Olympias von Epirus (; * um 375 v. Chr. in Epirus; † 316 v. Chr. in Pydna) war eine Prinzessin aus dem Stamm der Molosser. Sie war eine Tochter des Königs Neoptolemos I. von Epirus.Diodor 19,51,5; Iustinus 7,6,10; 17,3,14 Ihr jüngerer Bruder war der spätere König Alexandros I. und ihre Schwester hieß Troas. Um 357 v. Chr. heiratete sie den makedonischen König Philipp II. und wurde die Mutter Alexanders des Großen.

Quellen Die Hauptquellen für Olympias sind die Geschichtswerke der antiken Historiker Diodor und Iustinus sowie die Alexander-Vita Plutarchs. Die Angaben über Olympias’ Leben bis zum Tod ihres Sohnes Alexander sind relativ spärlich und bisweilen sehr widersprüchlich. Häufig liegen nur anekdotenhaft-belanglose und zweifelhafte Berichte über sie vor, die nahe am Alexanderroman angesiedelt sind. Erst ab dem Beginn der Diadochenzeit setzt eine zuverlässigere Geschichtsschreibung mit dem Werk des Hieronymus von Kardia ein, das insbesondere in den vollständig erhaltenen Büchern 18 bis 20 der Weltgeschichte Diodors greifbar ist.H. Strasburger: RE. XVIII, 1, Sp. 179.

Leben Jugend und Ehe mit Philipp II. Das molossische Königshaus von Epirus leitete seine Abstammung von dem mythischen Helden Achilleus her. Mütterlicherseits beanspruchte Olympias eine Aszendenz von der schönen Helena.Theopompos, Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrH) 115 F355

Als Geburtsnamen der Olympias werden Polyxena, Myrtale und Stratonike angegeben; den Namen Olympias erhielt sie erst kurz nach ihrer Heirat mit Philipp II. (s. u.).Plutarch, moralia 401a; Iustinus 9,7,13 Da ihr Vater früh starb, wuchs sie unter der Vormundschaft ihres Onkels und Schwagers, des Königs Arybbas, auf, der seinem Bruder Neoptolemos auf den Thron gefolgt war.Plutarch, Alexander 2,2; Pyrrhus 1,5; Iustinus 7,6,11

Gemäß der romantischen Liebesgeschichte des griechischen Biographen Plutarch lernte Olympias Philipp schon als Kind anlässlich der Einweihung in die Mysterien auf der Insel Samothrake kennen. Philipp sei selbst noch ein Jüngling gewesen; er habe sich sofort in sie verliebt und mit der Einwilligung ihres Onkels geheiratet.Plutarch, Alexander 2,2; vgl. Curtius Rufus 8,1,26 Historisch zuverlässiger ist die Darstellung des Historikers Iustinus, laut der Philipp nach seinen ersten erfolgreichen Kriegen um 357 v. Chr. aus politischen Gründen diese (seine fünfte) Ehe einging, um das Bündnis zwischen Makedonien und Epirus zu besiegeln.Iustinus 7,6,10ff.; Satyros von Kallatis bei C. Müller: Fragmenta Historicorum Graecorum (FHG). III 161, Fragment 5 = Athenaios 13,557b–c

Olympias wird als eine leidenschaftliche, stolze, herrschsüchtige und im Hass zu grausamsten Taten fähige Frau beschrieben. Religiös exaltiert war sie eine begeisterte Anhängerin des Dionysos-Kultes und trat bei den orgiastischen Feiern zu Ehren des Gottes schon in ihrer Heimat Epirus als Tänzerin und Bacchantin auf. Laut Plutarch nahmen bei diesen Kulthandlungen auch gezähmte Schlangen teil, die berührt werden sollten und sich um die efeubekränzten Mänaden wanden. Archäologische Ausgrabungen in Dodona bestätigten den Schlangenkult der dortigen antiken Bewohner, und in Pella fanden sich Anzeichen, dass die Frauen Dionysos verehrten. Olympias hielt sich auch eine eigene Kultschlange. Ihr Gatte schien über ihre religiösen Gebarungen befremdet gewesen zu sein.Plutarch, Alexander 2,6–9; Duris, FGrH 76 F 52 = Athenaios 13,560f; dazu S. Lauffer, 1993, S. 22f. und Robin Lane Fox: Alexander der Große. dt. Stuttgart 2004, S. 44f.

