Les fêtes vénitiennes (deutsch etwa: „Die venezianischen Feste“) ist ein Opéra-ballet in einem Prolog und üblicherweise drei bis fünf der insgesamt acht Entrées von André Campra (Musik) mit einem Libretto von Antoine Danchet. Die Uraufführung fand am 17. Juni 1710 im Palais Royal der Pariser Oper statt. Das Werk wurde bis zur endgültigen Fassung vom 14. Oktober 1710 mehrfach überarbeitet, indem einzelne Entrées ausgetauscht und neue hinzugefügt wurden.
Handlung
Im Folgenden werden die einzelnen Entrées in der Reihenfolge des Librettos von 1714 aufgeführt. Das Kürzel „a“ steht dabei für „ajoutée“ (Anhang). Die jeweiligen Nummern der Partiturausgabe sind in eckigen Klammern angegeben.
Prolog: „Le triomphe de la Folie sur la Raison dans le temps du Carnaval“
Der Triumph der Torheit über die Vernunft zur Zeit des Karnevals
Le Carnaval, der Karneval (Bass) La Folie, die Torheit (Sopran) La Raison, die Vernunft (Sopran) Démocrite, Demokrit (Tenor) Héraclite, Heraklit (Bass) ein Tor, eine Törin, zwei komische Masken, ein Allain, seine Frau, ein Pächter, eine Pächterin, ein Deutscher, eine Deutsche, Diogène, Masken, Gefolge von La Folie und Le Carnaval (Ballett)
Szene 1. Im Hafen von Venedig fordert Le Carnaval eine maskierte Menschenmenge auf, jeden Kummer zu vergessen und das Leben zu genießen. Auch die strenge Weisheit ist nicht mehr willkommen.
Szene 2. La Folie erscheint mit einem Gefolge von Tänzern und lockt die Menschen herbei. Sie hat dasselbe Ziel wie Le Carnaval.
Szene 3. La Raison kommt mit einigen Weisen, darunter Démocrite und Héraclite, hinzu und fordert die Menge auf, den Unsinn zu lassen und wieder nach Weisheit zu streben. Héraclite ist entsetzt über das Verhalten der Menschen. Démocrite dagegen ist begeistert.
Szene 4. La Folie und ihre Anhänger vertreiben La Raison höhnisch.
I. [–] „La fête des barquerolles“
Das Fest der Bootsführer
ein venezianischer Arzt Lilla, junge Gondoliera Damiro, Liebhaber Lillas eine Gondoliera, die La Victoire (den Sieg) repräsentiert ein Gondoliere Gondolieri und Gondoliere (Ballett)
Szene 1. Die Gondolieri führen auf der Ponte dei carmini und auf ihren Gondeln einen Schaukampf aus. Ein alter Arzt klagt auf Italienisch darüber, dass er seine Enthaltsamkeits-Grundsätze nicht mehr befolgen könne.
Szene 2. Als der Arzt der jungen Lilla den Hof macht, weist diese ihn verächtlich ab.
Szene 3. Der Gondoliere Damiro teilt Lilla mit, dass er den Wettkampf gewonnen habe. Die beiden erklären sich ihre Liebe.
Szene 4. Zur Siegerehrung erscheinen weitere Gondolieri und Gondoliere. Eine von ihnen repräsentiert als La Victoire den Sieg selbst. Sie übergibt Lilla eine Krone, mit der diese ihren Geliebten krönt. Alle preisen das glückliche Paar.
II. [V.] „Les sérénades et les joueurs“
Die Serenaden und die Spieler
Léandre, junger Franzose, Liebhaber Irènes (Bass) Isabelle, Venezianerin, in Léandre verliebt (Sopran) Lucile, Venezianerin, in Léandre verliebt (Sopran) Irène, Venezianerin, Geliebte Léandres (Sopran) La Fortune, das Glück (Sopran) ein Spieler (Haute-Contre) ein Diener Fortunes (Haute-Contre) Spieler (Chor) Spanier, Spanierinnen, Volk der Biskaya (Ballett)
Szene 1. Die junge Isabelle wurde von ihrem Geliebten verlassen und spioniert ihm am Abend eifersüchtig vor dem Ridotto, dem venezianischen Spielcasino, nach.
Szene 2. Lucile befindet sich in derselben Situation. Sie hofft, dass ihre Suche nach ihrem treulosen Liebhaber vergeblich sein wird.
Szene 3. Als die beiden Frauen aufeinander treffen, stellen sie fest, dass sie beide vom selben Mann, Léandre, verführt wurden. Obwohl sie einander misstrauen, schließen sie sich zur Rache zusammen. Als Léandre erscheint, verstecken sie sich, um ihn zu beobachten.
Szene 4. Léandre hat eine Gruppe Musikanten mitgebracht, mit denen er seiner neuen Dame Irène ein Ständchen bringt. Anschließend schickt er seine Freunde fort und fordert Irène auf, sich zu zeigen.
