mini|Weibliches Schönheitsideal der Hochrenaissance:La Velata von Raffael, 1516

Ein Schönheitsideal ist eine zeitgemäße Vorstellung von Schönheit innerhalb einer Kultur. In der Regel bezieht sich der Begriff auf das Aussehen von Körper und Gesicht. Auf Kleidung, Schmuck oder Frisur bezogene Schönheitsvorstellungen werden als Mode bezeichnet.

Schönheitsideale existieren für beide Geschlechter. Männliche und weibliche Schönheitsideale wandeln sich mit der Zeit, nehmen aufeinander Bezug und gleichen sich zumindest teilweise aneinander an. Allerdings ist auch das Gegenteil der Fall: die starke Betonung der Geschlechtsunterschiede. Als Ideal galt also oft genau das, was als besonders und typisch männlich oder weiblich wahrgenommen wurde.

Schönheitsempfinden aus biologischer Sicht mini|Leila Lopes, Miss Universe 2011

Zunächst wirkt es so, als ob Schönheitsideale verschiedener Zeiten und Kulturen grenzenlos wandelbar und vor allem unterschiedlichen Moden unterworfen wären. Beispielsweise schwankt die jeweils als ideal angesehene Körperfülle (bzw. das Gewicht) im Vergleich der Kulturkreise und Epochen zum Teil erheblich. Demgegenüber verweist die Attraktivitätsforschung jedoch darauf, dass die jeweiligen Schönheitsideale bei aller kulturellen Variabilität durchaus auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Ihren Erkenntnissen zufolge gründet sich menschliche Schönheit zumindest teilweise auf definierbare Faktoren, die einem relativen Konsens zwischen Individuen und Kulturen unterliegen und biologisch verankert sind – wie etwa die Makellosigkeit der Haut. Schönheitsideale enthalten demnach einen überindividuellen und überkulturellen „harten Kern“ – aus dem sich etwa die Tatsache erklären lassen könnte, dass manche Schönheitsikonen vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende, wie beispielsweise die Venus von Milo oder Raffaels Madonnen, auch von heutigen Menschen als schön empfunden werden. Manche Wissenschaftler halten deswegen die Auffassung von Schönheit als kulturellem Konstrukt für einen Mythos.Nancy Etcoff: Survival of the prettiest: the science of beauty. Anchor Books, 2000.W. Lassek, S. Gaulin: Waist-hip ratio and cognitive ability: is gluteofemoral fat a privileged store of neurodevelopmental resources? In: Evolution and Human Behavior. Band 29, H. 1, 2008. S. 26–34.

Jüngere Forschungen deuten darauf hin, dass Schönheitsempfinden eine deutliche genetische Komponente besitzt. Die evolutionsbiologische Erklärung für Schönheitsideale ist, dass empfundene Schönheit mit evolutionär vorteilhaften Eigenschaften korreliert. So wurde in Experimenten und Befragungen ermittelt, dass in allen Kulturen Frauen mit einem kulturspezifisch idealen Taille-Hüfte-Verhältnis von den Testsubjekten als schön angesehen werden, so beispielsweise in afrikanischen Regionen mit Nahrungsunterangebot eine Adipositas mit betont großem Hüft- und Gesäßumfang. Symmetrie wird als schön empfunden und ist gleichzeitig ein medizinisches Indiz für Gesundheit. Auch gibt es Hinweise, dass der Goldene Schnitt bei der ästhetischen Bewertung eines Gesichts eine Rolle spielt. So seien ein vertikaler Abstand zwischen Augen und Mund von 36 % der Gesichtslänge und ein horizontaler Abstand zwischen den Augen von 46 % der Gesichtsbreite ideal. Diese Proportionen entsprechen dem durchschnittlichen Gesicht, das zudem, ähnlich wie Symmetrie, Gesundheit signalisiert.

Schönheitsideale und Körpergestaltung mini|hochkant|Frau mit gebundenen Füßen um 1900

Seit jeher setzen Menschen die unterschiedlichsten Mittel der Körpergestaltung ein, um den Schönheitsvorstellungen der jeweiligen Zeit und Kultur zu entsprechen, sei es mit Hilfe von Frisuren, Körperbemalung, Kleidung und Schmuck oder durch Veränderungen des Körpers durch Bodybuilding, Bräunen und Hautaufhellung, Körpermodifikation wie Piercings, Tätowierungen, Skarifizierung oder Transdermale Implantate. Diese Veränderungen sind Moden unterworfen.

