mini|Bild von Maria Palaiologina in der ehemaligen Chora-Kirche in Istanbul Maria Palaiologina „Mouchliotissa“ (griechisch: Μαρία Παλαιολογίνα) (* um 1250; † nach 1307) war eine außereheliche Tochter von Michael VIII. Palaiologos, Kaiser des Byzantinischen Reiches von 1259 bis 1282. Sie erlebte den Aufstieg ihres Vaters und die Rückeroberung Konstantinopels, die Erneuerung des Reiches, aber auch persönlich dessen Bedrängnis, da ihr Vater Heiratspolitik als Teil seiner Sicherheitspolitik einsetzte und Maria zur Gemahlin von Hülegü Khan bestimmte, dem Herrscher des mongolischen Ilchanat, das von Persien bis nach Anatolien reichte.
Da diese Ehe wegen des Ablebens von Khan Hülegü nicht zustande kam, wurde sie 1265 zur Gemahlin von dessen Sohn und Erben Abaqa Khan. In den fünfzehn Jahren, die sie am Hof Abagas verbrachte, bewährte sich Maria Palaiologina als diskrete Ratgeberin, politisch als Fürsprecherin einer Allianz mit Byzanz und dem Westen gegen die expandierenden Mameluken und religiös als Schutzherrin der christlichen Gemeinschaften und Untertanen des Reiches. Als Witwe wieder in Konstantinopel zog sie sich von der Politik zurück, widmete sich religiösen Aufgaben und stiftete dort unter anderem Kirche und Kloster Theotokos Mouchliotissa (Maria von den Mongolen). Ihr Halbbruder, Kaiser Andronikos II., der ab 1282 regierte, setzte Maria jedoch 1307 neuerlich für eine sicherheitspolitische Mission ein: Diesmal zur Abwehr der expandierenden osmanischen Türken, wobei auch eine weitere Ehe mit einem mongolischen Fürsten geplant war, die jedoch nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Sultan Osman I. nicht mehr zustande kam. Zurück in Konstantinopel zog sie sich als Nonne in das von ihr gegründete Kloster zurück, wo sie später verstarb. Bis heute überlebte ihr Bildnis und die von ihr gestiftete Kirche, die ihr zu Ehren Theotokos Mouchliotissa („Maria von den Mongolen“) genannt wurde und als einzige in Istanbul der Islamisierung entging. Auch ihre Ehe wirkt noch nach, da ihre Geschwister und deren Nachkommen bis heute gleichsam zur Schwägerschaft der mongolischen Ilchane zählen.
Herkunft mini|Der byzantinische Reichsadler mini|Kaiser Michael VIII. Palaiologos, Marias Vater Maria stammte aus dem bedeutenden byzantinischen Adelsgeschlecht der Palaiologen, das seit dem 11. Jahrhundert zu den führenden Familien der byzantinischen Militäraristokratie zählte. Ihr Vorfahre Nikephoros Palaiologos war um 1078 unter Kaiser Nikephoros III. Botaneiates General und Dux (Gouverneur) des Thema Mesopotamien und fiel am 18. Oktober 1081 bei Durazzo im Kampf gegen die Normannen unter Robert Guiscard, Herzog von Apulien und Kalabrien (1059–1085).
Marias väterlicher Großvater Andronikos Dukas Komnenos Palaiologos war gleichfalls General und Megas Domestikos (Oberkommandierender der byzantinischen Streitkräfte), 1246 Gouverneur von Thessaloniki und starb 1248/52 als Mönch Arsenios. Durch ihre väterliche Großmutter – eine Cousine ihres Großvaters – Theodora Komnene Palaiologina, einer Tochter des Despotes Alexios Komnenos Palaiologos, und der Irene Angelina, war Maria eine Nachkommin des Kaisers Alexios III. Angelos († 1211) der von 1195 bis 1203 regierte.Detlev Schwennicke: Europäische Stammtafeln. Neue Folge, Band III. 1, Tafel 198, J. A. Stargaedt 1984
Marias Vater Michael VIII. Palaiologos, genannt Michael Dukas Komnenos Palaiologos, (* 1224/25, † 1282) kam durch seine Ehe mit Theodora Dukaina Komnene Batatzaina (* 1240; † 1303), Tochter des Johannes Dukas Batatzes († 1240), in Schwägerschaft mit der im Exil in Nizäa regierenden Dynastie der Laskariden aus der Familie Batatzes. Maria stammte jedoch nicht aus dieser Ehe, sondern aus einer außerehelichen Beziehung ihres Vaters mit einer Hofdame, von der nur der Familienname Diplobatatzina bekannt ist, die daher sowohl väterlicherseits wie auch mütterlicherseits aus dem byzantinischen Adelsgeschlecht der Batatzes abstammte.Pachymeres Vol I, De Michaele Palaeologo, Liber III, 3, S. 174. Wie diese mit Johannes III. Dukas Batatzes verwandt ist, der 1222 als Johannes III. seinem Schwiegervater Theodor I. Laskaris als Kaiser von Byzanz in Nikaia nachfolgte, ist nicht bekannt.Charles Cawley, Medieval Lands
