Mangareva (alte Namen: Peard oder Peard‘s Island (Beechey), Angauru, RaroataJ.L. Young: Names of the Paumotu Islands, with the old names as far as they are known. In.: The Journal of the Polynesian Society, Volume 8 (4), Dezember 1899, S. 264–268) ist die größte Insel des Archipels der Gambierinseln im östlichen Südpazifik und gehört politisch zu Französisch-Polynesien. Der polynesische Begriff „Mangareva“ heißt übersetzt in etwa: Der auf dem Wasser treibende Berg.
Geographie Obwohl vom Landschaftsbild völlig unterschiedlich, zählt Mangareva geographisch zum Tuamotu-Archipel. Die 8 km lange und an ihrer schmalsten Stelle 1,3 km breite Insel liegt – zusammen mit den übrigen Gambierinseln – innerhalb einer großen, mehr als 25 km durchmessenden Lagune. Das hügelige, steil aus dem Meer ragende Eiland hat eine nicht sehr ausgedehnte Küstenebene, in der sich die Siedlungen befinden. Das Inselinnere ist weitgehend unerschlossen und unbewohnt. Die höchsten Erhebungen sind der Mont Duff mit 441 m und der Mont Mokoto mit 423 m im Süden. Die Südostseite wird von einer großen halbmondförmigen Bucht gebildet, an der auch der Hauptort Rikitea liegt, an der Nordwestseite befinden sich drei weitere von Halbinseln getrennte Buchten, an denen kleinere Ansiedlungen liegen.
Geologie Der Gambier-Archipel ist aus einem Hot Spot entstanden, der sich mit der Pazifischen Platte mit einer Geschwindigkeit von 12,5 cm pro Jahr in Richtung Nordwesten bewegt.National Geographic Map: The earth‘s fractured surface, Washington, D.C., Beilage zum April-Heft 1995 Mangareva ist Teil der sog. Pitcairn-Mangareva linear chain, einer Kette von Inseln vulkanischen Ursprungs, deren Alter von Nordwest nach Südost abnimmt.J.D. Woodhead, M.T. McCulloch: Ancient seaflor signals in Pitcairn Island lavas and evidence for large amplitude, small length-scale mantle heterogeneities; in: Earth and Planetary Science Letters, Nr. 94, 1989, S. 257–273 Im Nordwesten der Kette gelegen, ist Mangareva Bestandteil eines Atolls, das vor 5,6 bis 5,7 Mill. Jahren entstanden ist.V. Cloutard & A. Bonneville: Ages of seamounts, islands and plateaus on the Pacific plate, Paris 2004 Die vulkanische Zentralinsel dieses Atolls ist bereits weitgehend versunken. Mangareva ist lediglich ein Überrest des überwiegend aus magmatischen Gesteinen bestehenden, stark erodierten Kraterrandes. An der Lage Mangarevas und der benachbarten Inseln in der Lagune lässt sich die Caldera des längst versunkenen Vulkanes noch erahnen.
Flora Die Küstenebenen sind üppig bewachsen, vorwiegend jedoch mit anthropochoren Pflanzen. Die mittleren und höheren Bereiche der Insel sind hingegen mit dichter Busch- oder spärlicher Grasvegetation bedeckt, die Höhen des Mt. Duff und des Mt. Mokoto (425 m) sind arid. Die endemischen Arten Lipocarpha mangarevica und Achyranthes mangarevica sind seit Beginn der 1930er Jahre vermutlich aufgrund von Bränden und Ziegenfraß ausgestorben.
Der Biologe Jared Diamond ist der Auffassung, dass die umfangreiche Entwaldung der Insel die Folge massiver Eingriffe der polynesischen Ureinwohner gewesen ist.Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 20053; ISBN 978-3-10-013904-7 Diese Theorie wird jedoch von archäobotanischen Untersuchungen bislang nicht ausreichend gestützt. Eine im Vergleich zu anderen polynesischen Inseln, z. B. den Marquesas, relative Armut der Vegetation ist auch auf anderen Gambierinseln zu beobachten, die in protohistorischer Zeit nicht besiedelt waren. Es ist nicht auszuschließen, dass klimatische und andere natürliche Gegebenheiten dafür verantwortlich sind. Zweifellos haben die polynesischen Ureinwohner ihre Umwelt, insbesondere in dem besiedelten Küstenstreifen, wesentlich umgestaltet. Im Bereich natürlicher Wasserquellen wurden große terrassierte und künstlich bewässerte Felder für den Nassfeldanbau des Taro (ähnlich wie der Nassreisanbau) nachgewiesen. Ob diese Eingriffe allerdings die Entwaldung auch der höheren Inselbereiche zur Folge hatten, ist bisher nicht bewiesen. Ein nicht unerheblicher Anteil der Waldvernichtung dürfte allerdings den Bauprojekten der Missionare zuzuschreiben sein. Für das Brennen von Kalk wurden, wenn man zeitgenössischen Berichten glauben darf, zahlreiche große Bäume gefällt.
