mini|Der bekannte Musiker Kong Nay (* 1946) spielt chapey dang veng. Phnom Penh, 2007.

Chapey dang veng, auch chapay dang veng, chapei dong veng (Khmer ), chapei veng, kurz chapey (), ist eine in der kambodschanischen traditionellen Musik gespielte Langhalslaute mit zwei oder vier Saiten und einem großen gerundeten Korpus, der in Thailand die um die Mitte des 20. Jahrhunderts selten gewordene krajappi (thailändisch ) entspricht. Die chapey dang veng wird zur Liedbegleitung (chrieng chapey), in Hochzeitsmusikensembles (phleng kar) und in ländlichen Gebieten in zeremoniellen Ensembles (phleng arak), die bei Geisterbeschwörungsritualen auftreten, verwendet. Der Instrumentenname chapey stammt aus Indien und geht auf Sanskrit kacchapi („Schildkröte“) zurück, die Form ist mit den in Ostasien und Vietnam vorkommenden „Mondlauten“ verwandt, die wegen ihres kreisrunden flachen Korpus so genannt werden. Im Jahr 2016 wurde die chapey dang veng von der UNESCO in die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes aufgenommen.Chapei Dang Veng. UNESCO, Dezember 2016

Herkunft und Verbreitung mini|Junge chapey-Spielerin im Königspalast von Phnom Penh. Foto von Émile Gsell 1866 oder 1873.

Ab der Mitte des 1. Jahrtausends stand das Gebiet des heutigen Kambodscha, das zu jener Zeit zum Chenla-Staatenverbund und vom Beginn des 9. Jahrhunderts zum Reich der Khmer gehörte, unter indischem Kultureinfluss. Von der indischen Kultur zeugen die hinduistischen und buddhistischen Tempelanlagen vor allem in der mittelalterlichen Hauptstadt Angkor. Dort sind an einigen Tempelreliefs Darstellungen von Bogenharfen pin zu sehen, die in Indien bis um das 7. Jahrhundert (namentlich vina und yazh) in Gebrauch waren. Außerdem sind auf den Reliefs Stabzithern eines einfachen Typs abgebildet. Dieser ist in Indien praktisch verschwunden und kommt dort nur noch in einem Rückzugsgebiet in Ostindien mit dem Namen tuila, in Kambodscha als kse diev und in Thailand als phin nam tao vor. Ein Relief am Bayon zeigt eine senkrecht gehaltene Laute mit einem kleinen runden Korpus, die jedoch nichts mit der Form der chapey zu tun hat.Roger Blench: Musical instruments of South Asian origin depicted on the reliefs at Angkor, Cambodia. EURASEAA, Bougon, 26. September 2006, S. 4f In schriftlichen Quellen der Hochkultur der Khmer sind einige Namen für Saiteninstrumente überliefert, die sich aber kaum einem Instrumententyp zuordnen lassen.Vgl. Saveros Pou: Music and Dance in Ancient Cambodia as Evidenced by Old Khmer Epigraphy. In: East and West, Band 47, Nr. 1/4, Dezember 1997, S. 229–248, hier S. 236 Langhalslauten mit einem schlanken birnenförmigen Korpus und drei bis fünf Saiten, wie sie auf Reliefs an den indischen Stupas von Amaravati (2. Jahrhundert n. Chr.) und Nagarjunakonda (etwa 4. Jahrhundert n. Chr.) vorkommen,Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 36 sind für das mittelalterliche Kambodscha nicht nachgewiesen. Ebenso sind in Indonesien, das ab den ersten nachchristlichen Jahrhunderten von indischen Händlern und Missionaren besucht wurde, keine entsprechenden Langhalslauten bekannt. Von den auf einigen südostasiatischen Inseln verbreiteten Bootslauten mit langem Hals vom Typus der sape tragen zwar manche auf den Philippinen aus dem Sanskritwort kacchapi für eine altindische Langhalslaute abgeleitete Namen (wie kutiyapi), dieser Instrumententyp ist jedoch in Indien unbekannt.Hans Brandeis: Versuch einer Typologie philippinischer Bootslauten. In: Eszter Fontana, Andreas Michel, Erich Stockmann (Hrsg.): Studia instrumentorum musicae popularis, Band 12. Janos Stekovics, Halle 2004, S. 75–108, hier S. 104

