Khlui (thailändisch , ), auch klui, ist eine längs geblasene Kernspaltflöte aus Bambus in Thailand, der in Kambodscha die khloy (Khmer ) und in Laos die khui entsprechen. Die in hauptsächlich drei Größen angefertigte thailändische khlui wird solistisch zur eigenen Unterhaltung, in den Streicherensembles mahori (dem kambodschanischen mohori vergleichbar) und khrüang sai sowie im piphat verwendet, falls dieses klassische Orchester für zeremonielle Aufführungen im Freien in geschlossenen Räumen auftritt. In Kambodscha wird die khloy meist in einer Standardgröße für ähnliche Musikstile verwendet.

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Chinesische Tonfigur eines Musikers mit der Längsflöte hsiao aus der Han-Dynastie (207 v. Chr. – 220 n. Chr.). Von Indien über Südasien bis Ostasien und in den Pazifischen Ozean werden Längs- und Querflöten überwiegend aus Bambus hergestellt. Flöten ohne Grifflöcher (Eintonflöten) gehören in Neuguinea zur ältesten Schicht der Altsteinzeit, die weltweit verbreitet ist. Flöten mit Grifflöchern sind für die Musik Neuguineas seit der dortigen Jungsteinzeit überliefert. Aus einer sehr alten Kulturschicht stammen lange grifflochlose Bambusquerflöten, die in Melanesien fast immer für zeremonielle Zwecke verwendet werden. Weiter Richtung Osten nehmen in der Südsee Zahl und Formenvielfalt der Musikinstrumente ab.Paul Collaer: Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 1: Ozeanien. Herausgegeben von Heinrich Besseler, Max Schneider. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1965, S. 32, 39, 170. Die Universität der Philippinen besitzt eine Sammlung von mehreren Dutzend Bambusflötentypen der zahlreichen philippinischen Volksgruppen.José Maceda: In Search of a Source of Pentatonic Hemitonic and Anhemitonic Scales in Southeast Asia. In: Acta Musicologica. Band 62, Fasc. 2/3, Mai–Dezember 1990, S. 192–223, hier S. 196. Bambus dient darüber hinaus in der gesamten Region zur Herstellung weiterer von alters her bekannter Musikinstrumente, etwa von Schlaginstrumenten, die geschichtlich den südostasiatischen Gongs vorausgehen (Klappern, Schlaggabeln, Schlitztrommeln), Panflöten, Maultrommeln (genggong) und Röhrenzithern (guntang, kolitong).

In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten geriet Südostasien unter indischen Kultureinfluss, von dem in Kambodscha die buddhistischen und hinduistischen Tempel des Khmer-Reiches mit der Hauptstadt Angkor und in Thailand die Relikte der buddhistischen Kultur von Dvaravati zeugen. Während an mittelalterlichen Tempeln in Indien häufig Querflöten abgebildet sind, vornehmlich als Attribut Krishnas (in Sanskritquellen murali, vamsha oder kuzhal), fehlen diese auf den Tempelreliefs von Angkor, die ansonsten mehrere aus Indien stammende Musikinstrumente zeigen.Roger Blench: Musical instruments of South Asian origin depicted on the reliefs at Angkor, Cambodia. EURASEAA, Bougon, 26. September 2006, S. 1–7, hier S. 6. Dafür sind am Angkor Wat (12. Jahrhundert, Nordgalerie, Ostflügel) drei schreitende Musiker dargestellt, die wie Längsflöten aussehende Blasinstrumente spielen.Martin Knust: Urged to Interdisciplinary Approaches: The Iconography of Music on the Reliefs of Angkor Wat. In: Music in Art. Band 35, Nr. 1/2 (Rethinking Music in Art: New Directions in MusicIconography) Frühjahr–Herbst 2010, S. 37–52, hier S. 47. Immerhin finden sich am Borobudur auf Java (Anfang 9. Jahrhundert) neben indischen Bogenharfen und unterschiedlichen Lauteninstrumenten Darstellungen von Querflöten.Jaap Kunst: Music in Java. Its History, its Theory and its Technique. (2. Auflage 1949) 3. Auflage herausgegeben von Ernst L. Heins. Band 1. Martinus Nijhoff, Den Haag 1973, S. 107. Ob der Musiker eines Ensembles, das auf einem Borobudur-Relief rechts neben einem sitzenden Buddha mit drei Trompeten und einer Sanduhrtrommel agiert, eine Längsflöte oder ein Rohrblattinstrument spielt, ist nicht erkennbar.Hans Oesch: Außereuropäische Musik. Teil 2 (Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 9) Laaber, Laaber 1987, S. 18. Im gesamten Malaiischen Archipel sind heute suling genannte Bambuslängsflöten am weitesten verbreitet. Diese gehören auf Java und Bali ebenso wie die burmesische palwei zum speziellen Typus der Außenkernspaltflöten (Bandflöten), die eventuell mit den Doppelquerflöten im Pazifik und in Indien (surpava) in Verbindung stehen.Vgl. Kunz Dittmer: Zur Entstehung der Kern-Spaltflöte. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 75, 1950, S. 83–89.

