mini|Qodiriy auf einer usbekischen 125-Soʻm-Briefmarke aus dem Jahr 2004 Abdulla Qodiriy (usbekisch-kyrillisch ; ; auch Abdullah Qadiri; nom de plume Julqunboy; * wahrscheinlich am 10. April 1894 in Taschkent; † 4. Oktober 1938 ebendort) war ein usbekischer und sowjetischer Schriftsteller. Qodiriy, der zu Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit von der Reformbewegung des Dschadidismus beeinflusst war, ging als erster usbekischer Romancier in die zentralasiatische Literaturgeschichte ein. Er fiel 1938 den stalinistischen Säuberungen zum Opfer.

Leben

Von Abdulla Qodiriy stammen unterschiedliche Angaben über sein Geburtsjahr; laut einer Verteidigungsschrift aus dem Jahr 1926 – neben den Erinnerungen seines Sohnes „die wichtigste Quelle“ für seine LebensumständeSigrid Kleinmichel: Aufbruch aus orientalischen Dichtungstraditionen. Studien zur usbekischen Dramatik und Prosa zwischen 1910 und 1934. Akadémiai Kiadó, Budapest 1993, ISBN 963-05-6316-9. S. 210 – wurde er im Jahr 1894 in Taschkent, damals Generalgouvernement Turkestan, geboren. Sein Vater war zum Zeitpunkt seiner Geburt bereits über 70 Jahre alt; Abdulla Qodiriy wuchs als mittleres der drei Kinder aus der vierten Ehe seines Vaters auf, die nicht als Säuglinge verstarben. Die bescheidenen Familienverhältnisse erlaubten Qodiriy erst im Alter von neun bis zehn Jahren den Besuch einer Grundschule; als Zwölfjähriger arbeitete er für einen Kaufmann, der ihn auf eine russische Schule schickte, damit er ihm mit seinen Russischkenntnissen beim Umgang mit der russischen Verwaltung helfen konnte. Nach zwei Jahren verließ Qodiriy diesen Kaufmann, unterstützte fortan seinen Vater und seinen Bruder bei der Gartenarbeit und am Basar, konnte aber dennoch 1912 den Schulabschluss machen. Um 1913 verfasste er seine ersten Gedichte. Nach dem Schulabschluss arbeitete er bei einem Stoffhändler, dessen Tochter er 1914 heiratete. Aus dieser Ehe stammen Qodiriys zwei Söhne und drei Töchter. Während er bei seinem Schwiegervater arbeitete, kam Qodiriy in Kontakt mit tatarischen Zeitungen und begann daraufhin selbst Artikel zu verfassen. Um diese Zeit schrieb Qodiriy außerdem einige Erzählungen und 1915 sein einziges Drama, Baxtsiz kuyov („Der glücklose Bräutigam“). Zwischen 1915 und 1917 studierte er an der Taschkenter Abdul-Kasim-Medresse islamische Wissenschaften und lernte dabei auch Arabisch und Persisch.Aziz Merhan: Abdulla Qodiriy (1894–1938). Der Pionier der usbekischen Romankunst und seine Werke. In: Selcuk Universitesi Sosyal Bilimler Enstitusu Dergisi, Band 17, 2007. S. 403f, 408Sigrid Kleinmichel: Aufbruch aus orientalischen Dichtungstraditionen. Studien zur usbekischen Dramatik und Prosa zwischen 1910 und 1934. Akadémiai Kiadó, Budapest 1993, ISBN 963-05-6316-9. S. 207fBaymirza Hayit: Two outstanding figures in modern Uzbek literature: Qadiri and Cholpan. In: Journal of The Royal Central Asian Society, Band 52:1, 1965. S. 49

