Bei einem Schulattentat in New Mexico 2017 wurden am 7. Dezember 2017 zwei Schüler hispanoamerikanischer Herkunft von dem 21-jährigen rechtsextremen William Atchison an seiner ehemaligen Schule, der Highschool in Aztec (New Mexico), erschossen. Nachdem er im Flur und in einem Klassenzimmer, wo sich Schüler in einem kleinen Bürobereich verschanzt hatten, mehrere Magazine leer geschossen hatte und die Polizei in das abgesperrte Schulgebäude eindrang, nahm er sich das Leben.

Der Fall wurde in Deutschland insbesondere durch die engen Kontakte des Attentäters mit dem Täter des Anschlags in München 2016 sowie einem eines geplanten Amoklaufs beschuldigten Schülers aus dem Landkreis Ludwigsburg rezipiert.

Tathergang mini|Foto der Aztec High School (aufgenommen rund neun Jahre vor dem Ereignis) Sich als Schüler ausgebend betrat William Atchison am Donnerstag, dem 7. Dezember 2017 morgens um 8:04 Uhr die Aztec High School. In einem Rucksack führte er eine 9 mm Glock-Pistole sowie mehrere Magazine und Munition mit sich. Die Pistole hatte er wenige Wochen zuvor, am 3. November 2017, in einem Warenhaus im rund 25 km entfernten Farmington gekauft. Nachdem der Unterricht an der High School begonnen hatte, suchte Atchison eine Jungentoilette im zweiten Stock auf. Gemäß einer später auf einem USB-Stick, den Atchison bei sich trug, gefundenen Notiz schien er zu beabsichtigen, sich dort auf die Geiselnahme einer Klasse vorzubereiten. Als der 17-jährige Schüler Francisco „Paco“ Fernandez die Toilette betrat, feuerte Atchison umgehend seine Waffe auf ihn ab und verletzte den Jugendlichen tödlich. Atchison verließ die Toilette und traf auf dem Gang auf die ebenfalls 17-jährige Casey Jordan Marquez, die er ebenfalls umgehend erschoss.Joshua Kellogg: Aztec school shooter reached out to other school shooters, planned killings online . In: The Daily Times (Farmington). 17. April 2018. Benjamin Fearnow: Who Is William Atchison? New Mexico Police Identify Aztec High School Shooter. In: International Business Times. 8. Dezember 2017.

Als der Hausmeister der Schule die Schüsse hörte, folgte er Atchison, während er Lehrern laut zurief, dass es Schüsse im Gebäude gegeben habe.Eric Levenson, Laura Diaz-Zuniga: New Mexico high school shooter was investigated by FBI in 2016. In: CNN. 9. Dezember 2017. Eine 74-jährige Vertretungslehrerin hörte ebenfalls die Schüsse und verbarrikadierte sich mit ihren siebzehn an einem Computerkurs teilnehmenden Schülern, zu denen auch Fernandez gehört hatte, in einem Büro. Da sie mangels Schlüssels den Raum nicht abschließen konnte, schoben sie eine Couch vor die Türe. Atchison drehte zunächst seine Waffe ziellos abfeuernd einige Runden auf dem Flur und betrat dann den Raum des Computerkurses; trotz mehrerer Schüsse von ihm durch die Bürowand gab es keine Verletzten. Nach Angaben der Vertretungslehrerin dauerten die Schüsse mehrere Minuten an. Als die Polizei am mittlerweile gesperrten Schulgebäude eintraf und sich mit einem Schuss aus einer Waffe Zugang verschaffte, erschoss Atchison sich selbst.Ray Bogan: Hero teacher saved 17 lives during New Mexico school shooting. In: Fox News. 8. Dezember 2017.

In ersten Berichten war von 15 Toten die Rede, was sich aber später als Falschinformation herausstellte.Wieder tödliche Schüsse an US-Highschool. In: t-online.de. 7. Dezember 2017.

