S-300P (, NATO-Codename SA-10 Grumble und SA-20 Gargoyle) ist ein Langstrecken-Boden-Luft-Lenkwaffensystem, das in der Sowjetunion entwickelt wurde und heute unter anderem von den russischen Streitkräften verwendet wird. Es handelt sich um eine Variante des S-300-Flugabwehrraketensystems. Das System S-300P ist nicht mit dem System S-300W (NATO-Codename: SA-12A Gladiator, SA-12B Giant) zu verwechseln.
Entwicklung Der Ursprung der Entwicklung der S-300P basiert auf einer Studie vom MKB Strela (später Almas) aus dem Jahr 1966. Ziel dieser Studie war die Entwicklung eines gemeinsamen Boden-Luft-Lenkwaffensystems für die verschiedenen Teilstreitkräfte der Sowjetunion. Das projektierte System S-500U sollte sowohl bei den Luftverteidigungsstreitkräften als auch den Luftverteidigungstruppen der Bodenstreitkräfte und der Marine zum Einsatz kommen.Michal Fiszer: Name of the Roses: Russia’s “joint” S-300 air defense system turned out to be nothing of the sort. Military Microwaves 2016, S. 30–35. Während der Entwicklung der S-500U sahen sich die Entwickler mit weit auseinanderklaffenden Bedürfnissen konfrontiert und die im Pflichtenheft aufgeführten Anforderungen konnten nur schwer in einem einheitlichen Flugabwehrsystem realisiert werden.S. M. Ganin, A. W. Karpenko: Das Boden-Luft-Lenkwaffensystem S-300. 2001 Schließlich wurde das Projekt S-500U im Jahr 1967 von Dmitri Ustinow gestoppt und für beendet erklärt. Daraufhin ließen die verschiedenen Teilstreitkräfte je ein auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Flugabwehrsystem entwickeln. Das für die Luftverteidigungsstreitkräfte bestimmte System bekam die Bezeichnung S-300P, das für die Luftverteidigungstruppen der Bodenstreitkräfte S-300W und das für die Marine S-300F. Die Entwicklung der S-300P im Konstruktionsbüro Almas begann 1967. Das neue System sollte Anfang der 1980er-Jahre die Systeme S-25 (SA-1 Guild) und später S-75 (SA-2 Guideline) und S-125 (SA-3 Goa) ersetzen.Michal Fiszer: Moscow’s Air-Defense Network Part I–III. Journal of electronic Defense, 29. November 2004. Anhaltende Probleme bei der Entwicklung der verschiedenen Komponenten, insbesondere der Phased-Array-Radarsysteme führten zu großen Verzögerungen.Bernd Bidermann, Jürgen Gebbert, Wolfgang Kerner: Der Fla-Raketenkomplex S-300PMU in der NVA. 2012 Schließlich wurden die ersten S-300PT-Systeme 1979 an die sowjetischen Luftverteidigungsstreitkräfte (PWO) ausgeliefert. Im Jahr 1981 war die S-300PT schließlich operationell. Danach wurde das System stetig weiterentwickelt und modernisiert. Die mobile Ausführung S-300PS war 1985 einsatzbereit. Weiter folgte 1989 die verbesserte Ausführung S-300PM, welche als Übergangslösung bis zur Einführung der modernisierten S-300PM-1 entwickelt wurde. Im Jahr 1992 wurde die Version S-300PM-1 eingeführt. Dies ist eine tiefgreifend modernisierte Ausführung der S-300PS mit neuer Systemarchitektur sowie neuen Such- und Bekämpfungsalgorithmen.Steven J. Zaloga: Grumble – Guardian of the Skies, Part I und II. Jane’s Intelligence Review, 1997 Weiter kommt auch ein neuer Lenkwaffentyp zum Einsatz. Die finale Ausführung S-300PM-2 wurde 1995 vorgestellt und wurde unter der Bezeichnung S-300PMU-2 Favorit-S primär für den Exportmarkt entwickelt. Als weitere Entwicklungsstufe ist das S-400-System anzusehen, welches auf den Komponenten der S-300PM-2 beruht.Sean O’Connor: The S-300P/S-400. I&A Volume 1, Number 3, IMINT & Analysis, April 2011. Das Nachfolgesystem der S-300P ist die S-350.
Technik Das S-300P dient zur Bekämpfung von Kampfflugzeugen und Marschflugkörpern in allen Höhen. Es kann mobil eingesetzt werden und ist allwetterfähig. Ab der Ausführung S-300PS können auch ballistische Raketen abgefangen werden. Weiter kann die S-300P auch gegen stationäre Bodenziele eingesetzt werden. Dabei soll mit der 5W55K-Lenkwaffe eine Schussdistanz von rund 120 km erzielt werden.
