mini|hochkant|Marie-Dominique Philippe im Alter von 93 Jahren Marie-Dominique Philippe, mit bürgerlichem Namen Henri Anne Marie Joseph PhilippeÉtienne Fouilloux: Philippe Marie-Dominique, Philippe Henri Anne Marie Joseph à l’état civil, Philippe Marie-Dominique en religion, Dictionnaire biographique des frères prêcheurs, Website journals.openedition.org (25. März 2019, französisch, abgerufen am 11. August 2025), (* 8. September 1912 in Cysoing bei Lille, Département Nord; † 26. August 2006 in Saint-Jodard, Département Loire) war ein französischer Dominikaner, Philosoph, Theologe und 1975 Gründer der Gemeinschaft vom heiligen Johannes (französisch Communauté Saint Jean).
Marie-Dominique Philippe war der Bruder von Thomas Philippe (1905–1993), der ebenfalls wegen weitreichenden sexuellen Missbrauchs bekannt wurde. Beide Brüder gehörten einem Netzwerk an, das Missbrauch ermöglichte und verdeckte. Marie-Dominique Philippe beging über Jahrzehnte sexuellen Missbrauch an Ordensfrauen, indem er seine Rolle als geistlicher Begleiter ausnutzte. Bereits 1957 hatte das Heilige Offizium ihm deshalb die geistliche Begleitung und das Leiten von Exerzitien verboten, ihn jedoch 1959 wieder rehabilitiert. 2013 wurden die Taten erstmals öffentlich bekannt, woraufhin sich die Gemeinschaft vom heiligen Johannes 2019 von ihm distanzierte und eine Kommission beauftragte, deren Bericht 2023 erschien.Vorwürfe wurden durch vieldiskutierte "Arte"-Dokumentation publik. Missbrauch: Ordensgemeinschaft sagt sich vollständig von Gründer los, Website katholisch.de (6. November 2019, abgerufen am 11. August 2025)
Leben Philippe war das achte von zwölf Kindern des Notars Henri Philippe und seiner Frau Elisabeth Dehau. In seinem Elternhaus geboren, wurde er noch am gleichen Tag katholisch getauft. Sein Großvater mütterlicherseits war Félix Dehau (1846–1934). Unter dem Einfluss seines Onkels Thomas Dehau (1870–1956), der Regens im französischen Dominikanerorden war, traten Philippe und drei seiner Brüder in diesen Orden ein.Étienne Pépin, Odile Riffaud: Les frères Philippe, une "tragédie" chez les dominicains, Website rcf.fr (französisch, 31. Januar 2023, modifiziert 29. Oktober 2024, abgerufen am 7. August 2025) Auch sein älterer Bruder Jean Philippe (1905–1993), der bereits 1923 in den Dominikanerorden eingetreten war und den Namen Thomas erhalten hatte, beeinflusste ihn sehr. Sein Bruder Évrard als Réginald und sein Cousin André Bonduelle als André Marie-Madeleine traten 1929 in den gleichen Orden ein.Étienne Fouilloux: Philippe Marie-Dominique, Philippe Henri Anne Marie Joseph à l’état civil, Philippe Marie-Dominique en religion, Dictionnaire biographique des frères prêcheurs, Website journals.openedition.org (25. März 2019, französisch, abgerufen am 11. August 2025) Es folgten ein weiterer Cousin Jourdain Bonduelle als Félix-Charles 1931 und sein Bruder Pierre 1933. Seine Schwester Cécile Philippe wurde ebenfalls Dominikanerin und Priorin des Klosters in Bouvines.Message final de la seconde session du Chapitre général, Website freres-saint-jean.org (Saint Jodard 1. November 2019, französischer Abschlussbericht des 2. Generalkapitels, abgerufen am 11. August 2025)
Philippe besuchte das jesuitische Kollegium Saint-Joseph in Lille, das er 1930 mit dem naturwissenschaftlichen Baccalauréat abschloss. Die Jesuiten hätten ihn gerne in ihren Orden aufgenommen, aber durch den Einfluss von Thomas Dehau wurde er am 11. November 1930 in Amiens als Dominikaner eingekleidet. Er studierte Philosophie von 1931 bis 1934 und Theologie von 1934 bis 1938 an der Ordenshochschule Le Saulchoir im belgischen Kain bei Tournai. Durch Marie-Dominique Chenu, Thomas Deman und seinem Onkel Thomas Dehau wurde er in die Werke von Aristoteles und Thomas von Aquin eingeführt, die fortan sein philosophisches und theologisches Denken prägten. Seine am 2. Juni 1938 angenommene Abschlussarbeit trug den Titel La sagesse selon Aristote (deutsch: Die Weisheit nach Aristoteles).
