mini|300px|Grundriss des Kastells im modernen Stadtbild

Matilo, das römische Kastell Leiden-Roomburg, war der antike Name eines Auxiliarkastells am Niedergermanischen Limes. Das ehemalige Militärlager liegt im heutigen Leidener Wohnbezirk Roomburg in der niederländischen Provinz Südholland unmittelbar unter seiner modernen Rekonstruktion. Das Bodendenkmal ist Bestandteil des 2021 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Niedergermanischen Limes.

Lage In antiker Zeit befand sich das Kastell an einer Stelle, an der von Nordosten her die LeitheMenno F.P. Dijkstra: Rondom de mondingen van Rijn & Maas. Landschap en bewoning tussen de 3e an 9e eeuw in Zuid-Holland, in het bijzonder de Oude Rijnstreek. Sidestone Press, Leiden 2011, ISBN 978-90-8890-078-5, S. 40–48. in den Oude Rijn einmündete, nach Norden hin die Zijl von diesem abzweigte und von Südwesten her die Fossa Corbulonis an den Fluss anschloss. Die Fossa Corbulonis war ein Kanal, den Gnaeus Domitius Corbulo, der legatus Augusti (Gesandter des Augustus = Befehlshaber) im Militärbezirk Germania inferior während seiner Amtszeit ab dem Jahr 47 erbauen ließ. Die Fossa Corbulonis führte bis zur Nieuwe Maas und verkürzte damit den längeren und vor allem gefährlicheren Schifffahrtsweg über die Nordsee erheblich. Alle diese Wasserläufe, so unscheinbar sie auch heute wirken, waren in der römischen Zeit für die damals verwendeten Boote schiffbar. Das gegenüber dem Umland leicht erhöht liegende Kastell befand sich somit in einer verkehrs- und militärgeographisch optimalen Position. Mit seiner Prätorialfront war es nicht auf den Rhein, sondern auf den Corbulo-Kanal ausgerichtet.Wilfried A.M. Hessing: Das niederländische Küstengebiet. In: Tilmann Bechert, Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 93.

Im heutigen Siedlungsbild befindet sich das rekonstruierte Kastell in loco innerhalb eines archäologischen Parks im Leidener Wohnbezirk Roomburg, zwischen Leiderdorp im Osten und dem Vliet im Westen.

Quellen und Forschungsgeschichte Die sprachliche Herkunft des Namens Matilo ist ungeklärt. Auf der Tabula Peutingeriana ist es als Matilone zwischen Albaniana (fünf Leugen entfernt) und Praetorium Agrippinae (drei Leugen entfernt) eingezeichnet.Tab. Peut., Segm. II 2. Später findet der Ort unter dem Namen Matellionem Erwähnung in der um das Jahr 700 entstandenen CosmographiaAnon. Rav. 4,24,7. des anonymen Geographen von Ravenna.Julianus Egidius Bogaers: Leiden-Roomburg – Matilo. In: Julianus Egidius Bogaers, Christoph B. Rüger: Der Niedergermanische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. Rheinland-Verlag, Köln 1974, ISBN 3-7927-0194-4, S. 44.

Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden auf dem Gelände des inzwischen abgegangenen Klosters St. Margaretha der Tertiarissen,Rijksmonument 45575: Terrein waarin overblijfselen van het Romeinse castellum Matilone en van het Middeleeuwse klooster van St. Margaretha der Tertiarissen O.L.V. in Jeruzalem tot St. Margarethenberch im offiziellen Monumentenverzeichnis des Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed (niederländisch), abgerufen am 27. November 2018. das sich im Mittelalter unmittelbar nordöstlich neben dem ehemaligen Kastellgelände niedergelassen hatte, römische Funde gemacht. Moderne archäologische Ausgrabungen begannen 1927 mit den Untersuchungen durch Jan Hendrik Holwerda.Jan Hendrik Holwerda: Matilo. In Mededelingen uit het Rijksmuseum van Oudheden te Leiden, 8 (1927), S. 60–67. 1962 entdeckte Julianus Egidius Bogaers rund einhundert Meter nordwestlich des Kastells einen verlandeten Wasserlauf, dessen Ufer befestigt war und der sich letztlich als die von TacitusTac. Ann. XI,20. und Cassius DioCass. Dio 60,30. erwähnte Fossa Corbulonis erwies. 1970 erfolgten elektrische Bodenwiderstandsmessungen auf dem Kastellgelände, auf deren Grundlage es 1974 und von 1994 bis 1999 zu Kontrollgrabungen kam. Von einer großflächigen Ausgrabung wurde vor dem Hintergrund der fehlenden Baubedrohung des Gebietes und unter Rücksichtnahme auf den Bodendenkmalstatus (siehe weiter unten) Abstand genommen. Mit den Ergebnissen und Erkenntnissen aus den Messungen und den Sondierungen konnten die Umwehrung und die Lage der Principa rekonstruiert werden. Der Vicus, die Zivilsiedlung des Lagers, war bereits Anfang der 1970er Jahre entdeckt und untersucht worden.Tom Hazenberg, Marinus Polak: Leiden-Roomburg 1995–1997. Archeologisch onderzoek naar het kanaal van Corbulo en de vicus van het castellum Matilo. Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek, 2000, S. 10–15.

