Proserpin (deutsch: Proserpina) ist eine Oper in einem Akt (VB 19) von Joseph Martin Kraus (Musik) mit einem Libretto von Johan Henrik Kellgren nach einem Entwurf von Gustav III. Die Handlung basiert lose auf Philippe Quinaults Proserpine von 1680 und dem Mythos des Raubs der Proserpina. Die Oper wurde am 1. Juni 1781 im Schloss Ulriksdal bei Stockholm uraufgeführt.
Handlung
Die Oper spielt in Sizilien. Dort hat sich der Jüngling Atis in die Göttin Proserpin, eine Tochter Jupiters und der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres, verliebt und ihretwegen seine Verlobte Cyane verstoßen. Pluto, der Gott der Unterwelt, verliebt sich ebenfalls in Proserpin. Er entführt sie in sein Reich, nachdem er ihren Aufenthaltsort mit Hilfe Cyanes ausfindig gemacht hat. In Sizilien suchen alle vergeblich nach ihr. Atis’ Kummer über ihren Verlust ist so groß, dass er sich in die Flammen des Ätna stürzt, um seinem Leben ein Ende zu bereiten. Cyane folgt ihm in die Unterwelt. Sie hofft auf ein Entgegenkommen Plutos, der ihr für ihren Verrat eine Wiedervereinigung mit Atis versprochen hatte. Tatsächlich kann sie mit ihm die Unterwelt wieder verlassen und Ceres über den dortigen neuen Wohnort ihrer Tochter aufklären. Da Ceres aufgrund ihrer Trauer ihre Aufgaben auf Erden vernachlässigt und die Ernten schlechter werden, hat Jupiter ein Einsehen. Er lässt seinen Boten Mercurius verkünden, dass Proserpin in Zukunft im Wechsel bei ihm und auf der Erde leben wird. In der Schlussszene steigt er persönlich vom Himmel herab und sorgt für eine allgemeine Versöhnung.
Szene 1. Atis und eine Gruppe sizilianischer Soldaten feiern den Sieg Jupiters über die rebellischen Giganten, die es gewagt hatten, den Himmel anzugreifen (Chor: „Jupiter, Gudarnes Gud vare ära!“). Ein Fest zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres ist geplant. Alle hoffen, dass sie bald wieder nach Sizilien kommt, wo ihre Tochter Proserpin lebt (Chor Sizilianer: „Kom snart, kom snart igen välgörande Gudinna!“).
Szene 2. Atis leidet unter seiner hoffnungslosen Liebe zur Göttin Proserpin (Arie Atis: „En grym Volcan min själ förtär“). Ihretwegen hat er seine frühere Geliebte Cyanes verlassen.
Szene 3. Cyane fleht Atis an, zu ihr zurückzukehren (Duett Cyane/Atis: „Ack, kom min Atis, kom tilbaka“). Atis lehnt ab und flieht.
Szene 4. Cyane hat nicht die Kraft, Rachegefühle gegen Atis zu entwickeln, den sie trotz allem noch immer liebt.
Szene 5. Pluto erscheint mit seinem Gefolge, das er kurz darauf fortschickt. Da auch er Proserpin liebt (Arie Pluto: „Ack kärlek, kärlek dina skott“), bittet er Cyane um Unterstützung, sie für sich zu gewinnen. Als Lohn soll sie Atis zurückerhalten. Nach einigem Zögern verrät ihm Cyane den Aufenthaltsort Proserpins.
Szene 6. Proserpin und ihre Nymphen preisen tanzend die Schönheit und den Frieden der Natur (Chor: „Frid och vackra dagar himlen återger“ – Arie Proserpin mit Chor: „Ack, hvad behag ett hjerta njuter“). Die Nymphen zerstreuen sich, um Blumen zu sammeln.
