Franz Lippert (* 9. April 1901 in Wiesentheid; † 26. August 1949 in Traunstein) war Anthroposoph und eine führende Person der biologisch-dynamischen Bewegung in der NS-Zeit. Als SS-Offizier war er ab Herbst 1941 Obergärtner und Leiter der Plantage Dachau, einer landwirtschaftlichen Forschungseinrichtung der Deutschen Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung im KZ Dachau.Anne Sudrow: Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, S. 22.

Leben Lippert besuchte die Oberrealschule in Aschaffenburg und anschließend die Forst- und Kolonialschule Miltenberg. Daneben machte er eine Gärtnerlehre und war Mitglied im Wandervogel, wo erste Kontakte zur Anthroposophie entstanden. 1922 wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, 1924 nahm er am Koberwitzer Kurs von Rudolf Steiner teil.Jens Ebert, Susanne zur Nieden, Meggi Pieschel: Lippert, Franz. In: Dies.: Die biodynamische Bewegung und Demeter in der NS-Zeit. Akteure, Verbindungen, Haltungen. Metropol, Berlin 2024, S. 360–363.

Von 1924 bis 1940 war Lippert Obergärtner beim anthroposophischen Naturkosmetik- und Arzneimittelhersteller Weleda. Danach arbeitete er beim Wigowerk in Trittau. Im September 1941 trat er als Obergärtner in die DVA ein, übernahm danach die damals vakante Leitung der wissenschaftlich-technischen Abteilung und gestaltete sie zur Abteilung „natürlicher Landbau“ aus. Er sorgte dafür, dass die gesamte Anlage der DVA Dachau nach dem von dem Anthroposophen Max Karl Schwarz entwickelten Leitbild eines biologisch-dynamischen „Gärtnerhofs“ umgebildet wurde. Er setzte dabei seine früheren Forschungsarbeiten bei der Firma Weleda fort – jetzt allerdings mit flächenmäßig sehr viel größeren Versuchsgütern, großzügigeren Forschungsressourcen und Finanzmitteln sowie Zugriff auf KZ-Häftlinge, die er zur Zwangsarbeit auf der Plantage einsetzen konnte. 1942 holte er weitere anthroposophisch orientierte Fachleute zur DVA: Die Getreidezüchterin Martha Künzel, seinen Freund und ehemaligen Kollegen bei Weleda, Erich Werner sowie den Schafzüchter und Wollexperten Otto Stritzel.Anne Sudrow: Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, S. 650; vgl. auch den Erfahrungsbericht von Albert Riesterer: Auf der Waage Gottes. S. 223 Er trat kurz darauf der Schutzstaffel (SS) bei. Der sogenannte Kräutergarten Dachau wurde von KZ-Häftlingen, vor allem Juden und Sinti und Roma erbaut. 1944 wurde Lippert eine besondere Anerkennung für seine Arbeit ausgesprochen, sowie eine Prämie verliehen.

Obwohl Lippert als SS-Mann die Zwangsarbeit in den großen Gärten, die zum KZ Dachau gehörten, leitete, wurde er unmittelbar nach Kriegsende Im Spruchkammerverfahren 1945 als „überhaupt nicht belastet“ eingestuft. Anfang Juni 1945 schrieb Lippert an den ersten Bayerischen Ministerpräsidenten Fritz Schäffer, den er noch von früher kannte:„Von amerikanischer Seite hat man mir abgeraten, so ohne weiteres nach Dachau zurückzugehen.“Erst im Oktober wagte er sich in den Kräutergarten zurück, der im Wesentlichen von ehemaligen Häftlingen geführt wurde. Er beklagte sich beim Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagl:„Ich war am Nachmittag noch im Kräutergarten, um Anschuldigungen, die man gegen mich vorbrachte, zurechtzuweisen. Die ganze Athmosphäre da hat doch etwas stark (B)edrückendes.“Schon zu NS-Zeiten hatte Franz Lippert publiziert. Nach 1945 veröffentlichte er biologisch dynamisches Wissen in zahlreichen Schriften. Die Firma Weleda zeigte erhebliches Interesse an Lipperts umfangreichen Fachkenntnissen und stellte ihn 1947 als Berater für den eigenen Heilpflanzenanbau ein.Anne Sudrow: Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, S. 652 f. Nach dem Debakel in Dachau zog er nach Gstad.

Schriften Zur Praxis des Heilpflanzenanbaus (= Demeter-Schriftenreihe; 2/3). Müller, Dresden u. a. 1939. Das Wichtigste in Kürze über Kräuter und Gewürze. Nordland-Verlag, Berlin 1944. Wirtschaftseigenes Würzfutter. Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise, Stuttgart 1951. Vom Nutzen der Kräuter im Landbau: Ein Weg zum Verständnis biologisch-dynamischer Landwirtschaft; Aus d. Nachlass (=Schriftenreihe „Lebendige Erde“). Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise, Stuttgart 1953. Vom Nutzen der Kräuter im Landbau für Boden, Kompost, Fütterung, Ernährung: e. Weg zum Verständnis biolog.-dynam. Landwirtschaft; aus d. Nachlass (=Schriftenreihe „Lebendige Erde“). 2., erw. Auflage. Forschungsring für Biolog.-Dynam. Wirtschaftsweise, Darmstadt, 1973. Heilpflanzen-Präparate zur Pflege der Dauerfruchtbarkeit der Böden: Sonderdr. aus „Lebendige Erde“. Band 1. Forschungsring für Biolog.-Dynam. Wirtschaftsweise, Darmstadt, 1984.

Literatur

Jens Ebert, Susanne zur Nieden, Meggi Pieschel: Lippert, Franz. In: Dies.: Die biodynamische Bewegung und Demeter in der NS-Zeit. Akteure, Verbindungen, Haltungen. Metropol, Berlin 2024, ISBN 978-3-86331-760-7, S. 360–363. Anne Sudrow: Heil Kräuter Kulturen. Die SS, die ökologische Landwirtschaft und die Naturheilkunde im KZ Dachau. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2025, ISBN 978-3-525-31169-1.

Einzelnachweise

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