mini|hochkant|Heinz Flessner (1951) Heinz Flessner (* 25. Mai 1911 in Varel als Heinrich Bernhard Diedrich Flessner; † 19. März 1998 in Bad Homburg) war ein deutscher Maschinenbauingenieur, Erfinder und Unternehmer. Er war Ingenieur bei der Auto Union AG in Berlin-Spandau, ferner an der amtlichen Prüfstelle und Versuchsanstalt für KFZ an der TH Berlin und Betriebsleiter bei Bilstein in Ennepetal-Altenvoerde.
Als Mitglied der allgemeinen SS wurde er bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zur Waffen-SS eingezogen und arbeitete nach einer Verwundung in den letzten Kriegsmonaten am Projekt Natter mit. Nach dem Zusammenbruch des NS-Staats gründete er die Flessner KG, eine Produktionsfirma für Kartoffelchips. In diesem Bereich gilt er als PionierHandelsblatt. Jahrgang 31, Nr. 95, Ausgabe A, 28. Mai 1976, Personalien. und erhielt von englischen Fachmedien den Spitznamen „Mister Chips“.Snack Food, Band 76, Harcourt Brace Jovanovich Publications, 1987, S. 31.Potato Chipper. Potato Chip Institute International, National Potato Chip Institute Band 33, Ausgaben 1–5, 1973, S. 41, 44.
Leben Jugend, Schule, Studium Heinz Flessner wurde 1911 in eine norddeutsche evangelische Beamtenfamilie geboren. Sein Vater war Amtmann bei der deutschen Reichsbahn. Nach dem Abitur 1930 am Oldenburger Herbartgymnasium nahm er ein physikalisches Maschinenbaustudium an der Universität in München auf und schloss dort mit dem Vorexamen ab. Mit dem Wintersemester 1932 belegte er an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg die Fachrichtung Maschinenbau.
Zeit im Nationalsozialismus Karriere vor dem Krieg Flessner trat zum 5. November 1933 in die SS ein (SS-Nummer 203.456).Bundesarchiv R 9361-III/524454 Nach dem Abschluss seines Studiums mit Auszeichnung als Diplom-Ingenieur im Jahr 1935 nahm Flessner eine Stelle als Direktionsassistent bei der Auto Union AG in Spandau an. In dieser Zeit meldete er zusammen mit Rudolf Slaby sein erstes Patent für ein Kfz-Messgerät an. Am 16. November 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.370.992).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/9110766 Im August 1938 nahm er die Stelle als Versuchsingenieur bei der amtlichen Prüfstelle und Versuchsanstalt für Kraftfahrzeuge an der TH Berlin an. Im Januar 1939 wechselte er als Betriebsleiter zur Firma August Bilstein in Altenvoerde. Hier begann er mit der Produktion seiner Erfindung, eines Prüfstands für die Fahrwerksvermessung an Kraftfahrzeugen.
Krieg im Westen und gegen die Sowjetunion mini|Heinz Flessner (1940) Als Angehöriger der allgemeinen SS wurde Flessner am 9. September 1939 zur Verfügungstruppe eingezogen. Bilstein hatte vergeblich versucht, Flessner „unabkömmlich“ zu stellen. Er erreichte Weimar am 16. September und wurde unmittelbar nach Dachau verlegt. Hier wurde Flessner ab dem 11. Oktober nach kurzer Ausbildung zum Schirrmeister und zunächst zum Werkstattmeister der 2. Werkstattkompanie der SS-Totenkopf-Division ernannt. Aus dieser ging im November 1942 die SS-Panzergrenadier-Division und im Oktober 1943 die 3. SS-Panzerdivision Totenkopf hervor.
Die Division wurde zunächst mit 6500 Mann aus der Verfügungsgruppe, zu der auch Flessner gehörte, sowie weiteren 6000 Mann aus Totenkopfstandarten der Wachmannschaften der deutschen Konzentrationslager zusammengefasst. Diese, durch Theodor EickeDer KZ-Kommandeur, der aus der Psychiatrie kam, Die Welt, 26. August 2013. im Geist des Nationalsozialismus motiviert und durch eine besonders rücksichtslose Kriegsführung gekennzeichnet, war an Kriegsverbrechen beteiligt und setzte den sogenannten Kommissarbefehl rigoros um. Unklar ist, inwieweit Flessner als Werkstattleiter daran beteiligt war.
