mini|250px|Tschaikowski-Haus (2011) mini|250px|Tschaikowski-Museumsgelände (2016) Das Tschaikowski-Museum Klin (Staatliches Gedenk-Musikmuseum von P. I. Tschaikowski, ) ist ein Pjotr Iljitsch Tschaikowski gewidmetes Museumsgelände außerhalb von Klin, 85 Kilometer nordwestlich von Moskau.
Tschaikowski lebte hier ab Mai 1892 bis zu seinem Tod im November 1893 in einem Landhaus und vollendete die Partituren zu Jolanthe und Der Nussknacker, komponierte Pathétique, 18 Klavierstücke, die Lieder Sechs Romanzen sowie Die Nacht nach einem Gedicht von Daniil Ratgaus und verfasste seine letzte Komposition – das 3. Klavierkonzert.
Das Anwesen wurde ab 1894 zum Tschaikowski-Museum ausgebaut – das erste Musiker-Museum in Russland. Zuerst in Privatbesitz, stand die Gedenkstätte ab 1921 unter staatlicher Obhut. 1964 erfolgte eine Erweiterung, neben dem bestehenden Tschaikowski-Haus, umgeben von einem Garten gemäß historischem Vorbild, wurde ein Konzertgebäude erbaut. 1990 eröffnete in einem Nebengebäude eine Sergei Tanejew gewidmete Dauerausstellung.
Das Archiv des Museums umfasst die größte Manuskriptsammlung Tschaikowskis – persönliche Briefe, Tagebücher, Entwürfe zu Kompositionen sowie Originalpartituren und ist seit Jahrzehnten Quelle für wissenschaftliche Publikationen.
Geschichte Tschaikowski in Klin mini|250px|Salon mit Tschaikowskis Becker-Flügel (2011) 150px|mini|Tschaikowski (1893) mini|200px|Garten des Tschaikowski-Museum (2011) mini|200px|Tschaikowski-Denkmal (2011) Tschaikowski lebte ab 1885 in der Gegend von Klin, um dem Trubel Moskaus zu entgehen und in Ruhe arbeiten zu können. Zuerst wohnte er in Maidanowo, später in Frolowskoje. Am 9. Februar 1892 schrieb er an seinen Bruder Anatol: „Ich habe ein Haus in Klin gemietet. Vielleicht kennst Du es – das Sacharow Haus, groß, komfortabel, außerhalb der Stadt, in der Nähe der Straße nach Moskau....Ich brauche – ich fühle es – ein Haus auf dem Land, oder, was fast das gleiche ist, in Klin, damit ich immer wenn nötig einen ruhigen Ort zum Arbeiten habe. Die Aussicht ist wundervoll und es gibt einen ziemlich großen Garten.“Modest Tschaikowski: Life and Letters of Peter Ilich Tchaikovsky. Haskell House 1970, ISBN 978-0-8383-0997-1, Seite 677: „I rented a house in Klin to live there. Probably you saw it - the Sakharovs' house, large, comfortable, out-of-town, near the highway to Moscow....I am in need – and I feel it – of having a house in the countryside, or, which is almost the same, in Klin, to make sure that I can get, whenever I wish, a calm, quiet place to work. Besides, I've become accustomed to Klin. The view from inside the house is really wonderful, and there is a rather large garden. I am thinking of buying this house in the future.“ (, englisch)
Im Mai 1892 bezog Tschaikowski zusammen mit der Familie seines Dieners Alexei Sofronow das 1870 erbauten Landhaus außerhalb der Stadtgrenze Klins und notierte: „Mir geht es gut Zuhause und nirgendwo sonst hatte ich bisher so angenehme Bedingungen. […] Ich fühle mich wohler als je zuvor. Ich gehe viel spazieren und es ist sehr praktisch, in der Nähe der Autobahn zu wohnen – ich kann sogar bei Regenwetter laufen, ohne Gefahr, im Schlamm „zu ertrinken“.Galina Iwanowna Belonowitsch (Hrsg.): P. I. Tchaikovsky House Museum in Klin. Moscow Region's Committee for Culture and Tourism 1994, Seite 92: „I am well at home, and nowhere else did I have such comfortable conditions. […] I fell more at ease than ever. I walk a lot and it’s very convenient to live just near the highway – I can walk even in rainy weather without a risk of being “drowned” in the mud.“
Am 7. Oktober 1893 brach Tschaikowski von Klin zu einer Konzertreise nach Moskau und anschließend nach Sankt Petersburg auf, um die Uraufführung der Pathétique zu dirigieren. Er starb in Sankt Petersburg am 25. Oktober 1893, nach dem gregorianischen Kalender am 6. November, im Alter von 53 Jahren.
