Rappaccinis Tochter (Originaltitel: Rappaccini’s Daughter) ist eine Erzählung von Nathaniel Hawthorne. Sie wurde 1844 erstmals in einer Zeitschrift abgedruckt und wurde 1846 Teil von Hawthornes Sammlung Mosses from an Old Manse.

Inhalt Der junge Student Giovanni Guasconti kommt aus seiner süditalienischen Heimat ins ferne Padua und findet in einem ehemaligen Palast ein Zimmer mit Blick auf einen Garten voll seltsamer Blüten und Pflanzen. Er beobachtet dort einen alten, hinfällig wirkenden Mann und dessen blühende, wunderschöne Tochter. Die Tochter fasziniert ihn. Von Professor Baglioni, einem Freund seines Vaters, erfährt er, dass es sich bei dem alten Mann um den Doktor Rappaccini handelt, einen Spezialisten für Pflanzengifte, und dessen Tochter Beatrice. Baglioni warnt aber Giovanni vor einer näheren Bekanntschaft, Rappaccini sei nur seiner Wissenschaft ergeben und völlig skrupellos in seinen Experimenten.

Selbstverständlich schlägt Giovanni den guten Rat in den Wind und beginnt, Beatrice heimlich in ihrem Garten zu beobachten, wobei er bemerkt, dass die Pflanzen dort offenbar giftig sind, vor allem eine besonders große inmitten des Gartens mit prächtigen, purpurfarbenen Blüten. Beatrice scheint das Gift jedoch nicht zu fürchten. Schließlich gelingt es Giovanni durch Bestechung, in den Garten zu gelangen und Beatrices Bekanntschaft zu machen. Die beiden verlieben sich ineinander, aber etwas steht zwischen ihnen, Beatrice meidet jede Berührung und als Giovanni einmal versucht, eine der purpurnen Blüten zu pflücken, fällt ihm Beatrice in den Arm.

Schließlich wird Giovanni klar, dass Beatrice nicht nur immun gegen die Gifte der Pflanzen im Garten ist, sondern auch selbst giftig ist. Ihr Atem, der einen seltsamen Duft verströmt, ist für jedes andere Lebewesen ein Hauch des Todes. Als der Professor Baglioni nach einiger Zeit Giovanni aufsucht, bemerkt er den seltsamen Duft in Giovannis Zimmer. Baglioni übergibt Giovanni eine Phiole mit einem starken Antidot. Beatrice solle dies trinken und dadurch wieder eine normale Frau werden. Als der Professor gegangen ist, bemerkt Giovanni, dass dieser Duft von ihm selbst ausgeht und dass sein Atem nun auch tödlich ist. Unmerklich hat Rappaccini auch ihn verwandelt, so dass er sich nun Beatrice ohne Gefahr nähern könnte.

Es kommt zu einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen den Liebenden. Beatrice besteht darauf, das Antidot als Erste zu trinken. Sie tut es und bricht vor den Augen Giovannis und ihres Vaters tot zusammen, da das Gegengift für sie ein Gift war. Baglioni hat das Geschehen von Giovannis Fenster aus beobachtet und höhnt: „Rappaccini! Rappaccini! Und DAS also ist das Ergebnis eures Experiments!“

Einleitung Der Erzählung vorangestellt ist eine Einleitung, die den Text als eine Übersetzung aus dem Französischen eines M. de l'Aubepine – aubépine ist auf Französisch der Weißdorn, auf Englisch hawthorn – mit dem Titel Beatrice; ou la Belle Empoisonneuse („Beatrice oder die schöne Vergifterin“) ausgibt. Hawthorne schreibt dann über die schriftstellerischen Tugenden und Untugenden des fingierten Autors und nennt einige seiner Werke, deren Titel französische Übersetzungen von Titeln von Hawthornes Werken sind, namentlich Contes deux fois racontés = Twice-Told Tales Le Voyage céleste à chemin de fer = The Celestial Railroad Le Nouveau Père Adam et la Nouvelle Mère Eve = The New Adam and Eve Rodéric ou le Serpent à l’estomac = Egotism; or, The Bosom-Serpent Le Culte de feu = Fire Worship L'Artiste du beau = The Artist of the Beautiful or the Mechanical Butterfly

Die Einleitung wurde in der ersten Buchausgabe von Mosses from an Old Manse 1846 weggelassen, in der folgenden Ausgabe von 1854 war sie wieder enthalten, möglicherweise wegen der darin enthaltenen Anspielung auf Hawthornes Freund, den Journaliste John L. O’Sullivan, und die Democratic Review (in der die Erzählung erschien), die hier als der Comte de Bearhaven bzw. La Revue Anti–Aristocratique erscheinen.Sarah Bird Wright: Critical Companion To Nathaniel Hawthorne: A Literary Reference To His Life And Work. Facts on File, 2006, S. 192.Nathaniel Hawthorne: Brief an James T. Fields vom 13 April 1854. In: James T. Fields: Yesterdays with Authors. , S. 75 f.. Abgedruckt in: Donald J. Crowley: Nathaniel Hawthorne : The Critical Heritage. New York 1997, S. 304.

