mini|Die Mary Celeste 1861, als sie noch Amazon hieß

Als Geisterschiffe werden Schiffe bezeichnet, die verlassen auf See aufgefunden wurden oder, eigentlich schon verloren geglaubt, unter mysteriösen Umständen wieder auftauchen oder gesichtet werden. Ein ähnlicher Fall ist von einem Luftschiff überliefert.

Vorfälle Seefahrt Auswahl an bekannten historischen Vorfällen

Eines der berühmtesten Geisterschiffe ist die Mary Celeste (Bild oben), die 1872 ohne Besatzung treibend zwischen den Azoren und Portugal gefunden wurde. Von den zehn Menschen an Bord fehlte jede Spur. Es wurde später gemutmaßt, dass versehentlich entstandene Ethanol-Dämpfe (die Ladung bestand aus Rohalkohol in Fässern) die Besatzung zur geplanten (zeitweiligen) Flucht in einem Beiboot gezwungen hatten, das Schiff aber abtrieb und eine Rückkehr der Besatzung und Passagiere an Bord dadurch verhindert wurde. Am 29. August 1884 fand das britische Kanonenboot Mallard vor Neufundland, nordöstlich Conception Bay South, die treibende walisische Brigg Resolven. Von den zehn Personen an Bord fehlte jede Spur. Es wurde vermutet, dass die Besatzung das Schiff nur etwa sechs Stunden zuvor verlassen hatte, möglicherweise nachdem die Brigg mit einem Eisberg kollidiert war (allerdings fanden sich nur leichte Schäden am Schiff). Die Resolven erhielt später den Spitznamen „The Welsh Mary Celeste“. Ein Geisterschiff des 20. Jahrhunderts ist der Fünfmastgaffelschoner Carroll A. Deering. Auf der Rückreise von Rio de Janeiro nach Newport News wurde der Schoner unter vollen Segeln am 31. Januar 1921 auf den Diamantuntiefen am Kap Hatteras gestrandet aufgefunden. Kein Mitglied der elfköpfigen Besatzung war an Bord oder wurde später gefunden, alle Rettungsboote waren verschwunden, ebenso die Navigationsgeräte.Ray McAllister: Hatteras Island. Keeper of the Outer Banks. John F. Blair Publishing, Winston-Salem (NC) 2009, S. 38. Lediglich die Schiffskatze wurde vorgefunden, als die US-Küstenwache das Schiff betrat. Trotz intensiver Suchoperationen und Untersuchungen von mehreren US-Bundesbehörden konnte nie mit Sicherheit geklärt werden, was an Bord geschehen war. Die Besatzung blieb spurlos verschwunden; das Wrack selbst lag auf Grund und wurde im März 1921 durch Sprengungen weitgehend zerstört, da man es als eine Gefahr für die Schifffahrt ansah. Ein aufgeklärter Fall eines Geisterschiffs ist der des deutschen Zweimastschoners Seeschwalbe, der am 23. Oktober 1921 im Sturm vor Memel nachweislich sank und dessen Besatzung gerettet wurde. Eine Woche später strandete das Wrack an der Kurischen Nehrung. Eine Untersuchung des Wracks ergab, dass durch den harten Aufprall auf dem Meeresboden der altersschwache Holzrumpf aufgebrochen und der Steinballast herausgefallen war. Danach schwamm das Wrack aufgrund seiner Holzladung wieder auf und legte innerhalb einer Woche rund 100 km zurück.Klaus Reuter: Taifune, Driften, Geisterschiffe. Hoch Verlag, Düsseldorf 1977, ISBN 3-7779-0212-8. Im Oktober 1923 geriet der kanadische Viermastschoner Governor Parr, auf dem Weg von Nova Scotia nach Buenos Aires, vor der US-Ostküste in einen schweren Sturm und musste nach beträchtlichen Seeschäden aufgegeben werden. Die Crew wurde von dem US-Frachter Schodack gerettet. Das beschädigte und besatzungslose Schiff trieb danach auf dem Atlantik umher, zuletzt soll das Segelschiff im Oktober 1924 nahe der Kanarischen Inseln gesichtet worden sein – rund ein Jahr nach der Rettung der Besatzung und rund 2000 Seemeilen vom Unglücksort entfernt.John P. Parker: Sails of the Maritimes: the story of the three-and four-masted cargo schooners of Atlantic Canada. Hazel, Watson & Viney. Aylesbury 1960, S. 147. Das finale Schicksal des Schiffes ist unklar.