Aus Olympias’ Ehe mit Philipp gingen zwei Kinder hervor: Wohl im Juli 356 v. Chr. kam der Thronfolger Alexander zur Welt und ein oder zwei Jahre später eine Tochter namens Kleopatra. Gemäß einem Brauch griechischer Geschichtsschreibung, die gerne mit tatsächlichen oder konstruierten Synchronismen operierte, soll die Nachricht von der Geburt Alexanders dessen Vater am Tag seines Sieges bei den Olympischen Spielen erreicht haben, weshalb die Mutter zur Erinnerung an diesen Tag den Namen Olympias annahm.Plutarch, Alexander 3,8 und moralia 401b; Iustinus 12,16,6 Alexander setzte später nach seinem Besuch im Tempel von Siwa (Ägypten) die Legende in die Welt, dass ihn seine Mutter von dem Gott Zeus/Amun empfangen habe.Plutarch, Alexander 3,3–4 Olympias spielte bei der Erziehung ihres Sohnes eine bedeutende Rolle und dürfte ihn etwa in seinen religiösen Anschauungen mitgeprägt haben. Zeitlebens herrschte eine sehr enge Mutter-Sohn-Bindung. Dass Olympias auch direkten politischen Einfluss ausüben konnte, lässt sich nicht belegen.

Die Ehe verlief alles andere als harmonisch, da die selbstbewusste und stolze Olympias die offene Polygamie ihres Mannes ablehnte. Es ist unklar, ob Olympias seine einzige legitime Gattin war. Im Zuge seiner Expansionspolitik heiratete Philipp mehrere Frauen königlichen Geblüts, die jeweils aus denjenigen Ländern stammten, die der Makedonenherrscher politisch an sich binden wollte. Dies traf auch auf Olympias zu. Vielleicht gab es im makedonischen Königsrecht eine Art legitimer Polygamie.S. Lauffer, 1993, S. 21f. und 35.

Als Philipp 337 v. Chr. die junge Kleopatra, die Nichte des makedonischen Adligen und Feldherrn Attalos, ehelichte, kam es zum Bruch mit Olympias. Anlässlich der Hochzeitsfeier brach ein heftiger Streit zwischen Alexander und seinem betrunkenen Vater aus, nachdem Attalos provokant die Rechtmäßigkeit der Thronfolge Alexanders bestritten hatte, da dieser der Sohn einer Epirotin – also Ausländerin – sei, während die Makedonin Kleopatra ihrem Gemahl einen echtbürtigen Sohn gebären könne. Olympias ging daraufhin mit ihrem Sohn nach Epirus ins Exil. Dort blieb sie auch, nachdem sich ihr Sohn bald zumindest äußerlich mit dem Vater versöhnte, und suchte ihren Bruder, König Alexandros I. von Epirus, zum Krieg gegen ihren Gatten anzustacheln.Satyros von Kallatis, FHG III S. 161, Fragment 5 = Athenaios 13,557d–e; Plutarch, Alexander 9,6–14; Iustinus 9,7,3–7; dazu S. Lauffer, 1993, S. 35f.

Während der Vorbereitungen zu seinem Feldzug gegen Persien bestimmte Philipp die Ehe seiner Tochter Kleopatra mit ihrem Onkel, Olympias’ Bruder Alexandros I. von Epirus. Dadurch wollte er sich wohl der Loyalität des Epirotenkönigs versichern, um ungestört seinen Feldzug durchführen zu können. Bei den Hochzeitsfeierlichkeiten 336 v. Chr. in Aigai wurde Philipp von einem Makedonen namens Pausanias ermordet. Schon in der Antike lasteten manche Autoren Olympias die Anstiftung des Mordes an ihrem Ehemann an. Ihr Motiv wäre wohl in Übung von Rache und der Sicherung der Thronfolge ihres Sohnes zu suchen. Iustinus und Plutarch erwähnen diese Beschuldigung, nicht jedoch Alexanders berühmter Lehrer Aristoteles sowie der ausführliche Bericht Diodors über das Attentat. Olympias zeigte zumindest Freude über die Bluttat, da sie rasch nach Makedonien zurückkehrte und dem getöteten Mörder einen Grabhügel errichtete sowie öffentliche Totenopfer ausrichtete. Die Meinung der modernen Forschung über Olympias’ mögliche Mitwirkung am Mord ist gespalten. Es wurde auch gemutmaßt, dass Alexander selbst in das Attentat verwickelt gewesen sein könnte. Doch die meisten Historiker halten – wenn überhaupt – dann eher eine Beteiligung der Olympias als die ihres Sohnes am Königsmord für wahrscheinlich. Ob bzw. welche Mitwisser Pausanias hatte, lässt sich heutzutage nicht mehr sicher klären.Aristoteles, Politik 5,10,1311b; Diodor 16,92ff.; Iustinus 9,6f.; Plutarch, Alexander 10,6; dazu S. Lauffer, 1993, S. 36f.