Szene 7. Pluto tritt zwischen den Bäumen hervor. Er ruft die Götter der Unterwelt herbei, die die allein zurückgebliebene Proserpin umringen (Duett Proserpin/Pluto mit Chor: „O himmel, himmel mig försvara!“ – Chor: „Kom! Kom frugta ingen fara“). Pluto versucht sie zu beruhigen, gesteht ihr seine Liebe und verspricht, dass ihr nichts geschehen werde. Die Götter führen sie auf Plutos Wagen, der daraufhin in die Tiefe sinkt.
Szene 8. Proserpins Nymphen suchen bei ihrer Rückkehr vergeblich nach ihrer Herrin (Chor Nymphen: „Proserpin, Proserpin! vi ropa dig“). Eine der Nymphen erblickt Proserpins Mutter Ceres in den Wolken. Die Nymphen fliehen, da sie deren Schmerz über den Verlust ihrer Tochter nicht mitansehen wollen.
Szene 9. Voller Vorfreude über das baldige Wiedersehen mit ihrer Tochter steigt Ceres von ihrem Wagen (Arie Ceres: „Jag äger denna pant utaf den ömhet quar“). Da sie wegen der unerwarteten Stille beunruhigt ist, ruft sie die Nymphen und Waldgötter herbei.
Szene 10. Als die Nymphen und Waldgötter ihr das Geschehene berichten, schickt sie alle auf die Suche nach ihrer Tochter (Chor mit Rezitativ: „Ceres, Ceres hvilken smärta“).
Szene 11. Ceres fleht ihren früheren Geliebten Jupiter (den Vater Proserpins) um Hilfe an (Arie Ceres: „O, Joefur! i hvars ömma bröst“).
Szene 12. Nymphen, Waldgötter und Sizilianer suchen mit Fackeln gemeinsam nach Proserpin, doch sie antwortet nicht auf ihre Rufe (Chor: „Proserpin, Proserpin, vi ropa dig“).
Szene 13. Auch Atis leidet über den Verlust seiner Angebeteten. Nachdem er vergeblich die gesamte Insel durchsucht hat, will er sich in den Ätna stürzen, um seinem Leben ein Ende zu bereiten (Arie Atis: „För lifvet jag fasar“).
Szene 14. Da kommt eine Gruppe Bacchanten, Silenen, Faune und Satyrn aus dem Wald. Als Anhänger des Bacchus verabscheuen sie die Trauer. Sie ergreifen Atis, um ihn mit sich fortzuführen (Arie Bacchant mit Chor: „Här lifvas allt af Bacchi lagar“ – Ballett – „Af den dyrkan Bacchus njuter“), müssen aber unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Szene 15. Atis besteigt zielstrebig die Höhen des Ätna und wirft sich in die Flammen.
Szene 16. Cyane kommt zu spät hinzu, um Atis zu retten. Sie klagt voller Schuldgefühle über den Verlust ihres Geliebten (Arie Cyane: „Ack, förskräckliga brott!“). Ihre letzte Hoffnung ist Pluto, der ihr für ihren Verrat Lohn versprochen hatte. Sie steigt hinab in die Unterwelt.
Eine dunkle und wüste Einöde mit dem Ceres-Tempel im Hintergrund
Szene 17. Ceres, Nymphen und Sizilianer klagen über Proserpins Abwesenheit (Ceres und Chor: „Gudar! värdens ej försaka“ – „Kommen åter, sälla dagar“). Unter Ceres’ Trauer leidet inzwischen auch die Fruchtbarkeit der Erde. Sie schickt die anderen fort, da sie ihre Huldigungen nicht mehr ertragen kann.
Szene 18. Ceres, die sich von den Göttern verhöhnt fühlt, versucht, ihre Tränen zu ersticken (Arie Ceres: „Mörka öknar! låt mig dölja i ert sköte mina tårar“).