Geschichte siehe auch → Geschichte der Gambierinseln
Vorgeschichte Da die Kultur der Gambierinseln keine Schrift hervorbrachte, ist die Vorgeschichte – ausschließlich gestützt auf mündliche Überlieferungen und archäologische Befunde – schwierig zu rekonstruieren.
Der mythische Vorfahr aller Einwohner von Mangareva war Tupa, der die Insel von „Ruapou“ (Ua Pou?) aus besiedelt haben soll. Der Legende nach brachte er die Brotfrucht, die Kokosnuss und andere Nahrungspflanzen nach Mangareva, kehrte jedoch später auf seine Heimatinsel zurück. Sein Sohn Anua-motua folgte mit seiner Großfamilie, besiedelte die Insel und wurde der erste König der Inselgruppe. Er teilte die Inseln des Archipels unter seinen Söhnen auf, die die Vorfahren der verschiedenen Stämme bildeten.Peter H. Buck (Te Rangi Hīroa), Vikings of the Pacific, University of Chicago Press, 1938
Parallelen in der Sprache von Mangareva mit der der Marquesas-Inseln legen nahe, dass Mangareva von den Marquesas aus, möglicherweise mit einer Zwischenstation auf den östlichen Tuamotus, besiedelt wurde.S.R. Fischer: Mangarevan Doublets; Preliminary Evidence for Proto-Southeastern Polynesian; in: Ozeanic Linguistics 41 (2002), S. 225–231 Neuere Veröffentlichungen halten die Besiedlung von den Gesellschaftsinseln für wahrscheinlicher.P.V. Kirch: On the Road of the Winds – An Archaeological History of the Pacific Islands before European Contact; Berkeley, Los Angeles, London, 2000 Wann diese Besiedlung im Rahmen der Polynesischen Expansion stattfand, ist nicht abschließend geklärt. Ältere Ansichten gehen von einer Besiedlung nicht vor dem 13. Jahrhundert aus. Neuere Radiokohlenstoffdatierungen liefern Daten, die bis in das frühe 12. Jahrhundert zurückreichen. Wahrscheinlich erfolgte die Besiedlung durch Polynesier aber bereits um 1000 n. Chr., möglicherweise sogar schon zweihundert Jahre früher.Marshall Weisler: An Archaeological Survey of Mangareva: Implications for Regional Settlement Models and Interaction Studies; in: Man and Culture in Oceania 12 (1996)
Der Archäologe Marshall Weisler von der University of Otago hat florierende Handelsbeziehungen in protohistorischer Zeit zwischen Mangareva, Pitcairn und Henderson nachgewiesen. Mangareva exportierte Austernschalen zur Herstellung von Schmuck und Werkzeugen sowie Ofensteine aus Basalt und importierte Schildkröten und Schmuckfedern von Henderson sowie Obsidian-Werkzeuge von Pitcairn. Für mehrere Jahrhunderte spielte Mangareva eine Schlüsselrolle im Seehandel, der für die Aufrechterhaltung der Besiedlung der südöstlich gelegenen und ressourcenarmen Pitcairninseln unerlässlich war. Handelsbeziehungen bestanden offensichtlich auch mit den 1.500 km entfernten Marquesas-Inseln. Bei Ausgrabungen auf Mangareva traten aus dem Basalt der Marquesas gefertigte Steinwerkzeuge zutage.Marshall Weisler: Provenance studies of Polynesian basalt adze material: a review and suggestions for improving regional data bases; in: Asian Perspectives 32 (1993), S. 61–83
Die Gesellschaftsform Mangarevas war eine streng stratifizierte Stammesgesellschaft, die sich in einen Erbadel, gleichzeitig die alleinigen Landbesitzer (togo’iti), die Priester (taura) und das gewöhnliche, arbeitende Volk (’urumanu) untergliederte. Später, wahrscheinlich ab dem 14. Jahrhundert, konnte sich auch eine Mittelklasse aus Kriegern (pakacra) etablieren. Es gab mehrere Clans, die sich in ständigen, ritualisierten Kriegen untereinander aufrieben. Menschenopfer und Kannibalismus waren nicht unbekannt.T.R. Hiroa: Ethnology of Mangareva, Berenice P. Bishop Museum Bulletin Nr. 157, Honolulu 1938
Es gibt Hinweise, dass vor der europäischen Einflussnahme ein Umbruch im Gange war, der zu Aufruhr und Bürgerkrieg zwischen den Gesellschaftsschichten führte. Der Überlieferung nach erhoben sich die Untertanen gegen ihren König Te Mangi-tu-tavake, indem sie den Tribut verweigerten. Es etablierte sich ein neuer König Teiti-a-touou, ein Warlord aus dem Volk, der seine Abstammung nicht auf die mythischen Vorfahren zurückführen konnte. Wahrscheinlich führten die Umbrüche zu einer Destabilisierung der Gesellschaft, die um 1450 die Aufgabe des Handelsverkehrs zur Folge hatte. Demgegenüber vermutet der Evolutionsbiologe Jared Diamond in seinem Buch Kollaps eine von Menschen ausgelöste ökologische Katastrophe auf Mangareva als Ursache.
