Die Ahnenverehrung ist nicht bei allen, aber bei den meisten Völkern Afrikas südlich der Sahara ein wichtiger Bestandteil traditioneller Kultur bzw. Religiosität. Sie umfasst ein spirituelles Verhältnis zu den verstorbenen Ahnen, die nach traditionellen Vorstellungen auf diese Weise weiterhin am diesseitigen Leben teilhaben können.

Islamische Geistlichkeit im nördlichen Afrika ebenso wie westliche Missionare in Subsahara-Afrika „bekämpften“ für lange Zeit und teilweise bis heute das Verhältnis von Afrikanern zu ihren Ahnen. Die Ahnenverehrung vollzieht sich darum bis heute weitgehend im Verborgenen und ist selten Gegenstand eines offenen Gesprächs, zumal mit westlichen Gesprächspartnern. Beobachtungen und Feldstudien ausländischer wie auch einheimischer Forscher zeichnen aber gegenwärtig ein in vielen Dingen übereinstimmendes Bild, das im Folgenden zusammengefasst wiedergegeben werden soll.

Definitionen und Abgrenzung

Als Ahnenkult werden weltweit sehr viele unterschiedliche Praktiken ethnischer Religionen bezeichnet, denen bestimmte Wesenselemente gemeinsam sind. Dazu gehören beispielsweise ein Glauben an Geistwesen oder ein Animismus, der Respekt vor der familiären Linie und eine starke Gruppenkohäsion sowie der Ritus einer Opferhandlung. Während der Totenkult sich stärker auf all jene Verstorbenen bezieht, welche den Praktizierenden noch persönlich bekannt sein können, fokussiert sich der Ahnenkult auf meist wenige, aber prominente Vorväter, die zum Teil Generationen zuvor lebten.

Auf der Suche nach einer korrekten Bezeichnung ihrer Traditionen sprechen Afrikaner selbst heute gerne von „Gemeinschaft mit den Ahnen“ (community with the ancestors). Der früher gebräuchliche Begriff „Ahnenkult“ (ancestor worship bzw. ancestor cult) wird heute überwiegend als unzutreffend abgelehnt, da er für afrikanisches Empfinden eine tendenziöse, die Ahnenbeziehung ablehnende Sichtweise westlicher Betrachter wiedergibt. Stattdessen wird vorgeschlagen, von „Ahnenverehrung“ (ancestor veneration) zu sprechen.

Der Begriff „Ahn“ ist ein Ehrentitel. Ahnen sind dabei nicht einfach alle Vorfahren, sondern nur solche, die sich um die Gemeinschaft verdient gemacht haben. Die Ahnen bzw. ihre Verehrung haben sowohl eine soziale – die Gemeinschaft stabilisierende – als auch eine religiöse Funktion (Mittler zwischen Gottheit(en) und den Menschen).

Glaubensinhalte Lebendige Ahnen Das Verhältnis der Afrikaner zu ihren Ahnen ist mehr als bloße Erinnerung und ihre Verehrung mehr als bloßer Totenkult, denn es geht nach afrikanischem Verständnis um eine lebendige Beziehung mit einer Kommunikation in beide Richtungen. Das Verhältnis zu den Ahnen beruht auf der Überzeugung, dass die Ahnen nach ihrem Hinscheiden aus diesem Leben nicht völlig tot sind, sondern in unsichtbarer Weise weiterexistieren, mit ihren Nachfahren Verbindung halten und ihr Leben beeinflussen können.

Der christliche Religionsphilosoph John S. Mbiti prägte für die unlängst Verstorbenen den Begriff der living-dead („Lebend-Toten“). Die eines natürlichen Todes gestorbenen und ordnungsgemäß bestatteten „Lebend-Toten“ bei Mbiti können sich sowohl gegenüber den Menschen mitteilen als auch die Sprache der jenseitigen Geistwesen und Gottes verstehen.Christopher I. Ejizu: African Traditional Religions and the Promotion of Community Living in Africa. africaworld.net Mbiti zufolge stellen die Verstorbenen mit den Lebenden und den noch Ungeborenen eine der drei Zustandsebenen des Menschen dar. Die mit der Initiation erwachsen gewordenen Menschen sind verpflichtet, zu heiraten und für Nachwuchs zu sorgen, weil nur so die Lebenden als Bindeglied zwischen dem Tod und dem Leben fungieren und damit das Weiterbestehen der Gemeinschaft sichern können.

Bedeutung für die Gemeinschaft Verwurzelt zu sein, sein Woher zu kennen, in einer bestimmten Tradition zu stehen, ist für Afrikaner von grundlegender Bedeutung. Die Ahnen verkörpern die eigene Herkunft und Identität.

