hochkant=1.4|mini|Christus predigt (Rembrandt). Bonhoeffer hängte im Predigerseminar Finkenwalde wechselnde Rembrandt-Radierungen auf, um die Kursinhalte zu unterstützen|alternativtext=

Nachfolge ist der Titel eines Buches, das Dietrich Bonhoeffer als Direktor des Predigerseminars Finkenwalde schrieb. Es ist in den Jahren 1935–1937 aus den Kursen in Finkenwalde entstanden. Als das Seminar im September 1937 von der Geheimen Staatspolizei geschlossen wurde, war Bonhoeffers Manuskript bereits fertig und befand sich beim Chr. Kaiser Verlag. Zum Advent 1937 lag das Buch gedruckt vor. Es handelte sich um das letzte und umfangreichste zu Lebzeiten abgeschlossene größere Werk Bonhoeffers.

Laut dem Theologen Peter Zimmerling thematisiert das Buch die beiden Pfeiler, auf denen Bonhoeffers persönlicher Christusglaube ruhte:

die neue Sicht der Bibel als „Liebesbrief Gottes“ (eine auf Sören Kierkegaard zurückgehende und auch von Bonhoeffer selbst gebrauchte Wendung) und die Kompromisslosigkeit eines Lebens nach der Bergpredigt in der Nachfolge Christi.

Entstehung Das Thema der Nachfolge hatte sich Bonhoeffer laut Eberhard Bethge bereits vor 1933 erarbeitet. Wesentliche Anregungen hatte Bonhoeffer in seiner Zeit in der Abyssinian Baptist Church in Harlem (New York City, USA) erhalten. So soll der Begriff der „billigen Gnade“, der eine so wichtige Rolle in Bonhoeffers Buch spielt (siehe unten), ursprünglich auf den dortigen Pastor Adam Clayton Powell sr. (1865–1953) zurückgehen. Der erste Text, der als Vorläufer für eine Passage des Buches Nachfolge gelten kann, ist eine Andacht über , die Bonhoeffer für seine Londoner Gemeinde zu Neujahr 1934 schrieb. Er hielt danach mehrere Predigten zu Texten der Bergpredigt, die aber nicht erhalten sind.

Nach Bethges Erinnerungen hatte Bonhoeffers erster Finkenwalder Kurs über die Nachfolge 1935 einen anderen Aufbau als das spätere Buch. Er begann mit einer Betrachtung der biblischen Jüngerberufungen (Der Ruf in die Nachfolge), woran sich Die Nachfolge und das Kreuz anschloss, Die Nachfolge und der Einzelne und die ausführliche Auslegung der Bergpredigt. Der gesamte zweite Teil des Buches mit seiner relativ lockeren Abfolge der Kapitel war eine überarbeitete Fassung der neutestamentlichen Hauptvorlesungen, die Bonhoeffer im zweiten bis fünften Finkenwalder Kurs hielt. Manuskripte Bonhoeffers zur Nachfolge existieren nicht mehr.

Inhalt Martin Honecker fasst den Grundgedanken der Nachfolge so zusammen: Nachfolge ist Bindung an Jesus Christus unter Absehung von jeder Programmatik. Der Autor versuche, daraus Maßstäbe für das Tun des Gerechten abzuleiten. Bonhoeffer lasse es aber in der Schwebe, ob die Nachfolge Gesinnung oder Verhalten präge, außerdem, ob sie das Individuum oder die Gemeinde binde.

Erster Teil Die teure Gnade Bonhoeffer beginnt mit einer scharfen Kritik an der evangelischen Kirche seiner Zeit und bezichtigt sie eines groben Fehlverständnisses der lutherischen Rechtfertigungslehre. Sie missbrauche sie nämlich, um „billige Gnade“ anzubieten, Gnade als „Schleuderware“ ohne Bedingungen und ohne Kosten für den Begnadigten, mithin „Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders“, für den nach seiner Begnadigung alles beim Alten bleiben könne, anstatt dass eine Trennung von der Sünde stattfände. Konkret prangert er an: „Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus“.

In Wirklichkeit aber sei die Gnade teuer, weil sie in die Nachfolge Christi rufe: „Teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi (Kursivsetzung im Original) ruft.“ Mit der Ausbreitung des Christentums und der Verweltlichung der Kirche sei die Erkenntnis der teuren Gnade allmählich verloren gegangen. Lediglich das Mönchtum habe am Rande der Kirche die Erkenntnis wachgehalten, dass die Gnade teuer ist. Die mittelalterliche Kirche habe das Mönchtum ertragen, aber es zugleich als Sonderweg für wenige verstanden. Das Mönchtum wiederum habe – neben inhaltlichen Missverständnissen des Willens Jesu – den entscheidenden Fehler begangen, für seine Sonderleistung eine besondere Verdienstlichkeit in Anspruch zu nehmen.

