Unter dem Begriff Patientenedukation (lat. educare; auf-, erziehen) versteht man vielfältige und gezielte psychologische sowie pädagogische Maßnahmen, die Patienten und deren Angehörige bei der Krankheitsbewältigung unterstützen sollen. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der generellen Ziele der Pflege. Dazu zählt die Stärkung der individuellen Selbstpflegefähigkeit sowie die Stärkung von Kompetenzen der Patienten, um ihnen bestmögliche Selbstkontrolle und Autonomie im Alltag zu ermöglichen – das sogenannte „Selbstmanagement“. Zusätzlich sollen der Gesundheitszustand, das Kohärenzgefühl und die Adhärenz gegenüber den Maßnahmen der Therapie verstärkt werden. Patientenedukation ist international als Teil des Konzeptes zur Gesundheitsförderung anerkannt und ist in Deutschland als delegierbare Leistung auf ärztliche Verordnung durch die Krankenkassen erstattungsfähig.
Geschichte der Patientenedukation Schon seit den 1930er Jahren ist der Begriff „Patientenedukation“ in den USA etabliert („Nursing is teaching“). Außerdem ist er mittlerweile in Großbritannien, Skandinavien und in den Beneluxstaaten als Begriff weit verbreitet. Im Vergleich zu diesen Ländern gibt es in Deutschland jedoch bisher nur wenig evidenzbasiertes Wissen. Gründe hierfür sind unterschiedliche Forschungslinien und verschieden gewichtete Schwerpunkte der Fachdisziplinen und -professionen – beispielsweise kommunikative Hürden zwischen medizinischem und pflegerischen Sektor. Es haben sich in Literatur, Gesetzgebung und Praxis unterschiedliche Begriffe definiert, die eine einheitliche Definition dessen was die Patientenedukation ausmacht, erschweren. Hierzu gehören: „Pflegeberatung“, „Patienten- und Angehörigen-Schulung“, „Anleitung“ und „Patienteninformation“.
Gesetzliche Grundlagen der Patientenedukation in Deutschland Die gesetzlichen Grundlagen beziehen sich auf folgende Vorschriften des Sozialgesetzbuchs:
§ 7a SGB XI – Pflegeberatung
§ 17 Absatz 1a SGB XI – Richtlinien der Pflegekassen
§ 37 SGB XI – Pflegegeld für selbst beschaffte Pflegehilfen
§ 12 SGB IX – Maßnahmen zur Unterstützung der frühzeitigen Bedarfserkennung
§ 40 SGB XI – Hilfsmittelversorgung
§ 81 SGB XI – Verfahrensregelung
§§ 88 bis 92 SGB X – Sozialverwaltungsverfahren
§ 94 Absatz 1 Nummer 8 SGB XI – Personenbezogene Daten bei den Pflegekassen
§ 46 Abs. 3 Satz 1 SGB XI – Verwaltungskosten der Pflegekassen
§ 123 SGB XI – Beratung Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen
§ 7b Abs 1 und 2 SGB XI – Beratungsgutscheine
§ 7c SGB XI – Pflegestützpunkte, Verordnungsermächtigung
§ 8 SGB XI – Gemeinsame Verantwortung
Das Fünfte Buch Sozialgesetzbuch (SGB V) regelt Anspruch, Umfang und Erstattung der Maßnahmen und des Materials der Patientenedukation im ambulanten Bereich
§ 33 SGB V – Verordnung Hilfsmittel
§ 37 SGB V – Anspruch auf häusliche Krankenpflege
§ 132a SGB V – Vergütung häuslicher Krankenpflege
Prozess
Grundlagen der Beratung Die Beratung von Patienten und ihren Bezugspersonen im Rahmen der Patientenedukatiuon orientiert sich an der personenzentrierten Haltung der beratenden Pflegefachperson.Eva Maria Panfil: Grundlagen der Patientenedukation: Förderung des Selbstmanagements, in WUNDmanagement, 19. Jahrgang Heft 1, 2025, Seite 22–25 Grundlagen der Beratung beruhen auf der Fach- und persönlichen Kompetenz der Pflegenden. Diese Kompetenzen beinhalten Kontaktaufnahme, Kooperations- und Beziehungsfähigkeit, Wissensanwendung, Bedarfserfassung, Beratungs- und Versorgungsplanung. Hinzu kommen die Reflexionsfähigkeit, Flexibilität, Konfliktlösungs-, Problemlösungs-, als auch Beobachtungsfähigkeit und analytische Fähigkeiten der einzelnen Pflegefachkraft.
