten Urfassung des Rossarzneibuches sind 36 Pferdekrankheiten bzw. Heilvorschläge enthalten:Vgl. Gerhard Eis: Meister Albrants Roßarzneibuch: Verzeichnis der Handschriften. Text der ältesten Fassung. Literaturverzeichnis. Konstanz: Terra 1960, S. 14–21.

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