Szene 19. Atis und Cyane steigen aus dem Abgrund herauf und berichten Ceres, dass Proserpin jetzt in Plutos Reich lebt und seine Liebe erwidert. Sie versuchen sie damit zu trösten, dass Proserpin eine große Ehre widerfahren sei (Terzett Ceres/Cyane/Atis: „Hvad större qual kan väl en moder“).
Szene 20. Der Götterbote Mercurius steigt in einer Wolke vom Himmel herab. Er verkündet, dass Jupiter beschlossen habe, Gerechtigkeit und Gnade zu zeigen. Daher solle Proserpin von nun an abwechselnd bei Pluto und bei ihrer Mutter leben.
Szene 21. Der Himmel öffnet sich, und Jupiter steigt mit den himmlischen Göttern herab. Pluto, Proserpin und die Götter der Unterwelt kommen aus dem Abgrund herauf. Nachdem Mutter und Tochter glücklich wieder vereint sind, verzeiht Ceres auch Pluto. Jupiter ruft noch einmal zur Versöhnung auf (Arie Jupiter: „Gå, Pluto, gå, at din maka njuta“), und alle preisen gemeinsam sein mildes und gerechtes Gebot (Chor: „Gudar och menskjor och skuggor beprisen Jupiters milda och rättvisa lag!“).
Gestaltung
Die Musik der Oper zeugt von der „fast schon fanatischen Gluck-Verehrung“ (so Hans Åstrand) des Komponisten, der die alte Affektenlehre und die Formenästhetik der Aufklärung ablehnte und Da-Capo-Arien und Fugen in seiner Streitschrift Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777 verhöhnt hatte. Åstrand bezeichnete das Werk als „jugendlichen Versuch, ein gefühlvolles, antikes Symboldrama mit einer ständig mitfühlenden und lebendigen Orchesterbegleitung zu schaffen“. Die einzelnen Musiknummern sind häufig ohne Pause miteinander verbunden. Vierzehn Chöre stehen nur zehn Arien gegenüber, die in der moderneren großen zweiteiligen Form oder als dreiteilige „Reprisenarie“ ausgebildet sind. Klassische Da-Capo-Arien meidet Kraus. Im Schlussteil der Oper und für die intimeren Stellen verwendet er „Singrondos“ oder liedartige dreiteilige „Quasirondos“, wie der Musikwissenschaftler und Kraus-Biograf Richard Engländer diese Formen nannte.
Die mehr als zwanzig Rezitative sind abgesehen von zwei viertaktigen Stellen sämtlich als Accompagnato auskomponiert. Sie sind in die dramatische Handlung eingebunden und unterbrechen oft schroff die anderen Stücke. Die Orchesterbegleitung ist durch häufige Dynamikwechsel gekennzeichnet, wobei die leiseren Spielarten „p“, „pp“ und „ppp“ gegenüber dem Forte bevorzugt werden. Richard Engländer meinte, Kraus sei ein „Fetischist des Piano“ gewesen. Gerade in den leisen Stellen findet sich häufig ausdrucksstarke Chromatik. Neben dem Ausdruck ging es ihm dabei auch darum, dass das Orchester die Gesangspartie nicht verdeckt. Beim Einsatz der Sänger ist regelmäßig ein Pianissimo in den Orchesterstimmen notiert. Die abwechslungsreiche Harmonik und die häufig düstere Orchestrierung entsprechen dem Musikstil des Sturm und Drang. Typisch für Kraus sind kurze expressive Largo-Teile innerhalb der Arien, die heftigen Gefühlsausbrüchen entgegengesetzt werden.
Zu den gelungensten Stellen zählt die nächtliche Suche nach Proserpin in der zwölften Szene. Richard Engländer beschrieb sie als „ein notturno lugubre von bezwingender Kraft im claire-obscure der Fackeln“.
