Die Marchetti-Konstante ist eine in den Verkehrswissenschaften diskutierte empirische Regelmäßigkeit, nach der Menschen über größere Bevölkerungsgruppen hinweg im Mittel ungefähr eine Stunde pro Tag für ihre räumliche Mobilität aufwenden. Sie geht auf Untersuchungen des Verkehrsanalytikers Yacov Zahavi zurück und wurde 1994 von dem italienischen Physiker und Systemanalytiker Cesare Marchetti in seinem Aufsatz Anthropological Invariants in Travel Behavior aufgegriffen.

In der späteren Fachliteratur wird die Marchetti-Konstante teilweise enger auf den täglichen Arbeitsweg zwischen Wohnung und Arbeitsplatz bezogen, also auf Hin- und Rückweg. Davon zu unterscheiden ist das weiter gefasste Reisezeitbudget (englisch travel-time budget), das sämtliche täglichen Wege umfasst, etwa auch zum Einkaufen oder zu Freizeitaktivitäten.

Entstehung Zahavi untersuchte in den 1970er Jahren die Zeit, die Menschen täglich für Ortsveränderungen aufwenden. In einer Studie von 1974 prüfte er anhand verschiedener Städte die Annahme eines relativ stabilen täglichen Reisezeitbudgets. Spätere Auswertungen fassten Zahavis Ergebnis für Stadtbewohner mit etwa 1,1 Stunden täglicher Reisezeit zusammen.

Marchetti griff diese Beobachtung 1994 auf und deutete sie als langfristige Regelmäßigkeit menschlichen Mobilitätsverhaltens. Als Beispiel verwies er auf historische Siedlungsformen: Bei einer Gehgeschwindigkeit von ungefähr fünf Kilometern pro Stunde lässt sich in einer halben Stunde eine Entfernung von rund 2,5 Kilometern zurücklegen. Dies entspreche ungefähr dem Radius vieler historischer, vorwiegend durch Fußverkehr erschlossener Siedlungen.

Bedeutung für Stadtentwicklung und Verkehr Mit schnelleren Verkehrsmitteln vergrößert sich nach dieser Vorstellung vor allem die innerhalb eines bestimmten Zeitraums erreichbare Entfernung. Wohnort, Arbeitsplatz und andere Ziele können dadurch weiter auseinanderliegen, ohne dass die dafür aufgewendete Reisezeit im gleichen Maß zunimmt. Das Konzept wird daher im Zusammenhang mit Erreichbarkeit, Stadtentwicklung und Zersiedelung diskutiert.

Auswertungen internationaler Verkehrserhebungen zeigen, dass zunehmende Reisegeschwindigkeiten mit größeren Entfernungen insbesondere zwischen Wohn- und Arbeitsort einhergehen können. Eine verbesserte Verkehrsinfrastruktur muss daher nicht ausschließlich zu einer dauerhaften Verkürzung der Reisezeiten führen, sondern kann auch längere oder zusätzliche Wege ermöglichen. Dieser Zusammenhang berührt auch die induzierte Nachfrage im Verkehr.

Pendelzeiten in Europa Für die engere, auf den Arbeitsweg bezogene Verwendung der Marchetti-Konstante bieten europäische Pendeldaten einen Vergleich. Nach einer Erhebung von Eurostat betrug die durchschnittliche Pendelzeit von Erwerbstätigen in der EU 2019 für den einfachen Weg von der Wohnung zur Arbeitsstätte 25 Minuten. Umwege wurden dabei nicht berücksichtigt. In Deutschland lag der Durchschnitt bei 26 Minuten.

+ Durchschnittliche einfache Pendelzeit zur Arbeit 2019 Gebiet Durchschnittliche Pendelzeitin Minuten Europäische Union 25 Deutschland 26 Lettland 33 Zypern 19

Lettland wies damit unter den EU-Mitgliedstaaten den höchsten, Zypern den niedrigsten Durchschnittswert auf.

Neuere Daten des Mikrozensus zeigen für Deutschland eine ähnliche Größenordnung der Arbeitswege: 2024 benötigten 69,8 Prozent der Berufstätigen weniger als 30 Minuten bis zum Arbeitsplatz. 22,7 Prozent waren länger als 30 Minuten, aber weniger als eine Stunde unterwegs; 5,7 Prozent benötigten länger als eine Stunde.

Kritik Die Bezeichnung „Konstante“ ist nicht im Sinn einer mathematischen oder physikalischen Konstante zu verstehen. Andreas Schafer stellte bei der Auswertung von rund 30 Verkehrserhebungen aus mehr als zehn Ländern fest, dass Reisezeitbudgets nur auf stark aggregierter Ebene vergleichsweise stabil sind. Bei Arbeitswegen zeigte sich in den untersuchten Ländern sogar ein leichter Anstieg der mittleren Pendelzeit, weil größere Entfernungen nicht vollständig durch höhere Reisegeschwindigkeiten ausgeglichen wurden.

Patricia Mokhtarian und Cynthia Chen werteten 2004 mehr als zwei Dutzend Studien zu Reisezeitbudgets aus. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die täglich für Verkehr aufgewendete Zeit außer möglicherweise auf sehr hoher Aggregationsebene nicht konstant ist. Unterschiede bestehen unter anderem in Abhängigkeit von Einkommen, Geschlecht, Erwerbstätigkeit, Autobesitz und räumlichen Gegebenheiten.

Auch eine Untersuchung von GPS-Daten aus 24 italienischen Städten fand deutliche Unterschiede der täglichen Reisezeitbudgets zwischen Städten und verschiedenen Gruppen von Verkehrsteilnehmern. Die Vorstellung einer universell festen täglichen Reisezeit gilt daher als zu vereinfachend.

Literatur

Einzelnachweise

Kategorie:Verkehrswissenschaft Kategorie:Verkehrsplanung