Bereits am 12. November 1931 legte er in Amiens die zeitliche Profess ab, am 19. März 1935 in Le Saulchoir die ewige Profess. Hier wurde er am 14. Juli 1936 zum Priester geweiht.
Von 1937 bis 1945 war Philippe zuerst Studentenbegleiter, dann Lehrer für Fundamental- und Moraltheologie und Mariologie im Priesterseminar Le Saulchoir, das seit dem 2. September 1939 am neuen Standort Étiolles bei Paris war. Im Zweiten Weltkrieg wurde er nicht sofort in die französische Armee eingezogen, sondern für eine Reformkommission gebraucht und kam im April 1940 ins Camp d’Avord bei Bourges, das später bis nach Toulouse verlegt wurde. Sein Bruder Thomas wurde im Mai 1942 Überwacher und Regens (französisch: visiteur apostolique et régent) von Le Saulchoir. In seiner Doktorarbeit ab 1938 widmete er sich der Geschichte des mittelalterlichen Denkens und nicht der Metaphysik, wie es von ihm eigentlich erwartet wurde. Sie wurde am 17. Juni 1944 unter dem Titel La méthode de la théologie d’après Durand de Saint-Pourçain angenommen.
Von 1945 bis 1950 war er ausserordentlicher Professor für Philosophie und hatte ab 1950 den Lehrstuhl für antike Philosophie und Metaphysik in Freiburg in der Schweiz inne. Zeitgleich begann er mit der Publikation von Fachartikeln über Weisheit und Liebe bei Aristoteles. Von 1951 bis 1962 war er im Winter zudem Professor für Philosophie und Dogmatik in Le Saulchoir, die letzten sechs Jahre unter dem Regens Jérôme Hamer.
Im Jahr 1963 lud ihn Marthe Robin, die er 1948 erstmals kennengelernt hatte, ein, Exerzitien und Einkehrtage in den von ihr gegründeten „Foyers de Charité“ zu halten. 18 Jahre lang leitete er die Exerzitien für Priester in Châteauneuf-de-Galaure (Département Drôme). Robin hatte zudem einen starken Einfluss auf seine geistliche Einsichten und persönliche Entwicklung. Er predigte oft bei Frauenorden der Dominikanerinnen und Karmelitinnen. Am 23. Oktober 1966 wurde er zum Doktor der Theologie promoviert.
1975 hatten fünf Studenten in Freiburg den Ruf, in einer religiösen Gemeinschaft zusammenzuleben, und baten daher Philippe um spirituelle Unterweisung. Ermuntert von Marthe Robin, entstand daraus die „Communauté Saint Jean“ (deutsch: „Gemeinschaft vom heiligen Johannes“ oder „Johannesgemeinschaft“), die nach dem Lieblingsjünger von Jesus benannt wurde. Philippe als Dominikaner trat der Gemeinschaft nie bei und blieb bis 1982 Professor in Freiburg. Danach unterrichtete er Philosophie und Theologie in den Ausbildungshäusern der Johannesgemeinschaft in Rimont bei Fley (gegründet 1982) und St. Jodard. Die durch ihn geprägte Lebensregel gab der Kontemplation Vorrang gegenüber dem Apostolat und dem Studium. Aber auf dem Lehrplan der Brüder spielte seine Sicht der Klarheit des Geistes basierend auf der aristotelisch-thomistischen Philosophie eine wesentliche Rolle. Er versuchte die Weisheiten der Philosophie, Theologie und der Mystik zusammenzuführen und betonte die grosse Bedeutung von Liebe und Freundschaft für die Spiritualität. Von 1986 bis 2001 war er Generalprior der Johannesgemeinschaft, danach folgte ihm Pater Jean-Pierre-Marie Guérin-Boutard in diesem Amt nach. 2003 gab er das Lehren auf, nachdem der Bischof im Jahr 2000 einen Wechsel angemahnt hatte. Er konnte jedoch seine Autorität als Gründerfigur und geistliche Leitungsperson beibehalten.
