Erdek (griechisch Αρτάκη Artaki, Pithos im 19. Jahrhundert, in der Antike Artake) ist eine Stadt im gleichnamigen Landkreis der türkischen Provinz Balıkesir und gleichzeitig ein Stadtbezirk der 2012 geschaffenen Büyükşehir Belediyesi Balıkesir (Großstadtgemeinde/Metropolprovinz). Seit einer Gebietsreform 2012 ist die Kreisstadt flächen- und einwohnermäßig identisch mit dem Landkreis einschließlich aller Dörfer auch auf den vorgelagerten Inseln Paşalimanı, Zeytinli und Tavşanlı. Die 25 ha große Tavşanlı Adası ist allerdings ein unbewohntes und kahles Eiland. Die nur 0,8 ha messende Zeytinli Ada unmittelbar bei Erdek vor der Küste, die bis zum 12. und 13. Jahrhundert mit einer Kirche sowie einem Kloster bebaut war und im 13. und 14. Jahrhundert während des Osmanischen Reiches als „Quarantäneinsel“ genutzt wurde, ist seit 2006 archäologisches Ausgrabungsgelände und wird voraussichtlich nach den Grabungen als touristische Anlage genutzt. Lediglich Paşalimanı Adası ist mit etwa 2000 Einwohnern in fünf Dörfern (Paşalimanı, Poyrazlı, Harmanlı, Balıklı und Tuzla) besiedelt. Die türkische Marine betreibt in Erdek einen Stützpunkt.

Lage und Bedeutung mini|Die Bucht von Erdek Erdek liegt an der Südwestküste der Halbinsel Kapıdağ abseits der Hauptstraße von Gönen zur Industriestadt Bandırma. Der Ort bietet sich dem Besucher als prosperierende kleine Stadt, die sich alljährlich zur Sommerzeit für mehrere Monate in eine turbulente Touristenstätte verwandelt. Nach allem, was man über sie weiß, war sie wohl bis zum Jahre 1921 immer überwiegend von Griechen bewohnt (griechisch Pithos).

Sie ist die größte Stadt auf der Halbinsel Kapıdağ im Marmarameer und ein Touristenort mit zahlreichen Hotels vor allem für einheimische Urlauber und Besucher aus dem Ausland. In der Nähe der Stadt befindet sich die antike Stadt Kyzikos. Von Erdek bestehen Verbindungen zur Insel Avşa und zur Marmara-Insel. Erdek liegt 120 km Luftlinie von Istanbul entfernt. Der Landkreis liegt im Norden der Provinz Balıkesir. Die Kreisfläche beträgt 307 km², misst einschließlich allen vorgelagerten Inseln Paşalimanı, Ekinlik, Avşa, Zeytinli und Tavşanlı, die allerdings nicht alle zum Kreisgebiet zählen, insgesamt 446,25 km². 246,48 km² davon sind bewaldet und 199,77 km² sind Offenland und Agrarflächen. Die Fläche der Halbinsel Kapıdağ alleine beträgt 284,64 km². 176,85 km² dieser Fläche sind Waldflächen und 108,10 km² Offen- und Agrarland. Vom Kulturland (125,70 km²) sind 9 % Ackerland, 11 % Olivenkulturen und 4 % sonstige Baum- und Strauchkulturen, während Wiesen und Weiden 5 % einnehmen. Auf Siedlungen, Sumpf und Felsgelände entfallen 17 %. Das Gebiet der Halbinsel Kapıdağ liegt mit 322,18 km² im Kreisgebiet, davon sind 37,3 % landwirtschaftliche Flächen einschließlich Wiesen und Weiden (13,9 %), 61,6 % Wald und Macchie und 1,1 % sonstige Nutzflächen (einschl. Siedlungen usw.).

Vegetation und Tierwelt Als die rezente Halbinsel Kapıdağ noch eine Insel (in der Antike Arctonnesus, später auch Halbinsel von Cyzicus) war, wurde sie aufgrund der Meeresströmungen durch Sandanschwemmungen mit dem Festland verbunden, und es entstanden die beiden großen Buchten von Erdek (Erdek Körfezi) im Westen und Bandırma (Bandırma Körfezi) im Osten. Die schmale, nur 1,7 km breite und an der weitesten Stelle 1 km messende Landverbindung wird westlich und östlich von zwei gegenüberliegenden Sandwällen eingefasst, die eine flache Senke abriegeln, die in Regenjahren zu einem Sumpfgebiet (Belkis-Sümpfe) wird. Die geologische Struktur der zumeist bergigen, etwa 300 km² großen Halbinsel Kapıdağ selbst besteht aus drei lithologischen Einheiten: Metamorphen Schieferkomplexen des älteren Perm, granitischer Magma des Paläozän und alluvialen Sedimenten. Kapıdağ wird zum einen in größeren Partien von (Laub-)Wald- und Macchie-Gemeinschaften eingenommen, andererseits von Dünen- und speziellen Inselökosystemen. Eichenwälder durchsetzt mit Buchen, besonders mäßig winterharte Trocken- und Feuchtwälder, dominieren das Innere.

