mini | hochkant | Maibaum, Illustration von 1848 zu „Befehlerles“

Die Schwarzwälder Dorfgeschichten sind eine Sammlung von 27 Erzählungen von Berthold Auerbach, die zwischen 1842 und 1880 entstanden und im dörflichen Milieu des Schwarzwalds spielen. Berthold Auerbach gilt als „Vater“ der literarischen Gattung der Dorfgeschichte, weil er die Produktion und Rezeption der Gattung wesentlich bestimmt hat.#Wild 2011, Seite 50.

Die Publikation erfolgte von 1842 an in Einzelfolgen in der Zeitung für die elegante Welt. Die erste Buchausgabe erschien 1843.

Entstehung Honoré de Balzac entwickelte in seinem Romanwerk „Die menschliche Komödie“ ein Panorama der französischen Gesellschaft seiner Zeit. Berthold Auerbach setzte in kleinem Maßstab dem dörflichen Kosmos seines Heimatdorfs Nordstetten ein Denkmal. In seinem Aufsatz „Vorreden statt Nachreden“ von 1843 schreibt er: „Ich habe es versucht, ein ganzes Dorf gewissermaßen vom ersten bis zum letzten Hause zu schildern.“#Auerbach 1843.2, Seite 36. Die Geschichten sind miteinander verwoben, so dass der Leser wie bei Balzac immer wieder einzelnen Figuren und ihren Schicksalen begegnet. Teilweise haben die Geschichten den Umfang kurzer Novellen (10 bis 50 Seiten), teilweise die Länge kurzer Romane (100 bis 250 Seiten).

Im Alter von 28 Jahren begann Berthold Auerbach 1840, seine Schwarzwälder Dorfgeschichten zu Papier zu bringen. Die ersten Entwürfe zu den Dorfgeschichten skizzierte er im Juli 1840, als er fern der Heimat in Bonn die Nachricht vom Tod seines Vaters erhielt.#Schmalzriedt 1982, Seite 622–625. 1842 veröffentlichte er die ersten fünf Schwarzwälder Dorfgeschichten in Zeitschriften für das gebildete Publikum, siehe Zeitschriftenausgaben.

Für die Buchausgabe seiner Geschichten suchte Auerbach lange nach einem Verleger, der risikobereit genug war, etwas Neues zu wagen. Karl Mathy, der Kompagnon des Mannheimer Verlegers Friedrich Bassermann, erkannte das Potential der Dorfgeschichten. Die ersten neun „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ wurden 1843 bei Bassermann in zwei Teilen als Buch gedruckt. Auf Grund des großen Erfolges folgten bis 1854 drei weitere Bände. Bis 1880 erschienen weitere Dorfgeschichten, darunter 1856 Auerbachs erfolgreichste Geschichte „Barfüßele“ und 1876 unter dem Untertitel „Nach dreißig Jahren. Neue Dorfgeschichten“ drei weitere Geschichten.#Berthold-Auerbach-Literaturkreis 2012.

Liste der Schwarzwälder Dorfgeschichten mini | hochkant=1 | Titelblatt des 1. Bandes der Schwarzwälder Dorfgeschichten, 1843

Verwendete Ausgabe: #Volksausgabe 1884.

Nr. Jahr Titel Band 1 1842 Der Tolpatsch 1 2 1842 Die Kriegspfeife 1 3 1842 Des Schloßbauers Vefele 1 4 1842 Tonele mit der gebissenen Wange 1 5 1842 Befehlerles 1 6 1843 Die feindlichen Brüder 1 7 1843 Ivo, der Hajrle 1 8 1843 Florian und Kreszenz 2 9 1843 Der Lauterbacher 2 10 1845 Sträflinge 2 11 1846 Die Frau Professorin 3 12 1847 Luzifer 3 13 1849 Der Geigerlex 5 14 1851 Hopfen und Gerste 4 15 1852 Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg 4 16 1852 Der Viereckig oder die amerikanische Kiste 5 17 1852 Brosi und Moni 7 18 1853 Erdmuthe 2 19 1853 Der Lehnhold 5 20 1853 Ein eigen Haus 6 21 1856 Barfüßele 6 22 1860 Joseph im Schnee 7 23 1861 Edelweiß 8 24 1876 Des Lorles Reinhard 9 25 1876 Der Tolpatsch aus Amerika 9 26 1876 Das Nest an der Bahn 10 27 1880 Brigitta 10

Inhaltsangaben Dieser Abschnitt enthält Inhaltsangaben zu ausgewählten Erzählungen.