I) Voraussetzungen der Beratenden bzw. Beratungskompetenz nach Koch-Straube: dialogische Kommunikation Achtung vor der Menschenwürde Wahrnehmung der Kompetenz der Pflegebedürftigen Ressourcenorientiertes Arbeiten Respekt vor der Selbstbestimmung Auswahl ermöglichen Umweltbedingungen einbeziehen und von Zukunftsperspektiven ausgehen
II) Grundhaltungen in der Beratung: Wichtig in der Beratung ist eine offene Haltung, die auf den Prinzipien der Reversibilität beruht (“behandele andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest”). Eine respektvolle Haltung, in Achtung und Ehrerbietung dem Patienten oder Angehörigen gegenüber. Die Toleranzfähigkeit, den anderen so zu nehmen, wie er ist, und auch zu respektieren, stellt einen weiteren Punkt in der Grundhaltung dar. Die Qualität, empathisch zu sein, um sich in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können, und zu verstehen, aus welchem Verständnis heraus der andere so handelt, wie er handelt. Authentizität, was bedeutet, dass verbale und nonverbale Kommunikation in Kongruenz zueinander stehen. Das Handeln des Individuums ist in dem Fall nicht nur durch äußere Einflüsse bestimmt, sondern bezieht sich auf den jeweiligen persönlichen Kontext.
Beratung unterstützt als ergebnisoffener Prozess sowohl den Patienten als auch seine An- und Zugehörigen bei Problemsituationen, die diese nicht alleine bewältigen können. Somit ist das Aufzeigen individueller und tragfähiger Lösungen unabdingbarer Bestandteil der Beratung. Grundlage sind entsprechende kommunikative Kompetenzen auf Seiten der Pflegefachpersonen.
Grundlagen der Kommunikation Die Kommunikation ist das Hauptelement bei der Interaktion zweier Individuen. Der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick verdeutlicht dies wie folgt: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“
Wann immer Menschen zusammenkommen, findet auch eine Form der Kommunikation statt. Es ist allerdings nicht nur das gesprochene Wort gemeint, sondern vielmehr auch das Auftreten und Verhalten einer Person, sowie das, was diese dabei unbewusst ausstrahlt.
Das deutsche Allenbach-Institut fand heraus, dass ca. 80 % der Kommunikation in Deutschland auf nonverbaler Ebene stattfindet. Man unterscheidet zwischen verbaler, nonverbaler und paraverbaler Kommunikation.
Die verbale Kommunikation meint ausschließlich das gesprochene Wort und dient der Übermittlung von Inhalten. Sie gibt somit Aufschluss auf Herkunft, Bildung und die Beziehung, in der der Sender zum Empfänger steht. Drückt der Sender sich unzulänglich aus, kann dies Verständnis und Kooperation des Anderen beeinflussen; es entstehen Missverständnisse.
Die paraverbale Kommunikation beinhaltet Wortwahl, Ausdrucksweise, Stimmlage, Sprechgeschwindigkeit, Tonlage, Tonfall und die Art der Sprache, die man wählt. Beispiele hierfür sind etwa Dialekte oder Fachsprache. Paralinguistische Ausdrucksformen geben Aufschluss darüber, wie das gesprochene Wort zu verstehen ist. Sie variieren je nach Ziel des Kommunikationsaustauschs, Gesprächspartner oder Situation.
Die nonverbale Kommunikation steht für die Körpersprache. Gemeint sind unter anderem Mimik und Gestik sowie Blick- und Körperkontakt. Sie unterstützt die Sprache und wird vom Gegenüber automatisch interpretiert. Da die nonverbale Kommunikationsform jedoch teils undeutlich und zum Beispiel auch von Kultur zu Kultur individuell ist, kann sie daher leicht fehlinterpretiert werden, was wiederum eventuelle Missverständnisse begünstigt.
Diese drei eben genannten Kommunikationselemente gilt es für den Empfänger einer Nachricht zu entschlüsseln. Stimmen sie überein, nennt sich dies Kongruenz, ist dies jedoch nicht der Fall, ist die Botschaft demnach inkongruent und das Gesagte verliert seine Authentizität.
Das Kommunikationsquadrat Das Kommunikationsquadrat, oder auch Vier-Ohren-Modell, ist ein Modell, das die verschiedenen Wirkungsweisen aufzeigt, wenn eine Person sich äußert oder einen Nachrichtenappell erhält. Dieses Modell wurde von Friedemann Schulz von Thun entwickelt und ist wohl auch bis heute sein am weitesten verbreitetes und bekanntestes.