Geschichte, Befunde, Inschriften und Truppen 1. Jahrhundert Matilo war eine Garnison, die im Jahre 47 oder kurz danach von Gnaeus Domitius Corbulo (siehe weiter oben) im Rahmen seiner Grenzsicherungsmaßnahmen als Holz-Erde-Lager errichtet wurde. Aus dieser Zeit konnten nur sehr wenige Spuren identifiziert werden. Ob das Kastell an der Stelle eines früheren Wachturms oder einer Straßenstation errichtet worden war, wie es Willem Albertus van Es vermutet hatte,Willem Albertus van Es: De Romeinen in Nederland. Haarlem 1972, S. 100. konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Während des Bataveraufstands in den Jahren 69/70 wurde das Militärlager, wie fast alle anderen römischen Grenzkastelle, zerstört.

Der Wiederaufbau erfolgte im Jahr 71. Nach dem Aufstand des Lucius Antonius Saturninus (89) wurde das Kastell entweder in spätdomitianischer oder frühtrajanischer Zeit ausgebaut und verstärkt. Dieser Ausbau war möglicherweise der Anlass für die Anfertigung eines auf die Zeit zwischen 103 und 110 datierten Weihesteins mit der Inschrift:IMP E NERVA TRAIA G GER DACICO P M RIB P P P COS V COH III LUCENSIV P F Lesung: [Imp(eratori) Ca]e(sari) Nerva(e) Traia[no / Au]g(usto) Ger(manico) Dacico p(ontifici)/[m(aximo), t]rib(unicia) p(otestate), p(atri) p(atriae), co(n)s(uli) V / [coh(ors)] Lucensiu[m] P(ia) F(idelis). Übertragung: "Dem Imperator Caesar Nerva Traianus Augustus (mit den Ehrennamen) Germanicus Dacicus, oberster Priester, Inhaber der tribunizischen Gewalt, Vater des Vaterlandes, fünfmal Consul, von der Kohorte aus Lucensis (mit den Ehrennamen) die treue und loyale."

2. und 3. Jahrhundert Das Kastell des zweiten Jahrhunderts war von rechteckiger Form und bedeckte mit seinen Seitenlängen von rund 82 mal 100 m eine Fläche von 0,8 Hektar. Ein Achtel davon nahmen die mit ihren Abmessungen von 32 m im Quadrat eine Fläche von 1024 m² überdeckenden Principia (Hauptquartier) in Anspruch. Die Umwehrung und von den Innenbauten wenigstens die Principia waren jetzt aus Stein. Der vorherige einfache Graben wurde durch ein Dreifachgrabensystem ersetzt. Eine Erneuerungsmaßnahme ist für das Jahr 123 anzunehmen, als anlässlich eines Besuches des Kaisers Hadrianus die Verkehrswege und viele Kastelle des Niedergermanischen Limes instand gesetzt wurden. Konkreter greifbar ist wieder die Zeit gegen Ende des zweiten, Anfang des dritten Jahrhunderts, aus der gleich drei Inschriften vorliegen, die sich auf die Jahre zwischen 196 und 205 datieren lassen.

Bei dem jüngsten epigraphischen Zeugnis handelt es sich um eine Bauinschrift aus den Jahren zwischen 196 und 198: IMP CAES L SEPTIMIVS SEVERVS AVG ET M AVRELIVS ANTONINVS CAES COH XV VOL ARMAMENTARIVM VETVSTATE CONLABSVM RESTITVERVNT SVB VAL PVDENTE LEG AVG PR PR CVRA ET CAECIL BATONE PRAEPRE Lesung: Imp(erator) Caes(ar) L(ucius) Septimius Sever/us Aug(ustus) et M(arcus) Aurelius Antonin/us Caes(ar) coh(ortis) XV Vol(untariorum) arma/mentarium vetustate conla/bsum restituerunt sub Val(erio) Pu/dente leg(ato) Aug(usti) pr(o) pr(aetore) cura(nte) et Caecil(io) Batone prae(posito) // Pre. Übertragung: "Imperator Caesar Lucius Septimius Severus Augustus und Marcus Aurelius Antoninus Caesar restaurierten die altersbedingt zusammengebrochene Waffenkammer der 15. Freiwilligenkohorte unter der Sorge des Valerius Pudens, Legat der Augusti im Range eines Propraetors, und des Kommandanten Caecilius Bato."