Die archäologischen Relikte der polynesischen Ureinwohner Mangarevas sind spärlich. Einige steinerne Hausplattformen sind erhalten, die Zeremonialplattformen wurden vollständig vernichtet und die Steine in den Bauten der Missionare verarbeitet. Die Standorte der beiden größten und bedeutendsten Marae der Insel sind bekannt (in Rikitea, unweit der Kirche), es sind jedoch keine erkennbaren Überreste davon verblieben.Kennth Pike Emory: Archaeology of Mangareva and Neighboring Islands, Bernice P. Bishop Museum Bulletin 163, Honolulu 1939, S. 21
Historische Gliederung Mangareva war in 20 Distrikte gegliedert, von denen acht zum Herrschaftsgebiet Rikitea und zwölf zu Taku gehörten, bevor auch Taku von Rikitea erobert wurde, in der Reihenfolge des Uhrzeigersinns: Te Rangi Hiroa (Peter Henry Buck): Ethnology of Mangareva. Honolulu: The Museum, 1938 (= Bernice P. Bishop Museum Bulletin 157 online)Kenneth Pike Emory: Archaeology of Mangareva and neighboring atolls. Honolulu: The Museum, 1939 (= Bernice P. Bishop Museum Bulletin 163 online) HerrschaftsgebietRikitea HerrschaftsgebietTaku Karte mit den historischen Distrikten Reivaru Rikitea Atituiti (mit Rouru) Ganoha Kokohue Gahutu-Puhipuhi Atiaoha Gatavake (mit Kurahiti) Kirimiro (mit Pokou) Atihoi Apeakava Gataha Vaitinoua (mit Taku) Agakuku Gahutu-Tenohu Akaputu Gaheata Atirikigao Raea Vaituataimini|hochkant=1.7
Europäische Entdeckung mini|Historische Karte von Mangareva Die 1795 gegründete London Missionary Society rüstete das Schiff Duff unter dem Kommando von James Wilson aus, um Missionare nach Tahiti, Tonga und den Marquesas zu bringen. Auf der Fahrt von Tongatapu zu den Marquesas wählte Wilson einen südlichen Kurs, um in westliche Winde zu gelangen. Am 24. Mai 1797 passierte er Mangareva, landete jedoch nicht. Den höchsten Berg auf der Insel nannte er nach seinem Schiff „Mount Duff“.
Frederick William Beechey ankerte mit der HMS Blossom am 29. Dezember 1825 vor Mangareva. Er nannte die Insel „Peard’s Island“ nach seinem Ersten Leutnant George Peard. Die umliegenden Inseln des Gambier-Archipels taufte er Belcher, Wainwright, Elson, Collie und Marsh nach anderen Offizieren seines Schiffes.F. W. Beechey: Narrative of a Voyage to the Pacific and Bering‘s Strait, Band 1; London 1831; S. 142 ff.
Die wachsende Einflussnahme Europas, insbesondere Frankreichs, auf den Gesellschaftsinseln blieb nicht ohne Folgen für Mangareva. Die von den Europäern unterstützte Pomaré-Dynastie von Tahiti dehnte ihren Einfluss auch auf andere polynesische Inseln aus. König Pomaré II. etablierte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch als Herrscher über den Gambier-Archipel. 1881 übernahm Frankreich die Verwaltung Mangarevas.
Missionsgeschichte mini|links|Kathedrale St. Michael (St-Michel de Rikitea)