mini|400px|Luftbild der Kolonie Kleinwelka von Süden. Vorn in der Mitte der Gottesacker. Links die ehemalige Knabenschule Peter-Buck-Straße 1. Rechts daneben das Schwesternhäuser-Ensemble. Dahinter der Betsaal mit Gemeingarten. Rechts davon die ehemalige Mädchenschule. mini|300px|Ähnlicher Standort 1860. In der Mitte der Gottesacker, dahinter das Diasporahaus. Links daneben der Dachreiter des Kirchensaals, davor das Schwesternhaus.
Die Kolonie Kleinwelka ist eine Ansiedlung der Herrnhuter Brüdergemeine im Bautzener Ortsteil Kleinwelka in der Oberlausitz in Ostsachsen. Sie entstand ab den 1750er Jahren in einer kleinen sorbischen Ansiedlung um ein Rittergut. Heute gehören 32 denkmalgeschützte Gebäude und der „Gottesacker“ genannte Friedhof zum Ensemble.
Geschichte mini|hochkant|Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf mini|Ältestes erhaltenes Haus von 1752
Im Jahr 1457 entstanden insbesondere in Böhmen die Böhmischen Brüder als evangelische Kirche. Sie lebten fast 200 Jahre als evangelische Christen in der Minderheit mitten im katholischen Königreich. Ab 1722 siedelten sich deren Nachfahren auf dem Gut Berthelsdorf des jungen Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf an und nannten die Siedlung Herrnhut.
Kleinwelka (sorbisch: Mały Wjelkow) wurde 1345 das erste Mal urkundlich als „de Welkowe“ erwähnt. Der Ort ist eine sorbische Gründung und wurde als erweiterter Rundweiler angelegt. 1519 fand der Ort als „Manns-Lehngut cleine Wilke“ Erwähnung. 1626 kam es zum Bau eines neuen Rittergutes. Dieses Gut wechselte mehrmals den Besitzer und gelangte 1746 in den Besitz des Sorben Matthäus Lange (Matej Dołhi). Im Jahr 1751 kam es in und um Kleinwelka unter der armen sorbischen Landbevölkerung zu einer christlichen Erweckung. Die Christen trafen sich unter anderen in Teichnitz auf dem Gut des Grafen Gersdorff. Über ihn kam es zu Verbindungen zu Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Matthäus Lange, der der Herrnhuter Brüdergemeine nahestand, stellte ebenfalls sein Gut in Kleinwelka der Brüdergemeine zur Verfügung. Damit begann diese ihre Arbeit in Kleinwelka und nutzte das Gut als Stützpunkt für ihren Missions- und Besuchsdienst unter den Sorben in der Ober- und Niederlausitz. Zunächst dachte Lange nicht an eine Koloniegründung. Die Anhänger der Erweckungsbewegung wollten aber nicht immer zum Gottesdienst ins 35 Kilometer entfernte Herrnhut reisen. Dem reichlichen Zustrom an Teilnehmern zu den Gottesdiensten bot das Gut schnell nicht mehr genügend Platz. Deshalb wurde es sieben Jahre später notwendig, einen Versammlungsort zu errichten.
Mit dem Bau des Betsaals 1757/58 und weiterer Gebäude begann man einen Plan für den neuen Ort der Kolonie Kleinwelka zu entwerfen. Es sollte ein Ort nach dem Vorbild von Herrnhut und Niesky entstehen. Wichtige Merkmale dort sind der zentrale Platz, die rechtwinklige Straßenanordnung und die sogenannten Chorhäuser. Graf von Zinzendorf, der das Projekt begleitete, gab dem entstehenden Ort einen eigenen Namen und nannte ihn „Wendisch-Niska“ (Serbska Niska). Dieser Name hielt sich aber nur bis 1767. In den folgenden Jahren begann eine rege Bautätigkeit. Nach dem Bau des Betsaals wurden neben einigen Wohngebäuden wichtige Häuser wie das Brüderhaus (1764), das Schwesternhaus (1770), das erste Haus der Knabenanstalt (1778) und das Diasporahaus (1778) sowie das erste Haus der Mädchenanstalt (1781) errichtet. 1799 zählte die Kleinwelkaer Kolonie als eigenständiger Ort bereits 433 Bewohner. 40 Jahre früher waren es nur 98 Einwohner gewesen.