Nach Ansicht der Polizei hatte Atchison die Schule mit dem Ziel betreten, „für ein so großes Blutbad wie möglich zu sorgen“ (). Insgesamt 82 Patronenhülsen wurden von der Polizei in der Schule gefunden. Eine auf Atchisons USB-Stick gefundene Notiz lautete: „Wenn alles nach Plan verläuft, wäre es heute, wenn ich sterbe. Ich gehe irgendwohin und mache mich bereit, nehme eine Klasse als Geisel, schnappe völlig über und puste mir dann das Gehirn aus.“Elise Kaplan, Matthew Reisen: School shooter wanted to create „carnage“. In: Albuquerque Journal. 8. Dezember 2017. Weiter schrieb er: „Denkst Du, ich sei verrückt? Ich bin eigentlich eher vernünftig, friedlich und weniger verrückt als eine Mehrheit der Bürger dieser ganzen Region.“Substitute teacher and custodian hailed as heroes for saving several students' lives at New Mexico high school after gunman, 21, shot dead a cheerleader and a football player. In: Daily Mail. 10. Dezember 2017. Die Polizei ging davon aus, dass Atchison beabsichtigt hatte, dass der USB-Stick bei ihm gefunden werden würde.Aztec high school gunman posed as student; thumb drive may reveal motive: officials. In: CBS News. 8. Dezember 2017.

Der 7. Dezember 2017, an dem Atchison die beiden Schüler erschoss, war der 76. Jahrestag des Angriffs auf Pearl Harbor. In ihren Ermittlungen stieß die Polizei auf einen möglichen Verwandten des Täters, der diesem Angriff zum Opfer fiel, und vermutete, dass Atchison dieses Datum deshalb wählte.

Opfer Beide Opfer waren hispanoamerikanischer Herkunft. Nach Untersuchungen des Southern Poverty Law Center waren sie Opfer des dreizehnten politisch motivierten Gewaltverbrechens in den USA, das innerhalb von rund dreieinhalb Jahren seit dem Amoklauf von Isla Vista durch Suprematisten mit Verbindungen zur „Alt-Right“-Subkultur ausgeführt wurde.Mary Hudetz: Report: Aztec High School shooter one of 13 „alt-right“ killers. In: The Durango Herald. 7. Februar 2018.

Die 17-jährige Casey Jordan Marquez war Senior (Zwölftklässlerin) an der Aztec High School und außerhalb der High School als Trainerin im Kunstturnen an der Farmington Gymnastics Academy aktiv sowie Kapitänin des Cheerleading-Teams der Aztec High School. Sie plante, beim nächsten Orange Bowl aufzutreten.Russell Contreras: New Mexico school shooter left note plotting attack, was questioned by FBI a year ago. In: Toronto Star. 8. Dezember 2017.

Der ebenfalls 17-jährige Francisco „Paco“ Fernandez, der im American Football, Basketball und Ringen aktiv gewesen war, hatte erst im Jahr des Anschlags von der Piedra Vista High School in Farmington zur Aztec High School gewechselt und war dort Junior (Elftklässler). Nach Ansicht der Polizei hat Fernandez durch sein Betreten der Toilette unbeabsichtigt vielen Schülern das Leben gerettet, die ansonsten möglicherweise der von Atchison geplanten Geiselnahme zum Opfer gefallen wären.Hannah Grover: Shooting victims mourned by family members, friends. In: Daily Times (Farmington). 11. Dezember 2017.

Täter Der 21-jährige William „Bill“ Edward Atchison hatte früher selbst die Aztec High School besucht, diese aber ohne Abschluss verlassen. Er wohnte rund eine Meile von der High School entfernt bei seinen Eltern und arbeitete an einer Tankstelle, ebenfalls rund eine Meile vom Haus seiner Eltern entfernt. Seine Familie war mit ihm aus der 340 km südlich von Aztec liegenden Kleinstadt Belen nach Aztec gezogen. Atchison hatte einen GPA 3,5 gehabt, aber in der 10. Klasse seinen Schulabbruch mit Angstgefühlen und einer rückwärtsgewandten Kultur begründet. Seine ehemaligen Mitschüler beschrieben ihn als einen schüchternen Jungen, der immer ein Lächeln auf dem Gesicht gehabt habe und nett gewesen sei. Er stotterte und habe die Angewohnheit gehabt, stets einen Trenchcoat zu tragen. Seinen Vater bezeichnete Atchison als „fetten, faulen Idioten, der den ganzen Tag Fox News schaue“, seine Mutter als „eine Psycho-Hillbilly aus Florida, die wirklich psychisch krank sei“.