Seit einem Gehirnschlag am 20. Juli 2006 war Philippe teilweise gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Bei seinem Tod am 26. August 2006 hatte die Johannesgemeinschaft mehr als 500 Brüder, über 400 Schwestern und einige tausend Laien in ihren Reihen. Er wurde am 2. September 2006 in der Kathedrale Saint-Jean von Lyon beerdigt.Étienne Fouilloux: Philippe Marie-Dominique, Philippe Henri Anne Marie Joseph à l’état civil, Philippe Marie-Dominique en religion, Dictionnaire biographique des frères prêcheurs, Website journals.openedition.org (25. März 2019, französisch, abgerufen am 11. August 2025) Seine Anhänger, die Philippe während seines Lebens verehrt hatten, forderten nach seinem Tod seine Seligsprechung.Papst wirft Ordensgemeinschaft «Versklavung von Frauen» vor. Franziskus hat erstmals sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche eingeräumt. Nun gibt er gar an, wo dies stattfand, Website bazonline.ch (6. Februar 2019, abgerufen am 20. August 2025)
Geistlicher Missbrauch, sexuelle Übergriffe und deren Aufdeckung Im Februar 1957 wurde Pater Philippe nach Vorwürfen und einer Untersuchung durch das Heilige Offizium verurteilt, weil seine geistliche Begleitung zu marianisch und affektiv gewesen sei. Ihm wurde verboten, die Beichte abzunehmen, Exerzitien zu leiten und Spiritualität zu lehren. Nur wenige Mitglieder der dominikanischen Generalkurie in Rom und der französische Provinzial erfuhren von dem Urteil. Auf Antrag des Generalsuperiors der Dominikaner wurde er im Juni 1959 von Rom rehabilitiert und erhielt seine vollen priesterlichen Rechte zurück.Étienne Pépin, Odile Riffaud: Les frères Philippe, une "tragédie" chez les dominicains, Website rcf.fr (französisch, 31. Januar 2023, modifiziert 29. Oktober 2024, abgerufen am 7. August 2025) Er wurde jedoch nicht restlos entlastet und ermahnt, ein wahrhaft priesterliches Leben zu führen.Maurice Page, Annalena Müller: Seminar in Freiburg, Sex in Paris: Pater Philippe hat sein Doppelleben gut versteckt, Katholisches Medienzentrum, Website kath.ch (17. Mai 2023, abgerufen am 7. August 2025)
Der französische Sektenschutzbund (UNADFI) machte bereits seit den 90er Jahren auf den übertriebenen Personenkult um Pater Philippe und sektenähnliche Strukturen der Johannesgemeinschaft aufmerksam. Die verlangte Isolation junger Ordensleute von der Familie führe zu geistlichen, emotionalen und sexuellen Übergriffen im Orden. Die Folgen seien Einsamkeit, Krankheiten wie Depressionen und Suizide.Papst wirft Ordensgemeinschaft «Versklavung von Frauen» vor. Franziskus hat erstmals sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche eingeräumt. Nun gibt er gar an, wo dies stattfand, Website bazonline.ch (6. Februar 2019, abgerufen am 20. August 2025)
Im Anschluss an ein Generalkapitel der Johannesgemeinschaft im April 2013 gab der Generalprior, Thomas Joachim, in einem Brief an die Brüder bekannt, dass Philippe nach übereinstimmenden Zeugnissen an „Frauen, die er geistlich begleitete, Handlungen verübt habe, die dem Gelübde der Keuschheit widersprechen“. Diese Vorwürfe wurden am 20. Dezember 2016 durch die Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens als zutreffend bestätigt.
Die Dokumentation Gottes missbrauchte Dienerinnen des Fernsehsenders Arte France aus dem Jahre 2019 griff diese Vorwürfe auf und beschuldigte Philippe des fortgesetzten sexuellen Missbrauchs von Ordensfrauen. Sie zeigte Zeugenaussagen von zwei seiner Opfer und Mitschnitte einer Messe, in der Bischöfe die Opfer im Namen der Kirche um Entschuldigung baten.Marie Pierre Raimbault, Eric Quintin: Religieuses abusées. L’autre scandal de l’Église. (deutsch: , abgerufen am 6. März 2019), Dream Way Productions/ARTE France 2019, deutsche Erstausstrahlung: 5. März 2019
François-Xavier, der Generalobere der Gemeinschaft vom heiligen Johannes, sprach bei einem ersten Generalkapitel 2019 davon, dass „ganz klar die abnormen Seiten unseres Gründers“ zu bekennen seien. Auf dem zweiten Generalkapitel 2019 beschlossen die Brüder vom Heiligen Johannes, „sich in aller Deutlichkeit von ihrem Gründer“ zu distanzieren. Seit der Gründung der Gemeinschaft hatte er ein heimliches Missbrauchssystem eingerichtet, an dem bis zu dreißig Brüder beteiligt waren, welche die Missbräuche deckten und daran teilnahmen. Eine interdisziplinäre Kommission begann, die Vorfälle zu untersuchen.Vorwürfe wurden durch vieldiskutierte "Arte"-Dokumentation publik. Missbrauch: Ordensgemeinschaft sagt sich vollständig von Gründer los, Website katholisch.de (6. November 2019, abgerufen am 11. August 2025)