Die Flöten des südostasiatischen Festlandes gehen hingegen auf chinesische Vorläufer zurück. Abgesehen von wesentlich älteren, erhaltenen Knochenflöten (chinesisch gudi) sind längsgeblasene Bambusflöten mit einer Kerbe am oberen Rand seit der Han-Dynastie (207 v. Chr. – 220 n. Chr.) bekannt. Im alten China hießen sie bis in die Tang-Dynastie (617–907) hsiao, worunter möglicherweise zu einer gewissen Zeit auch fingerlochlose, gebündelte Flöten (Panflöten) verstanden wurden.Laurence Picken: T’ang Music and Musical Instruments. In: T’oung Pao, Second Series. Band 55, Nr. 1/3, 1969, S. 74–122, hier S. 117. Weitere alte Flötennamen sind di, guan und chiba. Der heutige Name xiao existiert seit dem 12. Jahrhundert und steht hauptsächlich für eine rund 50 Zentimeter lange Bambusflöte mit dem Grundton d1, fünf Fingerlöchern, einem Daumenloch und mindestens zwei seitlichen Löchern am unteren Ende, sowie für mehrere regionale Typen, darunter im Gebiet Jiangnan eine 75 Zentimeter lange Flöte mit einer U-förmigen Kerbe am durch einen Wachstumsknoten geschlossenen oberen Ende.Alan R. Trasher: Xiao. In: Grove Music Online. 2001.

mini|Taiwanesische Bambusflöte xiao mit einer Kerbe in der Anblaskante. Von den chinesischen Längsflöten mit einer Randkerbe sind in Ostasien die koreanische tungso, deren Namen eine Übertragung von xiao darstellt, und die japanische shakuhachi abgeleitet. Viele Hokkien-Sprecher (Hoklo), die überwiegend in der südchinesischen Küstenprovinz Fujian leben und sich in der Vergangenheit als tüchtige Seefahrer hervortaten, sind nach Taiwan ausgewandert, wo sie rund 70 Prozent der Bevölkerung stellen, ferner auf die Philippinen und in andere Länder Südostasiens und auf pazifische Inseln. Dorthin brachten sie den südchinesischen klassischen Stil der Gesangs- und Instrumentalmusik nanguan und die zu diesem gehörenden altüberlieferten Instrumente wie die birnenförmige Schalenhalslaute pipa und die Längsflöte xiao mit.Alan R. Trasher: China, People’s Republic of. I. Introduction: historical, regional and study perspectives. 1. Han Chinese regions and genres. (v) The south-east coast. In: Grove Music Online. 31. Januar 2014. Ein anderes Zupfinstrument mit chinesischen Wurzeln ist die Mondlaute yueqin, deren Form mit einem runden Korpus und einem schlanken Hals nach Japan und über Vietnam bis nach Thailand (krajappi) und Kambodscha (chapey dang veng) gelangte.

Querflöten sind in der zeitgenössischen chinesischen Quelle Buch der Lieder seit der Zhou-Dynastie (11. – 3. Jahrhundert v. Chr.) belegt.Andreas Meyer: Flöteninstrumente in den Kulturen. In: András Adorjan, Lenz Meierott (Hrsg.): Lexikon der Flöte. Flöteninstrumente und ihre Baugeschichte – Spielpraxis – Komponisten und ihre Werke – Interpreten. Laaber, Laaber 2009, S. 287–295, hier S. 289. Die während der Ming-Dynastie (1368–1644) entwickelte und heute gebräuchliche Querflöte dizi (oder di) ist etwa 60 Zentimeter lang und hat sechs Fingerlöcher, zwei seitliche Löcher am unteren Ende und ein weiteres Loch oberhalb des ersten Fingerlochs, über das eine dünne Haut von Bambus oder Schilfrohr als Mirliton geklebt ist und beim Spielen ein summendes Geräusch erzeugt.Frederick Lau: Instruments: Dizi and Xiao. In: Robert Provine (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Volume 7: East Asia: China, Japan, and Korea. Routledge, New York / London 2001, S. 183. Weitere Bambusquerflöten sind die 70 bis 80 Zentimeter lange koreanische daegeum (aus dae, „groß“, und gum, „Blasinstrument“), die bis auf die größere Länge der dizi gleicht, und die japanische nōkan (aus nō und kan, „Pfeife“,also „Pfeife des Nō-Theaters“) mit sieben Grifflöchern und mehreren ineinandergesteckten Teilen.