Nach dem Sturz Nikolaus’ II. 1917 meldete sich Qodiriy freiwillig für die Volksmiliz, kurze Zeit später begann er fürs Proviantkomitee der Taschkenter Altstadt zu arbeiten. Ab Anfang 1919 war er als Publizist dieses Komitees für dessen Zeitung tätig und verfasste darüber hinaus auch Artikel für andere Zeitungen. Ab 1923 war er Redaktionsmitglied der neu geschaffenen humoristischen Zeitschrift Mushtum („Faust“). 1924 ging Qodiriy für ein Jahr nach Moskau, wo er am Brjussow-Literaturinstitut eine Fortbildung absolvierte, schrieb in dieser Zeit aber weiterhin für usbekische Zeitungen. Sein erster Roman Oʻtkan kunlar („Vergangene Tage“) erschien 1926 in korrigierter Fassung in Buchform, nachdem Qodiriy ihn ab 1922 in Fortsetzungen in Zeitschriften veröffentlicht hatte.Aziz Merhan: Abdulla Qodiriy (1894–1938) Der Pionier der usbekischen Romankunst und seine Werke. In: Selcuk Universitesi Sosyal Bilimler Enstitusu Dergisi, Band 17, 2007. S. 404fSigrid Kleinmichel: Aufbruch aus orientalischen Dichtungstraditionen. Studien zur usbekischen Dramatik und Prosa zwischen 1910 und 1934. Akadémiai Kiadó, Budapest 1993, ISBN 963-05-6316-9. S. 208f

1926 wurde Qodiriy wegen des Artikels Yigʻindi gaplar („Ein Haufen Worte“), erschienen in der Zeitschrift Mushtum, verhaftet und wegen Beleidigung hochstehender Persönlichkeiten, reaktionärer Haltung und Nationalismus angeklagt. Qodiriy, der sich selbst verteidigt hatte, wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, aber auf Betreiben Yoʻldosh Oxunboboyevs noch im selben Jahr freigelassen. Qodiriys journalistische Tätigkeit hörte nach dem Prozess fast ganz auf; stattdessen widmete er sich dem Verfassen größerer Prosawerke. Sein zweiter Roman, Mehrobdan chayon („Der Skorpion aus der Gebetsnische“), erschien 1929, nachdem Akmal Ikromov, damals Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Usbekischen SSR, seine Zustimmung gegeben hatte. Qodiriys Haupterwerbsquelle in jener Zeit war manuelle bäuerliche Arbeit, außerdem übersetzte er unter anderem ein Schulbuch aus dem Tatarischen und russische Werke von Tschechow und Gogol ins Usbekische und beteiligte sich an den Arbeiten für ein russisch-usbekisches Wörterbuch.Aziz Merhan: Abdulla Qodiriy (1894–1938). Der Pionier der usbekischen Romankunst und seine Werke. In: Selcuk Universitesi Sosyal Bilimler Enstitusu Dergisi, Band 17, 2007. S. 405fSigrid Kleinmichel: Aufbruch aus orientalischen Dichtungstraditionen. Studien zur usbekischen Dramatik und Prosa zwischen 1910 und 1934. Akadémiai Kiadó, Budapest 1993, ISBN 963-05-6316-9. S. 209–211

1932 wurde Qodiriy gebeten, im neu gegründeten usbekischen Schriftstellerverband mitzuarbeiten. Qodiriy ging darauf ein und war im Mai desselben Jahres bereits Teil der usbekischen Delegation, die zu einer Tagung nach Moskau reiste. Ungefähr zu dieser Zeit regte ihn Fayzulla Xoʻjayev an, ein Werk über die Kollektivierung der Landwirtschaft und das Leben in den Kolchosen zu schreiben. Diesen Roman, Obid Ketmon („Obid, die Hacke“), im Stil des sozialistischen Realismus verfasst, erschien 1935. Den Erinnerungen seines Sohnes Habibulla zufolge sammelte sein Vater zudem seit 1929 Material für einen weiteren Roman, der Amir Umarxonning kanizi („Die Sklavin des Emirs Umar-Chan“) heißen sollte und wie seine ersten beiden Romane ein historischer Roman werden sollte. Von diesem Werk sind keine Manuskripte erhalten. 1934 erfüllte Qodiriy den Auftrag, für eine Buchausstellung anlässlich eines Schriftstellerkongresses im Gorki-Park alte Handschriften zu sammeln.Sigrid Kleinmichel: Aufbruch aus orientalischen Dichtungstraditionen. Studien zur usbekischen Dramatik und Prosa zwischen 1910 und 1934. Akadémiai Kiadó, Budapest 1993, ISBN 963-05-6316-9. S. 211–214