In der Kolonie Kleinwelka siedelten sich zahlreiche Handwerksbetriebe wie Glockengießerei, Lohmühle, Gerberei und eine Tabakmanufaktur an. Damit geriet die Siedlung aufgrund des Herrnhuter Prinzips der wirtschaftlichen Eigenregie immer wieder in Konflikt mit der Bürgerschaft im nur fünf Kilometer entfernten Bautzen. Der Handel durfte nur konkurrenzlos für die Bautzener gestaltet werden. Selbst Graf von Zinzendorf befürchtete derartige Probleme mit der Ansiedlung der Brüdergemeine in der Bautzener Region. Erst 1795 erhielt die Kolonie Privilegien von Bautzen für einige gewerbliche Tätigkeiten. Schnell konnte sich zum Beispiel der Kupferschmied Friedrich Gruhl mit seiner später berühmten Glockengießerei durchsetzen.
1864 erhielt Kleinwelka eine Postexpedition und etwas später eine Poststation. Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Bautzen–Königswartha am 2. Dezember 1890 verbesserten sich die Verkehrsverhältnisse für die Bewohner. 1908 erhielt der Ort eine Stromleitung. Durch die geschaffene Infrastruktur siedelten in Kleinwelka weitere Betriebe an. So gründete ein Kirschauer Fabrikant am Bahnhof eine Baumwollspinnerei, die später in eine Lumpenreißerei umgewandelt wurde. 1912 wurde ein Lager der sächsischen Armeeverwaltung eingerichtet. Dessen Wasserleitung versorgte bis zum Bau eines dorfeigenen Wasserwerks 1931 Kleinwelka mit Trinkwasser. Im Rahmen eines Bürgerentscheides sprachen sich die Bürger für eine Zusammenlegung der Ortsteile Dorf und Kolonie Kleinwelka aus, diese wurde zum 1. Juni 1932 umgesetzt. Offizielle Straßennamen gab es in Kleinwelka erst ab 1934.
Das Leben in dem Teil Kleinwelkas, der von der Entstehung her „Kolonie Kleinwelka“ genannt wird, war auch in den Jahren nach 1930 zunächst wesentlich geprägt durch die zwei großen Internatsschulen der Herrnhuter Brüdergemeine, der Mädchenanstalt und der Knabenanstalt. Im Ort herrschte lebhaftes Geschäftsleben in den Läden und bei den Handwerksbetrieben, die ihre Kundschaft zum großen Teil im Lehr- und Erzieherpersonal hatten. Die Schulen wurden nicht nur von Internatsschülern, Kindern von Missionaren aus aller Welt, sondern auch von Kindern aus den umliegenden Orten, zum Beispiel Bautzen, besucht. Viele Eltern wünschten eine christliche Erziehung ihrer Kinder, besonders in der beginnenden Zeit des Nationalsozialismus, als in den staatlichen Schulen nicht mehr gebetet werden durfte.
Generell fiel die Einstellung der Bewohnerinnen von Kleinwelka gegenüber dem NS-Regime positiv aus, die Wahlergebnisse zugunsten der NSDAP im März 1933 wurden begrüßt und nach dem Gottesdienst sogar mit Musik gefeiert. Es bot sich „ein eindrucksvolles Bild auf unserem Kirchplatz: Stahlhelm und Militärverein, die mit ihren Fahnen dem Gottesdienste beigewohnt hatten, waren aufgetreten“.„Neudietendorf“, in: Herrnhut, 24. April 1933, S. 61.
Am 25. Juli 1942 wurden die beiden kircheneigenen Privatschulen geschlossen. Für die Knabenanstalt war das das Ende nach 166 Jahren. Bis zu 140 Missionarskinder pro Jahr und insgesamt über 2000 hatten dieses Internat besucht. Mit der Schulschließung verließ auch ein Teil der dort Beschäftigten den Ort.Ein Abschied für Jahrzehnte, oft für immer. „Mama, mein Herz geht kaputt“ das sagte ein Kind zu seiner Mutter. Vor ihnen lag eine Trennung, von der niemand wusste, wie lange sie dauern würde. „Mama, mein Herz geht kaputt“ so lautet auch der Titel eines Buches, das sich mit dem Schicksal der Kinder Herrnhuter Missionare in der Zeit von 1790 bis 1942 beschäftigt. Website lr-online.de, 24. Oktober 2013.
Es ist nicht genau belegt, ab wann beide Anstaltshäuser als Lazarett benutzt wurden. Im Februar 1943 wurde es jedenfalls schon wieder aufgelöst. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges, im April 1945, gab es in und um Kleinwelka starke Kämpfe. Die Bewohner hatten aufgrund eines Räumungsbefehls den Ort verlassen müssen und fanden bei der Rückkehr zahlreiche beschädigte Gebäude vor.
