Kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika war die offizielle Bezeichnung einer Kolonialtruppe, die das Deutsche Kaiserreich in seiner Kolonie Deutsch-Südwestafrika unterhielt. Beim Aufstand der Herero und Nama 1904 wird sie für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht. Während des Ersten Weltkriegs unterlag die Schutztruppe 1915 den Truppen der Südafrikanischen Union.

Gründung Im Auftrag des Bremer Tabakhändlers Adolf Lüderitz erwarb der 22 Jahre alte Kaufmannsgehilfe Heinrich Vogelsang am 1. Mai 1883 die Bucht von Angra Pequena, die heutige Lüderitzbucht und fünf Meilen Hinterland vom Volk der Nama in Bethanien. Am 24. April 1884 telegrafierte Bismarck dem deutschen Konsul in Kapstadt, „Lüderitzland“ stehe unter dem Schutz des Deutschen Kaiserreichs.

Zwischen Oktober 1888 und Juli 1889 war es im Zuge einer Auseinandersetzung zwischen den Witbooi und den Herero zu einer Vertreibung des deutschen Kommissariates und einer Unterbrechung der deutschen Hoheitsausübung in Okahandja gekommen.Jörg Schildknecht: Bismarck, Südwestafrika und die Kongokonferenz: Die völkerrechtlichen Grundlagen der effektiven Okkupation und ihre Nebenpflichten am Beispiel des Erwerbs der ersten deutschen Kolonie. LIT-Verlag, 2000, S. 229. Die daraufhin von der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika gegründete Schutztruppe bestand aus 21 Soldaten, acht Aktiven aus der Kaiserlichen Armee und 13 Freiwilligen unter dem Kommando von Curt von François.

Am 3. Mai 1894 wurde durch eine Kaiserliche Kabinettsorder bestimmt, dass die zuvor der Kolonialgesellschaft unterstehende Schutztruppe fortan Kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika heißen sollte.Hans Emil Lenssen: Chronik von Deutsch-Südwestafrika 1883–1915. 7. Ausg., Namibia Wissenschaftliche Gesellschaft, Windhoek 2002, ISBN 3-933117-51-8, S. 59. Die formelle Gründung der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika erfolgte schließlich durch das Reichsgesetz vom 9. Juni 1895. Die zusammenfassende Regelung der Rechtsverhältnisse der Kaiserlichen Schutztruppen in den genannten afrikanischen Schutzgebieten erfolgte durch das Reichsgesetz vom 7. / 18. Juli 1896 (RGBl. S. 653) (Schutztruppengesetz). Die Unterhaltung dieser Truppen oblag dem betreffenden Schutzgebiet (Reichsgesetz über die Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete vom 30. März 1892, RGBl. S. 369).Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon. Band III, 1920, S. 321 ff.

Aufstellung und Struktur Die Schutztruppe mit Kommando in Windhuk hatte eine Stärke von 90 Offizieren, 22 Ärzten, 9 Veterinären, 59 Beamten, Feuerwerkern, 342 Unteroffizieren, 1.444 deutschen Soldaten

Gericht des Kommandos, Intendantur, Sanitätsamt und Vermessungstrupp Nordbezirk Kommando: Windhuk 1. Kompanie: Regenstein, Seeis 4. Kompanie (MG): Okanjande 6. Kompanie: Outjo und Otavi 2. Batterie: Johann-Albrechts-Höhe Verkehrszug 1: Karibib Proviantamt: Karibib Pferdedepot: Okawayo Artillerie- und Train-Depot: Windhuk Lazarett: Windhuk Hauptsanitätsdepot: Windhuk Bekleidungsdepot: Windhuk Ortskommandantur: Windhuk Ortskommandantur u. Proviantamt: Swakopmund Südbezirk Kommando: Keetmanshoop 2. Kompanie: Ukamas 3. Kompanie: Kanus 5. Kompanie (MG): Chamis und Churutabis 7. und 8 Kompanie: Gochas und Arahoab (Kamelreiter und MG), Lazarett. 1. Batterie: Narubis 3. Batterie: Kranzplatz bei Gibeon Verkehrszug 2: Keetmanshoop Artillerie- und Train-Depot: Keetmanshoop Lazarett- und Sanitätsdepot: Keetmanshoop Bekleidungsdepot: Keetmanshoop Proviantamt: Keetmanshoop Garnisonverwaltung: Keetmanshoop Pferdedepot: Aus Kamelgestüt: Kalkfontein Ortskommandantur u. Proviantamt: Lüderitzbucht

Struktur vor dem Ersten Weltkrieg mini|Anzahl der Angehörigen der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika (1898–1914)Hans Emil Lenssen: Chronik von Deutsch-Südwestafrika 1883–1915. 7. Ausg., Namibia Wissenschaftliche Gesellschaft, Windhoek 2002, ISBN 3-933117-51-8, S. 94, 102, 107, 113, 118, 121, 150, 175, 192, 194, 199, 202, 214 (fehlende Angaben für die Jahre 1906 und 1910–1912 wurden durch Mittelwerte ergänzt).