Das Kommunikationsquadrat besagt, dass jede Person, die etwas von sich mitteilt, dabei immer auf vier verschiedenen Ebenen eine Botschaft an den Gesprächspartner vermittelt, auch wenn dies ohne weitere Intention geschieht.
Dabei ist das Kommunikationsquadrat in den vier Ebenen, Sachinformation (Worüber ich informiere), Selbstkundgabe (Was ich von mir zu erkennen gebe), Beziehungshinweis (Was ich von dir halte), Appell (Was ich bei dir erreichen möchte), unterteilt. Um dies bildlich zu verdeutlichen, zeichnete Schulz von Thun die vier Ebenen in ein Quadrat auf. Die Äußerungen, die der Sender tätigt, entstammt dabei den „vier Schnäbeln“ und diese treffen daraufhin auf die „vier Ohren“ des Empfängers. Beide Parteien haben dabei Einfluss auf die Qualität der entstandenen Kommunikation, da das Ziel die unmissverständliche Unterhaltung ist.
Die vier Ebenen des Kommunikationsquadrates: Bei der Selbstkundgabe weist der Sender in der gesendeten Botschaft auch ein Stück der eigenen Persönlichkeit auf. Darunter fallen Gefühle, Werte, Bedürfnisse und Eigenarten, die unter Umständen auch ohne Beabsichtigung zum Vorschein gebracht werden. Währenddessen nimmt der Empfänger die Botschaft mit dem „Selbstkundgabe-Ohr“ war, daraufhin können die Fragen „was ist das für einer“ und/oder „was ist mit ihm“ aufkommen. Zudem kann dies sowohl in der Ich-Botschaft, also explizit, als auch implizit erfolgen.
In der Sachebene steht vor allem die Sachinformation im Vordergrund, denn in dieser Ebene geht es vor allem darum, Daten, Fakten und/oder Sachinhalte herauszufiltern. Damit dies erfolgreich durchgeführt werden kann, benötigt es die Kriterien wahr/unwahr, relevant/irrelevant sowie hin gänglich/unzureichend. Der Sender muss die Botschaft auf verständliche Art und Weise ausdrücken, da der Empfänger so auf das Sachohr entsprechend der drei Kriterien reagieren kann.
Auf der Beziehungsseite gibt der Sender unter anderem in den Bereichen Mimik, Gestik, Tonfall sowie Formulierung zu erkennen, wie dieser zum Empfänger steht. Hinzukommend ist es möglich, dass diese Hinweise ebenso implizit oder explizit vermittelt werden können. Infolgedessen kann der Empfänger auf dem eigenen Beziehungsohr mit unterschiedlichen Wahrnehmungen reagieren (Ablehnung, Demütigung, Respekt etc.).
Über die Apellebene äußert der Sender Wünsche, Handlungsanweisungen, Apelle und/oder Ratschläge, da er häufig etwas mit dieser Botschaft erreichen möchte. Zudem ist es möglich, einen Appell indirekt oder direkt zu äußern.
Theorien der Patientenedukation
Die Wittener Werkzeuge Die Wittener Werkzeuge sind ein Kommunikationsansatz, der an der Universität Witten/Herdecke (Department Pflegewissenschaft) unter anderem von Angelika Abt-Zegelin und Günter Bamberger entwickelt wurde. Die Wittener Werkzeuge sind ein Kommunikationsansatz mit dem Schwerpunkt Familien- und Patientenedukation, deren Hauptaufgabe in der interaktiven Arbeit Pflegender Schulung und Beratung liegt. Zuerst wurde herausgearbeitet, welche Phänomene die Beratung und Schulung kennzeichnen. Diese sind Sehen, Fühlen, Sprechen und Tun. Um diese Sinne anzusprechen, wurden sogenannte Werkzeuge herausgearbeitet, mit denen man eine Schulung oder Beratung durchführen kann. Hierbei müssen nie alle Werkzeuge auf einmal eingesetzt werden. Die Wittener Werkzeuge umfassen zehn Elemente (“Werkzeuge”), wovon sich fünf in Richtung Klient und fünf in Richtung Beratender wenden. Sie zielen auf gute Gespräche mit Patienten, Bewohnern und Angehörigen ab und betonen insbesondere den „Selbst“-Pflege-Anteil der im Gesundheitswesen Arbeitenden und fördern das Team-Gefühl. Nicht alle Werkzeuge müssen immer zum Einsatz kommen; in dem Konzept wird davon ausgegangen, dass Menschen Lieblingswerkzeuge haben oder entwickeln und diese authentisch wirksam werden lassen. Es finden Kurse und Workshops statt, in denen dieses Konzept geübt und präsentiert wird.