Museum Nach Tschaikowskis Tod kaufte Sofronow das Anwesen und auf Initiative von Tschaikowskis jüngerem Bruder Modest, blieben des Musikers Räumlichkeiten unangetastet, wurden am 9. Dezember 1894 zum Privatmuseum und dienten als Archiv für Tschaikowskis Schriften und als bibliografische Sammelstelle. 1897 erwarb Modest Tschaikowski das Anwesen und lebte zusammen mit Wladimir Davidow,Dorothea Redepenning: Peter Tschaikowsky. C.H.Beck 2016, ISBN 978-3-406-68810-2. () Erbe von Tschaikowskis Autorenrechten und Sohn dessen Schwester Aleksandra, im Landhaus in den umgestalteten Räumen der Familie Sofronow. Enge Freunde und Schüler Tschaikowskis – Sergei Tanejew, Herman Larosch, Nikolai Kaschkin – unterstützten von Beginn an die Ausgestaltung des Museums und spendeten Archivmaterial.
Modest Tschaikowski, der 1916 starb, vermachte das Museum der Russischen Musikgesellschaft. Der ernannte Museumsdirektor Nikolai Schegin verbrachte das Inventar des Museums aufgrund der politischen Situation nach Moskau ans Konservatorium. 1917, nach der Bolschewistischen Revolution, ließ sich ein Anarchist namens Doroschenko mit seiner Familie im Tschaikowski-Haus nieder. Als dieser im April 1918 verhaftet wurde, erhielt das Museum vom Volkskommissariat für Bildung den Status eines geschützten Ortes und wurde 1921 durch ein von Lenin unterzeichnetes „Dekret als bedeutende historische Gedenkstätte, deren Unantastbarkeit von staatswichtiger Bedeutung ist, nationalisiert“.Tschaikowski-Museum (Hrsg.): Das Tschaikowski-Haus in Klin. Führer durch das Museum. Übersetzt aus dem russischen durch M. Schatz, Progress, Moskau 1972, Seite 14. Das in Moskau lagernde Mobiliar und Schriftgut gelangte 1924 wieder nach Klin. Ab 1931 war das Bolschoi-Theater für das Museum verantwortlich und ab 1937 unterlag das Museum der Verwaltung des Gesamtsowjetischen Kultur-Komitees.Julie Anne Sadie, Stanley Sadie: Calling on the Composer: A Guide to European Composer Houses and Museums. Yale University Press 2005, ISBN 978-0-300-10750-0. ()Patricia Kennedy Grimsted: Archives in Russia: A Directory and Bibliographic Guide to Holdings in Moscow and St.Petersburg. Routledge 1997, ISBN 978-0-7656-0034-9. (, englisch)
Infolge des Zweiten Weltkriegs wurde das Museumsinventar überwiegend nach Wotkinsk, Udmurtien evakuiert. Ab Ende November bis zum 15. Dezember 1941 lag Klin in der Besatzungszone der deutschen Wehrmacht, die das Museum schwer beschädigte. Das Erdgeschoss diente als Motorrad-Garage und Schusterwerkstatt. Die obere Etage wurde zum Quartier für 100 Soldaten, die im Haus verbliebene Holzmöbel als Brennholz nutzten. Nach der Rückeroberung Klins durch sowjetische Soldaten begutachteten der britische Staatssekretär Anthony Eden und der sowjetische Botschafter Großbritanniens Iwan Maiski bereits am 19. Dezember 1941 das beschädigte Museum im Rahmen einer diplomatischen Mission mit mehr als 20 Korrespondenten. Nach der Renovierung des Hauses wurden die ausgelagerten Gegenstände Tschaikowskis im November 1944 ins Museum zurückgebracht, das am 6. Mai 1945 erneut feierlich eröffnete.Wolfgang Glaab: Die deutsche Wehrmacht und das Čajkovskij-Museum in Klin. Tschaikowsky-Gesellschaft, Mitteilungen 13 (2006), PDF.
1964 wurde auf dem Museumsgelände ein weiteres Gebäude errichtet, das zusätzliche Archivräume, die Museumsverwaltung und einen Konzertsaal mit 350 Sitzplätzen fasst.
Das Tschaikowski-Museum hat seit den späten 1980er Jahren eine Außenstelle in der Nähe von Klin – das Demjanowo-Museum. In Demjanowo war das Landhaus von Wladimir Tanejew, der mit Tschaikowski am Rechtsinstitut studiert hatte und einen Intellektuellen-Kreis aus Wissenschaftlern, Künstlern und Dichter führte. Sein jüngerer Bruder Sergei Tanejew war Tschaikowskis Schüler. Ab 1921 wurden Exponate und Schriften aus Demjanowo ins Tschaikowski-Museum verbracht.