Die am weitesten verbreiteten Bodentypen sind kalkarme braune Waldböden, besetzt mit Mischwäldern aus Kalabrischer Kiefer (Türkische Kiefer, Pinus brutia), Orient-Buche (Fagus sylvatica ssp. orientalis), Hainbuche (Carpinus betulus) durchsetzt mit Ahorn (Acer), Traubeneiche (Quercus petraea), Edelkastanie (Castanea sativa), Ungarische Eiche (Quercus frainetto), Färber-Eiche (Quercus infectoria) und im Unterwuchs Eingriffeliger Weißdorn (Crataegus monogyna), Schneeball (Viburnum), Erdbeerbaum (Arbutus unedo), Baumheide (Erica arborea) sowie Troodos Veilchen (Viola sieheana), Hornkraut (Cerastium banaticum), Gemeiner Affodill (Asphodelus aestivus), Dorniger Bibernelle (Sarcopoterium spinosum) und Hundsrose (Rosa canina). Zwei gefährdete Arten der Königskerzen, Verbascum simavicum und Verbascum aschersanii, wobei letztere auch in der Troas vorkommt, wachsen auf der Halbinsel Kapıdağ. Gehäuft im westlichen Teil gibt es Berge mit Höhen von über 700 m. Dazu zählen zum Beispiel der Dedebayırı Tepesi (808 m), der Büyükgamla Tepe (797 m), Çokla Tepe (718 m), Kese Tepe (783 m), Dumanlı Tepe (668 m) und der Yatak Tepesi (774 m). In den Regionen mit geringerer Höhe im Westen und Süden sind die meisten der einstigen Macchie-Gemeinschaften heute mit Ölbaumhainen bedeckt.

Auf der Halbinsel überleben zudem wichtige Säugetierarten, wie die Mittelmeer-Mönchsrobbe (Monachus monachus), die Langfußfledermaus (Myotis capaccinii) und die Hufeisennase-Fledermaus (Rhinolophus mehelyi). Die wichtigsten in der Region lebenden Reptilien sind die Maurische Landschildkröte (Testudo graeca) und der Ägäische Nacktfinger (Gecko: Mediodactylus kotschyi). Vom Aussterben bedroht ist die gelb gefleckte Trichterschmetterlingsart des Mattscheckigen Braun-Dickkopffalter (Thymelicus acteon), ein Schmetterling aus der Familie der Dickkopffalter.

Geschichte In ihrer Geschichte ist die Stadt Erdek als Paremo, Artaki und Artake bekannt geworden. Über die genaue Gründung ist nichts bekannt. Nach der Legende wurde dieser Ort von Artak, einem der legendären dortigen Könige, gegründet. Laut Herodot war der Ort eine Kolonie von Einwanderer aus Milet, die sich im 7. Jahrhundert v. Chr. hier niederließen. Sie gelten als die Hauptgründer der Stadt. Während der legendären Troia-Kriege war sie neben Bandırma (Panormos) eine der größten Städte der Region. Herodot vermerkt hier einen großen Hafen und eine Werft und betont die wirtschaftliche Situation, lobt ihre Trauben, ihren Wein, ihre Oliven und ihr Olivenöl. Nach Timosthenes, der in den 280/270er Jahren v. Chr. als Admiral der ptolemäischen Marine von König Ptolemaios II. Philadelphus von Ägypten diente, war Artaka der Name eines Berges und einer kleinen Insel bei Kyzikos. Plinius nennt diese Insel „Artacaeon“. In „Argonautika“, einem antiken griechischen Epos, heißt es, dass die Helden aus der Region Kyzikos den Steinanker ihres Schiffes namens Argo (wohl die Argonauten) neben den „Artake-Brunnen“ senkten, der sich an der Stelle befand, der sie sich zuerst genähert hatten.

Wahrscheinlich wurde Erdek als Artaki zwischen 431 und 404 v. Chr. als Kolonie von Milet aus besiedelt und führte aller bisherigen Kenntnis nach noch bis ins 11. Jahrhundert nach Chr. ein kaum beachtetes Dasein im Schatten der bedeutenden milesischen Nachbarkolonie Kyzikos auf der Landenge zwischen den Buchten von Erdek und Bandırma.

