Julien Reitzenstein (* 1975) ist ein deutscher Historiker und Autor, der durch seine Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus und mehrere Initiativen zur Gedenkkultur bekannt wurde.
Leben Studium und Dissertationen Nach einer handwerklichen Ausbildung studierte Reitzenstein Geschichtswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Rechtswissenschaften.
In den Jahren 2013 und 2014 legte er zwei Dissertationen in den Fächern Medizinische Wissenschaft und Geschichtswissenschaft vor. Seine medizingeschichtliche Dissertation an der Charité in Berlin (2013) behandelt die Entwicklung und Produktion des Hämostyptikums Polygal in den Jahren 1943 bis 1945.Angaben zu Reizensteins Dissertation an der Charité in Berlin im Bibliotheksportal der Charité (erste Auflage 2013, zweite Auflage 2014). Damit erwarb er den Titel Dr. rer. med. Seine Dissertation in Geschichtswissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (2014) war eine Arbeit über das Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung, eine Einrichtung der von der SS geführten Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe. Damit wurde er zum Dr. phil. promoviert.Projekte auf julienreitzenstein.de.
Monografien Im Jahr 2014 veröffentlichte Reitzenstein das Werk Himmlers Forscher. Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im „Ahnenerbe“ der SS. Die Arbeit, die inhaltlich an seine Dissertation zum Dr. phil. anschließt, wurde in FachzeitschriftenRezension Richard Kühl in Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 102 (2015), S. 385 f.Rezension von Philipp Osten in theologie.geschichte, Band 11 (2016). und in PublikumsmedienOtto Langels: Rüstungsforschung bei der SS: KZ-Häftlinge als Versuchsobjekte deutschlandfunk.de, 22. September 2014.Thomas Medicus: Institut für Rassenwahn welt.de, 1. November 2014.Wissenschaftler im Auftrag von Heinrich Himmler: Sie forschten für die SS tagesspiegel.de, 28. Dezember 2014. besprochen.
Reitzenstein wehrte sich juristisch gegen eine Rezension zu Himmlers Forscher, die im Juni 2016 auf der der Plattform H-Soz-Kult erschien. Auf seinen Antrag hin untersagte das Landgericht Hamburg im Juli 2016 eine problematische Äußerung in der Rezension.Jochen Zenthöfer: Wissenschaftliche Debatte: Der enttäuschte Autor lässt seinen Anwalt schreiben faz.de, 24. April 2017. Als der betreffende Halbsatz gelöscht war, versuchte Reitzenstein gegen weitere Passagen in der Rezension vorzugehen. In der Folge wurde die Rezension komplett gelöscht.Rezension zu Himmlers Forscher auf hsozkult.de, 14. Juni 2016. Der Text der Rezension wurde gelöscht und durch einen Kommentar der Redaktion vom 20. Februar 2017 ersetzt.
Im Jahr 2018 veröffentlichte Reitzenstein eine Monographie über die sogenannte Straßburger Schädelsammlung, die bei Kriegsende im anatomischen Institut der Universität Straßburg mit 86 im KZ Natzweiler-Struthof in der Gaskammer ermordeten Juden aufgefunden wurde.skull-collection.com, Reitzensteins Website zu seinem Buch Das SS-Ahnenerbe und die „Straßburger Schädelsammlung“ – Fritz Bauers letzter Fall. Das Buch erhielt positive Rezensionen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, der Welt und der Jüdischen Rundschau.Rezension von Wolfgang Benz in der Süddeutschen Zeitung, 28. Juli 2018.Sven Felix Kellerhoff: NS-Kollaborateur erfand 86-köpfige Schädelsammlung welt.de, erstmals veröffentlicht am 3. Dezember 2018.Rezension in der Jüdischen Rundschau, 11. Januar 2019.
Lehre Reitzenstein ist seit Mitte der 2000er Jahre in der Lehre tätig. Er unterrichtete an Universitäten und anderen akademischen Einrichtungen in Deutschland und anderen Ländern. Auf seiner Website hebt er folgende Wirkungsorte aus den letzten 10 Jahren hervor:Lehre auf julienreitzenstein.de, abgerufen am 5. Mai 2025. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (2011 bis 2016) Universität für Architektur, Bauingenieurwesen und Geodäsie in Sofia, Gastprofessur für „Geschichte und Politik der Architektur in totalitären Systemen“ (2015 bis 2017) Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Neueste Geschichte (2015 bis 2024)Angaben zu Julien Reitzenstein auf der Website der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Touro University Berlin (Sommersemester 2022 und Wintersemester 2022/23) Universität Stuttgart, Lehrbeauftragter am Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung für Internationale Beziehungen und Europäische IntegrationDr. Julien Reitzenstein auf der Website der Universität Stuttgart. (seit dem Wintersemester 2022/23)
Weitere Tätigkeiten Reitzenstein organisierte mehrere internationaler Wissenschaftstagungen zu rechten Ideologien.Tagungen auf julienreitzenstein.de.Vgl. Homepage der Wissenschaftsplattform Geschichte und Zukunft. Weiter ist er Herausgeber verschiedener Bücher und Buchreihen, darunter Politik, Ideologie und Wissenschaft und des dreibändigen englischsprachigen Handbook Ideologies in Nationalsocialism, an dem rund 200 Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern mitwirken.