mini|Teil der Weiheinschrift mit Damnatio memoriae198 bis 205, geändert nach 211Der Schriftzug ANTONIA ANORVM zwischen der zweiten und dritten Zeile wurde später hinzugefügt.FO: Kastell MatiloAO: Rijksmuseum van Oudheden Das zweite Steindenkmal datiert auf die Zeit von 198 bis 205: IMPP CAESS L SEPTIMIVS SEVERVS PIVS PERTM AVRELLIVS ANTONINVS AVGG E L SEPT GETA CAESAR D DNVMERO EXPL BAT CVR Q VENIDIO RVF LEG AVGG PR PR Lesung: Impp(eratores) Caess(ares) L(ucius) Septimius Severus Pius Pert[inax et] / M(arcus) Aurellius Antoninus Augg(usti) et L(ucius) Sept(imius) Geta Caesar d(ecreto) d(ecurionum)] / numero expl(oratorum) Bat(avorum) cur(ante) Q(uinto) Cu(i)o Venidio Ruf[o leg(ato) Augg(ustorum) pr(o) pr(aetore)]. Übertragung: "Die Imperatoren und Caesaren Lucius Septimius Severus Pius Pertinax und Marcus Aurelius Antoninus, die Augusti, und Lucius Septimius Geta, Caesar, (geben dies) per Dekret der Dekurionen dem Numerus der Batavischen Kundschafter unter der Sorge von Quintus Venidius Rufus, dem Legaten der Kaiser im Range eines Proprätors."

Interessant bei dieser Inschrift ist, dass sie eine Damnatio memoriae enthält, eine "Verdammung des Andenkens". Der Name des Geta wurde nachträglich demonstrativ heraus gemeißelt, nachdem Caracalla in dem Konflikt mit seinem Bruder obsiegt und die alleinige Herrschaft errungen hatte (Ende 211).

Die letzte Inschrift schließlich lässt sich den Jahren 200/201 zuweisen: IMP CAES L SEPTIMIVS SEVERVS PIVS PERTINAX AVGMAXIM TRIB POT VIII IMP CAESM AVRELANTONINVS AVG PIVS PONTIF MAXTRIB POT III L SEPTIMI SEV R PII PE AVG FILCOH XV VOL C R P FLEG AVGG PR PR PE VEXI Lesung: [Imp(erator) Caes(ar) L(ucius) Septimius Seve]rus Pius Pertinax Aug(ustus) / [pontifex] maxim(us) trib(unicia) pot(estate) VIII [et] Im[p(erator) Caes(ar)] / [M(arcus) Aurel(lius) Antoninus] Aug(ustus) Pius pontif(ex) max(imus) / [trib(unicia) pot(estate) III] L(uci) Septimi Sev[e]r[i] Pii Pe[rtinacis Aug(usti) fil(ius)] / coh(ors) XV vol(untariorum) c(ivium) R(omanorum) P(ia) F(idelis) / [le]g(atus) Augg(ustorum) pr(o) pr(aetore) pe[r] vexi(llarios). Übertragung: "Imperator Caesar Lucius Septimius Severus Pius Pertinax Augustus, Pontifex maximus, zum achten Mal im Besitz der tribuzinischen Gewalt, und Imperator Caesar Marcus Aurellius Antoninus Augustus Pius, Pontifex maximus, zum dritten Mal mit der tribunizischen Gewalt ausgestattet, Sohn von Lucius Septimius Severus Pius Pertinax Augustus, (haben dies) für die 15. Kohorte freiwilliger römischen Bürger, mit dem Ehrennamen die treue und loyale (gegeben), (während) der Legat der Augusti im Amt eines Propraetors (sich um die Ausführung) für die Vexilliarier (kümmerte)."

Über das Ende des Lagers ist nichts bekannt. Man kann aber davon ausgehen, das es im Zusammenhang mit dem zunehmenden fränkischen Druck zum Ende des dritten Viertels des dritten Jahrhunderts erfolgte und dass das Kastell bei einem der großen fränkischen Vorstöße um 260 oder spätestens um 275/276 zerstört oder danach aufgegeben wurde, so wie es zu dieser Zeit nahezu überall am nördlichen Abschnitt des Niedergermanischen Limes geschah.

Truppen