Insbesondere 1937 war Qodiriy Angriffen in der Presse ausgesetzt; ihm wurde vorgeworfen, er sei ein Gegner des Regimes, Mitglied einer konterrevolutionären Organisation, die mit Trotzkisten zusammenarbeite, und stehe Xoʻjayev und Ikromov nahe. Am 31. Dezember 1937 wurde er festgenommen und anschließend monatelang verhört. Qodiriy wurde ein Opfer des Großen Terrors: Unter Folter gab er zu, bis 1932 ein Nationalist gewesen zu sein, gab aber an, sich gebessert zu haben, und wies die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück. In einem Scheinprozess wurde er am 5. Oktober 1938 in Taschkent zum Tod durch Erschießen verurteilt, doch war dieses „Urteil“ Archivdokumenten zufolge bereits am Tag zuvor vollstreckt worden.Aziz Merhan: Abdulla Qodiriy (1894–1938). Der Pionier der usbekischen Romankunst und seine Werke. In: Selcuk Universitesi Sosyal Bilimler Enstitusu Dergisi, Band 17, 2007. S. 406fAdeeb Khalid: Making Uzbekistan: Nation, Empire, and Revolution in the Early USSR. Cornell University Press, Ithaca/London 2015, ISBN 9780801454097. S. 386

Rezeption und Würdigung

Qodiriys Werke waren nach seinem Tod in der UdSSR verboten. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Jahr 1956 wurde Qodiriy jedoch rehabilitiert und seine Werke wurden wenig später in zensierter Form wieder veröffentlicht. Die Informationen über seinen Tod gelangten erst 1989 durch einen Artikel des Historikers Ruben Safarov auf Basis von Archivdokumenten des usbekischen Komitees für Staatssicherheit an die Öffentlichkeit. Qodiriys Romane sind seit den 1960er-Jahren Lehrstoff an den Schulen Usbekistans.Sigrid Kleinmichel: Aufbruch aus orientalischen Dichtungstraditionen. Studien zur usbekischen Dramatik und Prosa zwischen 1910 und 1934. Akadémiai Kiadó, Budapest 1993, ISBN 963-05-6316-9. S. 17 Im eben erst unabhängig gewordenen Usbekistan wurde ein Staatspreis für Künste nach Abdulla Qodiriy benannt; ihm selbst wurde 1991 durch den usbekischen Präsidenten Islom Karimov der nach ʿAli Schir Nawāʾi benannte höchste Staatspreis für Künste postum verliehen sowie 1994 der Unabhängigkeitsorden für seinen herausragenden Beitrag zur Entwicklung der usbekischen Literatur., auf saviya.uz, abgerufen am 23. November 2018 (nicht mehr abrufbar) Heute tragen in Qodiriys Heimatstadt Taschkent eine Straße, ein Park und eine Station der Metro seinen Namen.

Qodiriys Werke wurden zum Teil noch zu seinen Lebzeiten, zum Teil nach seiner Rehabilitation in mehrere Sprachen übersetzt, darunter ins Aserbaidschanische, Russische und Englische sowie Oʻtkan kunlar 1968 unter dem Titel „Die Liebenden von Taschkent“ ins Deutsche.Aziz Merhan: Abdulla Qodiriy (1894–1938). Der Pionier der usbekischen Romankunst und seine Werke. In: Selcuk Universitesi Sosyal Bilimler Enstitusu Dergisi, Band 17, 2007. S. 410 In der 2020 erschienenen revidierten deutschen Ausgabe der "Liebenden von Taschkent" wurden die Originalpassagen wieder eingefügt, die der Zensur zum Opfer gefallen waren. Qodiriys historische Romane wurden mehrfach verfilmt: Bei Usbekfilm erschien Oʻtkan kunlar 1969 (deutscher Titel: Vergangene Tage) und 1973 der Film Pobeg is tmy nach dem Roman Mehrobdan chayonПобег из тьмы (1973), auf kino-teatr.ru, abgerufen am 23. November 2018 – beide Filme entstanden unter der Regie von Yoʻldosh Aʼzamov. Eine zweite Verfilmung von Oʻtkan kunlar erschien 1997Минувшие дни, auf art.niv.ru, abgerufen am 23. November 2018, 1998 zudem eine 15-teilige auf Mehrobdan chayon basierende Fernsehserie. The Devil’s Dance (im usbekischen Original erschienen 2016), ein Roman des britisch-usbekischen Schriftstellers Hamid Ismailov, handelt von Qodiriys verlorenem Roman Amir Umarxonning kanizi und seiner letzten Lebensphase im Gefängnis.Jane Shilling: Hamid Ismailov’s new novel blurs the boundaries between life and poetry, auf newstatesman.com, abgerufen am 23. November 2018