Für die Instandhaltung der Fahrzeuge der Truppe sorgten drei Werkstattkompanien, die im überschlagenden Einsatz längere Zeit an einem Standort blieben. In der Funktion als Schirrmeister und später als Werkstattleiter nahm Flessner bis Juni 1941 am Frankreichfeldzug und bis November 1942 am 1. Russlandfeldzug teil. Zum 30. Januar 1942 wurde Flessner zum SS-Untersturmführer befördert. Nachdem Flessner und seine Division Demjansk nur noch aus der Luft mit Ersatzteilen versorgen konnten, gelang der Truppe der Ausbruch nach Westen, um in Frankreich mit neuen Soldaten versorgt zu werden. Die Division wurde im Raum Angoulême neu versammelt und mit 50 % unausgebildeten Rekruten im Februar 1943 erneut, diesmal nach Charkow, an die Ostfront geschickt. Nach verheerenden Verlusten begann ein erneuter Rückzug der Division. Auf dem Weg von Jassy nach Polen brach Flessner sich bei einem Sturz den 4. Lendenwirbel und war nach einem zweimonatigen Lazarettaufenthalt nur noch bedingt wehrtauglich. Zum 30. Januar 1944 wurde er zum SS-Obersturmführer befördert.
Sonderkommando 600 N „Natter“ Nach seiner Genesung im Spätsommer 1944 meldete er sich bei seinem Ersatztruppenteil beim Amt X im Bereich des Führungs-Hauptamtes aus dem Versehrtenurlaub zurück. Er erhielt den Befehl, nun im Range eines Projektleiters, im oberschwäbischen Waldsee das Waffen-SS Sonderkommando Waldsee aufzubauen. Am 20. September trat er seinen Dienst bei den Bachem-Werken an. Seine Diplomarbeit aus dem Jahre 1935, Thermodynamik der Flugmotoren und Abgasturbinen, qualifizierte ihn für diese Aufgabe., Südwest Presse, 4. März 2015. Dieses Kommando sollte den Senkrechtstarter Bachem Ba 349 Natter als sogenannte Wunderwaffe bauen.Robert Forsyth: Bachem Ba 349 Natter, 2018, S. 23.
Flessner leitete das Sonderkommando 600 N,Projekt Natter. das mit etwa 120 Rekonvaleszenten (frontuntaugliche Ingenieure, Techniker und Facharbeiter) im Flugzeugbau in den Bachem-Werken an dem senkrechtstartenden Raketenflugzeug Bachem Ba 349 Natter arbeitete. Seine Aufgabe bestand darin, diese Gruppe zu betreuen, fachgerecht einzusetzen und jegliche Zusammenarbeit zwischen den Facharbeitern, Wissenschaftlern und anderen Dienststellen zu unterstützen.
Aufgrund der näher rückenden Fronten hielt er einen Kampfeinsatz für zwecklos. Er entließ die meisten Mitarbeiter in die Heimat und zog sich auf Befehl der Jagdfliegergeneralität mit wenigen Offizieren und vier Mustermaschinen nach Imst in Tirol zurück. Der Weg führte weiter bis nach Eggenstall im Pitztal, wo die vier Maschinen unter Tarnung auf einer Wiese abgestellt wurden. Im 100 Meter entfernten Gasthaus Liesel-Sonne untergebracht, wartete er mit seinem Team auf die Ankunft der Alliierten. Flessner glaubte, dass Bachem und weitere Verantwortliche der Meinung seien, dass die Amerikaner an einer perfekten Natter interessiert seien, um zusammen mit Wernher von Brauns V2 (Aggregat 4) für einen möglichen Krieg gegen die Russen vorbereitet zu sein. Am 6. Mai 1945 ergab er sich der 44. Division des 324. Regiments des 3. Battalions der L-Kompanie. Im in der Nähe liegenden Lager Haimig wurde er mit seiner Gruppe im weiteren Verlauf des Mai 1945 von den amerikanischen Streitkräften interniert.Brett Gooden: Natter Manned Missile of the Third Reich, 2019, S. 368–384. Bereits am 28. Mai wurde er wieder entlassen, um am 25. Juni erneut verhaftet zu werden. Am 1. Juli 1945 wurde er im Camp 73 in Kornwestheim interniert.
Entnazifizierung In der Klageschrift des Hessischen Staatsministeriums – Abteilung für politische Befreiung – hieß es:
Im April 1947 wurde Flessner aus amerikanischer Gefangenschaft als minderbelastet entlassen.
Zeit als Unternehmer in der Chipsindustrie Anfänge mini|Heinz Flessner und Hermann Bahlsen (rechts) anlässlich einer Geschenkübergabe zum 75. Geburtstag von Heinz Flessner. Nach seiner Gefangenschaft war Flessner mit einem Architektur- und Bauunternehmen für amerikanische Stellen tätig. Durch diesen Kontakt lernte er Kartoffelchips kennen.Personalien: Heinz Flessner 80 Jahre, FAZ, 24. Mai 1991. Amerikanische GIs ließen sich ihre Freizeitnahrung aus der Heimat schicken. Die lange Schifffahrt machte den Nachschub der krossen Cracker jedoch weich. Deshalb kam Flessner auf die Idee, sie den amerikanischen Soldaten als Produkte „Made in Germany“ anzubieten. Eine Marktlücke schien gefunden. Er gründet die State Side Potatoe Chips als Einzelunternehmung und arbeitet nun parallel an der Produktion von Kartoffelchips.
