Mit Absenderkürzeln oder Unterschriften wie „NSU 2.0“ versandten deutsche Rechtsextremisten seit August 2018 bisher rund 190 Morddrohungen per Fax, E-Mail, SMS oder mit Kontaktformularen an bestimmte Empfänger. Das Kürzel spielt auf die rechtsterroristische Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) und deren rassistische NSU-Morde an. Die Absender bedrohten rund 70 verschiedene Adressaten und 60 Institutionen in Deutschland und Österreich: zuerst die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız, dann weitere öffentlich gegen Rassismus, Antisemitismus, für Flüchtlinge und Migranten engagierte Menschen, meist Frauen, oft Frauen mit Migrationsbiografie.

Viele Schreiben enthielten persönliche, teils bei Behörden gesperrte Empfängerdaten. In je drei Fällen hatten Beamte der Polizei Hessen und der Polizei Berlin, zweimal der Polizei Hamburg zuvor Empfängerdaten abgefragt. Die Ermittler fanden mindestens 180 Verdachtsfälle rechtsradikaler Polizisten in Hessen und weitere in anderen Bundesländern. Tausende illegale Datenabfragen bei deutschen Polizeibehörden wurden bekannt. Daher werden Polizisten als Urheber oder Beihelfer einiger Drohschreiben vermutet.

Urheber einiger Drohserien wurden überführt und verurteilt. André M. („NationalSozialistischeOffensive“, „NSO“) erhielt im Dezember 2020 vor allem für Bombendrohungen vier Jahre Freiheitsstrafe wegen Nötigung und Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten, Emil A. („Staatsstreichorchester“) im Februar 2021 wegen räuberischer Erpressung drei Jahre, Alexander Horst M. („NSU 2.0“) im November 2022 wegen Volksverhetzung, Aufforderung zu Straftaten, Widerstand gegen die Staatsgewalt und anderem fünf Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe.

Einige Drohmails mit dem Kürzel „NSU 2.0“ wurden „Trittbrettfahrern“ zugeordnet, andere kamen aus Unterstützerkreisen. Deren Urheber und mögliche Zusammenhänge blieben unaufgeklärt.

