Unter einer Unterrichtsstörung versteht man Verhaltensweisen und Ereignisse, die den Ablauf des Unterrichts in der Schule durch Ablenkung schaden oder diesen dadurch unterbrechen. Sie rufen häufig kritische oder unangenehme Situationen hervor, die für eine Lehrkraft oftmals zeit- und energieaufwändig sind und den Lernerfolg der Schüler negativ beeinflussen. Damit man solche Situationen vermeiden kann, setzt sich die Didaktik wissenschaftlich mit dem Thema auseinander, um präventive und intervenierende Maßnahmen ergreifen zu können.
Definition In früheren Tagen wurden die Begriffe „Disziplinschwierigkeit“ oder „Verhaltensstörungen“ verwendet, um das Phänomen „Unterrichtsstörung“ zu beschreiben. Die Problematik dieser beiden Begriffe liegt darin, dass sie die Komplexität von Unterrichtsstörungen nicht erfassen. Störungen sind auf den betroffenen Schüler ausgerichtet und beinhalten eine Reihe von verursachenden Faktoren. Wenn von Unterrichtsstörungen die Rede ist, wird sowohl im Schulalltag als auch in wissenschaftlichen Diskursen von einer Vielzahl verschiedener Ereignisse gesprochen.
Gert Lohmann definiert Unterrichtsstörungen folgendermaßen: „Unterrichtsstörungen sind Ereignisse, die den Lehr-Lern-Prozess beeinträchtigen, unterbrechen oder unmöglich machen, indem sie die Voraussetzungen, unter denen Lehren oder Lernen erst stattfinden kann, teilweise oder ganz außer Kraft setzen.“ Störungen können sowohl von Schülerinnen und Schülern als auch von Lehrkräften ausgelöst und von außen (zum Beispiel durch Zurufe, Herumbrüllen oder Hektik) beeinträchtigt werden. Sie werden bewusst oder unbewusst verursacht und von beiden Seiten unterschiedlich wahrgenommen. Die unterschiedlichen Erwartungen und Bewertungen von Störungen steuern das Konfliktpotenzial. Zudem wird darauf hingewiesen, dass Unterrichtsstörungen als ein unvermeidbarer Bestandteil von Unterricht gesehen werden.
Felicitas Thiel definiert Störungen als „soziale Ereignisse, die Lernen im Unterricht mehr oder weniger stark beeinträchtigen.“ Die Autorin betont, dass Unterrichtsstörungen sowohl von Schülerinnen und Schülern als auch von Lehrerinnen und Lehrern ausgelöst werden können. Für das Auftreten von Unterrichtsstörungen sind vielfältige und unterschiedliche Faktoren verantwortlich.
Arten Unterrichtsstörungen durch den Schüler Thomas Lutz nennt in seiner Monografie „Unterrichtsstörungen mit System begegnen“ folgenden Arten von Unterrichtsstörungen:
Verbales Störverhalten (z. B. Gespräche mit Nachbarn, Streitigkeiten, Zwischenrufe, Schreien/vorlautes Verhalten, Geräusche machen (Singen, Schnalzen, unartikulierte Laute), negative Bemerkungen/Kommentare)
Motorische Unruhe (z. B. Schaukelbewegungen, mit Stuhl kippeln, mit Füßen scharren, Herumlaufen, Spielen mit Arbeitsmitteln, Gegenstände/Finger in den Mund nehmen)
Aggressives Verhalten (z. B. Mitschüler beschimpfen, beleidigen, bedrohen, angreifen (puffen, stoßen, treten), Wutausbruch, Arbeitsmittel wegnehmen, fremde Sachen beschädigen oder zerstören)
Provokationen (z. B. Aufgaben oder Anordnungen verweigern, Mitarbeit unter Protest einstellen, Lehrer herausfordern und kritisieren, Sich-Lustig-Machen über „Fehler“)
Geringe Mitarbeit (z. B. Fehlende Aufgaben und Materialien, Unaufmerksamkeit, Desinteresse, geistige Abwesenheit, Nebenbeschäftigungen)
Auch Eder, Fartacek und Mayr nehmen eine ähnliche Auswahl vor. Bei ihrer Aufzählung finden sich nahezu die gleichen Begrifflichkeiten (mit Ausnahme der Provokationen).