Atchison hatte keine Vorstrafen, war aber ein Jahr zuvor dem FBI aufgefallen, weil er sich im Forum einer Spieleplattform erkundigt hatte, welche Waffen für einen Massenmord geeignet wären und wo er ein „billiges Sturmgewehr“ bekommen könne. Bei einer Vernehmung im März 2016Nina Job: OEZ-Anschlag: David S. hatte Kontakt zu US-Attentäter. In: Abendzeitung. 14. Mai 2018. im Haus seiner Eltern erklärte Atchison, lediglich getrollt zu haben und keinen Anschlag zu planen. Das FBI stellte fest, dass er außer einer Softairwaffe keine weiteren Waffen besaß, und verzichtete auf weitere Ermittlungen.

Gemäß Recherchen von The Daily Beast lebte Atchison im Internet als weißer Supremacist und Pro-Trump-Memes-Anbieter, der vor allem für seine Besessenheit bezüglich Schulmassakern bekannt war und dabei eine anscheinende Wandlung von Trolling hin zu einer rechtsextremen politischen Ideologie durchgeführt habe. Bei einer Obduktion Atchisons wurden mehrere Tattoos an ihm gefunden, darunter „SS“ und „AMOG“ sowie ein Hakenkreuz auf seinem oberen linken Oberschenkel. Über seinem linken Knie stand „build the wall“ entsprechend Trumps Forderung einer „Mexican Wall“.New Mexico School Shooting-Autopsy Story. In: U.S. News & World Report. 21. Februar 2018.Mark Giffen, Lauren E Dvorscak: Death Investigation Summary. UNM Health Sciences Center. 2. Februar 2018. Für den Extremismusforscher Florian Hartleb, der Atchison neben anderen Attentätern dieses Typus ausgiebig im Rahmen seines Buches über „Einsamer Wolf Terrorismus“ behandelte, war Atchison „ein bekennender Rassist“.Florian Hartleb: Einsame Wölfe: Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter, S. 24.

Die letzten fünf Jahre vor seiner Tat verbrachte Atchison die meiste Zeit online, wiederholt Postings mit Gewaltdrohungen, aber auch Hilferufe schreibend. Auf rechtsextremen Webseiten wie beispielsweise The Daily Stormer war er mit Benutzernamen wie „Adam Lanza“ oder „Future Mass Shooter“ anzutreffen. Auf der Spieleplattform Steam schrieb Atchison beispielsweise im Kritik-Abschnitt zum Computerspiel „Wolfenstein“: „Ich finde dieses Spiel widerlich, weil es Massenmord gegen die eigene Rasse darbietet.“ In einem anderen Review schrieb er einfach „RIP Hitler“. Auf der offiziellen Webseite des Spiels Blockland hatte sich Atchison über vierzig Benutzernamen zugelegt. Fast alle waren rassistisch oder gewalttätig angelegt, zu seinen Benutzernamen zählten neben „School Shooter“ und „Future Mass Shooter“ Pseudonyme wie „Omar Mateen“, „Adam Lanza“, „Elliot Rodger“, „Anders Breivik“ u. a.

Trotz seines Trollens auf vielen Internetseiten bewegte sich Atchison auch mit einer aufrichtigen Suche nach jemandem, der seine Hilferufe hören würde, auf Webseiten wie beispielsweise LiveJournal. Drei Jahre vor seinen Schüssen an der Aztec High School schrieb er beispielsweise: „Es tut mir leid, wenn ich unhöflich und hasserfüllt bin, aber ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe fast 19 Jahre kein Leben gelebt, davon die meisten im elenden Sun Belt. Wusstet Ihr, dass New Mexico die vierthöchste Selbstmordrate hat?“ Weiter schrieb er: „Soll ich aus dieser Müllkippe fliehen oder mich damit arrangieren? Wie kann ich höflich werden und Freunde auf dieser Welt finden?“Brandy Zadrozny, Ben Collins: New Mexico School Shooter Had Secret Life on Pro-Trump White-Supremacy Sites. In: The Daily Beast. 15. Dezember 2017.Beatrice Dupuy: White Man Behind School Shooting Was Obsessed With Trump and Hitler. In: Newsweek. 15. Dezember 2017.

Verbindung zum Täter des Anschlags in München 2016