mini|hochkant|Eine Wespentaille, wie sie im Extremfall durch Korsette erzeugt werden kann Sie transportieren oft eine viel weiter gefasste soziale Botschaft, wie etwa die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse, einer ethnischen Gruppe oder einem bestimmten Initiationsjahrgang oder haben rituelle oder religiöse Bedeutung. Eine klare Trennung zwischen „sozialen“ und „ästhetischen“ Körperveränderungen ist dabei meist nicht möglich, denn sozioökonomische Faktoren spielen in der Attraktivitätswahrnehmung eine gewichtige Rolle. Schönheitsideale spiegeln immer auch die in der jeweiligen Gesellschaft herrschenden Machtverhältnisse, z. B. zwischen sozialen Klassen oder den Geschlechtern, wider. Gebräunte Haut etwa, die in Europa von jeher ein Zeichen von Unterprivilegierung war und mit körperlicher Arbeit unter freiem Himmel assoziiert wurde, wurde in den 1960er Jahren zum Schönheitsattribut, als die besser verdienenden Kreise das Mittelmeer als Urlaubsziel entdeckten. Menschen, die nicht dem jeweils vorherrschenden Schönheitsideal entsprechen, erleiden häufig Nachteile in Form von Diskriminierungen, die auch von anderen Faktoren wie etwa dem Geschlecht abhängen. Für die Diskriminierung aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes seit Anfang der 2000er Jahre der Begriff Lookism benutzt.

mini|hochkant=0.75| Padaung-Frau in Thailand mit durch Messingringe gestrecktem Hals Insbesondere Körpermodifikationen sind häufig gar nicht oder nur schwer umkehrbar, nicht ohne gesundheitliche Risiken und können auf Dauer zu gesundheitlichen Schäden (z. B. extreme Wespentaille bei Korsetten) führen oder gehen sogar bis zur Verstümmelung der betroffenen Personen (Füßebinden, weibliche Genitalverstümmelung, männliche Genitalverstümmelung). In vielen patriarchal geprägten Gesellschaften sind und waren insbesondere Frauen von Verstümmelung betroffen, die häufig chronische Schmerzen mit sich bringen und beispielsweise ihre Bewegungsfreiheit oder sexuelle Genussfähigkeit einschränken.

Beispiele für Körpergestaltung verschiedener Ethnien, Kulturen und Zeiten:

Stechen von Ohrlöchern für Ohrringe bei Mädchen und Frauen in Europa Schädelmanipulation bei indigenen Völkern Lateinamerikas Beschneidung von Jungen in den USA Halsschmuck (Brom) der Kayan-Frauen in Myanmar historische Korsette der europäischen Frauen (15.–19. Jahrhundert) zur Formung des Torsos Tragen von Lippentellern u. a. von Mursi-Frauen in Äthiopien, Zo’é-Frauen im Amazonas-Gebiet historisches Füßebinden bei Frauen der chinesischen Oberschicht (ca. 11.–20. Jh.) Skarifizierung in verschiedenen Kulturen, z. B. Skarifizierung am Mittelsepik in Papua-Neuguinea

Schönheitsoperationen In weiten Teilen der Welt hat sich das westliche Schönheitsideal als Norm verbreitet. Betroffene Personen, die z. B. aufgrund ihrer Hautfarbe von dieser Norm abweichen, sehen sich häufig dazu gezwungen, sich dieser mithilfe von Körpermodifikation anzunähern, beispielsweise um Diskriminierungserfahrungen zu entgehen. Dazu gehören u. a. Schönheitsoperationen wie Nasen- und Augenlidoperationen, Hautaufhellung und das künstliche Glätten von Afro-Haar mithilfe von hautschädigenden Chemikalien.

Schönheitsideale und Körpergewicht mini|Kleidergrößen für Damen mit dem jeweiligen Taillen- und Brustumfang im Jahr 1903. Der Größe 40 entsprach: Taille 53 cm & Brust 86 cm. Größe 44: Taille 59 cm & Brust 94 cm. Zum Vergleich: Heute gilt das Ideal Taille 60 cm & Brust 90 cm. Der ideale Unterschied war früher wegen des allgemein gebrauchten Korsetts größer.

