Die Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik e. V. (DSS) wurde im Jahr 1990 als wissenschaftlicher, ideeller Verein von Sozial-, Technik- und Militärwissenschaftlern der Militärakademie „Friedrich Engels“ in Dresden gegründet, und wirkte als parteipolitisch und weltanschaulich unabhängiges, wissenschaftliches Institut der Friedensforschung.Mitteilung (im Dezember 1990) über die Gründung der Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS). In: Entmilitarisierung der Sicherheit. DSS-Arbeitspapiere, Heft 100, Dresden 2010, ISSN 1436-6010. S. 244–247.
Mit der wissenschaftlichen und publizistischen Tätigkeit war das Ziel beabsichtigt, erkenntnisfördernd, wissens- und meinungsbildend zu wirken im Sinne einer Außen- und Sicherheitspolitik, die gemäß der UN-Charta einen Frieden ohne Anwendung oder Androhung militärischer Gewalt ermöglicht.(slub.qucosa.de)
Aufgabe der Studiengemeinschaft Die Studiengemeinschaft betrachtete es als ihre Aufgabe, Forschungsergebnisse auf sicherheitspolitischem und theoretischem Gebiet, vor allem aus dem letzten Jahrzehnt der Existenz der DDR und der Militärakademie, zu bewahren und weiter nutzbar zu machen; Forschungspotenzial der Vereinsmitglieder zu erhalten und zu fördern, indem die institutionelle, materiell-redaktionelle und personell-kommunikative Basis gemeinschaftlich gesichert wurde; Beiträge zur Forschung und Bildung auf sicherheitspolitischem Gebiet zu leisten; durch die Erarbeitung und Publizierung von sicherheitspolitischen Analysen und Konzeptionen meinungsbildend und politikberatend tätig zu werden; die wissenschaftliche Kommunikation und den Meinungsstreit auf sicherheitspolitischem Gebiet durch Beratungen, Publikationen und andere Initiativen zu fördern.
Geschichte der Studiengemeinschaft Vorgeschichte Seit Anfang der 1980er Jahre erfuhr das militärtheoretische Denken in der DDR in seinen methodologischen und weltanschaulichen Grundlagen eine fundamentale Umwälzung. Sie gründete sich auf Einsichten, dass eine militärische Systemauseinandersetzung zur Vernichtung der Menschheit führt und dieser Krieg kein Mittel der Politik mehr sein kann.
An der Militärakademie „Friedrich Engels“ in Dresden wuchs, beginnend im Lehrstuhl Philosophie, schrittweise neues sicherheitspolitisches Denken über Krieg, Frieden und Streitkräfte. Das ging von der Annahme aus, dass infolge der übersteigerten Waffenwirkungen ein „großer“ Krieg keine politischen Ziele mehr durchsetzen könne; er bedeute im Nuklearzeitalter das Ende der Politik.
Ausgehend vom Spannungsverhältnis zwischen Friedensmotivation und Kriegführungsfähigkeit ergab sich die Notwendigkeit, in den Gegenstand der Forschung an der Militärakademie auch den Frieden, ebenso wie den Krieg, aufzunehmen. So hielt nach und nach die Friedensforschung – mit Ideen zur Wesensveränderung des Krieges im Atomzeitalter, zum Frieden als höchstem Wert für das Überleben der Menschheit – Einzug in die militärakademische Tätigkeit. Durch Vorschläge zur kooperativen und entmilitarisierten Sicherheit erreichte die militärakademische Friedensforschung 1989/90 in der Staatskrise und in der Militärreform Einfluss in Staat und Gesellschaft.Philosophisches Denken über Krieg und Frieden – Umwälzende Einsichten an der Militär-akademie und ihr Fortwirken in der Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik e. V. Beiträge zum Kolloquium am 13. Sept. 2005. In: DSS-Arbeitspapiere, Nr. 76, Dresden 2005, ISSN 1436-6010. 85 S.
Der im Februar 1987 im Format Professorengespräche gestartete interdisziplinäre Gesprächskreis von Professoren, Mitgliedern der Akademieführung und Gästen von außerhalb widmete sich der offenen wissenschaftlichen Diskussion zu nahezu allen Fragen der Sicherheitspolitik, ohne bindende Vorgaben.
Die Protagonisten des Neuen Denkens an der Militärakademie wurden zu gefragten Partnern des Wissenschaftlichen Rates für Friedensforschung (WRFF) an der Akademie der Wissenschaften der DDR, der im Oktober 1987 gegründet wurde. In dieses Gremium wurde von der Militärakademie Dresden Generalmajor Rolf Lehmann berufen.