1948 standen die Gebäude wieder leer und so plante die Direktion der Evangelischen Brüderunität in Herrnhut, hier ein Altenheim einzurichten. Im Juni 1948 begann die neue Leiterin Dora Schmitt unter schwersten Nachkriegs-Bedingungen mit der schrittweisen Einrichtung eines Altenpflegeheims. Heute befindet sich das vollständig sanierte „Dora-Schmitt-Haus“ in der Trägerschaft der Herrnhuter Diakonie.
Der große Komplex des früheren Mädchenschulheimes wurde in der DDR-Zeit viele Jahre als Sorbisches Lehrerbildungsinstitut und Internat der Sorbischen Oberschule genutzt. Später in der Trägerschaft des Landkreises Bautzen diente es als Außenstelle eines Pflegeheimes.
In der DDR-Zeit war ein zunehmender Verfall der alten Gebäude zu verzeichnen, seien es die kleinen Wohnhäuser der ersten Bewohner der Kolonie oder die stattlichen Barockgebäude der Brüdergemeine. Ab 1990 setzte eine schrittweise Sanierung des Ortes ein, die 2020 noch nicht abgeschlossen ist. Um den weiteren Verfall zu verhindern und eine neue Nutzung des einmaligen Gebäudekomplexes der Schwesternhäuser zu unterstützen, gibt es seit einigen Jahren den Verein Remise e. V., und im November 2019 wurde der Verein „Schwesternhäuser Kleinwelka e. V.“ gegründet.
Die nach 1942 zahlenmäßig kleiner gewordene Brüdergemeine von Kleinwelka konzentrierte ihre Finanzkraft auf die Renovierung des Kirchensaals und des Pfarrhauses. Baumaßnahmen und Verschönerungen in der DDR-Zeit erfolgten hauptsächlich durch Eigenleistungen und in Feierabendarbeit, durch Spenden unterstützt. Im Jahr 2008 feierte die Gemeine mit zahlreichen Gästen das 250-jährige Bestehen des Kirchensaals. Er ist sehenswert in seiner typischen schönen weißen Schlichtheit nach Herrnhuter Art. Die Kleinwelkaer Gemeine der Evangelischen Brüder-Unität hat heute circa 120 Mitglieder. Die erste in Kleinwelka vom ortsansässigen Glockengießer Friedrich Gruhl gegossene Glocke läutet seit 1813 bis heute vom Dachreiter des Kirchensaals.
Seit 1999 ist Kleinwelka ein Ortsteil der 5 Kilometer entfernten Stadt Bautzen.
mini|Karte von Kleinwelka mit den Gebäuden der Kolonie (rot)
Gebäude Betsaal und Gemeingarten mini|Gemeingarten und Betsaal
In den Gründungen der Herrnhuter Brüdergemeine bildete immer der Betsaal mit einem angrenzenden Platz das Ortszentrum. Der Betsaal in Kleinwelka gehört zu den ältesten Gebäuden der Kolonie. Eine Besonderheit hier ist die Lage des Betsaals, der sich nicht am Rande des Platzes, sondern auf dem Platz befindet.
Während des Siebenjährigen Kriegs errichtet, wurde der Betsaal nach nur einjähriger Bauzeit am 2. Juli 1758 eingeweiht. Es ist ein schlichter Putzbau im Stil des Herrnhuter Barocks mit Rundbogenfenstern und hohem Krüppelwalmdach mit Fledermausgauben. Für den Dachreiter fehlte anfangs noch das Geld. Ein kleiner wurde 1764 auf das Dach gesetzt, der heutige 1835, wie in der Wetterfahne zu lesen ist. Die erste Glocke wurde 1758 von dem Dresdner Glockengießer August Sigismund Weinhold gegossen und anfangs noch zu einem Dachfenster hinaus geläutet. Heute klingt im Dachreiter eine 1812 von Glockengießer Gruhl gegossene Glocke. Die heutige Uhr im Dachreiter ersetzte 1844 eine kleinere Vorgängerin von 1764.
Im Inneren befindet sich ein rechteckiger, schlichter Saal mit flacher Holzdecke und Holzemporen. Die Fenster aus klarem Glas geben einen Blick auf die Umgebung frei. In dem nichtsakralen Raum feiert die Gemeine ihre Wort-, Lied- und Sakramentsversammlungen. Die Bänke sind flexibel aufstellbar, damit kann der Raum auch für Feierlichkeiten und Ähnliches genutzt werden. Die mechanische Orgel wurde 1938 vom Hermann Eule Orgelbau Bautzen pneumatisiert. Das Kreuz hinter dem „Liturgustisch“ war ein Geschenk zur 150-Jahr-Feier des Saals 1908, genau wie die Kronleuchter, die damals mit der Elektrifizierung des Ortes angebracht wurden.
Heute gehören etwa 130 Mitglieder zur Brüdergemeine Kleinwelka.