Grundlegend für das afrikanische Lebensgefühl ist u. a. die große Bedeutung der Gemeinschaft. Mtu ni watu – dieses Sprichwort aus dem Swahili übersetzt Mbiti frei mit I am, because we are („Ich bin, weil wir sind“). Traditionell definiert der Afrikaner seine Identität und Persönlichkeit nicht aus seinen individuellen Leistungen, sondern aus seiner Stellung in der Gemeinschaft – im Stamm, in der Sippe bzw. in der Großfamilie. Diese Gemeinschaft besteht jedoch nicht nur aus den Lebenden, sondern aus den Lebenden, ihren Ahnen und den Noch-nicht-Geborenen. Die Verehrung der Ahnen bzw. des Urahns durch die Nachkommen hat dabei gemeinschaftsstiftende und -stärkende Kraft: Ahnen sind der gemeinsame Bezugspunkt, und sie verkörpern in ihrer Vorbildfunktion die gemeinsamen Werte, die die Gemeinschaft zusammenhalten.

Ahnen als Vorbilder Ahnen erfüllen nicht zuletzt eine wichtige Vorbildfunktion, die Rolle moralischer Vorbilder, worin sie den christlichen Heiligen nahekommen. Mit dem Beispiel ihres Lebens setzen sie den Rahmen für Falsch und Richtig in der Gemeinschaft, in der sie verehrt werden. Man kann auch umgekehrt davon sprechen, dass eine Gemeinschaft mit der Verehrung eines Ahns die Werte und Maßstäbe deutlich macht, die in ihr gelten sollen. Darin kommt ein stark traditionsorientiertes Denken in afrikanischen Gemeinschaften zum Ausdruck.

Ahnen als Mittler Kennzeichnend für traditionelle afrikanische Gesellschaften ist die Mittlerschaft. In vielen wichtigen Angelegenheiten des Lebens spricht man nicht für sich selbst, sondern durch einen Mittler oder Sprecher – etwa bei den Verhandlungen zwischen den Familien, die einer Heirat vorausgehen. Erst recht, wenn man sich an eine höhergestellte Persönlichkeit wie an einen Häuptling oder König wendet, gilt es gar als unschicklich, diesen direkt anzusprechen; man tut dies durch eine Mittelsperson, selbst wenn man sich in Seh- und Hörweite des Adressaten befindet.

Bei der Frage, ob die höchste Gottheit (the Supreme Being) in der afrikanischen Religion für den gewöhnlichen Gläubigen zugänglich sei, ergibt sich kein einheitliches Bild. Weit verbreitet ist jedoch die Vorstellung, dass auch diese Gottheit nur über Mittler angegangen werden solle. Ahnen werden als diejenigen angesehen, die nach ihrem Tod einen Status erreicht haben, in dem sie dem Göttlichen näher als die noch Lebenden sind und in beide Richtungen vermitteln können. Auch darin sind sie den Heiligen etwa im katholischen Verständnis ähnlich. Die Anliegen der Gläubigen werden über die Ahnen der Gottheit übermittelt, wobei auch unter den Lebenden dies nicht irgendjemandem obliegt, sondern den jeweiligen Oberhäuptern stellvertretend für ihre Gemeinschaft – dem König oder Häuptling für das Volk, dem Ältesten für die Sippe oder die Großfamilie. Umgekehrt bilden die Ahnen gewissermaßen den Kanal für die göttliche Lebenskraft (Life-force, Force vitale), die die Gläubigen erreichen soll und für diese absolut lebenswichtig ist in einer Welt, in der sie sich von Geistern, Hexen und anderen spirituellen Kräften bedroht sehen (die die letzte Ursache auch für Krankheiten, Hunger, Unwetter usw. bilden). Ein gutes Verhältnis zu den Ahnen ist daher lebensnotwendig und wird nicht zufällig immer wieder als das Herzstück traditioneller Religiosität angesehen.

Erscheinungen der Ahnen Ahnen haben nach traditioneller Auffassung eine große Bandbreite von Möglichkeiten, mit den Lebenden Verbindung aufzunehmen und ihnen ihren Willen bekannt zu machen. Dazu gehören supranaturale Erscheinungen ebenso wie die Interpretation natürlicher Ereignisse. Afrikaner berichten von Erscheinungen, in denen ein Ahn zu ihnen gesprochen und sie z. B. zurechtgewiesen oder ihnen einen bestimmten Auftrag erteilt habe, etwa sein Grab besser zu pflegen. Daneben werden Erscheinungen von Schlangen häufig als Begegnung mit einem Ahn gedeutet; auch Kalamitäten, die Afrikaner im Leben treffen können, wie Krankheit, Trockenheit, Unwetter usw. werden häufig als Strafe der Ahnen für eigenes Fehlverhalten gedeutet, vor allem, wenn sie länger anhalten und nicht durch gewöhnliche Gebete zum Verschwinden gebracht werden können. Diese Deutungen zeigen, dass das Wirken der Ahnen ambivalent gesehen wird – hilfreich in Krisenzeiten, aber auch strafend, wo Normen der Gemeinschaft verletzt werden und diese darum in Gefahr gerät. Alles in allem wird das Wirken der Ahnen daher überwiegend positiv gesehen, d. h. gemeinschaftsstiftend und -erhaltend.