Wissenschaftler der Militärakademie in Uniform waren während Manöverbeobachtungen, internationalen Konferenzen, wissenschaftlichen Tagungen am deutsch-deutschen Dialog von Soldaten beteiligt.
Ab dem Spätherbst 1989 waren in die Erarbeitung der Militärpolitischen Leitsätze der DDR mehrere Wissenschaftler der Akademie führend einbezogen. Im Februar 1990 bildeten sie den Kern im nichtstrukturmäßigen Interdisziplinären Wissenschaftsbereich Sicherheit (IWBS) der Militärakademie, der zunächst mit 24 Offizieren die Arbeit aufnahm, mit der Perspektive der Institutsgründung. Konsequent wissenschaftliches Herangehen an alle Fragen der sich permanent verändernden innen- und außenpolitischen Entwicklung, mit Untersuchung aller denkbaren – auch unerwünschter – Varianten fand Niederschlag in den Arbeitspapieren des IWBS, die ab Anfang Mai 1990 erschienen.
Im Juli/August 1990 war die Existenz einer eigenständigen DDR illusorisch geworden. Arbeitskontakte zwischen Ost und West, gewachsen im Ringen um gewaltfreie Zukunftslösungen, wurden zunehmend abgebaut. Mit dem Beschluss der Volkskammer der DDR über den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland bereits am 3. Oktober 1990 schien für die Militärakademie, den IWBS und für deren Wissenschaftler im nicht mehr geteilten Deutschland so gut wie nichts Bestand zu haben. Ende September 1990 wollten, sollten oder mussten auf Veranlassung der Noch-DDR-Regierung die meisten IWBS-Wissenschaftler das Dienstverhältnis beenden. Die materielle, institutionelle und personelle Basis des IWBS war somit verloren gegangen. Bis Jahresende 1990 wurden alle übrigen Wissenschaftler der Militärakademie entlassen.
Unter diesen Rahmenbedingungen war eigenständiger Erhalt der bestehenden interdisziplinären Arbeitsfähigkeit der interessierten Wissenschaftler des IWBS in einem wissenschaftlichen Folgeinstitut eine gewagte und mutige Entscheidung, die jedoch nur über einen eingetragenen Verein auf Basis des Bürgerlichen Gesetzbuches noch im September 1990 vorbereitet werden konnte.
Gründung und Status der Studiengemeinschaft mini|DSS e. V. Gründungsurkunde 1990 (Auszug, mit amtl. Vermerk, 1991).
Die Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) e. V. wurde: am 16. Oktober 1990 errichtet, von 33 Gründungsmitgliedern, in Dresden; am 4. Februar 1991 auf Antrag des Gründungsvorstands eingetragen, unter VR 877 in das Vereinsregister beim Kreisgericht Dresden; am 21. Februar 1991 amtlich bekanntgemacht, in der Sächsischen Zeitung, Dresden. Gemeinnützigkeit vom Finanzamt Dresden II zuerkannt. Die Satzung bestimmte, dass die DSS als wissenschaftlicher (ideeller) Verein ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke verfolgt.
Die Satzung erläutert die Herkunft der Studiengemeinschaft in Absatz 3: „Die DSS e. V. knüpft in ihrer Tätigkeit an die wissenschaftliche Tätigkeit von Sozialwissenschaftlern, Militärwissenschaftlern und Technikwissenschaftlern an, die diese im Rahmen des IWBS der Militärakademie `Friedrich Engels` bis zu deren Auflösung leisteten.“
Die Studiengemeinschaft war Sponsor für den Trägerkreis „Atomwaffen abschaffen“ beim IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.; International Physicians for the Prevention of Nuclear War).Veranstaltungsreihen. In: DSS-Arbeitspapiere, Heft 50, Dresden 2001, ISSN 1436-6010. S. 84.Dresdner Friedenssymposien. In: DSS-Arbeitspapiere, Heft 100, Dresden 2010, ISSN 1436-6010. S. 184.