Das von der westlichen Modebranche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgekommene Schlankheitsideal, wie es mithilfe von großen überschlanken Mannequins und Models propagiert wird, die nicht selten Untergewicht haben und sich oft künstlich bis auf Größe 34 oder 36 herunterhungern müssen, hat im historischen und interkulturellen Vergleich Seltenheitswert. Weibliche Attraktivität wurde und wird in den meisten Gesellschaften mit einem wohlgerundeten Körper und vollen Hüften in Verbindung gebracht. Für Europa muss allerdings einschränkend bemerkt werden, dass gleichzeitig schon im 15. und 16. Jahrhundert geschnürte Taillen modern waren, die sich von ca. 1640 bis ca. 1915 bis zum Ideal der Wespentaille und zur sogenannten 'Sanduhrform' steigerten, die nur mit Hilfe von Korsetten und mit nicht unerheblichem Gesundheitsrisiko erreicht werden konnte. Eine moderne ethnographische Studie ergab, dass in knapp der Hälfte der untersuchten 62 Kulturen dicke Frauen als attraktiv gelten, bei einem Drittel werden mittlere Gewichtsklassen und nur bei 20 % dünne Figuren bevorzugt.J. L. Anderson, C. B. Crawford, J. Nadeau, J. Lindberg: Was the Duchess of Windsor right? A cross-cultural review of the socioecology of ideals of female body shape. In: Ethology and Sociobiology. Band 13, 1992, S. 197–227

Die großen Unterschiede bei der als ideal geltenden Körperfülle werden manchmal mit dem jeweils unterschiedlichen Nahrungsangebot erklärt: Wo die Versorgungslage unsicher sei, werde Fett zum Statussymbol. Umgekehrt sei in Zeiten des Überflusses ein schlanker Körper ein begehrtes Luxusgut. Nach ethnologischen Untersuchungen spielen jedoch auch andere Faktoren eine Rolle, unter anderem die Stellung der Frau: Je mehr Macht Frauen haben, desto eher bevorzugen ihre Männer schlanke Partnerinnen. In modernen westlichen Gesellschaften ist Adipositas zudem häufig mit negativen Attributen wie mangelnder Disziplin, Verweichlichung oder Krankheit besetzt. Auch das Klima scheint das Körperideal zu beeinflussen: Je wärmer die Gegend, desto eher gilt ein schlanker Körperbau als attraktiv. Über die Hälfte der interkulturellen Unterschiede im Körperideal lassen sich allerdings durch definierbare Umwelteinflüsse nicht erklären und sind offenbar schlichtweg eine Frage der Mode.C. R. Ember, M. Ember, A. Korotayev, V. de Munck: Valuing thinness or fatness in women: reevaluating the effect of resource scarcity. In: Evolution and Human Behavior. Band 26 (3), 2005, S. 257–270.

Im historischen Rückblick scheinen die Modeideale der jeweiligen Epochen zwischen den beiden Polen der weiblichen Attraktivität – „Fraulichkeit“ und „Jugendlichkeit“ – hin und her zu schwanken. Während bestimmte Epochen, wie etwa das Mittelalter, eher schlanke, jugendliche Formen bevorzugten, war in anderen das „Vollweib“ attraktiv. Auch die auf den männlichen Körper bezogenen Schönheitsvorstellungen scheinen der Polarität von Reife und Jugendlichkeit – Mann und Jüngling, Herkules und Adonis – zu unterliegen. Verglichen mit den hohen Schwankungen der weiblichen Figurideale ist das Bild der idealen Männerfigur jedoch deutlich stabiler.

Wandel der abendländischen Schönheitsvorstellungen Rückschlüsse auf Schönheitsideale vergangener Epochen können oft nur durch die Analyse von Kunstwerken (ab 1837 auch von historischen Fotografien) und schriftlichen Quellen gezogen werden. Diese werden aber durch viele weitere Faktoren beeinflusst, z. B. technische und stilistische Veränderungen, sodass die Beschreibung historischer Schönheitsvorstellungen immer nur eine Annäherung bleiben kann.

Frühgeschichte mini|Die bekannteste frühgeschichtliche Frauendarstellung ist die Venus von Willendorf.

Einige der frühesten Darstellungen von Menschen sind die Frauenstatuetten des Jungpaläolithikums, die während der Späteiszeit über das gesamte damals eisfreie Europa verbreitet waren. Heute kennen wir über 130 solcher Figuren, die bekannteste ist aber die Venus von Willendorf. Männliche oder geschlechtlich uneindeutige Figuren sind dagegen selten zu finden. Die Frauen werden meist mit großen Brüsten und Gesäß, weiten Hüften und dicken Bäuchen dargestellt und daher immer wieder als Beleg dafür herangezogen, dass Übergewicht in der europäischen Frühgeschichte zum weiblichen Schönheitsideal gehört habe. Es ist allerdings durchaus möglich, dass die Figuren den biologischen Zusammenhang zwischen Körperfett und weiblicher Fruchtbarkeit illustrieren, denn starkes Untergewicht geht zumeist mit Unfruchtbarkeit einher.