mini|hochkant=1.2|Michaelskirche mini|Michaelskirche, Innenraum Die Michaelskirche in Fulda wurde im vorromanischen karolingischen Baustil im Auftrag von Abt Eigil in den Jahren von 820 bis 822 erbaut. Sie galt lange unumstritten als ältestes Beispiel eines Nachbaus der Grabeskirche in Deutschland, ein Bezug, der von Teilen der neueren Forschung jedoch in Frage gestellt wird. Aufgrund ihres Alters und ihrer architektonischen Besonderheiten zählt sie jedenfalls zu den bedeutendsten mittelalterlichen Sakralbauten Deutschlands. Sie diente als Totenkapelle des 744 gegründeten Klosters Fulda, eines der führenden kulturellen Zentren des frühen Mittelalters,Erwin Sturm (Hrsg.): Die Michaelskirche zu Fulda. 2002; Otfried Ellger: Die Michaelskirche zu Fulda als Zeugnis der Totensorge. 1989, S. 64–104. und als Grablege ihres Erbauers Eigil.Vgl. Ellger: Die Michaelskirche zu Fulda als Zeugnis der Totensorge. 1989, S. 104–109. Die von Eigil wohl ins Auge gefasste Weiterverwendung als Abtsgrablege kam hingegen nicht zustande.Vgl. Ellger: Die Michaelskirche zu Fulda als Zeugnis der Totensorge. 1989, S. 109f.; S. 113–116.

Ihre Bedeutung beruht auch auf dem Umstand, dass sich in der Vita Aegil Abbatis Fuldensis des Fuldaer Mönchs Brun Candidus eine zeitgenössische Deutung der Bausymbolik erhalten hat, die sich ausdrücklich auf Hrabanus Maurus beruft.Vgl. Gereon Becht-Jördens: Die Michaelskirche auf dem Friedhof des Klosters Fulda – ein Kirchengebäude aus dem Geiste des Htrabanus Maurus. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte. Band 75, 2023, S. 35–66; Gereon Becht-Jördens: Die Vita Aegil des Brun Candidus als Quelle. 1992, hier S. 33–36; Gereon Becht-Jördens: Text, Bild und Architektur. 1993, S. 89 f.; Gereon Becht-Jördens: Vita Aegil abbatis Fvldensis a Candido. 1994, S. XIX–XXVIII, bes. S. XXI f., S. LI f.; Günther Binding: Der früh- und hochmittelalterliche Bauherr. 1996. Die von Carsten Fleischhauer: Die Vita Eigilis. 1992, geäußerten Zweifel an der Authentizität der Deutung sind unbegründet.

Architektur mini|Die Michaelskirche liegt nördlich des Doms auf dem Michaelsberg Die Michaelskirche steht in unmittelbarer Nachbarschaft zum Fuldaer Dom auf dem Michaelsberg. Von dem karolingischen Bau hat sich nur die Krypta erhalten. Doch wurden wesentliche Elemente der ursprünglichen architektonischen Konzeption, die durch die Beschreibung in der Vita Aegil des Brun Candidus von Fulda bezeugt ist und die im Folgenden beschrieben wird, bei der Erneuerung des 10. und 11. Jahrhunderts nach einer weitgehenden Zerstörung, möglicherweise durch einen Ungarneinfall, beibehalten. Der in frühchristlicher Tradition stehende Zentralbau erhob sich wie noch heute als Rotunde über acht Säulen. Der Zentralraum wurde durch einen ursprünglich wohl nur eingeschossigen, heute zweigeschossigen Umgang umfangen. Die Rotunde besaß ursprünglich ein Gewölbe oder eine Kuppel mit einem sichtbaren Schlussstein.Vgl. Christine Kenner: Die Michaelskirche zu Fulda im 11. Jahrhundert. Kontinuität und Wandel einer karolingischen Ideengeschichte. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte. Band 75, 2023, S. 67–103, hier S. 79–89, hier S. 66–69 und den Tafelteil S. 601–654. Unter der Kirche befand sich die als Untergeschoss angelegte, über zwei konzentrischen Mauerringen und einer Mittelsäule gewölbte und von außen zugängliche Krypta, die als ältester erhaltener Bauteil auf das Jahr 820 zurückgeht und als sehr frühes Beispiel einer hallenartigen Krypta in ihrer Konstruktion baugeschichtlich einzigartig dasteht. Sie besaß demnach einen Zentralraum, der durch den inneren Mauerring gebildet und auch hier von einem tonnengewölbten Umgang umfasst wurde. Im Zentrum befand sich die kurze Mittelsäule mit ihrem ionisierenden Kapitell, das zusammen mit der inneren Ringmauer den inneren Gewölbering trug.Vgl. Christine Kenner: Die Michaelskirche zu Fulda im 11. Jahrhundert. Kontinuität und Wandel einer karolingischen Ideengeschichte. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte. Band 75, 2023, S. 67–103, hier S. 79–89 und den Tafelteil S. 601–654, hier S. 68; S. 70–71; S. 73. Das trotz der Aufnahme antikisierender Elemente archaisch wirkende Kapitell, das aus stilistischen Gründen für älter als der Bau gehalten wird, ist vermutlich „sekundär verwendet“ und stammt „anscheinend von der Sturmiabtei um 750 oder 765“.Werner Jacobson u. a.: Vorromanische Kirchenbauten, Nachtragsband (s. unten Literatur), S. 133; ders.: Frühe Kapitellkunst im Umkreis der Abtei Fulda. In: Franz J. Much (Hrsg.): Baukunst des Mittelalters in Europa. Hans Erich Kubach zum 75. Geburtstag. Stuttgarter Gesellschaft für Kunst und Denkmalpflege, Stuttgart 1988, S. 257–322, hier S. 289–293.