Unterrichtsstörungen durch die Lehrkraft Laut Gert Lohmann gibt es neben dem Fehlverhalten der Schüler aber auch Störungen, die durch den Lehrer selbst ausgelöst werden. Diese lassen sich in die drei Bereiche unterteilen:
Beziehungs- und Kommunikationsebene (z. B. Launenhaftigkeit, negative Ausstrahlung, Respektlosigkeit, fehlender Humor),
Unterricht (z. B. geringe Motivation und Kooperation, unklare Aufgabenstellungen, methodische Monotonie, Über- und Unterforderung von Schülern),
Verhaltenskontrolle (z. B. Ignorieren von Störungen, inkonsequente und inkonsistente Reaktionen auf Störungen)
Unterrichtsstörungen aufgrund von äußeren Einflüssen Äußere Unterrichtsstörungen können unter anderem sein:
Lärm außerhalb des Klassenraums
das Wetter
unangemeldete Besucher während des Unterrichts
Unterteilung nach Rainer Wensing Rainer Wensing führt in dem Sammelwerk Unterrichtstörungen souverän meistern noch einmal eine andere Kategorisierung von Unterrichtsstörungen auf. So existieren laut ihm:
physikalische Beeinträchtigungen (z. B. Kälte oder Hitze)
persönliche Beeinträchtigungen (z. B. Schüler vergisst Brille oder fühlt sich unwohl)
soziale Beeinträchtigungen (z. B. Gespräche innerhalb der Klasse)
schwelende Problem- und Konfliktlagen (z. B. Streit von Schülern in der Pause)
Beeinträchtigungen der praktischen Unterrichtsdurchführung (z. B. fehlendes Lehrmaterial)
weitere leichte Reibungsverluste durch nicht vorhersehbare Einflüsse
Ursachen Die Gründe für das Auftreten von Unterrichtsstörungen können sowohl bei der Lehrkraft als auch beim betroffenen Schüler oder bei der betroffenen Schülerin sowie in der Gesellschaft liegen.
Gesellschaftliche Ursachen Die Schule sollte nicht als geschlossenes System betrachtet werden, sondern als ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Die Gesellschaft ist Veränderungen und Eingriffen unterlegen, die sich auch auf den einzelnen Schüler auswirken.
Beeinflussung durch die Familiensituation
Die ursprüngliche Aufgabe der Eltern und Erziehungsberechtigten, ihr Kind bei dem Erwerb von Sozialkompetenzen wie Umgangsformen oder Konzentrationsfähigkeit zu unterstützen, wurde im Verlaufe der Geschichte immer mehr durch das Bildungssystem institutionalisiert. Zudem treffen in der Schule viele Kinder aus Familien mit unterschiedlichen finanziellen, sozialen und kulturellen Hintergründen aufeinander, die für Konflikte sorgen können.
In bildungsfernen und sozialschwächeren Schichten können finanzielle und soziale Probleme die Kindererziehung erschweren. Die betroffenen Eltern glauben nicht, dass mithilfe von Bildung ein sozialer Aufstieg möglich ist, und haben auch deswegen einen negativen Eindruck von dem Schulsystem. Unterrichtsstörungen wie unpünktliches Erscheinen oder der Verzicht auf Elterngespräche können in diesem Kontext als Folge von schwerwiegenden Defiziten im Elternhaus betrachtet werden.
In der Mittelschicht sind beide Seiten vertreten. Kinder werden von den Eltern gezielt gefördert, um einen möglichen sozialen Abstieg zu vermeiden. Jedoch gibt es auch eine eher phlegmatische Seite, die nicht daran glaubt, dass ein guter Schulabschluss gleichzeitig den Arbeitsplatz und somit die zukünftige Existenz sichern kann. Unterrichtsstörungen werden dabei als nebensächlich betrachtet, die nicht mit böser Absicht ausgelöst werden.
Die Oberschicht hingegen macht sich Gedanken darüber, ob der Lehrer oder die Lehrerin den eigenen Ansprüchen gerecht werden kann. Dabei ist ein Trend zur Wahl von Privatschulen erkennbar. Außerdem leiden die betroffenen Kinder häufig unter Erfolgs- und Leistungsdruck und stören durch arrogantes Verhalten oder mangelnde Wertschätzung den Unterricht.
Anstieg von Habituskonflikten
Einzelne Bildungsschichten entwickeln jeweils eigenständige Denk- oder Verhaltensweisen, die sich auf den Unterrichtsverlauf auswirken können. Angehörige der verschiedenen Milieus reagieren beispielsweise mit Sticheleien oder Herabwürdigungen, wenn sie merken, dass das Gegenüber aus einer niedrigeren Schicht stammt. In diesem Fall ist der Lehrer dafür verantwortlich, die Konflikte zwischen den Gesellschaftsschichten zu neutralisieren und auf die spezifischen Gewohnheiten der jeweiligen Schicht souverän zu reagieren.