mini|Die vom Packeis eingeschlossene Baychimo, um 1931

Ein weiteres bekanntes Geisterschiff war die Baychimo. Der mit 1322 BRT vermessene Frachtdampfer versorgte unter anderem abgelegene Siedlungen in den kanadischen Nordwest-Territorien und in Alaska und wurde im Oktober 1931 im Packeis eingeschlossen, worauf die Besatzung das Schiff aufgab. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten, zuletzt (angeblich) im Jahr 1969, wurde das treibende Schiff, das vermutlich zeitweilig vom Packeis wieder freigegeben worden war, immer wieder gesichtet. Eine Suchoperation im Jahr 2006 erbrachte jedoch kein Ergebnis. Im Jahr 1933 wurde im Barkley Sound (einer Bucht von Vancouver Island) das treibende Rettungsboot No. 5 des gesunkenen US-Passagierschiffes Valencia aufgefunden. Die Valencia war bereits 1906 vor der Juan-de-Fuca-Straße auf ein Riff gelaufen und unter hohen Opferzahlen gesunken. Dafür, dass das Rettungsboot rund 27 Jahre lang auf dem Meer getrieben war, befand es sich in einem vergleichsweise guten Zustand. Im Kontext der Tragödie der Valencia wurden später zahlreiche Geistergeschichten postuliert, die unter anderem auch die Sichtung von Rettungsbooten mit angeblich noch darin sitzenden Skeletten zum Thema hatten. Während des Zweiten Weltkrieges wurde am 15. Januar 1942 der britische Tanker Diala im Nordatlantik von einem deutschen U-Boot torpediert und von der Besatzung verlassen. Der beschädigte Tanker trieb mehr als zwei Monate auf dem Atlantik, ehe er am 23. März 1942 von einem anderen deutschen U-Boot endgültig versenkt wurde. Ebenfalls während des Zweiten Weltkrieges, im Oktober 1944, wurde der kubanische Frachter Rubicon ohne Besatzung treibend etwa 200 Seemeilen nordöstlich von Havanna aufgefunden. Angeblich befand sich nur noch ein Hund an Bord. Das Schiff wurde später nach Miami eingeschleppt. Während manche Autoren einen Zusammenhang mit der Legende vom Verschwinden von Schiffen und Besatzungen im Bermuda-Dreieck herstellen,Charles Berlitz: Das Bermuda-Dreieck. Fenster zum Kosmos? Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m. b. H., Wien, Hamburg 1975, S. 51. geben andere Quellen an, dass sich der Frachter wahrscheinlich von seinem Liegeplatz in Havanna losgerissen hatte, während die Besatzung auf Landgang war.The Argus (Melbourne, Australien). Ship Found In Gulf Stream Without Crew. 24. Oktober 1944, S. 1. Bis heute nicht vollständig geklärt ist der sogenannte Ourang-Medan-Zwischenfall. Angeblich wurde der Frachter Ourang Medan im Juni 1947 südöstlich der Marshallinseln mit einer toten Besatzung an Bord treibend aufgefunden, sank aber kurze Zeit nach der Auffindung durch eine Explosion an Bord. Da die Quellenlage zu dem Vorfall jedoch sehr dürftig ist und zudem die wenigen genannten Fakten teils erhebliche Diskrepanzen aufweisen, ist nicht gesichert, ob sich der Zwischenfall überhaupt jemals ereignet hat.

Im März 1954 wurde vor Stavanger das unter Panama-Flagge fahrende gekenterte Kühlschiff Crowlin aufgefunden. Die Crowlin wurde nach Stavanger eingeschleppt, aufgerichtet und untersucht. Von der 12- bis 14-köpfigen Besatzung fehlte jede Spur. Die Hintergründe des Unglücks blieben unbekannt.Rätselhaftes "Crowlin"-Unglück, in: Honnefer Volkszeitung vom 6. April 1954, Seite 6.