Der Tolpatsch mini | hochkant=1 | „Er stand ruhig und fest und machte seinem Geburtsorte den militärischen Gruß.“

Die 1842 veröffentlichte Erzählung „Der Tolpatsch“ war Auerbachs erste Schwarzwälder Dorfgeschichte. – Aloys Schorer, ein arbeitsamer, gutmütiger junger Mann mit dem „Unnamen“ Tollpatsch verliebt sich in das Marannele. Bevor er seinen Militärdienst antritt, nimmt er ihr das Versprechen ab, nicht vor seiner Entlassung aus dem Militär zu heiraten. Auf Urlaub erfährt er, dass der Jörgli das Marannele verführt hat und es heiraten wird. In seiner Enttäuschung wandert Aloys mit Verwandten nach Amerika aus.

In der Erzählung „Ivo, der Hajrle“, die ein Jahr später 1843 erschien, erfährt der Leser, wie es Aloys in Amerika erging. Nach Jahren schreibt Aloys einen Brief an seine Mutter: Er ist glücklich verheiratet und hat einen kleinen Sohn, und nach anfänglichen Schwierigkeiten floriert seine Wirtschaft bestens. Er singt ein Lob auf die Freiheit und Gleichheit in Amerika, aber er leidet noch immer unter Heimweh, weniger nach Deutschland als nach den Seinen, die er zurückgelassen hat.#Volksausgabe 1884, Band 1, Seite 178–185.

Über 30 Jahre nach Veröffentlichung von „Der Tolpatsch“ und „Ivo, der Hajrle“ greift Auerbach 1876 mit der Erzählung „Der Tolpatsch aus Amerika“ noch einmal das Thema auf. Aloys Schorers Sohn begibt sich in die Heimat seines Vaters, um eine Frau zu wählen. Er verliebt sich in die Tochter des Marannele, das einst seinen Vater verschmäht hatte. Der Vater überwindet seinen alten Groll und erklärt sich mit der Heirat seines Sohnes einverstanden.

Die Kriegspfeife mini | hochkant=1 | „Als er erwachte, war das erste, was er verlangte: seine Pfeife.“

Die Erzählung „Die Kriegspfeife“ aus dem Jahr 1842 schildert, wie ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher vom Tabakrauchen entwöhnt wird. – Die Erzählung spielt zur Zeit der Napoleonischen Kriegszüge:#Volksausgabe 1884, Band 1, Seite 27.

„Jeder Bauer konnte aus der Königsloge seines eigenen Hauses die ganze Weltgeschichte vorbeidefilieren und agieren sehen, …und dieses ganze großartige Schauspiel kostete oft den Bauer nichts als Haus und Hof und etwa noch sein Leben.“

Der 19-jährige Hansjörg schießt sich mit der Pistole einen Finger ab, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Der Verwundete wird in das Haus des Zieglers eingeliefert, wo ihn dessen Tochter Kätherle pflegt. Dabei kommen sich die jungen Leute näher und verlieben sich ineinander. Eines Tages preschen zwei französische Marodeure durchs Dorf, und einer reißt Hansjörg die heißgeliebte Pfeife aus dem Mund. Hansjörg will mit zwei Freunden den Franzosen hinterherjagen, das Kätherle hält ihn jedoch mit dem Versprechen zurück, ihn heiraten zu wollen, und auch die beiden Freunde machen halbwegs kehrt aus Angst vor ihrer eigenen Courage. Hansjörg gelobt das Rauchen aufzugeben und bleibt auch standhaft, als sich seine Pfeife wunderlicherweise wieder einfindet.

Des Schloßbauers Vefele mini | hochkant=1 | „Nicht weit von Hirschau sprang ihm das Mohrle entgegen, es trug ein rothes Halstuch im Maul.“

Die Erzählung „Des Schloßbauers Vefele“ von 1842 schildert die selbstverschuldete Vereinsamung eines Mannes und das grausame Schicksal seiner Tochter. Ein Ortsfremder kauft das Schlossgut und baut „das vornehmste Haus des ganzen Dorfes“, weswegen er der Schlossbauer genannt wird. Er zerstreitet sich mit Gott und der Welt und führt endlose Prozesse mit den Bauern im Dorfe. Er und seine Familie werden daher von allen gemieden. Von seinen Kindern bleibt nur die jüngste Tochter Vefele in der Familie zurück.

Auch mit seiner Frau lebt der Schlossbauer in ständigem Zank, nur das Vefele kann die häufigen Streitereien schlichten. Die Mutter stirbt vor Gram, und erst jetzt merkt der Vater, was er an ihr verloren hat. Eines Tages taucht im Ort ein Feldscherer auf. Er macht dem Vater und der Tochter in ihrer Einsamkeit Avancen und schwängert die Tochter. Nach dem Tod des Vaters veranlasst er das Vefele, ihren ganzen Besitz zu Geld zu machen, um mit ihm nach Amerika auszuwandern. Der Feldscherer stiehlt ihr jedoch das Geld und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Das Vefele ertränkt sich in seiner Verzweiflung im Neckar, nur sein rotes Halstuch bleibt von ihm übrig, das sein Hund Mohrle im Maul trägt.