„Luthers Weg aus dem Kloster zurück in die Welt bedeutete den schärfsten Angriff, der seit dem Urchristentum auf die Welt geführt worden war […] Der Christ war der Welt auf den Leib gerückt. Es war Nahkampf.“ Aber durch eine leichte Akzentverschiebung sei im Luthertum aus Luthers radikalem Weg eine Kirche der billigen Gnade geworden: „Man kann die Tat Luthers nicht verhängnisvoller mißverstehen als mit der Meinung, Luther habe mit der Entdeckung des Evangeliums der reinen Gnade einen Dispens für den Gehorsam gegen das Gebot Jesu in der Welt proklamiert.“ Weiter führt Bonhoeffer aus: „Teuer war die Gnade, weil sie nicht dispensierte vom Werk, sondern den Ruf in die Nachfolge unendlich verschärfte. [...] Wenn Luther von der Gnade sprach, so meinte er sein eigenes Leben immer mit, das durch die Gnade erst in den vollen Gehorsam Christi gestellt worden war.“ Luther habe, wenn er von „Gnade allein“ sprach, immer selbstverständlich zugleich an die Nachfolge Christi gedacht. Indem seine Schüler das Letztere weggelassen hätten, hätten sie für „das Ende und die Vernichtung der Reformation als der Offenbarung der teuren Gnade Gottes auf Erden“ gesorgt.

Auf diese Weise seien viele Einzelne, die Jesus nachfolgen wollten und konkrete Schritte gehen wollten, entmutigt worden. Diese Christen werden von Bonhoeffer als Leser seines Buches angesprochen.

Der Ruf in die Nachfolge Bonhoeffer interpretiert die Jüngerberufungen in den Evangelien: Nachfolge heiße Bindung an Jesus, nicht an ein Programm und auch nichts, wofür es sich nach menschlicher Meinung lohnen würde, etwas oder gar sich selbst einzusetzen. Nachfolge, so Bonhoeffer, ist ein Heraustreten aus der bisherigen Existenz im strengen Wortsinn. Um dies zu illustrieren, führt Bonhoeffer eine ganze Reihe von antithetischen Sätzen an, etwa: „Aus den relativen Sicherungen des Lebens heraus in die völlige Unsicherheit (d. h. in Wahrheit in die absolute Sicherheit und Geborgenheit der Gemeinschaft Jesu); aus dem Übersehbaren und Berechenbaren (d. h. dem in Wahrheit ganz Unberechenbaren) in das gänzlich Unübersehbare, Zufällige (d. h. in Wahrheit in das einzig Notwendige und Berechenbare); aus dem Bereich der endlichen Möglichkeiten (d. h. in Wahrheit der unendlichen Möglichkeiten) in den Bereich der unendlichen Möglichkeiten (d. h. in Wahrheit in die einzig befreiende Wirklichkeit) ist der Jünger geworfen.“

Eine allgemeine religiöse Erkenntnis von der Gnade oder Sündenvergebung mache Nachfolge nicht notwendig, sondern stehe ihr vielmehr feindlich gegenüber, konstatiert Bonhoeffer. Doch sei ein Christentum ohne Nachfolge immer ein Christentum ohne Jesus Christus – lediglich eine Idee, ein Mythos. Gottvertrauen allein sei nicht Nachfolge.

Zur Nachfolge, so macht Bonhoeffer anhand der Evangelienbotschaft deutlich, sind einige Voraussetzungen notwendig: Sie ist eine bedingungslose Reaktion auf den Ruf Jesu, der auch dem Gesetz übergeordnet ist; hingegen ist sie nicht ein selbstgewähltes Lebensprogramm, kein Angebot eines Menschen an Jesus.

Außerdem sei es notwendig, konkrete Schritte des Gehorsams zu tun, durch die eine neue Situation geschaffen werde. Erst dadurch sei auch Glaube möglich – und umgekehrt: „Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.“ Was die Reihenfolge anbetrifft, bezieht Bonhoeffer klar Stellung: „Erst muß der Schritt des Gehorsams getan sein, ehe geglaubt werden kann. Der Ungehorsame kann nicht glauben.“ Er fährt fort: „Du beklagst dich darüber, daß du nicht glauben kannst? Es darf sich keiner wundern, wenn er nicht zum Glauben kommt, solange er sich an irgendeiner Stelle in wissentlichem Ungehorsam dem Gebot Jesu widersetzt oder entzieht. Du willst irgendeine sündige Leidenschaft, eine Feindschaft, eine Hoffnung, deine Lebenspläne, deine Vernunft nicht dem Gebot Jesu unterwerfen? Wundere dich nicht, daß du den heiligen Geist nicht empfängst, daß du nicht beten kannst, daß dein Gebet um den Glauben leer bleibt!“ (Bethge zieht von der Betonung der ersten Schritte die Linie zu Bonhoeffers späterer Unterscheidung von Vorletztem und Letztem in der Ethik.)