Ausstattung Als Grablege ihres Erbauers, Abt Eigil, konzipiert, verfügte die Krypta ursprünglich weder über einen eigenen Altar noch über eine räumliche Verbindung mit dem Obergeschoss. Eigils Grab befindet sich noch heute zusammen mit einem weiteren im Ostteil des Umgangs. Das ionisierende Säulenkapitell der Mittelsäule der Krypta stammt vermutlich aus der Sturmius-Basilika aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, die dem Neubau der sogenannten Ratgar-Basilika hatte weichen müssen.Vgl. Vgl. Christine Kenner: Die Michaelskirche zu Fulda im 11. Jahrhundert. Kontinuität und Wandel einer karolingischen Ideengeschichte. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte. Band 75, 2023, S. 67–103, hier S. 79–89, hier S. 73–77 und den Tafelteil S. 601; S. 612–613.

mini|hochkant|Mittelsäule in der Krypta Die stilistisch moderneren korinthisierenden Kapitelle von vier der acht Säulen, die das innere Rund im Obergeschoss tragen, sind in das 9. Jahrhundert zu datieren, und zumindest eines davon entstammt wohl noch dem karolingischen Gründungsbau. Dagegen handelt es sich bei den vier weiteren Kapitellen um Würfelkapitelle fuldischer gedrückter Sonderform aus dem frühen 11. Jahrhundert.Vgl. Vgl. Christine Kenner: Die Michaelskirche zu Fulda im 11. Jahrhundert. Kontinuität und Wandel einer karolingischen Ideengeschichte. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte. Band 75, 2023, S. 67–103, hier S. 79–89 und den Tafelteil S. 601–654, hier S. 77–79 und den Tafelteil S. 603–605; S. 607; S. 609; S. 616–618; S. 620; 622–624; Ellger: Die Michaelskirche zu Fulda als Zeugnis der Totensorge. 1989, S. 17–18 unter Berufung auf Werner Jacobsen; Fulda: Grabkapelle St. Michael. In: Annett Laube-Rosenpflanzer, Lutz Rosenpflanzer: Kirchen, Klöster, Königshöfe. 2007. Im Innenraum befinden sich Fresken aus dem 11. Jahrhundert. Die Kirche hatte ursprünglich drei Altäre, deren Tituli Hrabanus Maurus verfasst hatte.Hrabanus Maurus, carm. 42, ed. Ernst Dümmler. In: MGH Poet. Lat. II. Weidmann, Berlin 1884, S. 209: Hrabanus Maurus, carmen 42 (Altartituli von St. Michael). Der Hauptaltar dürfte, flankiert von den beiden Nebenaltären, in der rechteckig ummantelten halbrunden Ostapsis gestanden haben.Vgl. Ellger: Die Michaelskirche zu Fulda als Zeugnis der Totensorge. 1989, S. 19, S. 22. Bereits zur ursprünglichen Ausstattung gehörten danach Reliquien vom Heiligen Grab, die sich zusammen mit weiteren Herrenreliquien im Hauptaltar befanden. Im 11. Jahrhundert kam es ausgehend von diesen Voraussetzungen zu einer erweiterten Konzeption und Neuordnung der Altarlandschaft, in deren Rahmen eine Nachbildung des heiligen Grabes im Zentrum der Kirche entstand.Vgl. Ellger: Die Michaelskirche zu Fulda als Zeugnis der Totensorge. 1989, S. 20–30.