Expansion der Jugendkultur
Das Eindringen von jugendsprachlichen (Kraft-)Ausdrücken in die Standardsprache sowie die Auflockerung von Umgangsformen und Kleidungsstil gelten als Zeichen für die Expansion der Jugendkultur. Die resultierenden Spannungen können zu einem erschwerten Verhältnis zwischen den Generationen führen und dadurch eine dauerhafte Quelle für Unterrichtsstörungen darstellen.
Verletzung von Standards der Zivilisation
Zur Normalität gewordene Standards werden nicht mehr hinterfragt oder reflektiert, sondern ohne Diskussionen hingenommen. Wer diese Standards im Unterricht ignoriert, wie beispielsweise das Rülpsen oder Schmatzen, erzielt oft stärkere Unterrichtsstörungen als Zwischenrufe. Besonders bei Lehrkräften aus höheren Bildungsschichten kann dieser Umstand zu Ekelgefühlen oder Verachtung führen.
Ruhemangel
Ein Mangel an Ruhe kann sowohl äußerlich als auch innerlich auftreten. Besonders in den Mittelschichten steht die Gestaltung der Freizeit unter einem hohen Reglementierungsdruck. Schülerinnen und Schüler, die zu sehr an schulische oder außerschulische Verpflichtungen gebunden sind, wirken im Unterricht oft nervös und ungeduldig. Dadurch wird eine innere Unruhe erzeugt, die häufige und kleine Störungen im Unterricht zur Folge hat.
Perspektivlosigkeit
Häufig wird der Unterricht von Schülern gestört, die sowohl objektiv als auch subjektiv keine Perspektive besitzen. Die betroffenen Schüler sehen das Bildungssystem nicht als Chance zur Verbesserung ihrer Lage, sondern als einen Ort, der die Wirtschaftsordnung widerspiegelt und nur höchste Bildungsqualifikationen hervorrufen soll. Besonders Schüler der Mittelschule sind von dieser Denkweise betroffen, da sie bereits im Voraus resignieren und sich nicht als Individuum in der Gesellschaft wahrgenommen fühlen.
Der Lehrer als Ursache für Unterrichtsstörungen Neben gesellschaftlichen Gründen ist der Lehrer ein Faktor für die Entstehung von Unterrichtsstörungen. Grundsätzlich sollte beachtet werden, dass jeder Schüler ein Mindestmaß an eigener Lebensgestaltung besitzt. Diese individuelle Gestaltung hat zur Folge, dass automatisch ein Grundpegel an Störungen zugelassen wird, der durch individuelle Äußerungen zur Gestaltung der Freizeit oder des kommenden Wochenendes zum Vorschein kommt. Demnach haben Störungen einen gewissen Grad an Normalität vorzuweisen.
Mangelhafte Verlässlichkeit und Selbstdisziplin
Darunter ist zu verstehen, dass die Lehrkraft beispielsweise unpünktlich zum Unterricht oder zu Elterngesprächen erscheint. Auch Absprachen mit Schülerinnen und Schülern, die nicht eingehalten werden, können Unterrichtsstörungen hervorrufen.
Fehlende Struktur und Routine
Eine dauerhaft schlechte Vorbereitung führt zu mangelnder Sicherheit und Struktur im Unterrichtsablauf. Eine fehlende Struktur im Schulalltag hemmt den Unterrichtsfluss und begünstigt die Entstehung von Zwischenrufen oder anderen Störungsvarianten. Zudem fehlt es Lehrkräften häufig am Überblick innerhalb des Klassenraums, wodurch Störungen zu spät erkannt werden. Betroffen sind auch Lehrkräfte, die in ihren eigenen Fächern noch keine Routine entwickeln konnten oder ein fremdes Fach unterrichten müssen.
Fehlende Aktivierung, Abwechslung und intellektuelle Herausforderung
Neben dem Fehlen des Gruppenfokus werden Unterrichtsstörungen auch von fehlender Aktivierung der Klasse verursacht. Besonders bei lehrerzentriertem Unterricht haben schwache Schüler Nachteile und langweilen sich schneller. Ebenso ist eine nicht vorhandene Abwechslung der Methoden und Inhalte sowie eine ebenfalls fehlende intellektuelle Herausforderung für Unterrichtsstörungen verantwortlich.
Fehlende Transparenz
Um einen reibungslosen Unterricht ermöglichen zu können, soll Transparenz bezüglich der Lernziele geschaffen werden. Dadurch wird die Motivation der Schülerinnen und Schüler gesteigert, die sich gleichzeitig weniger mit unterrichtsfernen Dingen beschäftigen.
Unerfahrenheit im Umgang mit Störungen und Konflikten
Im häufigsten Fall müssen Lehrkräfte den souveränen Umgang mit Störungen oder Konflikten lernen. Dabei sollen sowohl die eigenen Handlungsmuster als auch die der Schülerinnen und Schüler hinterfragt und reflektiert werden.