Übersicht Datum Signatur Adressaten 2. 8. 2018 „NSU 2.0“ Seda Başay-Yıldız 10/2018 „NSU 2.0“ Anja Reschke 10/2018 – 4/2019 „NSO“, „NSU 2.0“, „Staatsstreichorchester“ et al. 107 Drohmails an Gerichte, Behörden, Medien, Helene Fischer, Katarina Barley et al. 9. 9. 2018 „Wehrmacht“ Amadeu Antonio Stiftung, Belltower.News, NSU-Watch et al. 18. 12. 2018 „Wehrmacht“ Opferanwälte, Ermittlungsbehörden, Medien 20. 12. 2018 „NSU 2.0“ Seda Başay-Yıldız 12/2018 „Wehrmacht“ Mordaufruf gegen Seda Başay-Yıldız in einem Darknet-Forum 1/2019 Polizeiausbilder-Name, „HLKA“ Seda Başay-Yıldız 1/2019 „Wehrmacht“ Amadeu Antonio Stiftung et al. 11. 1. 2019 „NSU 2.0“, „Wehrmacht“, „Elysium“ Aiman Mazyek, Josef Schuster 23. 1. 2019 „Die Musiker des Staatsstreichorchesters“ Amadeu Antonio Stiftung et al. 4. 2. 2019 „NSU 2.0“ Seda Başay-Yıldız 5. 3. bis 17. 11. 2019 „SS-Obersturmbannführer“ Idil Baydar 21. 3. 2019 „NSU 2.0“ Landeskriminalamt Berlin 13. 4. 2019 „NSU-Vergeltungskommando“ Shermin Langhoff 4/2019 „NSU 2.0“, „Staatsstreichorchester“, „Kommando André M.“ LKA Berlin 7. 4. 2019 „Die Musiker des Staatsstreichorchesters“ Amadeu Antonio Stiftung et al. 5. 6. 2019 „NSU 2.0“, „Prinz Eugen SSOSTUBAF“ Seda Başay-Yıldız 6/2019 „NSU 2.0“ Seda Başay-Yıldız, LKA Hessen, Bundesanwaltschaft 6/2019 „Staatsstreichorchester“ Henriette Reker, Andreas Hollstein 7/2019 „Staatsstreichorchester“ bundesweit Journalisten, Redaktionen, Politiker 7/2019 NSU 2.0 Anja Reschke 10. 7. 2019 „NSU 2.0“ Seda Başay-Yıldız 12. 7. 2019 „Staatsstreichorchester“ Journalisten ab 9. 10. 2019 „Staatsstreichorchester“ [ungenannt] 19. 10. 2019 „Staatsstreichorchester“ Mike Mohring 21. 10. 2019 „Staatsstreichorchester“ Dirk Adams 2019 „NSU 2.0“ Kolumnistin in Berlin, Strafverteidigerin in München 15./22. 2. 2020 „NSU 2.0“ Janine Wissler ~15. 2. 2020 „Staatsstreichorchester“, „Combat 18“ Rechtsanwalt; Deutscher Richterbund 2–3/2020 „Wolfzeit“, Wolfssymbol Christiane Schneider, Erik Marquardt 2. 3. 2020 „Wolfszeit 2.0“ Katina Schubert ab 4/2020 „Wehrmacht“, „NSO“, „Staatsstreichorchester“, „NSU 2.0“ Wiebke Ramm 4/2020 „Staatsstreichorchester“ Jens Spahn; Deutsche Krankenhausgesellschaft 20. 4. 2020 „Staatsstreichorchester“ Der Tagesspiegel (TS) 21. 4. 2020 „NSU 2.0“ Landgericht Berlin-Moabit bis 21. 4. 2020 „NSU 2.0“, „Staatsstreichorchester“, „Wehrmacht“ Martina Renner 26.–28. 4. 2020 „combat18@xxx“, „Die Musiker des Staatsstreichorchesters“ National Health Service (NHS) 5/2020 „Staatsstreichorchester“ Dirk Friedriszik 19. 5. 2020 „NSU 2.0“ Staatsanwältin im Prozess gegen André M. 21. 5. 2020 „NSU 2.0“ LKA-Ermittlerin im Prozess gegen André M. 23. 5. 