mini|Der Carlton Club, traditioneller Treffpunkt der konservativen Abgeordneten Das Carlton-Club-Treffen von 1922 war ein Treffen der Parlamentsabgeordneten der britischen Conservative Party (Konservative Partei) am 19. Oktober 1922. Es fand im namensgebenden Carlton Club statt. Anlass war eine offene Diskussion um die Frage, ob die Partei die Koalitionsregierung mit dem von David Lloyd George geführten Teil der Liberal Party (Liberale Partei) über die nächste Unterhauswahl hinaus fortsetzen oder beenden solle. Während die Parteiführung um Austen Chamberlain für eine Fortführung der Koalition eintrat, machte sich eine Hinterbänkler-Gruppe um Andrew Bonar Law und Stanley Baldwin dafür stark, die anstehende Unterhauswahl am 15. November 1922 als unabhängige Kraft zu führen. Die Hinterbänkler konnten sich durchsetzen und erzwangen so ein Ende der Koalition. Lloyd George trat daraufhin als Premierminister zurück und die Konservativen bildeten am 23. Oktober 1922 eine Regierung unter ihrem neuen Vorsitzenden Bonar Law.
Das Treffen hatte weitreichende Auswirkungen. Lloyd George (1863–1945), der die letzten Jahre die politische Bühne Großbritanniens dominiert hatte, hielt nie wieder ein politisches Amt. Eine mögliche Spaltung der Konservativen wurde verhindert; ebenso die von Lloyd George, Lord Birkenhead und Winston Churchill betriebene Fusion aus moderaten Konservativen und Liberalen zu einer neuen Zentrumspartei. In der britischen Parteienlandschaft, in der sich aufgrund des Mehrheitswahlrechts traditionell zwei Parteien als Antipoden gegenüberstehen, bildete sich für die nächsten Jahre ein unbeständiges Dreiparteiensystem heraus, bestehend aus Konservativen, Liberalen und der Labour Party (Arbeiterpartei), wobei die Liberalen in dieser Phase als Gegenspieler der Konservativen nach und nach von der aufstrebenden Labour-Partei abgelöst wurden.
Das Carlton-Club-Treffen ist auch in der heutigen politischen Berichterstattung britischer Medien präsent und wird regelmäßig zitiert, um die potentielle Macht konservativer Hinterbänkler herauszustreichen.
Hintergrund mini|Houses of Parliament im Jahr 1914 Seit ihrer klaren Niederlage bei der Unterhauswahl von 1906 hatte sich die Konservative Partei in jahrelanger Opposition befunden. Die sozialen Reformgesetze der regierenden Liberalen, die maßgeblich von Premierminister H. H. Asquith und seinem Schatzkanzler David Lloyd George vorangetrieben wurden, trafen auf den heftigen Widerstand der Konservativen. Vor allem das sogenannte „Volksbudget“ (ein Gesetzespaket mit umfangreichen Steuern auf Landeigentümer, um soziale Maßnahmen zu finanzieren), der nachfolgende Parliament Act 1911, der das Veto-Recht des konservativ dominierten Oberhauses (House of Lords) radikal beschnitt und die andauernde Home-Rule-Frage über die irische Selbstverwaltung sorgten für erbitterte Auseinandersetzungen. Die Konservativen vertraten die Interessen der Landbesitzer und definierten sich traditionell als entschiedene Gegner der irischen Selbstverwaltung – so nannten sie sich auch, um dies auszudrücken, ab 1912 offiziell die „Conservative and Unionist Party“.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 119 f. Die erbitterten Konflikte um das Veto-Recht des Oberhauses hatten schließlich auch zu innerparteilichen Verwerfungen der Konservativen geführt; eine Gruppe um Lord Halsbury forderte (erfolglos) eine totale Opposition um jeden Preis. Dieser rechte Flügel wurde wegen seiner kompromisslosen Haltung als „Ditchers“ oder auch als „Die-hards“ (abgeleitet aus der englischen Redewendung die in the last ditch, deutsch etwa Kampf bis zum bitteren Ende) bezeichnet.Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 221. Die Halsbury-Gruppe konnte die Verabschiedung des Parliament Act nicht verhindern, agitierte jedoch erfolgreich gegen den aus ihrer Sicht allzu zögerlichen Parteiführer Arthur Balfour, der im November 1911 zurücktrat.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 70 ff.Stephen Bates: Asquith (= 20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 68. Sein Nachfolger wurde Andrew Bonar Law.
Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 gab es zunächst ein Stillhalteabkommen in der Parteipolitik, um nationale Einigkeit zu demonstrieren. Die Konservativen selbst bezeichneten dies als „patriotische Opposition“.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 227 f. Angesichts sich mehrender militärischer Niederlagen und wiederholter Rückschläge stieß dieses Abkommen allerdings zunehmend an seine Grenzen. Vor allem die von Winston Churchill unnachgiebig betriebene „Dardanellenstrategie“ mit dem Ziel, das Osmanische Reich aus dem Krieg zu drängen und damit einen sicheren Seeweg zum Verbündeten Russland zu schaffen, war umstritten; die daraus resultierende verlustreiche und erfolglose Schlacht von Gallipoli (19. Februar 1915 bis 9. Januar 1916) hatte zu heftigen Auseinandersetzungen und schließlich zum Rücktritt des Ersten Seelords John Arbuthnot Fisher geführt.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 242. Dies und die sogenannte Munitionskrise von 1915 (ein Mangel an Artilleriegeschossen bei den britischen Truppen an der Westfront) sorgte auch für heftige Kritik der britischen Presse. Eine weitere Alleinregierung der Liberalen und ein Stillhalten der konservativen Opposition war unter diesen Umständen zunehmend unmöglich geworden. Deshalb wurde 1915 eine Koalition zwischen den von Premierminister Asquith geführten Liberalen und den Konservativen um ihren Parteiführer Andrew Bonar Law gebildet.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 243 f. Dazu wurde diese Regierung von Teilen der Labour-Partei unterstützt – obwohl Teile der Labour-Partei der Regierung fernblieben, da sie nicht ihre pazifistische Überzeugung verraten wollten.
mini|Premierminister Asquith (zweiter von links in Zivilkleidung) bei einem Besuch des Britischen Expeditionskorps (1915) Während die führenden Mitglieder der Konservativen bei der Regierungsbildung bereitwillig eigene Ambitionen zurückstellten und sich im Interesse der Sache in mehreren Fällen auch mit niederen Posten zufriedengaben, zeigten viele Mitglieder in der Basis der Partei großen Ehrgeiz, woraus ein scharfer Wettbewerb um die wenigen zur Verfügung stehenden Posten resultierte. So wurde Bonar Law, der sich trotz seiner Rolle als konservativer Parteiführer mit dem Posten des Kolonialministers zufriedengegeben hatte, mit Briefen geradezu bombardiert, in denen ehrgeizige Anhänger um ein subalternes Amt baten.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 253 f.
Bis Ende 1916 war auch Premierminister Asquith ins Zentrum der Kritik gerückt; Asquith, der die Presse verachtete, lehnte es ab, sich mit ihr abzugeben und für seine Sache zu werben. Der mächtige Zeitungsmagnat Lord Northcliffe, Eigentümer von The Times und Daily Mail, arbeitete dagegen auf seine Absetzung hin.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 294.Stephen Bates: Asquith (= 20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 106. In der Presse wurde Asquith einerseits wegen seiner exaltierten Frau Margot (die einen Teil ihrer Schulzeit in Berlin verbracht hatte und auch im Krieg noch offen germanophil war),Stephen Bates: Asquith (= 20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 92. andererseits wegen seiner bekannt abwartenden Strategie, die er vormals selbst mit den Worten „Wait and see“ (Abwarten und schauen) beschrieben hatte, harsch kritisiert.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 162. Asquiths politische Gegner, zu denen Edward Carson und Alfred Milner zählten, warfen ihm Entscheidungsschwäche und Indifferenz vor; dies, andauernde langwierige Diskussionen und zahlreiche interne Intrigen machten einen schnellen Entscheidungsprozess im Kabinett unmöglich. Dagegen erwarb sich Lloyd George als Munitions- und nachfolgend als Kriegsminister eine Reputation für energisches und tatkräftiges Handeln. Mitte November 1916 fanden sich Carson, Lloyd George und Bonar Law zusammen und forcierten in der Folge eine Petition: Ein kleineres Kriegskabinett, bestehend aus vier Personen mit Lloyd George an der Spitze, sollte gebildet werden, Asquith diesem dagegen nicht angehören.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 302 ff.
Asquith weigerte sich, dies zu akzeptieren, woraufhin Lloyd George seinen Rücktritt einreichte. Da Bonar Law jedoch Lloyd George unterstützte und den Rücktritt aller konservativen Minister androhte, sah Asquith keine andere gangbare Option mehr und trat von seinem Amt zurück.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 334. Diese Entscheidung führte zur Spaltung der Liberalen Partei. Während der als Premierminister verdrängte Asquith mit seinen Anhängern in die Opposition ging, verblieb ein (kleinerer) Teil der Liberalen unter dem neuen Premierminister Lloyd George in der Koalition.Stephen Bates: Asquith (= 20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 124 ff.
Die „Coupon-Wahl“ 1918 mini|hochkant|Ein Wahlplakat der Labour-Partei während des Wahlkampfs von 1918