Im September 2025 erfolgte seine Berufung als Schiedsrichter an die neu eingerichtete Schiedsgerichtsbarkeit NS-Raubgut der Bundesregierung.
Persönliches Reitzenstein lebt im County Kerry in Irland.Impressum auf julienreitzenstein.de, abgerufen am 15. April 2025.
Initiativen zur Gedenkkultur Zu Reitzensteins Initiativen zur Gedenkkultur erschienen zahlreiche Presseberichte.Die Medien über Julien Reitzenstein auf julienreitzenstein.de. Siehe die Menge der dort aufgeführten Presseartikel, insbesondere zu den Themen „Dienstvilla des Bundespräsidenten“, „geraubte Villen“ und „Initiative Golda-Meir-Allee“.
Hugo Heymann und die Dienstvilla des Bundespräsidenten In seinem Buch Himmlers Forscher (2014) deckte Reitzenstein auf, unter welchen Umständen Hugo Heymann, der jüdische Voreigentümer der heutigen Dienstvilla des Bundespräsidenten, seinen Besitz und sein Leben verloren hatte. Noch vor der Veröffentlichung wandte er sich Anfang 2014 an das Bundespräsidialamt und informierte dort die Beamten über den Sachverhalt. Wegen Meinungsverschiedenheiten über die richtige Art des Gedenkens gab Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr 2016 bei Michael Wildt ein Gutachten in Auftrag.Ansgar Siemens: Streit über Gedenken: Die dunkle Geschichte der Präsidentenvilla spiegel.de, 17. August 2017. Das Gutachten lag im Dezember 2016 vor.Michael Wildt, Julia Hörath: Forschungsbericht zum Ehepaar Hugo Heymann und Maria Heymann/Kaps, Stand: 6. Dezember 2016 (PDF; 900 kB). Nach Kritik an dem Gutachten beauftragte der neue Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Wildt mit einem zweiten Gutachten.Ansgar Siemens: Steinmeier zieht in Dienstvilla – und löst Versprechen im Gedenkstreit ein spiegel.de, 16. November 2017.
Der Gutachter Wildt empfahl ab August 2017, eine Gedenkstele vor der Dienstvilla des Bundespräsidenten zu errichten. Bundespräsident Steinmeier enthüllte die Stele im Juni 2018 und dankte Reitzenstein dafür, dass er mit seinen Nachforschungen den Stein „ins Rollen gebracht“ habe.Bundespräsident enthüllt Gedenktafel an seiner Dienstvilla bz-berlin.de, 4. Juni 2018. Außerdem wurden im Dezember 2017 zwei von Reitzenstein gestiftete Stolpersteine für Hugo Heymann und seine Frau Maria in der Berkaer Straße in Berlin-Schmargendorf verlegt.Katharina Schmidt-Hirschfelder: »Letzter selbst gewählter Wohnort« juedische-allgemeine.de, 4. Dezember 2017.
mini|hochkant|Die Gedenkstele vor der Villa Semmel in der Pacelliallee in Berlin-Dahlem
Richard Semmel und die Villa Semmel Im Juli 2019 veröffentlichte Reitzenstein einen Artikel in der Zeitschrift Cicero über die Villa Semmel in der Berliner Pacelliallee und ihren jüdischen Voreigentümer Richard Semmel, der 1933 ins Ausland geflohen war und sein gesamtes Vermögen verloren hatte. Reitzenstein regte eine Gedenkstele nach dem Vorbild der Dienstvilla des Bundespräsidenten an.Der Raubbau. In: Cicero, 26. Juli 2019 (PDF; 2,6 MB). Die Stele vor der Villa Semmel wurde im Februar 2022 enthüllt.Christine Schmitt: Erinnern in Dahlem juedische-allgemeine.de, 3. März 2022.Boris Buchholz: Spätes Gedenken an Clara und Richard Semmel: „Die deutsche Geschichte ist auch die Geschichte einer Erinnerungsabwehrgemeinschaft“ leute.tagesspiegel.de, 3. März 2022.