Als Konstantinopel 324 n. Chr. zum Zentrum des Byzantinischen Reiches wurde, verlor Kyzikos allmählich an Bedeutung. 543 n. Chr. und insbesondere 1063 wurde die Stadt durch Erdbeben verwüstet. Die Bevölkerung wanderte nach Artake ab. Kommerzielle Bauten, die von Venezianern danach in der Stadt eingerichtet wurden, machten Artake zu einer wichtigen Handelsstation und allmählich zum Zentrum der Kapıdağı-Halbinsel. Damals gewann der Ort an Bedeutung und überlebte als regionales Zentrum einer Region bis in die Gegenwart. Im 13. Jahrhundert kam Erdek zum Beylik von Karasi (Karesi). 1339 bzw. 1366 eroberte Süleyman Pascha, ein Sohn von Orhan Gazi (1281–1362), Artake, das damals zusammen mit der gesamten Halbinsel Kapıdağ, einschließlich Çanakkale (Kale-i Sultaniye), unter osmanische Herrschaft kam. Danach schweigen zunächst die bekannten Quellen über Erdek.

Erst Mitte des 17. Jahrhunderts erscheint Erdek als eine von Gouverneuren aus Bursa (Eyalet Anadolu) verwaltete Stadt und als Kreiszentrum (Kaza) mit acht Stadtteilen. Evliya Çelebi, der 1639 zweimal nach Erdek kam, berichtet damals in seinem Buch Seyahatname von Erdeks hölzernen und entzückenden zweistöckigen Häusern, Gasthäusern, Bädern, vier Moscheen, 2500 ha Weinbergen und neun Weinsorten aus Muskat-Trauben. Er erwähnt dabei auch die heißen Quellen auf der vorgelagerten Insel Zeytinli. 1740 wird Erdek als vergleichsweise große Stadt geschildert, deren 10.000 Einwohner zu 80 % Griechen waren. 1831 lebten im Landkreis Erdek bereits 32.879 Griechen, demgegenüber aber nur 3537 Türken, 331 Juden, 7 Armenier und 13 Personen anderer Ethnie. Auch in den folgenden zwei Jahrhunderten unterscheidet sich der Werdegang Erdeks kaum von dem einer anderen traditionellen Kleinstadt der heutigen Türkei. 1807 wurde Erdek bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Kreiszentrum mit Bandırma als Amtsbezirk im Sandschak Karasi. Da die damaligen Gebäude aus Holz bestanden, erlitt Erdek zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert viele Brandkatastrophen. Insbesondere die Brände in den letzten 200 Jahren verhinderten die Entwicklung der Stadt. Bei den Bränden von 1800 und 1854 wurde die Stadt zweimal vollständig niedergebrannt. Wenn Gaspari den Ort Anfang des 19. Jahrhunderts als Dorf bezeichnet, so ist er damals wohl einer Fehlinformation aufgesessen. Zumindest aber hat er kräftig untertrieben. Selbst während der Niedergangsphase des Osmanischen Reiches zählte Erdek 1816 noch 5500 Einwohner.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Erdek eine ruhige, abgelegene Ackerbürgerstadt mit 3000 Einwohnern, die von einem Richter verwaltet wurde. Vital Cuinet vermerkte für den Kreis Erdek Ende des 19. Jahrhunderts 54.467 orthodoxe Griechen, 5418 Muslime, 706 gregorianische Armenier, 492 Juden und 196 Bewohner anderer ethnischer Zugehörigkeit. In Erdek selbst sollen damals neben 5655 Griechen nur 807 Türken gelebt haben, also 6462 Einwohner. Der Ort durchläuft aber einen Schrumpfungsprozess im 19. Jahrhundert, von dem er sich nur zögernd erholt. Im Jahr 1898 hat die Stadt bereits 15 Stadtteile und 7548 Einwohner. Ein Feuer von 1917 zerstörte die Stadt erneut. Die Genesungsphase wird wieder unterbrochen von den Ereignissen des türkischen Unabhängigkeitskampfes:

Damals benannten die Bewohner die überwiegend von Griechen bewohnte Stadt mit dem griechischen Name Pithos. Erdek verkörperte den Typ alter Städte mit hohem Anteil griechischstämmiger Bevölkerung, in denen es im Zusammenhang mit der Konsolidierung der türkischen Republik zu ethnischen Konflikten kam. Besonders die Küstenorte der Ägäis und des Marmarameeres hatten seit Anfang des 19. Jahrhunderts ein auffälliges Prosperieren unter dem Einfluss zugewanderter Griechen von der ägäischen Inselwelt und dem gegenüberliegenden griechischen Festland gezeigt. In den meisten dieser Städte waren die Griechen als Bevölkerungskomponente während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch in der Minderheit gewesen. Wachsende griechische Handelsinteressen führten bald zu einer Umkehrung der Verhältnisse, so dass sich in den 1830er Jahren bereits ein Gleichgewicht zwischen Türken und Griechen eingestellt hatte und der wachsende griechische Bevölkerungsanteil nach 1830 die Türken sukzessiv aus der Altstadt und damit auch aus dem Handel zu verdrängen begann.

mini|links|Stadtzentrum mit Atatürk-Denkmal