Leben Hintergrund Maria Palaiologina wurde zu einer Zeit geboren, in der das etwa fünfzig Jahre nach der Eroberung von Konstantinopel durch den Vierten Kreuzzug im Jahre 1204 und der Errichtung des Lateinischen Kaiserreiches auf wesentlichen Teilen des byzantinischen Territoriums in Europa geboren, als das Byzantinische Reich auch durch Abspaltung wichtiger Territorien, wie des Despotats Epirus und des Kaiserreiches Trapezunt, nur knapp dem Untergang entgangen war. Kaiser Konstantin (XI.) Laskaris († 1205) hatte 1204 nach seiner Flucht aus Konstantinopel in der Provinz Bursa einen Nachfolgestaat des Byzantinischen Reiches gegründet, der nach der regionalen Hauptstadt Nikaia als Kaiserreich Nikaia bezeichnet wurde. Dieses Teilreich beschränkte sich auf Nordwest-Kleinasien und umfasste Teile von Thrakien und Bithynien. Kaiser aus dem Haus der Laskariden hatten in der Folge diesen kleinen Staat konsolidiert. Eine Entwicklung, die im August 1258 durch den Tod von Kaiser Theodor II. Laskaris in Frage gestellt wurde, da dessen Sohn und Nachfolger Johannes IV. Laskaris noch in kindlichem Alter war. Diese Problematik war jedoch die Grundlage des Aufstieges von Marias Familie, da ihr Vater, Michael VIII. Palaiologos, damals der angesehenste Feldherr des Reiches, 1258 in Nikaia zur Unterstützung des minderjährigen Kaisers Johannes IV. zum Mitkaiser erhoben wurde.
Jugend mini|Aufteilung des byzantinischen Reichsgebietes nach 1204 Maria Palaiologina, die um 1250 als außereheliche Tochter ihres Vaters geboren wurde, wuchs mit einer anderen außerehelichen Schwester Euphrosine Palaiologina, sowie – in gewisser Distanz – mit ihren sieben Halbgeschwistern aus der Ehe ihres Vaters mit Theodora Paläiologina (eigentlich Theodora Vatatzaina) einer Großnichte des Kaisers Johannes III. Dukas Vatatzes in der temporären Hauptstadt des Reiches Nikaia in Bithynien auf.
Tochter eines Kaisers Eine entscheidende Wende ergab sich 1259 durch den Tod von Kaiser Theodor II. Dukas Laskaris Batatzes (1254–1258), da ihr Vater Michael Palaiologos als Michael VIII. zum Regenten und Mitkaiser des achtjährigen Kaisers Johannes IV. Dukas Laskaris Batatzes bestellt wurde.Georgius Akropolites 74 and 75, S. 164.
Für die damals achtjährige Maria Palaiologina war die Krönung ihres Vaters, die am 1. Jänner 1259 im Nymphaion der Residenz der Kaiser von Nikaia im heutigen Landkreis Kemalpaşa stattfand, zweifellos ein prägendes Ereignis, da sich dadurch auch ihr eigener Status zu dem einer (außerehelichen) Tochter des Kaisers von Byzanz wesentlich erhöhte.
Kaiser Michael VIII. war aber nicht der einzige, der sich als künftiger Herrscher des Byzantinischen Reiches sah. Ganz ähnliche Gedanken hegte auch Michael II. Angelos (* 1205; † 1266/68) der Despot von Epirus, der dazu eine Koalition mit dem König von Sizilien, Manfred von Hohenstaufen († 1266), und dem Fürsten von Achaia in Südgriechenland, Wilhelm II. von Villehardouin († 1278), gebildet hatte. Im September 1259 kam es westlich von Thessalonike zur Schlacht bei Pelagonia, in der Marias Onkel Johannes Dukas Palaiologos mit den Truppen von Nizäa siegreich blieb.Franz Georg Maier (Hrsg.), Byzanz; Lizenzausgabe für Nicol Verlag 2011, ISBN 978-3-86820-109-3, S. 350
Damit rückte der 50 Jahre alte Traum, die Rückeroberung der historischen Reichshauptstadt Konstantinopel, für Kaiser Michael VIII. und wohl auch für seine Familie in den Vordergrund der Bemühungen.