Garten Tschaikowskis Landhaus war von einem großen Garten, der in einen Wald mündete, umgeben. Sofronow kultivierte den verwilderten Garten zwischen 1982 und 1983, ohne dessen ursprünglichen Waldcharakter mit heimischer Wildblumen-Fauna und ursprünglichen Begonien-Arten, Rosen, Nelken und Flammenblumen zu ändern. Modest pflanzte nach dem Tod seines Bruders vermehrt dessen Lieblingsblumen Maiglöckchen, Lilien, Veilchen, Vergissmeinnicht und Hasenglöckchen.Galina Iwanowna Belonowitsch (Hrsg.): P. I. Tchaikovsky House Museum in Klin. Moscow Region’s Committee for Culture and Tourism 1994, Seite 90 bis 91, (englisch). Wertschätzung drückten Künstler wie Leonid Sobinow und Antonina Neschdanowa durch das Zufügen von Flieder aus.
1958 pflanzte Leopold Stokowski eine Eiche im Garten des Tschaikowski-Museums als Zeichen der Verehrung.Stuart Isacoff: When the World Stopped to Listen: Van Cliburn's Cold War Triumph, and Its Aftermath. Alfred A. Knopf, Inc. 2017, ISBN 978-0-385-35218-5. (, englisch) Seitdem wird diese symbolische Ehrung anlässlich des 4-jährlich stattfindenden Tschaikowski-Wettbewerbs durch deren Juroren, zu Jubiläen und von Ehrengästen fortgeführt.
Im September 2006 wurde im Garten ein Tschaikowski-Denkmal des russischen Bildhauers Aleksander Roschnikow enthüllt.
Tschaikowski-Museum Tschaikowski-Haus mini|250px|Tschaikowski-Haus (2007) Das Tschaikowski-Haus ist ein zweistöckiges Holzhaus mit grau-blauer Fassade und einem grünen Dach. Tschaikowski lebte in der oberen Etage, während sein Diener Alexei Sofronow mit Familie das Erdgeschoss bewohnte. 1897 bezogen Modest Tschaikowski und Wladimir Davidow die umgestalteten Räumlichkeiten Sofronows, die Teil des Museums zum Gedenken an Tschaikowskis Verwandte sind.
Tschaikowski bewohnte einen Salon und ein Schlafzimmer im Obergeschoss, die über ein Vorzimmer zugänglich sind. Tschaikowskis Räume und das Speisezimmer im Erdgeschoss wurden nach mehrfachen rekonstruierenden Renovierungen in den historischen Zustand zurückversetzt und mit Originalinventar ausgestattet.
Der größte Raum der oberen Etage ist Tschaikowskis Salon. Hier stehen ein Schreibtisch, von dem „Tschaikowski den Briefwechsel mit seinen unzähligen Bekannten, zu denen u. a. bedeutendste Persönlichkeiten der Musikkultur Rußlands und anderer Länder gehörten“,Tschaikowski-Museum (Hrsg.): Das Tschaikowski-Haus in Klin. Führer durch das Museum. Übersetzt aus dem russischen durch M. Schatz, Progress, Moskau 1972, Seite 44. führte. In der Mitte des Raums befindet sich ein Flügel, den Tschaikowski anlässlich seiner Übersiedlung nach Maidanowo vom Klavierhersteller erhalten hatte und an dem er in den Abendstunden mit Besuchern vierhändige Klavierwerke spielte. Bücherschränke bergen eine umfangreiche Bibliothek verschiedensprachiger Romane – Aksakow, Dostojewski, Tolstoi, Tschechow, Lermontow, Byron, Shakespeare, Milton, Alighieri, Goethe, Kleist, France, Flaubert, Maupassant, Zola, Ibsen, Kipling, Maeterlinck, Hamsun und Mereschkowski. Tschaikowskis Bibliothek umfasst daneben Werke antiker Philosophen sowie Schriften von Schopenhauer, Spencer und Nietzsche, kunstwissenschaftliche Literatur, daneben Bücher über Geschichte, Psychologie, Logik, Sprachwissenschaft, Literaturtheorie, Ökonomie, verschiedene Länder, Städte und Museen sowie eine umfängliche Zeitschriftensammlung in verschiedenen Sprachen, Wörterbücher und mehrbändige Enzyklopädien. In Vitrinen sind Erinnerungsstücke und Andenken an Konzertauftritte ausgestellt – ein Tintenfass in Form einer Freiheitsstatue, die Tschaikowski anlässlich einer Tournee durch die Vereinigten Staaten erhalten hatte, der Ehren-Dirigentenstab, mit dem die Odessaer Abteilung der Russischen Musikgesellschaft Tschaikowski 1893 ehrte und viele weitere. Auf Anrichten stehen Geschenke, zum Beispiel ein bronzener Hahn von Auguste-Nicolas Caïn, den Tschaikowski von Lucien Guitri aus Dankbarkeit für die Vertonung von Shakespeares Hamlet erhalten hatte. Die Wände sind mit Gemälden und Familienfotos bestückt, insbesondere Aufnahmen von Tschaikowskis Eltern Ilja Petrowitsch und Aleksandra Andreijewna. An den Salon grenzt ein kleines Teezimmer.