Eine von den chinesischen Querflöten bekannte Membran zwischen Mundstück und erstem Fingerloch besitzt auch die 25 Zentimeter lange burmesische Bambuslängsflöte palwei. Die Membran besteht in diesem Fall aus einer Zwiebelschale. Die Blasluft wird über ein Loch in der Außenwand an einem inneren Wachstumsknoten umgelenkt, wobei nach dem Prinzip der indonesischen Bandflöten ein Stück Filmstreifen, der über dem Loch festgebunden ist, die Luft in die Röhre zurückleitet.John Okell: Palwei. In: Grove Music Online. 28. Mai 2015.

Bei der thailändischen Laute krajappi und ihrer kambodschanischen Entsprechung chapey dang veng, deren Form von chinesischen Vorbildern abgeleitet ist, hat der Instrumentenname einen indischen Ursprung. Einige weitere Bezeichnungen von Musikinstrumenten sind von Sanskrit ins Alt-Khmer übergegangen, das in der vorangkorianischen und angkorianischen Periode (nach 802 n. Chr.) gesprochen wurde, etwa die Wörter vina und kinnara für bestimmte Saiteninstrumente, die im 9./10. Jahrhundert in Tempelinschriften vorkommen. In einer Alt-Khmer-Inschrift aus dem 10. Jahrhundert werden kluy für „Flöte“, kinnara (kinnari vina) für eine Stabzither und chko (unbekanntes Instrument) als eine Opfergabe erwähnt.Saveros Pou: Music and Dance in Ancient Cambodia as Evidenced by Old Khmer Epigraphy. In: East and West. Band 47, Nr. 1/4, Dezember 1997, S. 229–248, hier S. 235f. Welcher Flötentyp mit kluy gemeint war, ist unklar. Alt-Khmer kluy wird für das moderne Khmer meist mit khloy (oder khloi) transkribiert. Das vielleicht lautmalerische, den Klang der Flöte nachahmende Khmer-WortDavid Morton, 1976, S. 77. wurde ins Thailändische (khlui) und ins Laotische (khui) übernommen.

Während des von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts im nördlichen Zentralthailand bestehenden Königreichs Sukhothai, unter dem die Thai erstmals zu einem Reich vereint waren, erschufen die Thai nicht nur das thailändische Alphabet aus der Khmer-Schrift, sondern übernahmen auch musikalische und andere kulturelle Elemente von den Khmer und den Mon. Auf der Steleninschrift des Königs Ramkhamhaeng von 1292 findet sich neben der Regierungserklärung des Königs auch ein Hinweis auf die thailändische Musik, zu der Saiteninstrumente, Bambusflöten, Trommeln und Gesang gehörten.David Morton, 1976, S. 3.

Einige Europäer, die sich im 17. Jahrhundert in Siam aufhielten, erwähnen „Flöten“. Zu ihnen gehören die Handelsreisenden François Caron (um 1600–1673) und Joost Schouten († 1644) in ihrem gemeinsamen Werk A True Description of the Mighty Kingdoms of Japan and Siam (1663), der französische Schriftsteller François-Timoléon de Choisy (1644–1724) in seinem Reisebericht Journal du voyage de Siam fait en 1685 et 1686 (1687) sowie die französischen Missionare Nicolas Gervaise (1662–1729) in Histoire naturelle et politique du Royaume de Siam (1688) und Guy Tachard (1651–1712) in Voyage de Siam des Pères Jésuites (1686). Wenn ein König (auf einem Elefanten sitzend) über Land reiste, ging eine Musikgruppe vor ihm her, um die Bevölkerung vor seiner Ankunft zu warnen. Die Untertanen durften ihrem König nicht ins Gesicht blicken, sondern mussten sich vor ihm niederwerfen. Ein Reisender namens Glanius berichtete 1682, dass entlang des Weges nichts anderes zu hören gewesen sei, als „Pfeifen, Trommeln, Flöten und andere Instrumente, die einigermaßen harmonisch klangen.“W. Glanius: A New Voyage to the East-Indies containing an account of several of those rich countries, and more particularly of the kingdom of Bantam. H. Rhodes, London 1682, S. 112.