Orgel Die Orgel der Kirche wurde 1997 von der Firma Fischer + Krämer erbaut. Sie hat eine mechanische Schleifladentraktur und verfügt über folgende Disposition:Die Orgel der Michaelskirche auf der Website des Bistums Fulda

I. Manual C–g3 Principal 8′ * Bordun 8′ * Octave 4′ * Duiflöte 4′ * Flageolet 2′ Larigot ′ * Sesquialter II (ab c1) Sifflet 1′ ** Ripieno IV II. Manual C–g3 Regal 8′ Pedal C–d1 Subbass 16′ Gedacktbass 8′ Koppeln: Schiebekoppel I-Ped * geteilte Schleifen, Teilung bei h0/c1 ** Halbzug

Bausymbolik Brun Candidus deutet die Gesamtkonzeption als symbolische Repräsentation der Beziehung Christi und der Kirche (Christi et ecclesiae puto praesignari posse figuram), die Mittelsäule in der Krypta und der Schlussstein seien demnach Symbole für Christus, der den Bau der Kirche begonnen habe und auch vollenden werde, die acht Säulen seien Symbole der Menschen, die die acht Seligpreisungen der Bergpredigt erfüllten und daher als Stützen der Kirche gelten könnten, die Kreisform versinnbildliche das ewige Leben und die dauerhaften Belohnungen, die die Gläubigen dort erhoffen könnten.

Es wird vermutet, dass die Anastasis-Rotunde der Grabeskirche in JerusalemKritisch dazu Ellger: Die Michaelskirche zu Fulda als Zeugnis der Totensorge. 1989, S. 31–51, bes. S. 32–33, S. 35–36, S. 38–40. beziehungsweise spätantike und frühmittelalterliche Rund- und Polygonalbauten wie Santa Constanza in Rom, die Marienrotunde in Centula (Abtei Saint-Riquier) oder die Pfalzkapelle in AachenVgl. Ellger: Die Michaelskirche zu Fulda als Zeugnis der Totensorge. 1989, S. 40–51. als Anregung dienten. Auch eine bis in die Antike reichende Tradition doppelgeschossiger Grabbauten wird in Erwägung gezogen.Vgl. Ellger: Die Michaelskirche zu Fulda als Zeugnis der Totensorge. 1989, S. 52–60.

Geschichte Auf dem Gelände des Klosterfriedhofes wurde die Kirche, wohl unter Bezugnahme auf die Grabeskirche zu Jerusalem, in den Jahren von 820 bis 822 unter Abt Eigil von Rabanus Maurus konzipiert (nach überholter Ansicht durch den Mönch und Baumeister Rachulf, der die Krypten in die Ratgar-Basilika einbaute, im Zusammenhang der Michaelskirche in den Schriftquellen jedoch nicht erwähnt wird)Gereon Becht-Jördens: Die Vita Aegil des Brun Candidus als Quelle. 1992, S. 33–36 und am 15. Januar 822 durch Erzbischof Haistulph dem Patrozinium des Erzengels Michael unterstellt. Ob der Umgang der Krypta als Karner diente, wie verschiedentlich vermutet wurde, und dort die Gebeine aufgeschichtet wurden, die man barg, wenn auf dem Klosterfriedhof Gräber ausgehoben wurden, ist ungewiss.Fritz Usinger: Residenz des Himmels. In: Die Rhön (= Merian, Jg. 17 (1964), Heft 4), S. 29–37, hier S. 31.

Im 10. und 11. Jahrhundert fanden nach einer weitgehenden Zerstörung umfangreiche Erneuerungen statt, die Rotunde erhöht, erhielt einen Umgang mit Fenstern nach innen und außen im zweiten Obergeschoss und wurde durch Annexbauten zur Kreuzform erweitert. Außerdem wurde ein Westturm angebaut. Die Neuweihe erfolgt 1092 mit vier Altären. 1193 wurde ein fünfter Altar geweiht. Außerdem wurde eine Nachbildung des Heiligen Grabes eingerichtet, die aber nicht mehr erhalten ist. Spätestens zu diesem Zeitpunkt, höchst wahrscheinlich aber bereits unter Abt Richard erhielt die Kirche eine Ausmalung, die sich in bedeutenden Resten erhalten hat, darunter die Bildthemen „Maiestas Domini“ (Christus in der Mandorla umgeben von den Vier Wesen), „Ecclesia“, Erzengel Michael als Drachentöter und weitere Engel sowie „Acht Seligpreisungen“.Vgl. Christine Kenner: Die Michaelskirche zu Fulda im 11. Jahrhundert. Kontinuität und Wandel einer karolingischen Ideengeschichte. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte. Band 75, 2023, S. 67–103, hier S. 79–89; S. 95––103 und den Tafelteil S. 601–654. Diese Maßnahmen stehen im Zusammenhang mit der durch Abt Richard eingeführten Gorzer Reform in der Version des Ordo Amerbacensis, teilweise vielleicht auch noch mit der Gründung einer Propstei St. Michael unter Abt Ruothart.Vgl. Johannes Burkardt: Fulda, Michaelsberg. In: Friedhelm Jürgensmeier, Franziskus Büll, Regina Elisabeth Schwerdtfeger: Die benediktinischen Mönchs- und Nonnenklöster in Hessen = Hessen (= Germania Benedictina. 7). Eos-Verlag, St. Ottilien 2004, S. 456–464, hier S. 457. Im 11. Jahrhundert lebten mehrere Reklusen in St. Michael, vermutlich in der Krypta. Darunter befindet sich der Historiker Marianus Scotus.