Kriterien für den Ahnenstatus Nicht jeder Vorfahre ist ein Ahn. „Ahn“ ist ein Ehrentitel, der nur bestimmten Vorfahren nach bestimmten Kriterien zuerkannt wird, vergleichbar mit der christlichen Heiligsprechung.

Als Kriterien gelten: ein vorbildliches Leben Ehe und Nachwuchs ein hohes Alter erreicht zu haben und eines natürlichen Todes gestorben zu sein. Ausgeschlossen werden hiermit v. a. Suizidtote, aber auch durch bestimmte Krankheiten Verstorbene, deren Krankheit als Strafe für Fehlverhalten angesehen werden kann (z. B. AIDS). Akzeptabel ist hingegen der frühe Tod im Einsatz für die Gemeinschaft (etwa in einem Verteidigungskrieg) eine wichtige Stellung in der Gemeinschaft schon zu Lebzeiten.

Auf Grund dieser Kriterien kann man davon sprechen, dass der Ahnenstatus in gewisser Weise eine Verlängerung der Position bilden kann, die der Verstorbene zu Lebzeiten innehatte. Dies gilt jedoch nicht, wenn das erste Kriterium verletzt wurde. Afrikaner weisen in diesem Zusammenhang immer wieder darauf hin, dass z. B. Idi Amin wegen seiner Verbrechen in Uganda heute nicht als Ahn verehrt wird.

Als Ahnen werden in aller Regel Männer verehrt (die ja schon in der Gemeinschaft der Lebenden in aller Regel die dominierende Stellung innehaben), wobei von einzelnen Völkern auch die Möglichkeit berichtet wird, dass Frauen und sogar Kinder den Ahnenstatus erlangen können.

Stufen Ahnen, die erst relativ kurze Zeit verstorben und noch in persönlicher Erinnerung bei den Lebenden sind, werden persönlich angerufen und häufig im eigenen Garten bestattet, um ihnen möglichst nahe zu sein. Ihnen wird v. a. schützende Vollmacht zugeschrieben, daher auch die Bezeichnung „Schutzahnen“ („Tutelary Ancestors“).

Ahnen, deren Leben so weit zurückliegt, dass die Nachfahren sich ihrer nicht mehr persönlich erinnern, werden pauschal und anonym angerufen. Sie sind den Lebenden schon weiter entrückt und sind dafür der (ebenso weit entrückten) Gottheit umso näher. Ihnen wird daher besonders die Mittlervollmacht zwischen Gott und den Lebenden zugeschrieben, weshalb sie auch als „Mittler-Ahnen“ (Mediator Ancestors) bezeichnet werden.

Nur einzelne besonders herausragende Führungspersönlichkeiten des Gemeinschaftsverbandes werden auch dann, wenn sie sich jenseits des persönlichen Erinnerungsvermögens befinden, individuell und namentlich in Erinnerung gehalten, wobei sie in der Erinnerung legendenhafte Züge annehmen. Sie werden zu Urtypen beispielhaften (gemeinschaftsdienlichen) Verhaltens. Dies gilt besonders für die Figur eines gemeinsamen Urahns, eines „Gründerahns“ (Founding Ancestor), auf den sich gewöhnlich jede Gemeinschaft (Stamm, Großfamilie) bezieht.

Häufig wird auch ein Gott selbst bzw. das Höchste Wesen als der Urahn oder „Great Ancestor“, d. h. der Ursprung allen Lebens bezeichnet.

Kategorisierung Nicht nur aufgrund der Vielfalt der Praktiken quer über den Kontinent, sondern auch aufgrund ihres Bildungsstands äußern sich Afrikaner widersprüchlich, wenn es um die Frage geht, wovon genau bei Ahnen und deren Verehrung gesprochen wird. Während gewöhnliche Gläubige Ahnen als eine von ihnen (etwa in Visionen) erfahrene Realität schildern, sprechen akademische Theologen gelegentlich von den Ahnen auch als einem Symbol, Zeichen, einer Metapher (Nürnberger) oder einem Mythos (Bediako).

Formen der Ahnenverehrung