Um das Jahr 1900 hatte die Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika eine Stärke von rund 800 Mann. Die Anzahl erhöhte sich durch den Krieg gegen die Herero und Nama auf mehr als 14.000 Soldaten im Jahr 1905. Danach fand eine deutliche Reduzierung der Truppenstärke auf etwas über 2.000 Soldaten statt. Diese Zahl konnte 1914 durch Reservisten und Freiwillige etwa verdoppelt werden.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg bestand die Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika im Einzelnen aus 6 Stabsoffizieren, 13 Hauptleuten, 70 Oberleutnants und Leutnants, 2 Feuerwerksoffizieren, 9 Veterinäroffizieren, 1 Kriegsgerichtsrat, 1 Kriegsgerichtssekretär, 2 Intendanturräten, 5 Intendantursekretären, 1 Intendanturbausekretär, 4 Proviantamtsinspektoren, 2 Bekleidungsamtsinspektoren, 2 Stabsapothekern, 1 Zahnarzt, 1 Waffenrevisor, 11 Waffenmeistern, 4 Magazinaufsehern, 20 Unterzahlmeistern, 5 Oberfeuerwerkern und Feuerwerkern, 2 Schirrmeistern, 342 Unteroffizieren und 1444 Mannschaften. Die Schutztruppe gliedert sich in 9 Kompanien, 3 Batterien und 2 Verkehrszüge. Hinzu kamen afrikanische Diener der Soldaten, sogenannte Bambusen.Stefanie Michels: Schwarze deutsche Kolonialsoldaten – Mehrdeutige Repräsentationsräume und früher Kosmopolitismus in Afrika. Bielefeld: transcript Verlag, 2009, ISBN 978-3-8376-1054-3, S. 115 (Open Access). mini|Kamelreiterkompanie der deutschen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika mini|hochkant|Gottlob Ludwig Haussmann, Kamelreiter derDeutschen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika Eine Besonderheit unter den deutschen Schutztruppen war die Kamelreitertruppe, die 1907 auf Anregung Friedrich von Erckerts gebildet wurde. Sie war für Militäroperationen in den wasserarmen Wüsten des Schutzgebiets bestimmt. Die ersten Kamele (Dromedare) wurden von den Kanarischen Inseln und aus dem Sudan eingeführt. Den Kern der Truppe bildeten schließlich die 7. und 8. Kompanie der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika. Zur Nachzucht und Abrichtung entstand ein Kamelgestüt bei Kalkfontein. In: Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Koloniallexikon. Band II, Quelle & Meyer, Leipzig 1920, S. 169.

Der Aufstand der Herero und Nama mini|hochkant|Grab eines bei Keetmanshoop, kurz nach Ausbruch des Nama-Aufstandes 1904, getöteten Deutschen Schutztrupplers

Nachdem sich die Volksgruppe der Herero durch massive Landkäufe der Deutschen Kolonialgesellschaft immer mehr aus ihrem Siedlungsgebiet zurückgedrängt gesehen hatte, kam es am 12. Januar 1904 zum Aufstand der Herero unter ihrem Kaptein Samuel Maharero. Zunächst wurden einzelne Farmen, Eisenbahnlinien und Handelsstationen angegriffen. Dabei kamen rund 140 Deutsche und sieben Buren ums Leben. Heftige Kämpfe gab es um die Stadt Okahandja. Die zunächst zahlenmäßig deutlich unterlegene deutsche Schutztruppe wurde im Februar durch 500 Marineinfanteristen und Freiwillige verstärkt. Da Kommandeur Theodor Leutwein die Kampfkraft der Herero falsch einschätzte, gelang es ihm zunächst nicht, entscheidende Vorteile zu erringen.