Zunächst stellte er die Chips zusammen mit seiner Frau Ella zu Hause her. Flessner produzierte nur für die US-Soldaten; bei den Deutschen kamen die Chips anfangs nicht gut an. „Es war ja salzig. Die kannten nur süße Sachen“, erinnert sich Ella Flessner. 24. August 1853 – Kartoffelchips werden erstmals hergestellt, WDR, 24. August 2018. Anschließend versuchte man, die Chips u. a. an Kiosken zu vermarkten. 1951 erhielt Flessner, jetzt wohnhaft in Neu-Isenburg, eine Lizenz für die Produktion. In Deutschland wurden nun offiziell die ersten Kartoffelchips für amerikanische Soldaten hergestellt.Christian Kämmerling: War ja nur so ’ne Idee … Geniale Einfälle, die unsere Welt veränderten. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2018, o. S. Flessner hörte davon, dass Herman Lay,Herman W. Lay: Legacy of Leadership Profile, KnowItAll.org. der Gründer von Frito-Lay, Deutschland besuchen werde.
Nach seinen Erzählungen begab er sich an den Frankfurter Flughafen und ließ Lay nach Ankunft der Maschine im Flughafen ausrufen. So kamen die beiden Unternehmer ins Gespräch, und Flessner konnte die entsprechenden Lizenzen erwerben. Er bekam aus den USA eine gebrauchte Ferry-Röstmaschine und konnte sie 1959 in Betrieb nehmen. Die industrielle Produktion wurde dann unter der Firmierung IBU gestartet und später von der Firma Bahlsen und The Lorenz Bahlsen Snack-World weitergeführt. Die Flessner KG war einer der größten deutschen Kartoffelchipsproduzenten.Aus Unternehmungen, Die Zeit, 25. September 1964.
Mitte der 1950er Jahre gründete er mit dem US-Amerikaner Harvey Noss, dem Briten David Sword und Hansheinrich Zweifel der Schweizer Chipsfirma Zweifel die European Potatoe Chip Association, aus der 1956 die European Snack Association hervorging.Potato Crisps – A History. Im Frühjahr 1959 wurden IBU-Paprikachips auf der DLG-Wanderausstellung in Frankfurt angeboten. Schon einige Monate später konnten auf der Anuga in Köln dem deutschen Publikum bereits mehrere Produkte angeboten werden. Bis dahin war nur der Verkauf an die US-Streitkräfte möglich gewesen. Der Erfolg war derart ermutigend, dass bereits 1960 die erste vollautomatische Chipsanlage in Neu-Isenburg aufgestellt werden konnte.
Werke Die steigende Nachfrage und damit Absatz von Kartoffelchips machte es erforderlich, die Produktion in Neu-Isenburg erheblich auszuweiten.
Neu-Isenburg Hier war die Keimzelle der Kartoffelchipsproduktion. Im Mai 1951 gegründet, wurden hier alle für die Chipsherstellung benötigten Einrichtungen von Flessner selbst entwickelt bzw. konstruiert. Die Produktion wurde 1969 eingestellt. Hier befanden sich seither nur noch Verwaltung, Labor und Forschung.
Neuburg an der Donau Im Januar 1961 wurde das Werk in Neuburg an der Donau gegründet. Wegen fehlender Möglichkeiten zur Ausweitung der Produktion wurde das Werk 1969 stillgelegt.
Goldenstedt Im Februar 1961 entstand das Werk Goldenstedt. 1974 wurde hier die Chipsherstellung aufgegeben und bei gleichzeitiger Werksvergößerung die Produktion von Knabberspezialitäten unter Einsatz des selbst entwickelten Extruders maßgeblich erweitert. Es entstanden u. a. die Marken Peng, Kartoffelgebäck, Käselinchen, Peppies und Zwiebelringe. 1976 waren hier 600 Mitarbeiter beschäftigt. Es wurden jährlich 50.000 t Kartoffeln verarbeitet. Diese wurden aus einer Erzeugergemeinschaft von 700 Landwirten geliefert.Kartoffelchips haben Jubiläum. Flessner-Werke feiern 25-jähriges Bestehen. Oldenburger Volkszeitung, 26. Mai 1976.
Neunburg vorm Wald