Initiative zur Umbenennung der Pacelliallee Im September 2020 starteten Julien Reitzenstein und Ralf Balke die Initiative, die nach Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., benannte Pacelliallee in Berlin umzubenennen, und zwar in „Golda-Meir-Allee“, nach der vormaligen Ministerpräsidentin Israels Golda Meir.Frederik Schindler: Straßenumbenennung: An Papst Pius XII. entzündet sich ein neuer Straßennamen-Streit welt.de, 11. September 2020. Die beiden Historiker richteten eine Website ein, um die entsprechende PetitionUmbenennung der Berliner Pacelli-Allee in Golda-Meir-Allee auf change.org, Petition an das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, Startdatum: 10. September 2020. zu unterstützen. Sie schrieben, dass Pacelli „unter zahlreichen Historikern als höchst problematische Persönlichkeit gilt“, und listeten die Gründe dafür auf.no-pa.berlin, Website zur Initiative „Umbenennung der Berliner Pacelli-Allee in Golda-Meir-Allee“.
Die Initiative wurde in der Öffentlichkeit kontrovers beurteilt.Zentralrat der Sinti und Roma für Umbenennung der Pacelliallee evangelisch.de, 16. September 2020. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf argumentierte, die Initiative komme zur Unzeit, denn die Akten des Pontifikats von Pius XII. seien erst vor einem halben Jahr freigegeben worden. Die Akten sollten zuerst sorgfältig ausgewertet werden, dann könne man die Frage nach einer Umbenennung noch einmal neu stellen.„Kampagne“ gegen Pius: Nuntiatur lehnt Umbenennung von Pacelliallee ab katholisch.de, 15. September 2020.Vatikan gegen Umbenennung der Pacelliallee juedische-allgemeine.de, 15. September 2020.
Im September 2021 beschloss das zuständige Bezirksparlament Reitzensteins Kompromissvorschlag, die Pacelliallee nicht umzubenennen, sie aber in eine „Allee des Gedenkens“ in der Art eines Geschichtslehrpfades umzugestalten.Dahlem: Pacelliallee wird Allee des Gedenkens berliner-abendblatt.de, 17. September 2021. Der erste Schritt zur Realisierung der „Allee des Gedenkens“ waren im Februar 2022 die Enthüllung der Gedenkstele vor der Villa Semmel und die dortige Verlegung von Stolpersteinen, begleitet von einer Gedenkveranstaltung im Rathaus Zehlendorf.Einladung zur Gedenkveranstaltung für Richard Semmel am 24. Februar 2022 im Rathaus Zehlendorf (PDF; 81 KB).
Ausstellung WIR! SIND! HIER! Aus Anlass des 80. Jahrestags der Wannseekonferenz schuf ReitzensteinAngaben zu Julien Reitzenstein auf der Website der Gedenkausstellung WIR! SIND! HIER! die künstlerische Gedenkinstallation WIR! SIND! HIER!, die ab Januar 2022 sechs Wochen lang im Gebäude des Abgeordnetenhauses von Berlin ausgestellt wurde.Angaben zur Eröffnung der Ausstellung auf der Website des Abgeordnetenhauses von Berlin. Im Video: Grußwort von Dennis Buchner (Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin) und Erläuterungen des Historikers Stephan Lehnstaedt (8:51 Min.).Meldung auf imagocamera.com zur Eröffnung der Ausstellung WIR! SIND! HIER! in Berlin, 20. Januar 2022. Die Installation setzt lebensgroße Porträts von Shoa-Überlebenden und ihren Enkeln in Kontext mit dem Wannseekonferenz-Tisch und -Protokoll. Sie richtet sich gegen die Entpersonalisierung der Opfer.Website der Ausstellung WIR! SIND! HIER! Im März 2022 war die Ausstellung in Freiburg im Breisgau zu sehen.Termine auf der Website der Ausstellung WIR! SIND! HIER! Am 9. November 2023 wurde sie in Washington, D.C. eröffnet.Programm zur Eröffnung von WE! ARE! HERE! in Washington am 9. November 2023 auf der Website der Ausstellung WIR! SIND! HIER!
Werke Dissertationen und Monografien Das „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“. Entstehung, Aufbau, Arbeit und Ende. Dissertation. Pragmatic Words & Pictures, Leipzig 2014, ISBN 978-3-9815771-0-5.Eintrag im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.