Der einfältige Gehorsam Bonhoeffer analysiert nun, wie das Luthertum (im Gegensatz zu Luther selbst; s. o.), in der Absicht, eine „Gesetzlichkeit“ zu vermeiden, die Menschen von konkreten Schritte der Nachfolge entmutige. Alle Aufforderungen der Bibel würden so abgebogen, dass daraus für das eigene Verhalten überhaupt nichts folge. Er karikiert dies am Beispiel eines „pseudotheologisch dressierten“ Kindes, das ins Bett gehen soll und folgende Überlegungen anstellt: „Der Vater sagt: Geh ins Bett. Er meint, du bist müde; er will nicht, daß ich müde bin. Ich kann über meine Müdigkeit auch hinwegkommen, indem ich spielen gehe. Also, der Vater sagt zwar: Geh ins Bett!, er meint aber eigentlich: Geh spielen.“

Die Eliminierung des einfältigen Gehorsams aber mache aus der teuren Gnade des Rufes Jesu die billige Gnade der Selbstrechtfertigung. Gesetzlichkeit werde allein überwunden durch wirklichen Gehorsam gegen Jesus.

Die Nachfolge und das Kreuz Bonhoeffer arbeitet heraus, dass Nachfolge Christi notwendigerweise beinhaltet, sich selbst zu verleugnen und „sein Kreuz auf sich zu nehmen“ (vgl. Luk. 9,23). Somit bedeutet die Bindung an Jesus Leiden – kein zufälliges, sondern notwendiges Leiden. Allerdings geht es hier keinesfalls um Selbstzermarterung, wohl aber ein Verworfenwerden um Christi willen. Dieses „Kreuz“ solle ein Christ aber nicht aktiv suchen, sondern es liege in jeder Biographie bereit. Bei einigen könne dies bis zum Martyrium führen, wobei dieses – so Bonhoeffer – ein Gnadengeschenk Gottes sei, für alle aber gehe es um dasselbe Kreuz, das zu tragen sei.

Zum Tragen des Kreuzes zählt auch das Ertragen der Last des (geistlichen) Bruders, wozu nicht nur „dessen äußeres Geschick, dessen Art und Veranlagung, sondern im eigentlichsten Sinne seine Sünde“ zähle, die man in der Kraft des Kreuzes Christi vergeben solle.

Hinsichtlich dessen, was das Kreuz für jeden einzelnen bedeutet, verweist Bonhoeffer auf Luther und zitiert ihn mit den Worten: „Siehe, das ist der Weg des Kreuzes, den kannst du nicht finden, sondern ich muß dich führen als einen Blinden; [...] ich selbst will dich unterweisen durch meinen Geist und Wort den Weg, da du inne wandeln sollst.“

Die Nachfolge und der Einzelne Nachfolge impliziert nach Bonhoeffer auch den Bruch mit allen „Unmittelbarkeiten“. Menschen seien voneinander durch unüberwindliche Distanz getrennt; darum würden die Jünger in den Evangelien aufgerufen, alles zu verlassen. Nachfolge könne sich „im Bruch mit Familie oder Volk“ vollziehen, und aus den vielen nachfolgenden Einzelnen entstehe dann eine neue Gemeinschaft, die Gemeinde. (Bethge bemerkt hier eine kritische Spitze gegen Massenbewegungen.)

Die Bergpredigt Die Auslegung der Bergpredigt nimmt vom Umfang her etwa ein Drittel des Werks ein. Bonhoeffer deutet die Bergpredigt christologisch, womit er sich in die lutherische Auslegungstradition stellt, wenn er auch nicht so sehr wie diese das Unvermögen des Menschen betont.

Die Seligpreisungen gelten nach Bonhoeffer den Jüngern, d. h. den Nachfolgenden, und reißen eine Kluft zwischen ihnen und dem zuhörenden Volk auf. „Die Welt phantasiert von Fortschritt, Kraft, Zukunft“, aber die Nachfolger Christi könnten dabei nicht mitmachen. Zwangsläufig zögen sie Aggressionen auf sich. „Es ist wichtig, daß Jesus seine Jünger auch dort selig preist, wo sie nicht unmittelbar um des Bekenntnisses zu seinem Namen willen, sondern um einer gerechten Sache willen leiden.“