2020 „NSU 2.0“ Anwalt Thomas Penneke im Prozess gegen André M. 6/2020 „NSU 2.0 Der Führer“, „SS-Obersturmbannführer“ [ungenannt] 7/2020 „NSU 2.0“ taz 4.–6. 7. 2020 „NSU 2.0“ Janine Wissler ab 5. 7. 2020 „NSU 2.0“ Anne Helm 9. 7. 2020 „NSU 2.0“ Volker Bouffier, Peter Beuth ab 9. 7. 2020 „NSU 2.0“ Hanspeter Mener bis 10. 7. 2020 „NSU 2.0“ Martina Renner, Anne Helm 13./14. 7. 2020 „NSU 2.0“ Idil Baydar 14. 7. 2020 „AFD“ Helin Evrim Sommer 14. 7. 2020 „NSU 2.0“ Fraktionen im Landtag Hessen, Maybrit-Illner-Talkshow 16. 7. 2020 „NSU 2.0“ Mehmet Daimagüler 18. 7. 2020 „SS-Obersturmbannführer“ Roland Ullmann und 15 Adressaten 19. 7. 2020 „NSU 2.0“ Jutta Ditfurth 20. 7. 2020 „NSU 2.0“, „Der Führer“ Sawsan Chebli, Karamba Diaby, Jutta Ditfurth, Michel Friedman, Katrin Göring-Eckardt, Katja Kipping, Claudia Roth, Martina Renner, Deniz Yücel et al. 21. 7. 2020 „NSU 2.0“ Volker Beck, Gökdeniz Özcetin 21. 7. 2020 „Eugen Prinz“, „NSU 2.0“ Josef Schuster 22. 7. 2020 „NSU 2.0“ Anton Hofreiter, Renate Künast, Aiman Mazyek, Belit Onay, Filiz Polat 23. 7. 2020 „NSU 2.0“ Gökay Akbulut, Amira Mohamed Ali, Sevim Dagdelen, Anton Hofreiter, weitere Grünen-Abgeordnete, Gökdeniz Özcetin 29. 7. 2020 „NSU 2.0“ Saskia Esken 1. 8. 2020 „NSU 2.0“ Christian Ehring, Carolin Kebekus 8/2020 „NSU 2.0. Der Führer“ Femen-Aktivistin 3. 9. 2020 „NSU 2.0“ taz, LKA Hessen, LKA Berlin 9/2020 „NSU 2.0“ Seda Başay-Yıldız, Janine Wissler, Idil Baydar, Martina Renner et al. 17. 9. 2020 „NSU 2.0“ Politiker*innen 18. 9. 2020 „NSU 2.0“ Jan Böhmermann ~19. 11. 2020 „NSU 2.0“ Seda Başay-Yıldız ~1. 12. 2020 „NSU 2.0“ Seda Başay-Yıldız 29. 1. / 2. 2. 2021 „NSU 2.0“ Walter-Lübcke-Schule Wolfhagen 2/2021 „NSU 2.0“ Landgerichte Neuruppin, Itzehoe, Jüdische Allgemeine, Politikerinnen 2/2021 „NSU 2.0“ Anne Hübner 19. 2. 2021 „NSU 2.0“ Seda Başay-Yıldız 3/2021 „NSU 2.0“ Günter Frankenberg 3/2021 „NSU 2.0“ Lydia Benecke ~9. 3. 2021 „NSU 2.0“ Janine Wissler 14. 3. 2021 „NSU 2.0“, „Der Führer“ Nico Wehnemann 15. 5. 2021 „Ein ehemaliger Bekannter des NSU 2.0“ Journalisten 22. 5. 2021 „NSU 2.0“ Nancy Faeser 25. 5. 2021 Bezug auf „NSU 2.0“ Martina Renner 4. 6. 2021 „NSU 2.0“ Nancy Faeser 14. 4. 2022 „NSU 2.0“ Moscheen in Dortmund und Barnstorf 27. 8. 2022 „NSU 2.0“ Mevlana-Moschee Barnstorf 26. 9. 2022 „NSU 2.0“ Moschee in Bramsche, Evangelisch-lutherische Thomaskirche in Osnabrück 8. 9. 2022 „NSU 2.0“ Moschee in Göttingen 7/2023 „NSU 2.0“ Moschee in Hannover 7/2023 „NSU 2.0“ Moschee in Bramsche 4. 8. 2023 „NSU 2.0“ Moschee in Bramsche 4. 8. 2023 „NSU 2.0“ Moschee in Osnabrück 14. 4. 2025 „NSU Adolf Hitler“ Constance Arndt, Oberbürgermeisterin in Zwickau Juni 2026 „Christian Tischner“; „NSU 2.0“ 19 Briefe an Bildungsstätten, Polizei, Linksfraktion in Thüringen