Orchester
Die Orchesterbesetzung der Oper enthält laut Angabe in der Partitur die folgenden Instrumente:
Holzbläser: zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten (B und A), Fagott Blechbläser: zwei Hörner Streicher: Violinen 1, Violinen 2, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe (zwei „Violetta“ in Nr. 7–9) Basso continuo
Musiknummern
Die Oper enthält im autographen Manuskript die folgenden Musiknummern (in eckigen Klammern die Nummern im Werkverzeichnis von Bertil van Boer; dort weichen auch die Texte geringfügig ab):
Ouvertüre: Largo C-Dur alla breve Nr. 1. Chor (Sizilianer): „Jupiter, Gudarnes Gud vare ära!“ (Szene 1) Nr. 2. Rezitativ (Atis): „Så frögdom oss åt våra glada dar“ Nr. 3. Chor (Sizilianer): „Kom snart, kom snart igen välgörande Gudinna!“ Nr. 4. Rezitativ (Atis): „Du Gudamagt, som sorg och glädje delar, förlåt en billig klagoröst!“ (Szene 2) Nr. 5 [4a]. Arie (Atis): „En grym Volcan min själ förtär“ Nr. 6 . Rezitativ (Atis): „Och vore jag olycklig blott, men ack! jag äfven brottslig blifvit“ Nr. 7 . Duett (Cyane, Atis): „Ack, kom min Atis, kom tilbaka“ (Szene 3) Nr. 8 . Duettino (Cyane, Atis): „Kom! och alt förlåtit är“ Nr. 9 . Rezitativ (Cyane, [Pluto]): „Han flyr … Och jag bedragen lämnas …“ (Szene 4) Nr. 10 . Arie (Pluto): „Ack kärlek, kärlek dina skott til himmel, jord och afgrund hinna“ (Szene 5) [Nr. 10.] Rezitativ: Cyane, hör, jag vet den oförrätt (Pluto, Cyane) Nr. 11. Chor ([Proserpin], Nymphen): „Frid och vackra dagar himlen återger“ (Szene 6) Nr. 12. Arie mit Chor (Proserpin, Nymphen): „Ack, hvad behag ett hjerta njuter“ [Nr. 13.] Rezitativ (Proserpin): „Snart Ceres komma lär“ Ballett (Musik fehlt in der Partitur) Nr. 13 . [Szene und] Rezitativ (Proserpin): „Täcka blommor, fältets heder“ (Szene 7) Rezitativ (Pluto, Proserpin): „Afgrundsgudar skynden eder! Hvad gruflig röst jag hör!“ Nr. 14 [–]. Duett mit Chor (Proserpin, Pluto, Götter der Unterwelt): „O himmel, himmel mig försvara!“ [Nr. 15]. Chor (Götter der Unterwelt): „Kom! Kom frugta ingen fara“ [Nr. 16]. Rezitativ (eine Nymphe): „Hvad grymma klagorop! till mina ögon“ Nr. 15 [16a]. Chor (Nymphen): „Proserpin, Proserpin! vi ropa dig“ (Szene 8) Nr. 16 [–]. Rezitativ (erste Nymphe, Nymphen): „Hon hoppas här sin dotter återse“ – [Nr. 16b]. „Ack här blir vår smärta ny“ Nr. 17. Rezitativ (Ceres): „Jag hela verlden lycklig gjort“ (Szene 9) Nr. 18 (laut Autogramm) [17a]. (Ceres): „Jag äger denna pant utaf den ömhet quar“ – „Hvad denna hugkomst mig förnöjer“ Nr. 18 (laut gedruckten Notizen). Rezitativ (Ceres): „Men, hvad kan detta dröjsmål båda?“ Nr. 19. Chor mit Rezitativ (Ceres, eine der Nymphen, Nymphen, Waldgötter): „Ceres, Ceres hvilken smärta“ (Szene 10) Nr. 20. Arie (Ceres): „O, Joefur! i hvars ömma bröst jag fordom tändt en ljuflig låga“ (Szene 11) Nr. 21. Chor (Nymphen, Waldgötter, Sizilianer): „Proserpin, Proserpin, vi ropa dig“ (Szene 12)