In Konstantinopel mini|Münze von Kaiser Michael VIII. aus Anlass der Rückeroberung von Konstantinopel: Die Jungfrau Maria über den Mauern von Konstantinopel Als etwa elfjähriges Mädchen erlebte Maria die Verwirklichung dieses Traumes, da es durch einen Zufall – Abwesenheit der gegnerischen Streitkräfte – dem Feldherren von Marias Vater Alexios Strategopoulos am 25. Juli 1261 gelang, die alte byzantinische Hauptstadt Konstantinopel – die seit 1204 Hauptstadt des Lateinischen Kaiserreiches war – zurückzuerobern.Dimitri Obolensky, The Byzantine Commonwealth. Eastern Europe 500 – 1453. Phoenix Press, London, 2000; ISBN 1-84212-019-0, S. 237 Der „Lateinische Kaiser“ Balduin II. aus dem Haus Frankreich-Courtenay (ein Urenkel des Königs Ludwig VI. von Frankreich aus dem Haus der Capetinger), der seit 1228 das Lateinische Kaiserreich regiert hatte, rettete sich durch die Flucht. Damit endete das 1204 gegründete Lateinische Kaiserreich während zugleich das Byzantinische Reich durch Marias Vater sein angestammtes Zentrum zurückgewann.
Ein Höhepunkt in Marias Leben war daher zweifellos der am 15. August 1261 erfolgte feierliche Einzug ihres Vaters in die wiedergewonnene Hauptstadt Konstantinopel und in den historischen Kaiserpalast am Bosporus, sowie dessen anschließende feierliche Krönung in der altehrwürdigen Kathedrale Hagia Sophia durch den Patriarchen Arsenios Autoreianos, als Michael VIII. zum Kaiser des erneuerten Byzantinischen Reiches.Franz Georg Maier, Byzanz, S. 350; Nicol Verlag 2011, ISBN 978-3-86820-109-3. Der byzantinischen Tradition folgend nahm er den Familiennamen Dukas Komnenos Palaiologos an, um damit seinen Thronanspruch durch die verwandtschaftlichen Beziehungen zu vorangegangenen Kaiserdynastien zu unterstreichen. In der Folge wurde die Stadt erneuert, Wirtschaft und Bevölkerung wuchsen, während in den Kirchen lateinische Rituale durch griechisch-byzantinische ersetzt und die orthodoxen Kirchen renoviert wurden. Da Venedig mit den Lateinern verbündet war, wurde das Venezianische Viertel zerstört und auch gefangene Venezianer geblendet, ein Schicksal, dem Niccolò Polo – der der Vater des Weltreisenden Marco Polo durch rechtzeitige Abreise entging.Encyclopedia Britannica 2002, S. 571 Nunmehr übernahm Genua die Rolle Venedigs. Niemand konnte damals ahnen, dass damit eine Dynastie gegründet wurde, die fast 200 Jahre lang – bis zum Fall Konstantinopels im Jahre 1453 – regieren würde.
Gefahren für die Dynastie mini|Das wieder errichtete Byzantinische Reich im Jahre 1265 Bereits unmittelbar nach der Krönung sah sich Marias Vater Kaiser Michael VIII. innen- wie außenpolitisch einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber, die seine Herrschaft in Frage stellten und die teils auch direkte Auswirkungen auf das Leben seiner Tochter Maria Palaiologina haben sollten.
Bedrohung von Innen Die Alleinherrschaft von Marias Vater beruhte nicht nur auf dem glücklichen Handstreich seiner Truppen in Konstantinopel, sondern auch auf einer bösen Tat, da Kaiser Michael VIII. den rechtmäßigen Kaiser – den kindlichen Johannes IV. Laskaris – mit dem er seit 1258 gemeinsam in Nikaia regiert hatte, regierungsunfähig machte, indem er ihn 1261 blenden und in einer Burg am Schwarzen Meer gefangen halten ließ.Donald M. Nicols, The Byzantine Lady; Ten Portraits, 1250 – 1500. Cambridge University Press 1996, ISBN 0-521-57623-7 Dies führte zu einer massiven Opposition der Anhänger des Hauses Laskaris und 1262 zur Exkommunikation ihres Vaters durch den Patriarchen von Konstantinopel, Arsenios Autoreianos, der ihn ein Jahr zuvor gekrönt hatte.
Kaiser Michael schlug zurück, indem er den Patriarchen 1265 durch eine Synode absetzen und Joseph I. Galesiotes († 1283), einen Mann seines Vertrauens, als Patriarchen einsetzen ließ, was zu einer jahrzehntelangen Kirchenspaltung zwischen den Arseniten – den Anhängern des alten Patriarchen – und den Josephiten – den Anhängern des neuen Patriarchen – führte.