Nach Philipps Tod sicherte sich Alexander durch rücksichtslose Beseitigung aller Konkurrenten den Thron. Zugleich ließ er den von Philipp mit der Führung der Vorhut des Persienfeldzuges nach Kleinasien entsandten Attalos ermorden. Damit konnte er unbestritten die Nachfolge als König antreten.Diodor 17,2 u. a. Olympias wiederum ließ in Abwesenheit Alexanders ihre Rivalin Kleopatra und deren kleine Tochter Europa ermorden.Iustinus 9,7,12; Pausanias 8,7,7

Jahre während des Königtums Alexanders des Großen Als Alexander der Große 334 v. Chr. von Pella aus zu seinem Perserfeldzug aufbrach, soll er von seiner Mutter bis zum Hellespont begleitet worden sein.Plutarch, Alexander 3,3 (der Eratosthenes als Quelle angibt); Iulius Valerius 1,47 Trotz ihres Einsatzes wurde Olympias von ihrem Sohn nicht als Regentin Makedoniens eingesetzt. Während der Abwesenheit Alexanders in Asien sollte der alte Feldherr Antipater das Land mit weitgehenden Vollmachten als „Stratege von Europa“ verwalten.Arrian, Anabasis 1,11,3; Curtius Rufus 4,1,39; Iustinus 11,7,1 Antipater pflegte ein feindseliges Verhältnis zu Olympias. Deren Beschwerden über Antipater fielen bei Alexander auf keinen fruchtbaren Boden. Stattdessen riet er seiner Mutter, sich nicht zu sehr in die Politik einzumischen.Plutarch, Alexander 39,12; Arrian, Anabasis 7,12,6f.; Diodor 17,118,1; Iustinus 12,14,3 Dennoch blieb das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn trotz der großen geographischen Entfernung sehr gut. So übersandte Alexander ihr etwa nach der Schlacht am Granikos (334 v. Chr.) Purpurgewänder und andere erbeutete Gegenstände.Plutarch, Alexander 16,19 Auch andere vom Makedonenkönig an Olympias geschickte Präsente sowie ihre gegenseitige Korrespondenz belegen ihr gutes Einvernehmen. Allerdings ist die Echtheit mancher überlieferter Briefe umstritten.Plutarch, Alexander 25,6; 39,12f.; Diodor 17,32,1; Arrian, Anabasis 6,1,4f.; Athenaios 14,659f. Nach seiner Orakelbefragung im Ammontempel der Oase Siwa (Ägypten) schrieb Alexander angeblich seiner Mutter, dass er durch den Gott geheime Sprüche erfahren habe, die er nach seiner Rückkehr ausschließlich mit ihr besprechen werde.Plutarch, Alexander 27,8, dazu W. Huß, 2001, S. 71 und S. Lauffer, 1993, S. 89.

Wegen immer größerer Spannungen mit Antipater ging Olympias um 331 v. Chr. erneut in das Exil nach Epirus, wo ihre Tochter Kleopatra regierte, während deren Gatte Alexandros von Epirus in Italien kämpfte.Diodor 18,49,4; Pausanias 1,11,3 Beide Frauen konspirierten gegen Antipater und beschuldigten ihn bei Alexander dem Großen verschiedenster Vergehen. Kleopatras Gemahl wurde inzwischen bei seinen militärischen Unternehmungen in Unteritalien 331 v. Chr. ermordet. Sein Leichnam wurde seiner Witwe Kleopatra und seiner Schwester Olympias nach Epirus zugeschickt.Livius 8,24,17 Olympias verdrängte ihre Tochter aus der Herrschaft über Epirus, so dass Kleopatra um 325 v. Chr. nach Makedonien auswich. Vielleicht zeigten die zahlreichen Klagen der Olympias über Antipater doch noch Wirkung, denn sie könnten eine der Ursachen für die 324 v. Chr. von Alexander befohlene Abberufung Antipaters als Regent Makedoniens gewesen sein, der durch Krateros ersetzt werden sollte.S. Lauffer, 1993, S. 176.

Olympias’ Rolle während der Diadochenkriege Nachdem Alexander unerwartet 323 v. Chr. in Babylon gestorben war, konnte Olympias in den nun folgenden Machtkämpfen der Diadochen zunächst keine Rolle spielen. Sie blieb auf Epirus beschränkt und hatte keinerlei Einfluss in Makedonien, da dort Antipater unumschränkt bis zu seinem Tod herrschte. Während des ersten Diadochenkrieges (321 v. Chr.) versuchte Olympias wohl ihre Position durch ein Bündnis mit dem Reichsregenten Perdikkas zu verbessern, denn wahrscheinlich bot Kleopatra ihre Hand dem Perdikkas auf Veranlassung ihrer Mutter Olympias an.So Arrian, FGrH 156 F 9 21; ähnlich Iustinus 13,6,4; von Diodor 18,23 wird aber Olympias’ (angebliche) Beteiligung am Heiratsangebot Kleopatras übergangen. Aber Perdikkas wurde 320 v. Chr. beim Versuch, Ägypten zu erobern, am Nil ermordet, und Antipater wurde der neue Regent des Alexanderreichs. So musste Olympias bis zum Tod des betagten, 80-jährigen Antipater im Jahr 319 v. Chr. warten, ehe sie wieder politisch mitmischen konnte.