Szene 5. Irène denkt gar nicht daran, der Werbung des Schürzenjägers zu folgen. Sie singt stattdessen ein anspielungsreiches italienisches Lied über einen Schmetterling, der von Blüte zu Blüte fliegt.
Szene 6. Stattdessen tritt Lucile aus ihrem Versteck. Da es inzwischen dunkel geworden ist, hält Léandre sie für Irène. Er versichert ihr, dass er nur sie liebe und nie irgendwelche Gefühle für Lucile oder Isabelle gehabt habe. Die beiden wissen nun über seinen wahren Charakter Bescheid. Eine Gruppe von maskierten Spielern kommt aus dem Ridotto, angeführt von La Fortune. Lucile, Isabelle und Léandre erkennen, dass die Liebe wie das Spiel vom Wankelmut La Fortunes bestimmt wird. Léandre will sein Liebesglück nun woanders suchen.
Szene 7. Die Spieler bitten La Fortune um Unterstützung. Diese warnt jedoch vor ihrer Launenhaftigkeit. Sie vergleicht sich mit dem ebenso wankelmütigen Amor und freut sich darüber, dass sie beide von den Menschen mehr Ehrungen erhalten als alle anderen Götter.
III. [II.] „L’Amour saltimbanque“ / „Les saltimbanques de la place Saint-Marc“
L’Amour als Gaukler
Filindo, Anführer der Gaukler (Bass) Eraste, junger Franzose, Liebhaber Léonores (Haute-Contre) Léonore, eine junge Venezianerin (Sopran) Nérine, Léonores Gouvernante (Haute-Contre) L’Amour, Amor, als Gaukler verkleidet (Sopran) Gaukler (Chor) Arlequin und Polichinel (zwei Espagnoletten), Spetsapher, Scaramouchette, ein Alter, eine Alte, ein Bauer, eine Bäuerin, Pantalon, Pantalonne, galante Maske (Ballett)
Szene 1. Eraste, ein als Venezianer verkleideter junger Franzose, liebt Léonore. Er klagt Filindo, dem Leiter einer Gauklertruppe, dass er ihr seine Gefühle noch nicht offenbaren konnte, weil sie ständig von ihrer Gouvernante bewacht wird. Eraste rät ihm, es mit verliebten Blicken zu versuchen. Er wolle ihm die Gelegenheit dazu verschaffen, wenn Léonore am Abend bei einem seiner Auftritte erscheint.
Szene 2. Die Gouvernante Nérine verabscheut die Liebe grundsätzlich. Sie hält L’Amour für einen Betrüger. Léonore gehen ihre ständig wiederholten Warnungen allmählich auf die Nerven. Sie hat viele Verehrer, schwärmt aber besonders für den jungen galanten Franzosen.
Szene 3. Bei dem von Filindo und den Gauklern veranstalteten Fest tritt L’Amour persönlich in der Kleidung eines Gauklers auf. Er ist nur durch seinen Bogen zu erkennen. Während Nérine dem Auftritt zuschaut, nutzt Eraste die Gelegenheit, sich Léonore zu nähern. Unterdessen preist L’Amour seine Künste an, die die Jugend noch strahlender und das Alter weniger schwer machen. Treue sei heutzutage aus der Mode gekommen. Eraste teilt Léonore mit, dass er das anders sehe und ihren Vater um ihre Hand bitten wolle. L’Amour rät, die Zeit seiner Anwesenheit zu nutzen, denn er werde nicht lange bleiben.
Ia. [–] „La fête marine“
Das Meeresfest
Astolphe, Venezianer Céphise, Venezianerin Dorante, Liebhaber Céphises, als Matrose verkleidet Doris, Dienerin Céphises Matrosen (Chor) Matrosen, Frauen der Matrosen (Ballett)
Szene 1. An der Küste Venedigs wird ein maritimes Fest mit vielen Schiffen gegeben. Weil Astolphe sein Mündel Céphise dabei nicht unbeaufsichtigt lassen will, bittet er einen Matrosen, auf sie achtzugeben.
Szene 2. Céphise und ihre Dienerin Doris ärgern sich über den eifersüchtigen Astolphe. Doris schlägt vor, auf einem der Schiffe zu fliehen, um seiner Tyrannei zu entkommen. Zusammen mit Dorante werden sie den Gefahren des Meeres trotzen können.
Szene 3. Dorante nähert sich als Matrose verkleidet seiner Geliebten. Er informiert sie darüber, dass Astolphe sie während des Festes einsperren wolle. Es sei ihm aber gelungen, in Verkleidung sein Vertrauen zu gewinnen und als Wächter angestellt zu werden. Er habe bereits ein Schiff zur Flucht vorbereitet.
Szene 4. Als Astolphe zurückkehrt, verabschiedet sich Dorante, um am Fest teilzunehmen. Céphise und Doris werfen Astolphe seine Eifersucht vor. Sie können die Feierlichkeiten nicht genießen, wenn sie unter ständiger Bewachung stehen. Astolphe hält Céphise für undankbar, da er sie aufgezogen hat. Doris entgegnet, dass er auf diese Weise lediglich ihren Hass auf sich ziehe. Astolphe gibt nach, schwört aber, dass er sich später rächen werde.