Primär existieren drei unterschiedliche Ausführungen des S-300P-Systems: Die auf einem Anhängersystem installierte Ausführung S-300PT sowie die selbstfahrende Ausführung S-300PS, installiert auf Lastkraftwagen. Die spätere Ausführung S-300PM basiert wiederum auf einem Anhängersystem. Bei allen Ausführungen sind sämtliche Systemkomponenten schnell verlegbar und straßenmobil. Das S-300P-System besteht im Groben aus den folgenden Komponenten: Einem Feuerleitradar, einem Überwachungsradar, einem Feuerleitstand, den Lenkwaffenstartern sowie weiteren Komponenten für den autonomen oder verbundenen Einsatz.Michal Fiszer & Jerzy Gruszczynski: Castles in the Sky – The rise, fall, and rebirth of Russia’s integrated air-defense network. Journal of electronic Defense, 27. Januar 2003.
Radare Feuerleitradar mini|76N6-Radar (links) 30N6-Radar (rechts) Das Feuerleitradar der Ausführung S-300PT trägt die Bezeichnung 5N63 und hat den NATO-Codenamen Flap Lid-A. Das der Ausführung S-300PS wird 5N63S bezeichnet und hat den NATO-Codenamen Flap Lid-B. Weiter trägt es die Exportbezeichnung 30N6. Die Ausführung S-300PM verwendet das Feuerleitradar vom Typ 30N6-1 (NATO-Codenamen Tombstone). Bei den Ausführungen S-300PM-1/2 kommt das verbesserte 36N85-Feuerleitradar zum Einsatz (NATO-Codenamen Tombstone). Alle Feuerleitradar-Typen verwenden Phased-Array-Antennen mit einer Fläche von etwa 2,75 m² und sind mit rund 16.000 Phasenschiebern bestückt. Die Antennen funktionieren nach dem Prinzip der passiven, frequenzgesteuerten Phased-Array-Antennen (PESA). Während das 5N63-Feuerleitradar mit einer Frequenz von 3 bis 8 GHz arbeitet, kommt bei dem 5N63S-Feuerleitradar ein Frequenzbereich von 2 bis 3 GHz zur Anwendung. Das 30N6-1-Feuerleitradar der S-300PM arbeitet in einem Frequenzbereich von rund 3 GHz. Beim 36N85-Feuerleitradar der S-300PM-1/-2 kommt ein Frequenzbereich von 2 bis 3 GHz zur Anwendung. Die Feuerleitradare verfügen über eine Freund-Feind-Erkennung (IFF) und haben eine Reichweite von 100 bis 300 km (je nach Version).Duncan Lenox: Jane’s Strategic Weapon Systems, Edition 2001. 2001. S. 302–305. Zur besseren Erfassung von tieffliegenden Zielen kann das Radar auf den 15 m hohen 40W6-Antennenmast aufgesetzt werden.
Überwachungsradar mini|64N6-Überwachungsradar Im verbundenen Einsatz kommt bei der Ausführung S-300PT das Überwachungsradar 5N64K zum Einsatz. Dieses trägt den NATO-Codenamen Big Bird-A. Bei der Ausführung S-300PS wird dieses Radar als 5N64 bezeichnet (NATO-Codenamen Big Bird-B). Ab der S-300PM kommt das modifizierte Überwachungsradar vom Typ 64N6 zum Einsatz. Dieses wird von der NATO als Big Bird-C/D bezeichnet. Alle Überwachungsradar-Typen verwenden doppelseitige Phased-Array-Antennen mit einem Hornstrahler. Die Antennenfläche hat rund 3.500 Phasenschieber pro Seite und ist rund 30 % größer als die des AN/SPY-1-Multifunktionsradars auf den Kreuzern der Ticonderoga-Klasse. Auch die Antenne dieser Überwachungsradare funktionieren nach dem Prinzip der passiven, frequenzgesteuerten Phased Array Antennen (PESA). Die Überwachungsradare arbeiten in einem Frequenzbereich von 2 bis 6 GHz. Das Radarsystem verfügt über eine Freund-Feind-Erkennung (IFF) und weist eine Reichweite von über 300 km auf. Ein Flugziel mit einem Radarquerschnitt von 0,4 m² kann auf eine Distanz von 127 km geortet werden. Das Radar kann gleichzeitig 300 Ziele detektieren und 100 davon begleiten. Die Überwachungsradare kommen auf Regimentsebene in Zusammenarbeit mit einem zentralen Feuerleitstand zum Einsatz.