Mitgliedschaft und Leitung der DSS Die Vereinsmitgliedschaft in diesem Institutsunikat ehemaliger Wissenschaftler als Verein verlangte von natürlichen Personen den Befähigungsnachweis zur wissenschaftlichen Arbeit auf sicherheitspolitischem Gebiet. Gründungsmitglieder (Okt. 1990): 33 Wissenschaftler der ehem. Militärakademie Dresden. Mitgliederentwicklung: 39 (1991), 26 (1996), 22 (2001), 25 (2006), 27 (2011), 23 (2016).Die Mitglieder der Studiengemeinschaft. In: DSS e. V. (Hrsg.): Für Entmilitarisierung der Sicherheit. In: DSS-Arbeitspapiere, Nr. 100, Dresden 2010, ISSN 1436-6010. S. 147–149. Abruf am 15. Sept. 2022. sowie In: DSS-Arbeitspapiere, Nr. 115, Dresden 2015, ISSN 1436-6010. Anlage 1, S. 149–162. Abruf am 15. Sept. 2022 Die DSS-Gründungsmitglieder aus der Militärakademie Dresden erhielten in der Folgezeit eine Ergänzung aus anderen Wissenschaftsdisziplinen und -standorten sowie durch eine Praktikantin der Technischen Universität Dresden.Mitglieder der DSS e. V. (seit …) wirkten vordem in folgenden Einrichtungen: (1991) Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw), Hamburg; (1997) Technische Universität Dresden; (2001) Militärpolitische Hochschule (MPHS), Berlin-Grünau; (2003, 2009) Militärgeschichtliches Institut (MGI)/Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA), Potsdam; (2003) Kommando der Volksmarine (Kdo. VM), Rostock; (2004) Führung des Militärbezirkes (MB V), Neubrandenburg; (2006) Offiziershochschule (OHS) LSK/LV, Kamenz; (2006) Hochschule für Verkehrswesen, Dresden; (2008) Offiziershochschule der Grenztruppen der DDR, Suhl; (2009) Jusitiar, Dresden.
Die Mitgliederversammlung tagte einmal jährlich im Dezember und ohne Gäste. Der Vorstand wurde von ihr für die Dauer von zwei Jahren gewählt. Der Vorstand wählte aus seinen Reihen den Vorsitzenden, dessen zwei Stellvertreter und den Schatzmeister. Vorstandsvorsitz: Rolf Lehmann (1990–2005), Wolfgang Scheler (ab 2005); Schatzmeister: Werner Scholz (1990–1992), Eberhardt Sturm (ab 1992) Eberhard Haueis (1997–2017). Die Mitgliederversammlung wählte zwei bis drei Finanzrevisoren, die einmal jährlich über die Buch- und Kassenprüfung berichteten (im Dezember) sowie zusätzlich nach dem Kolloquium 2009 und zum Abschluss der Vereinstätigkeit und der Liquidation.
Hauptgegenstand der DSS-Studien und Öffentlichkeitsarbeit Im Zentrum der kritischen Auseinandersetzung standen folgende Gegenstände: die Militarisierung der Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands und der Europäischen Union (EU); die Neuausrichtung der Bundeswehr auf Kampfeinsätze; die neuen Weltordnungskriege der USA und der NATO; das Kriegsgeschehen in bedeutenden Krisenregionen.
Einen wichtigen Studienbereich bildete: die Analyse und Bewertung der Sicherheits- und Verteidigungspolitik Russlands sowie die Übersetzungstätigkeit für sicherheits- und militärpolitische Originaldokumente aus dem Russischen, um ein fachwissenschaftlich adäquates, deutschsprachiges Lese- und Studienmaterial bereitzustellen.
Immer wieder aufgegriffener Gegenstand von Studien war die Theorie über Frieden, Krieg und Streitkräfte. Sie wurde als Erkenntnismittel für das Verstehen der sicherheitspolitischen Probleme in der Weltlage fruchtbar gemacht.
Eine Reihe von Studien sind veröffentlicht worden zur historisch-kritischen Analyse und Bewertung des sicherheitspolitischen Denkens in der DDR und seines Umbruchs, vornehmlich an der Militärakademie der Nationalen Volksarmee.
Die Studien der DSS e. V. waren stets mit Aktivitäten in der Friedensbewegung verbunden, z. B.: Gestaltung des jährlichen Dresdner Friedenssymposiums; Moderation des jährlichen Podiums zum Weltfriedenstag; Gestaltung und Organisation des Dresdner Symposiums Globale Friedensordnung; Gestaltung des wissenschaftlichen Kolloquiums in den Jahren 2005 und 2009. Im Fazit der 25-jährigen wissenschaftlichen Vereinstätigkeit wurde die Ausweitung bzw. eine Vertiefung philosophischer Erkenntnisse über Krieg – Frieden – Streitkräfte und deren Publikation festgestellt.
Abschluss der DSS-Vereinstätigkeit, wissenschaftlicher DSS-Nachlass Zeitgleich mit dem 25-jährigen Jubiläum der DSS e. V. hat die Vollversammlung des Vereins am 29. Oktober 2015 den Beschluss über die Auflösung und die Liquidation des eingetragenen Vereins gefasst.