Die Reichsregierung war mit dem Verlauf der Operationen unzufrieden und ernannte den Generalleutnant Lothar von Trotha zum neuen Oberbefehlshaber der Schutztruppe. Im Gegensatz zu Leutwein verfolgte von Trotha das Ziel der völligen Vernichtung des Gegners und ließ noch einmal Verstärkungen aus Deutschland kommen. Er stellte die Herero am 11. August 1904 zu einer Entscheidungsschlacht am Waterberg, die mit deren Niederlage endete.

Es gelang den Herero zwar, wie im Falle einer Niederlage geplant, nach Südosten auszuweichen. Dabei waren sie aber zur Flucht mit ihren Rinder- und Ziegenherden, Familien und Verwundeten durch das Omaheke-Sandfeld gezwungen. Während der Kämpfe und der anschließenden Flucht kamen nach unterschiedlichen Quellenangaben bis zu 60 Prozent der Herero-Kämpfer und ihrer Familien ums Leben. Die brutale und auch gegen Zivilpersonen völlig rücksichtslose Kriegsführung Trothas gilt in weiten Teilen der Wissenschaft als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts.Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller (Hrsg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen. Links, Berlin 2003, ISBN 3-86153-303-0.Dominik J. Schaller: «Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss»: Kolonialkrieg und Völkermord in «Deutsch-Südwestafrika» 1904–1907. In: Journal of genocide research. Band 6, 2004, Ausg. 3, , S. 395–430, hier: S. 385, doi:10.1080/1462352042000265864.Reinhart Kößler, Henning Melber: Völkermord und Gedenken. Der Genozid an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika 1904–1908. In: Irmtrud Wojak, Susanne Meinl (Hrsg.): Völkermord. Genozid und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (= Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Band 8). Campus, Frankfurt am Main 2004, S. 37–76.Medardus Brehl: »Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient« Der Völkermord an den Herero 1904 und seine zeitgenössische Legitimation. In: Irmtrud Wojak, Susanne Meinl (Hrsg.): Völkermord. Genozid und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (= Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Band 8). Campus, Frankfurt am Main 2004, S. 77–97.George Steinmetz: Von der „Eingeborenenpolitik“ zur Vernichtungsstrategie: Deutsch-Südwestafrika, 1904. In: Peripherie: Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt. Band 97–98, 25. Jg., 2005, S. 195–227, hier: S. 195 (budrich-journals.de Volltext).Jörg Wassink: Auf den Spuren des deutschen Völkermordes in Südwestafrika. Der Herero-/Namaufstand in der deutschen Kolonialliteratur. Eine literarhistorische Analyse. Meidenbauer, München 2004, ISBN 3-89975-484-0.Mihran Dabag, Horst Gründer, Uwe-Karsten Ketelsen: Kolonialismus, Kolonialdiskurs und Genozid. Fink, 2004, ISBN 3-7705-4070-0.

Schon Zeitgenossen betrachteten das Vorgehen Trothas als Verbrechen oder zumindest kontraproduktiv für die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches. So urteilte Gouverneur Heinrich Schnee (ein Anhänger der deutschen Kolonialpolitik):

Im Oktober 1904 erhoben sich auch die Nama im Süden des Landes. Der abtrünnig gewordene Kaptein Hendrik Witbooi ließ den ihm freundlich gesinnten Bezirksamtmann von Gibeon Henning von Burgsdorff töten. Gleichzeitig erhob sich Kaptein Jakob Morenga und griff in die Kämpfe ein. Es folgte ein jahrelanger zermürbender Kleinkrieg mit der Schutztruppe, der erst 1907/08 zu seinem Ende kam. Die Vorgänge kosteten durch Krankheiten, Hunger und Durst, Kampfhandlungen, Überfälle, Flucht und vielfach menschenunwürdige Missstände in den Internierungslagern nach Schätzung zwischen 24.000 und 64.000 Herero, etwa 10.000 Nama sowie 1.365 Siedler und Soldaten das Leben. 76 Weiße galten als vermisst und sind wohl größtenteils durch Kriegseinwirkung umgekommen.

Erster Weltkrieg und Ende mini|Landung südafrikanischer Truppen in der Lüderitzbucht, September 1914

Die Nachricht vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 erreichte Deutsch-Südwestafrika tags darauf über die Funkstrecke Nauen – Kamina und die sich noch im Bau befindende Großfunkstation in Windhoek. In Erwartung eines Angriffs der mit Großbritannien alliierten Südafrikanischen Union wurde am 8. August 1914 die Mobilmachung ausgerufen und ein 50 Kilometer breiter Streifen entlang der Grenze zu Südafrika evakuiert. Am 9. September 1914 beschloss das südafrikanische Parlament die Kriegsteilnahme.