Wird das S-300P-System autonom als einzelne Batterie eingesetzt, wird das Überwachungsradar 5N59 (ST-68M) eingesetzt, das den NATO-Codenamen Tin Shield trägt. Modernere Ausführungen dieses Radars werden als 36D6 und ST-68UM bezeichnet. Das ST-68-Radar arbeitet in einem Frequenzbereich von 2 bis 7 GHz und hat je nach Ausführung eine Reichweite von 70 bis 150 km. Zur besseren Erfassung von tieffliegenden Zielen kann das Radar auf den 15 m hohen 40W6-Antennenmast aufgesetzt werden. Bei der Ausführung S-300PM-2 kommt im autonomen Einsatz das 96L6-Radar (NATO-Codenamen Cheese Board) zum Einsatz. Dieses ist ein Allwetter-3D-Überwachungs- und Zielverfolgungsradar und hat eine Erfassungsreichweite von 5 bis 300 km. Es kann zeitgleich bis zu 100 Ziele mit einer Geschwindigkeit zwischen 30 und 2800 m/s begleiten und arbeitet mit Wellenlängen im Zentimeterbereich, in einem Frequenzbereich von 4 bis 6 GHz. Das Radar ist auf einem MZKT-7930-LKW installiert. Auch dieses Radar kann auf den 40W6M- oder 40W6MD-Antennenmast aufgesetzt werden.
Tieffliegerradar Zur Erfassung und Verfolgung von tieffliegenden Zielen wie Marschflugkörper kommt mit der S-300P das 5N66-Radar (76N6) zur Anwendung. Dieses trägt den NATO-Codenamen Clam Shell. Eine modernere Ausführungen dieses Radars wird als 76N6M bezeichnet. Das 76N6-Radar ist ein frequenzmodulierendes Dauerstrichradar (Frequency-Modulated Continuous Wave = FMCW). Die Radarantenne ist entweder auf dem 23,80 m hohem 40W6M-Antennenmast oder auf dem 38,80 m hohen 40W6M2-Antennenmast montiert. Das 5N66-Radar arbeiten in einem Frequenzbereich von 3,5 bis 4 GHz und hat eine Reichweite von über 120 km. Bei der Ausführung S-300PM-2 wird zur Tieffliegererfassung das 96L6-Radar (NATO-Codenamen Cheese Board) verwendet (siehe oben).
Feuerleitstand Mit dem S-300P-System kommt auf Stufe Regiment ein zentraler Feuerleitstand zum Einsatz. Bei der S-300PT wird dieser als 5N83 / 5K56 bezeichnet. Bei der Ausführung S-300PS trägt er die Bezeichnung 5N83S / 5K56S. Ab den späteren Ausführungen S-300PM/PM-1/PM-2 wird der Feuerleitstand 83M6 / 54K6 bezeichnet. Der Feuerleitstand ist direkt an das Überwachungs- und Zielverfolgungsradar angebunden. Aus dem Feuerleitstand führen die Bediener den Feuerkampf, wobei sie auch Anweisungen von einem übergeordneten Gefechtsstand erhalten können. In Zusammenarbeit mit dem Überwachungs- und Zielverfolgungsradar können zeitgleich 300 Flugziele detektiert und von diesen 100 begleitet werden. Von diesen können wiederum 36 Ziele an die Batterien (sechs pro Batterie) zur Bekämpfung weitergegeben werden. Der Feuerleitstand kann die Feuerkampfführung von sechs S-300P-Batterien koordinieren. So kann ein S-300P-Regiment mit sechs Batterien zeitgleich 72 Lenkwaffen gegen 36 Luftziele zum Einsatz bringen. Der Feuerleitstand verfügt über umfangreiche Kommunikationseinrichtungen, die es dem Kampfführungspersonal erlauben, mit verschiedenen Aufklärungs- und Führungssystemen zu kommunizieren. Der Feuerleitstand führt folgende Aktionen aus: Kontrolle und Überwachung der Radare der Batterie Akquisition, Identifikation, Verfolgung der Luftziele Freund-Feind-Erkennung (IFF) Prioritätszuweisung der einzelnen Luftziele und die Weitergabe der gefährlichsten an die Feuerleitradare der Batterie Kontrolle und Koordination der elektronischen Gegenmaßnahmen Koordination der Batterie im autonomen oder verbundenen Einsatz Datenaustausch mit benachbarten Einheiten sowie der übergeordneten Stufe
Lenkwaffenstarter mini|Startfahrzeug S-300PMU-2 Favorit auf Basis eines KrAZ-6446