Absender Bis März 2021 registrierte das Landeskriminalamt Hessen (LKA) 133 mit „NSU 2.0“ signierte Drohschreiben, davon 115 vom selben Absender, 18 von Nachahmern. Sie gingen an 32 verschiedene Empfänger und 60 Institutionen in neun Bundesländern und Österreich.Pitt von Bebenburg: „NSU 2.0“-Drohungen ohne Ende. FR, 18. März 2021 Sie wurden meist von derselben E-Mail-Adresse, einige auch als Fax, SMS oder über Kontaktformulare abgesandt.Fast 100 Drohschreiben von „NSU 2.0“ eingegangen. Zeit, 20. August 2020

Der oder die Absender nutzten stets über einen Tor-Browser verschlüsselte E-Mail-Adressen wie [email protected],Matthias Bartsch: „Das ist so widerwärtig, da dreht sich einem der Magen um“. Spiegel, 29. Juli 2020 [email protected] oder [email protected]. Die zweite Adresse verwies auf den von Neonazis verehrten NS-Verbrecher Rudolf Heß. Der Anbieter Protonmail ist in der Schweiz ansässig, Yandex in Russland.Florian Flade, Georg Mascolo, Ronen Steinke: Fährten ins Nichts. SZ, 23. Juli 2020

Bis März 2019 kamen rund 300 Mails mit Hasstiraden, Bombendrohungen und Bitcoin-Erpressungsversuchen von Absendern mit Signaturen wie „Nationalsozialistische Offensive“ (NSO), „NSU 2.0“, „Elysium 2.0“, „Wehrmacht“, „Wehrmacht/Elysium“, „RAF/Wehrmacht“ und „Rote Armee Fraktion“.Frank Jansen: Rechtsextremismus: Wenn „Wehrmacht“ und „NSU 2.0“ per E-Mail drohen. Tagesspiegel, 14. März 2019 Im April 2019 wurde André M. als Absender der „NSO“-Mails enttarnt. Seitdem führten Ermittler die Yandexadresse von „NSU 2.0“ auf zwei oder mehr männliche rechtsextreme Unterstützer M.s zurück, die vertrauliche Empfängerdaten von Polizei- und Justizbeamten oder aus einem Darknetforum erhalten hatten,Holger Stark, Fritz Zimmermann: Hass 2.0. Zeit, 29. Juli 2020 oder auf einen technisch versierten Einzelabsender, der mit mehreren Signaturen ein Kollektiv vortäuschte.Frank Jansen: Technisch versiert, rechtsextrem und voller Hass: Wer steckt hinter „NSU 2.0“? TS, 1. August 2020

Adressen, Versandwege und Sprache der Drohmails zeigten deutliche Zusammenhänge. Als Kenner und eventuell Verteiler der darin enthaltenen Privatdaten erschien der Darknetbenutzer „Wehrmacht“. Er antwortete der Wochenzeitung Die Zeit auf Anfrage an seine Yandexadresse: „Wir sind ein lockerer Zusammenschluss heimattreuer Elitekämpfer, die sich nur im Netz unter Pseudonym treffen. Keiner kennt keinen persönlich.“ Man tausche Informationen über die Adressaten aus. Er kenne die Zahl der Absender selbst nicht genau.

Ab Juli 2020 nahmen Menge, Adressaten und Privatinhalte der Drohmails stark zu. Sie enthielten Meldeadressen, Handynummern, Kindernamen, Angaben zu Wohnverhältnissen und Klingelschildern, einige auch zu Interna der Polizei, und meist Häme über die erfolglosen Ermittler.

„Ein ehemaliger Bekannter des NSU 2.0“ schrieb bis zum 15. Mai 2021 an mehrere Journalisten: „Wir sind ein Zusammenschluss von mehreren Personen, darunter 'Wehrmacht', 'Staatsstreichorchester', 'Wolfszeit', 'NSU 2.0 Der Führer' und 'Nationalsozialistische Offensive'. Die Kontakte reichen sehr wohl bis in die Polizei, daher auch die Datenabfrage.“ So sei man an nichtöffentliche Informationen zum Ermittlungsverfahren gegen André M. gelangt. Die Mail glich sprachlich und inhaltlich der Mail vom Vorjahr an die Zeit.Anton Maegerle, Holger Stark: Wer ist der Mann, der hinter NSU 2.0 stecken soll? Zeit, 21. Mai 2021

Drohmails nach polizeilichen Datenabfragen An Seda Başay-Yıldız Die Frankfurter Rechtsanwältin hatte im NSU-Prozess (2013–2018) die Familie des ermordeten Enver Şimşek, in anderen Prozessen mutmaßliche islamistische Gefährder verteidigt und schon oft rassistische Drohbriefe erhalten.Ronen Steinke: Die Spur führt zur Polizei. SZ, 16. Dezember 2018

Am 2. August 2018 von 14:09 bis 14:15 Uhr erfolgten im 1. Frankfurter Polizeirevier widerrechtlich insgesamt 17 Computerabfragen zu ihr: nach ihrer Privatadresse, den dort gemeldeten Personen, ihrem Geburtsdatum, dem ihres Ehemannes, dessen Namen, den Namen ihrer Eltern und ihrer zweijährigen Tochter, nach Verkehrsdelikten oder Straftaten von ihr, Strafanzeigen oder Anklagen gegen sie. Derart umfassende Polizeiabfragen erfolgten sonst nur bei Festnahmen unbekannter Verdächtiger.Annette Ramelsberger: Der Rest ist Schweigen. SZ, 15. Februar 2022 (kostenpflichtig) Die gesperrte Privatadresse der Anwältin konnte nur die Polizei abfragen. Weder die an jenem Tag eingeloggte Polizistin noch die 14 Beamten ihrer Dienstgruppe wollten die Abfrage getätigt oder bemerkt haben.