Insgesamt war der Einfluss indischer Musik auf Südostasien eher gering und ist auch bei der chapey nicht erkennbar, immerhin geht ihr Name wie thailändisch krajappi auf Sanskrit kacchapi zurück.Artur Simon: The Terminology of Batak Instrumental Music in Northern Sumatra. In: Yearbook for Traditional Music, Band 17, 1985, S. 113–145, hier S. 115 Dass ein Instrumentenname in einer Region verschwindet und anderswo für einen anderen Instrumententyp wieder auftaucht, ist nicht ungewöhnlich. Die zweisaitige indonesische Stachelfiedel rebab teilt beispielsweise ihre Namensherkunft vom arabischen Wortstamm r–b–b (häufig vokalisiert als rabāb) mit verschiedenartigen orientalischen Streich- und Zupfinstrumenten und nach sitar für eine indische Langhalslaute ist in Westjava mit siter eine Variante der Kastenzither celempung benannt. Die Bezeichnung kacchapi für ein Saiteninstrument wird erstmals in Bharata Munis Werk über die darstellenden Künste Natyashastra um die Zeitenwende erwähnt, als das Gandhara-Reich im Nordwesten Indiens unter griechischem Einfluss stand. Curt Sachs (1923) gibt die Annahme wieder, das Wort kacchapi, das auf Sanskrit und Pali „Schildkröte“ bedeutet, könnte analog zum griechischen Wort cheloni für ein Zupfinstrument mit einem Schildkrötenpanzer als Resonator, das von chelys („Schildkröte“) abgeleitet ist, auf ein indisches Saiteninstrument übertragen worden sein. Diese Bedeutungsübertragung müsste unabhängig von der Form erfolgt sein, denn Saiteninstrumente mit Schildkrötenpanzer kamen in Indien nie vor,Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. 2. Auflage (1923). Nachdruck Georg Olms, Hildesheim 1983, S. 125 es sei denn, eine Abbildung der Gandhara-Kunst mit einem einfachen, frühen Typ einer dreisaitigen Kurzhalslaute wird als Schildkrötenform betrachtet.Emmie te Nijenhuis: Dattilam. A Compendium of Ancient Indian Music. Hrsg.: K. Sambasiva Sastri, Trivandrum Sanskrit Series no. 102, Trivandrum 1930, S. 83 Eine praktische Namensherleitung berücksichtigt, dass kacchapi auch den Baum Cedrela tuna (Familie der Mahagonigewächse) bezeichnen kann, dessen Holz bis heute zum Bau der sitar verwendet wird.

Sprachverwandt in Indonesien sind kacapi für eine Brettzither in Westjava und hasapi für eine schmale zweisaitige Zupflaute auf der Insel Sumatra, auch die sape in Borneo gehört zu diesem um einiges größeren Wortumfeld, das sich laut Walter Kaudern (1927) in der hinduistischen Zeit, also vor der im 13. Jahrhundert in Nordsumatra und Anfang des 15. Jahrhunderts auf Java beginnenden Islamisierung im Malaiischen Archipel verbreitete. Die geographische Verbreitung des Wortumfelds kacchapi sieht Kaudern mit der maximalen Ausdehnung des letzten hinduistischen Großreichs Majapahit verknüpft.Walter Kaudern: Ethnographical studies in Celebes: Results of the author’s expedition to Celebes 1917–1920. III. Musical Instruments in Celebes. Elanders Boktryckeri Aktiebolag, Göteborg 1927. S. 192 Die Größe und der Umriss des chapey-Korpus können zwar auf eine Schildkröte bezogen werden,David Morton: The Traditional Music of Thailand. University of California Press, Berkeley 1976, S. 92 für die anderen genannten Saiteninstrumente in Südostasien passt die Formassoziation aber nicht.

mini|hochkant|Wandmalerei in der Buddhaisawan-Kapelle in Bangkok von 1795. Abstieg vom Himmel. Gott Indra (mit Schneckenhorn) und sein krajappi spielender himmlischer Gefährte Pancasikha nehmen nicht die dreiteilige Leiter links oben, sondern fliegen auf die Erde herab. Dem Zerfall des Khmer-Reichs in Kambodscha folgte im 15. Jahrhundert die Machtübernahme durch Siam, das nun ein Gebiet kulturell beeinflusste, in dem bis ins 19. Jahrhundert Musik praktisch nur noch auf dörflicher Ebene praktiziert wurde. Die meisten kambodschanischen Musikinstrumente haben daher thailändische Entsprechungen, die sich allenfalls graduell in Form und Spielweise voneinander unterscheiden. Das thailändische Gegenstück zur chapey dang veng und das Bindeglied zu ihrer weiteren Herkunft und Verbreitung ist die dreisaitige Langhalslaute krajappi, die bis ins 19. Jahrhundert in der klassisch-thailändischen Musikgattung mahori – dem kambodschanischen mohori entsprechend – und im khrung sai-Ensemble gespielt wurde. Letzteres ist heute, wie der Name sagt, ein „Streichinstrumenten-Ensemble“. Andere Saiteninstrumente im mahori sind die dreisaitige Röhrenspießgeige sor sam sai (in Kambodscha tro khmer) und die ebensolche zweisaitige sor u (in Kambodscha tro ou). Hinzu kommen bei einem vollständigen jüngeren mahori-Ensemble zwei Xylophone, die den kambodschanischen roneat nahestehen, ranat ek und ranat thom (hoch und tief gestimmt), die beiden Buckelgongkreise khong wong lek und khong wong yai (hoch und tief gestimmt), die Handzimbeln ching sowie das Trommelpaar thon und rammana.Terry E. Miller, Sam-ang Sam: The Classical Musics of Cambodia and Thailand: A Study of Distinctions. In: Ethnomusicology, Band 39, Nr. 2, Frühjahr–Sommer 1995, S. 229–243, hier S. 230, 233

