Christian Benjamin Geißler (* 14. September 1743 in Holzkirch bei Lauban; † nach 1809), genannt der Rebell von Liebstadt, war der bekannteste Wortführer des Sächsischen Bauernaufstandes von 1790.
Leben Der Sohn eines schlesischen Dorfschullehrers lernte in Görlitz das Handwerk eines Seilers. 1765 kam er als wandernder Geselle nach Liebstadt, wo er sesshaft wurde und die Tochter des Rittergutsverwalters Bretschneider heiratete. Die Eheleute Geißler bekamen drei Kinder, die früh verstarben. Nach dem Tod ihrer Kinder nahmen sie ein verwaistes Mädchen als Pflegetochter auf.
Christian Benjamin Geißler erwarb den Meistertitel in Liebstadt. Er arbeitete dann als Seilermeister, wobei er oft über die Dörfer reisen musste, um seine Waren zu verkaufen. Dabei lernte er das Leben der arbeitenden Bevölkerung, ihre Sorgen und Nöte, wie zum Beispiel die hohe Kindersterblichkeit, aber auch ihre Hoffnungen und Wünsche kennen. Zwischen 1763 und 1789 wurde im Kurfürstentum Sachsen eine Politik des aufgeklärten Absolutismus betrieben. Die Wirtschaftspolitik war liberaler als in den meisten anderen deutschen Territorien und es herrschte freie Konkurrenz statt staatlicher Unterstützung einzelner monopolistischer Unternehmer. Der Adel förderte in der Landwirtschaft die Ausbreitung des Futtermittelanbaus und den Anbau von Rüben und Kartoffeln. Ebenso begünstigte er die ganzjährige Stallfütterung und die Anwendung von künstlichen Düngemitteln. Auf den Feldern wurden höhere Erträge erzielt. Allerdings zahlte sich dies nicht für die Bauern aus. Sie mussten zusätzlich Frondienste leisten und wurden zur Schafhaltung verpflichtet.
Aufgrund der Missernten infolge langanhaltender Dürren in den Jahren 1788, 1789 und 1790 verschlimmerte sich die Lage der sächsischen Bauern. Im Mai 1790 begannen sich unzufriedene Bauern aus Wehlen und aus 15 weiteren Gemeinden zu wehren. Sie vertrieben oder schossen das zur Plage gewordene, für die kurfürstliche Jagd gehegte Wild ab. Nachdem die sächsische Regierung anordnete, das Wild in der Sächsischen Schweiz zu reduzieren, ebbten die ersten Unruhen rasch ab.
Zu einem erneuten Aufflackern des Aufstands kam es, als die unzufriedenen Bauern in dem Liebstädter Seiler Christian Benjamin Geißler ein Sprachrohr fanden. Geißler konnte lesen und hatte sich über den Ausbruch der Französischen Revolution informiert. Beeinflusst vom Sturm auf die Bastille und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte verbreitete er auf Dorfversammlungen seine selbstverfassten Aufrufe „Werteste Mitbrüder!“, „Werte Mitbrüder!“ und „Allerdurchlauchtigster Fürst!“ gegen Adelsprivilegien, für die Abschaffung von Wildgehegen und für eine gerechtere Justiz an den Bauern.
Am 8. Juli 1790 verkündete Christian Benjamin Geißler in Börnchen die Petition der Bauern an den Kurfürsten Pro Memoria:
Bereits am 10. Juli 1790 wurde Geißler denunziert und heimlich verhaftet. Der von ihm geplante Protestmarsch der Bauern zum kurfürstlichen Schloss in Pillnitz verfiel im Ansatz. Der aufständische Seilermeister wurde auf die Fronfeste nach Dresden gebracht, wo er am 13. Juli 1790 zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Am 27. September 1790 behauptete ein Gerichtsmediziner, dass Geißler geisteskrank und von fixen Ideen wie Patriotismus besessen wäre. Wegen dieser Feststellung wurde der Rebell von Liebstadt als angeblicher Narr nach Torgau überführt.
Die Abschriften von Geißlers Aufrufen und Petitionen verbreitete sich schnell. Am 3. August 1790 kündigten die Bauern bei Schleinitz und Petschwitz im Meißner Gebiet die Frondienste. Sie entwaffneten kleinere militärische Einheiten und zwangen den Adel, Verzichtserklärungen auf Frondienste und Zinsen zu unterschreiben. Nachdem einige Bauern verhaftet wurden, weitete sich der Aufstand innerhalb von zwei Wochen aus, sodass die sächsische Regierung 5600 Soldaten zur Niederschlagung des Bauernaufstandes einsetzte. Am 18. Januar 1791 erließ die Regierung mit dem „Mandat wider den Tumult und Aufruhr“ ein Gesetz, das alle weiteren antifeudalen Aktionen ersticken sollte und bei Verstößen langjährige Haftstrafen oder die Todesstrafe androhte.
Im Gegensatz zum Adel reagierte das sächsische Bürgertum nicht auf die Ereignisse der Französischen Revolution und des Sächsischen Bauernaufstands. Zur Wahrung der Interessen des Adels fand im August 1791 auf Schloss Pillnitz ein Treffen des römisch-deutschen Kaisers Leopold II., des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. und des sächsischen Kurfürsten Friedrich August III. statt, die einen Pakt („Pillnitzer Deklaration“) gegen die Französische Revolution und die Unruhen in ihren eigenen Länder schlossen.
Christian Benjamin Geißler gelang es 1805 aus seiner Festungshaft in Torgau zu fliehen. Steckbrieflich gesucht, vagabundierte er durch Sachsen, Böhmen und Schlesien, ehe er 1807 nach einem Hinweis eines Bettlers aus Döbra erneut verhaftet wurde. Geißlers Freunde und der Majoratsherr Carl Adolf von Carlowitz erreichten jedoch im Jahr 1809 seine Begnadigung und Freilassung. Der inzwischen Sechsundsechzigjährige lebte danach bei seiner Pflegetochter in Liebstadt. Geißlers weiterer Lebenslauf ist nicht dokumentiert, sein Todesdatum und sein Sterbeort wurden nicht überliefert, möglicherweise lebte der einstige Rebell noch im Jahr 1823 bei seiner Pflegetochter in Liebstadt. alt=Gedenktafel für Benjamin Geißler|mini|Diese Tafel erinnert an Benjamin Geißler. Das Datum der Widmung, 1907, ist nicht vermerkt. Foto Juli 2025 An Christian Benjamin Geißler erinnert eine Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Pirnaer Straße 12, Hofseite, in Liebstadt.
Literatur Walter Fellmann: Sachsen-Lexikon. Koehler & Amelang, München/Berlin 2000, ISBN 3-7338-0234-9.
Weblinks Sächsischer Bauernaufstand 1790 Christian Benjamin Geißler – der Rebell von Liebstadt auf der Website von Liebstadt
Einzelnachweise
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