Tonele mit der gebissenen Wange mini | hochkant=1 | „Da! da!“ rief der Sepper, „da liegt dein Jäger, jetzt heirath’ ihn.“

In der Erzählung „Tonele mit der gebissenen Wange“ von 1842 führen zwei unglückliche Zufälle zu Tod und Verderben. – Der Sepper und sein Schatz Tonele sind „ein herrliches Paar“. Das Tonele ist dem Sepper herzlich zugetan, aber trotzdem quält er es mit seiner Eifersucht auf den Jäger. Ein neckischer Biss in die Wange seines Schatzes gerät dem Sepper zu einem Malheur: er beißt zu fest zu und das Tonele fühlt sich für sein Lebtag verschandelt, von dem Sepper will es nichts mehr wissen. Der rückt zum Manöver nach Stuttgart aus, und in der Zwischenzeit wendet sich das Tonele dem Jäger zu. Nach seiner Rückkehr sieht der Sepper zufällig das Paar. Er fängt ein Handgemenge mit dem Jäger an, es löst sich ein Schuss aus dessen Gewehr und tötet den Jäger. Sepper entweicht in die Fremde, und das Tonele wird „erst nach vielen Jahren einsamen Kummers vom Leben erlöst“.#Volksausgabe 1884, Band 1, Seite 84.

Befehlerles mini | hochkant=1 | „Darauf nahm er ruhig seine Axt vom linken Arm und mit einem ‚Da!’ hieb er sie in das schwarze Brett.“

In der Erzählung „Befehlerles“ von 1842 geißelt Auerbach die Willkür der Behörden. – Der Matthes fällt verbotenerweise einen Maibaum in seinem eigenen Wald und setzt ihn seinem Schatz Aivle vors Haus (siehe Titelbild). Matthes wird rechtswidrig in demütigender Weise verhaftet und zu 10 Reichstalern Strafe verurteilt. Aus Anlass des Maibaumfrevels plakatiert der Oberamtmann eine willkürliche Verordnung, die den Männern des Dorfes das uralte Recht verbietet, eine Axt bei sich zu tragen. Die Männer zerhacken den Aushang der Obrigkeit und zeigen sich selbst an. Buchmaier, der Anführer der Männer, hält vor dem Oberamtmann eine Brandrede, in der er die Freiheitsrechte der Bauern einklagt:#Volksausgabe 1884, Band 1, Seite 99–100.

„Die kleinen Herrle, die von oben bis ’runter stehen, die haben Freud’ an dem Befehlerles-Spielen; zuletzt schreiben sie’s noch nach Noten vor, wie die Henn’ gackern muß, wenn sie ein Ei legt.“

Die Männer werden formal zu einer Geldstrafe verurteilt, der Oberamtmann jedoch wird versetzt, und seine Verordnung bleibt unbeachtet.

Die feindlichen Brüder mini | hochkant=1.25 | „Wehe! Wehe! Wehe! ihr habt verstockten Herzens in Haß gelebt.“

Die Erzählung „Die feindlichen Brüder“ aus dem Jahr 1843 schildert das Schicksal zweier Brüder, die seit 14 Jahren in Feindschaft miteinander leben. – Ursache des Bruderzwists war ein nichtiger Erbschaftsstreit nach dem Tod der Mutter. Seitdem leben sie streng getrennt im gleichen Haus, ohne einander zu beachten. Als ein neuer Pfarrer ins Dorf kommt, bestellt er die Brüder zu sich und hält ihnen ihr Schicksal im Jenseits vor Augen:#Volksausgabe 1884, Band 1, Seite 113.

„Wehe! Wehe! Wehe! ihr habt verstockten Herzens in Haß gelebt, ... gehet hin aneinander geschmiedet, verschmachtet ewig in der Hölle.“

Aus Furcht vor dem schrecklichen Strafgericht versöhnen sich die beiden Brüder und leben hinfort in Harmonie.

Ivo, der Hajrle mini | hochkant=1 | Ivo verteidigt seine Freundin Emmerenz gegen die „Unholde“ der grauen Gänse.

Die Geschichte „Ivo, der Hajrle“ aus dem Jahr 1843 beschreibt die Entwicklung eines jungen Manns, der katholischer Pfarrer werden will, sich dann aber doch gegen das Zölibat entscheidet. – Ivo, der sechs Jahre alte Sohn des Zimmermanns Valentin, erlebt begeistert die Primiz des Schneidersohns Gregor. Die Frage des Vaters, ob er auch einmal HajrleHajrle: Herrlein, Pfarrer. werden wolle, beantwortet Ivo mit einem freudigen Ja. Ivo lebt weiterhin im elterlichen Haus und genießt das Landleben. Er liebt die Tiere und die Feldarbeit. Seine liebsten Freunde sind der Knecht Nazi und die arme Nachbarstochter Emmerenz. Als er alt genug ist, besucht er die Lateinschule in Horb,Nordstetten ist seit 1971 ein Stadtteil von Horb. die Klosterschule in Ehingen und das Konvikt in Tübingen.