Die einzige thailändische Wandmalerei, auf der ein solches Ensemble mit Saiteninstrumenten, Xylophonen und Trommeln zu sehen ist, befindet sich an der Außenwand der Galerie im Wat Phra Keo (Bangkok, Schule von Rattanakosin, zweites Viertel 19. Jahrhundert, ab 1880 mehrfach restauriert). Alle Musiker liegen schlafend auf dem Boden. Ein kleineres, musizierendes mahori-Ensemble mit einer in der Mitte sitzenden krajappi-Spielerin ist im Wat Suwandararam in Ayutthaya aus der Zeit von Rama I. (reg. 1782–1809) und in der Buddhaisawan-Kapelle zu sehen, die zum Nationalmuseum Bangkok gehört. In der 1795 erbauten Kapelle befinden sich die ältesten Wandmalereien der Landeshauptstadt. Diese Musikszene stellt eine ältere Form eines nur von Frauen besetzten mahori-Ensembles dar mit sor sam sai, krajappi, Bambuslängsflöte khlui, Bechertrommel thon und gelegentlich der flachen Trommel rammana, Klappern krap phuang und ching.Terry E. Miller: The Uncertain Musical Evidence in Thailand's Temple Murals. In: Music in Art, Band 32, Nr. 1/2 (Music in Art: Iconography as a Source for Music History, Band 3) Frühjahr–Herbst 2007, S. 5–32, hier S. 10f, Abbildungen S. 19f Eine andere Szene in der Buddhaisawan-Kapelle zeigt den Gott Indra und seinen nur in der buddhistischen Tradition vorkommenden Begleiter Pancasikha,Monika Zin: Devotionale und ornamentale Malereien. Band 1. Harrassowitz, Wiesbaden 2003, S. 155 wie beide im Flug vom Himmel herabkommen. Pancasikha gehört zu den himmlischen Musikern (Gandharvas) und wird an einer Stelle mit einer seltsamen Bogenharfe und hier mit einer krajappi abgebildet. Er hält die krajappi, an der drei Saiten und fünf Wirbel erkennbar sind, in der üblichen Lautenposition mit zwei Händen schräg vor dem Oberkörper und schüttelt mit zwei weiteren Händen in Kopfhöhe kleine Sanduhrtrommeln (damaru).Jean Boisselier: Malerei in Thailand. W. Kohlhammer, Stuttgart 1976, S. 95, 126f Die krajappi ist seit der Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehend verschwunden und wird nur noch gelegentlich solistisch gespielt.Krajappi. In: Grove Music Online, 11. Februar 2013

Die gezupfte Langhalslaute war die seltenste der drei thailändischen Saiteninstrumententypen. Der bekannteste Typ ist die dreisaitige Zither chakhe, die der kambodschanischen krapeu und der burmesischen mí-gyaùng entspricht und wegen ihrer Gestalt zu den „Krokodilzithern“ gezählt wird. Sie stammt wahrscheinlich aus Indien, wo eine Reihe zoomorph geformter Zithern bekannt sind, etwa die pfauengestaltige mayuri vina. Die ältesten der unter der Sammelbezeichnung sor zusammengefassten Streichlauten in Thailand stammen hingegen aus China. Dort besitzen sie seit der Ming-Dynastie (1368–1644) den Namen huquin (etwa „Fiedel der Fremden im Norden“), der zu einem Ursprung der Stachelfideln bei den Steppennomaden in der Mongolei verweist. Eine derart ferne Herkunft von krajappi und chapey dang veng lässt sich nicht ausmachen.

mini|hochkant|Vietnamesische zweisaitige Laute đàn nguyệt im Ethnologischen Museum von Vietnam.