Szene 5. Als Dorante und weitere Matrosen die Feiernden auf ihr Schiff rufen, steigen Céphise und Doris auf. Astolphe dagegen wird der Zugang verwehrt. Dorante gibt sich ihm als sein Rivale zu erkennen.
Szene 6. Während das Schiff ablegt, bleibt Astolphe wütend und verzweifelt am Ufer zurück.
IIa. [IV.] „Le bal [ou Le maître à danser]“
Der Ball oder Der Tanzmeister
Alamir, ein polnischer Prinz (Bass) Thémir, Edelmann aus dem Gefolge Alamirs, als polnischer Prinz verkleidet (Haute-Contre) Iphise, Venezianerin (Sopran) der Musikmeister (Alt) der Tanzmeister (Tenor) eine Maske (Haute-Contre) verkleidete Venezianer und Venezianerinnen (Chor) Masken (Ballett)
Szene 1. Ein Ballsaal in einem venezianischen Palast. Der polnische Prinz Alamir liebt die Venezianerin Iphise. Er hat ihr seine Gefühle allerdings noch nicht offenbart, weil er glaubt, dass sie ihn nur seiner Stellung wegen erhören wird. Sein Vertrauter Thémir hat daher einen Plan entwickelt: Beim abendlichen Ball wollen sie die Kleider tauschen, damit Alamir Iphise auf die Probe stellen kann.
Szene 2. Der Ball beginnt mit einer Vorstellung eines Musikmeisters und eines Tanzmeisters, die um den Vorrang ihrer jeweiligen Kunst wettstreiten. Der als Prinz verkleidete Thémir gibt wohlwollende Kommentare dazu ab.
Szene 3. Der nun als gewöhnlicher Edelmann auftretende Alamir fragt Iphise, warum sie ihn liebe, obwohl doch ein Prinz um sie werbe. Er selbst habe ihr doch nur seine Liebe und Treue zu bieten, aber keinen Reichtum oder Ruhm. Iphise versichert ihm ihre Liebe. Sie brauche keinen Ruhm, um ihm treu zu bleiben. Er bleibt so hartnäckig dabei, die Vorzüge des Prinzen zu preisen, dass Iphise schließlich an seiner eigenen Liebe zweifelt.
Szene 4. Thémir bittet den Prinzen, das Fest zu eröffnen. Dabei redet er ihn mit seinem Titel an. Iphise erkennt die Wahrheit.
Szene 5. Alamir bittet Iphise um Verzeihung für seine Täuschung und erklärt ihr den Grund. Er hat nun keine Zweifel mehr an ihrer aufrichtigen Liebe.
Szene 6. Musik- und Tanzmeister kommen mit einer Gruppe maskierter Tänzer und Sänger zurück, und das Fest kann beginnen. Jetzt soll L’Amour herrschen.
IIIa. [I.] „Les devins de la place Saint-Marc“
Die Wahrsager des Markusplatzes
Léandre, ein französischer Kavalier (Bass) Zélie, eine junge Venezianerin, als Zigeunerin verkleidet (Sopran) eine Zigeunerin (Sopran) Wahrsager, Zigeuner, Zigeunerinnen (Chor, Ballett)
Szene 1. Auf dem Markusplatz erklärt Zélie einer Zigeunerin den Grund für ihre Verkleidung: Sie will die Gefühle ihres Verehrers Léandre prüfen. Als dieser erscheint, versteckt sie sich, um ihn zu belauschen.
Szene 2. Léandre bittet L’Amour, ihm seine Wünsche zu erfüllen und es ihm nicht übelzunehmen, dass er nach einem Erfolg sofort neue Abenteuer suche.
Szene 3. Die vermeintliche Zigeunerin Zélie liest Léandre in der Hand. Dabei erzählt er ihr ohne Bedauern von seiner Flatterhaftigkeit. Treu zu bleiben hieße, das Land seiner Herkunft zu verleugnen. Zélie teilt ihm mit, dass er in Venedig die Liebe zweier Frauen gewonnen habe, ohne dass sein Herz davon berührt wurde – doch jetzt bemühe er sich um die Gunst einer anderen Dame, die stolzer sei und Treue erwarte. Léandre entgegnet, es bereite ihm keine Schwierigkeiten, Treue zu heucheln. Zélie sagt ihm voraus, dass er noch heute das Ziel seiner Wünsche sehen und von ihr eine Lektion erhalten werde.
Szene 4. Wahrsager, Zigeuner und Zigeunerinnen laden die Liebenden ein, ihre Erfolgsaussichten zu erfahren. Zélie preist die Vorzüge der treuen Liebe, denn L’Amour herrsche nur in den schönen Jahren und fliehe im Herbst des Lebens. Léandre gibt das zu denken.