mini|Das halb getauchte Wrack der Joyita, November 1955

Im Fidschi-Archipel, vor der Küste von Vanua Levu, wurde im November 1955 das US-amerikanische Fracht- und Fischerboot Joyita, eine 21 m lange ehemalige Yacht, mit Krängung und halb ins Wasser eingetauchtem Deck treibend aufgefunden. Die 16 Besatzungsangehörigen sowie neun Passagiere waren spurlos verschwunden. Der Vorfall konnte letztlich nicht mit Sicherheit geklärt werden, es wurden indessen verschiedene Theorien aufgestellt, wonach sowohl eine Meuterei als auch ein Piratenangriff oder ein überraschender Wassereinbruch für den Zwischenfall verantwortlich sein könnten. Die Joyita wurde später repariert und wieder in Betrieb genommen. Bis heute unaufgeklärt ist die Angoche-Affäre um des portugiesischen Küstenmotorschiffs Angoche. Das Schiff wurde im April 1971 vor der mosambikanischen Küste treibend aufgefunden; von der 23 Mann starken Besatzung fehlt bis heute (2025) jede Spur. Die portugiesische Regierung machte die mosambikanische Untergrund- und Unabhängigkeitsbewegung Frente de Libertação de Moçambique für den Vorfall verantwortlich, was aber nie bewiesen werden konnte. Ende Oktober 1974 wurde das mit Zucker beladene norwegische Küstenmotorschiff Gullstryk gestrandet auf dem Bill-Riff von Juist vorgefunden. Die Positionslampen brannten, es befand sich keine Besatzung an Bord. Nach Angaben von Norddeich Radio war der Frachter eine Woche zuvor vor der holländischen Küste in Seenot geraten und die sechsköpfige Besatzung von einem anderen norwegischen Schiff aufgenommen worden:

Mitte August 1993 wurde das Küstenmotorschiff Bärbel ohne Mannschaft vor dem dänischen Esbjerg treibend aufgefunden. An Bord wurden Spuren einer gewalttätigen Auseinandersetzung und einer versuchten Brandstiftung von der dänischen Polizei sichergestellt. Dem einzigen Besatzungsmitglied, das nach der Entdeckung des Schiffes lebend in einem Rettungsfloß aufgefunden wurde, wurde vorgeworfen, die Mannschaft aus Habgier ermordet zu haben. Nach einem Prozess vor dem Landgericht Osnabrück wurde der Überlebende 1995 jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Vorfälle seit dem Jahr 2000

Im Januar 2003 wurde der in Indonesien registrierte Fischtrawler High Aim 6 ohne Besatzung vor der Küste des australischen Bundesstaates Western Australia treibend aufgefunden. Der letzte Funkkontakt zwischen Kapitän und Eigner (beide aus Taiwan) hatte relativ kurze Zeit zuvor in den 6500 km entfernten Marshallinseln bestanden. Bald darauf war das Schiff als vermisst gemeldet worden. Auf dem Schiff fand sich neben ausreichenden Vorräten an Lebensmitteln und Treibstoff eine Ladung von mehreren Tonnen verrottenden Fischs. Von der größtenteils indonesischen Mannschaft zeugten nur die sieben Zahnbürsten, die man in den Unterkünften fand. Es gab keine Anzeichen für einen Kampf oder Diebstahl von Ladung.Ghost ship mystery deepens, CNN World, 14. Januar 2003. Ein weiterer bekannter Fall vor Australien ereignete sich drei Jahre später: Im März 2006 wurde vor der Küste des australischen Bundesstaates Queensland der treibende Tanker Jian Seng aufgefunden. Der Heimathafen des 80 m langen Schiffes war nicht mehr festzustellen, weil sowohl Name als auch Heimathafen am Heck übermalt worden waren. Indessen wurde herausgefunden, dass das Schiff schon über einen längeren Zeitraum verlassen gewesen sein musste. Da niemand Ansprüche auf den Tanker erhob und kein Eigner festzustellen war, wurde die Jian Seng im April 2006 schließlich versenkt. Im August 2006 ereignete sich im Mittelmeer ein Geisterschiff-Vorfall: Vor der Küste Sardiniens, nahe Porto Rotondo, wurde der treibende historisierende Segelschiffnachbau Bel Amica von der italienischen Küstenwache aufgefunden. Der 20 m lange Zweimaster war vollständig von seiner Besatzung verlassen worden. Der Name Bel Amica gilt als nicht gesichert, jedoch wurde das Schiff anhand einer an Bord aufgefundenen Plakette, auf der diese Bezeichnung stand, so genannt. Allerdings fand sich in keinem Schiffsregister ein Eintrag über einen Schoner dieses Namens, auch ein Heimathafen konnten nicht eruiert werden. Gleichwohl meldeten italienische Medien später, dass der luxemburgische Geschäftsmann Franc Rouayrux der Eigner sein soll, der das Schiff aus Gründen der Vermeidung von Luxussteuern, die auf solche Schiffe erhoben wird, aufgegeben haben könnte. April 2007: Vor der Küste des australischen Bundeslandes Queensland fand die australische Küstenwache den 12 m langen Katamaran Kaz II auf. Von den drei Besatzungsangehörigen fehlte jede Spur, obgleich an Bord die Computer eingeschaltet waren und auch die Maschine lief. Der Vorfall konnte nicht abschließend geklärt werden.