Hintergrund Hawthorne schrieb die Erzählung im Oktober/November 1844. Er war seit 1842 mit Sophia Peabody verheiratet, im März 1844 war das erste Kind, eine Tochter, geboren worden und die Familie lebte in der Old Manse in Concord, auf die der Titel der Sammlung Mosses from an Old Manse anspielt. Die Rezensionen der Zeitgenossen waren durchaus positiv.[Henry F. Chorley]: Rezension in Athenaeum. 8. August 1846, S. 807 f.. Abgedruckt in: Donald J. Crowley: Nathaniel Hawthorne : The Critical Heritage. New York 1997, S. 105.Charles Wilkins Webber: Hawthorne. In: American Whig Review September 1846, S. 296–316. Abgedruckt in: Donald J. Crowley: Nathaniel Hawthorne : The Critical Heritage. New York 1997, S. 134.

Einen Hinweis zu den Quellen seiner Erzählung gibt Hawthorne selbst. Professor Baglioni erwähnt nämlich bei seinem Besuch scheinbar beiläufig eine alte Geschichte, der zufolge ein indischer Prinz Alexander dem Großen ein wunderschönes Mädchen als Geschenk gesandt haben soll, deren besonderes Merkmal der Duft ihres Atems gewesen sei – betörender noch als der „eines Gartens persischer Rosen“. Dieses Mädchen sei aber von Jugend an mit Giften genährt worden und dadurch selbst zu einem tödlichen Gift geworden, dem der jugendliche Alexander mit Sicherheit zum Opfer gefallen wäre, hätte nicht ein weiser Arzt ihn beizeiten gewarnt.

Die Geschichte in der hier wiedergegebenen Form stammt aus dem Secretum secretorum, einer fälschlich Aristoteles zugeschriebenen Sammlung von Ratschlägen und okkulten Weisheiten, die Aristoteles seinem Schüler Alexander vermittelt haben soll. Tatsächlich stammt das Werk aus dem Orient mit syrischen und persischen Quellen. Im Mittelalter wurde es ins Lateinische übersetzt und fand so in Europa Verbreitung.Die betreffende Stelle findet sich in Abschnitt g, p.60. Vgl. Roger Bacon: Secretum secretorum cum glossis et notulis. Herausgegeben von Robert Steele. Clarendon Press, Oxford 1920, S. 191 f. Von der pseudo-aristotelischen Sammlung wanderte die Geschichte moralisch angereichert in die im Mittelalter und später sehr verbreiteten Gesta Romanorum, eine bunte Sammlung von Legenden und Anekdoten.Vgl. die deutsche Übersetzung von Johann Georg Theodor Grässe: Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. Kap. 11: Vom Sündengift, durch das wir täglich genährt werden. 3. unveränderter Neudruck der Ausgabe von 1842. Löffler, Leipzig 1905, . Noch etwas ausgeschmückt findet die Geschichte sich weiter bei dem Minnesänger Heinrich von Meissen, genannt Frauenlob, der seinem Namen zum Trotz das giftgefütterte Mädchen zu einem Monster ähnlich dem Basilisken ausbaute, das allein durch seinen Blick töten könne. Und endlich fand die Gestalt des Giftmädchens noch eine pseudowissenschaftliche Unterfütterung in De secretis mulierum („Von den Geheimnissen der Weiber“, eine fälschlich Albertus Magnus zugeschriebene, seinerzeit weit verbreitete Abhandlung über die menschliche Fortpflanzung), worin über eine allgemeine Giftigkeit bzw. Neigung zur Giftigkeit bei Frauen aufgrund aufgestauter Menstruationsflüssigkeiten spekuliert wurde.Yvonne Owens: Pollution and Desire in Hans Baldung Grien : The Abject, Erotic Spell of the Witch and Dragon. In: Angeliki Pollali, Berthold Hub (Hrsg.): Images of Sex and Desire in Renaissance Art and Modern Historiography. Routledge, New York & London 2018, ISBN 978-1-138-05424-0, S. 199 f.

Der Topos des giftgefütterten Mädchens lässt sich noch weiter zurückverfolgen und stammt sehr wahrscheinlich aus Indien. Viṣakanyā (, wörtlich „Giftmädchen“) ist im alten Indien allgemein eine verderblichen Einfluss ausübende junge Frau, zum Beispiel eine mit einer ansteckenden Krankheit oder einer ungünstigen astrologischen Geburtskonstellation behaftete Frau, im engeren Sinn tatsächlich eine Art weiblicher Biowaffe. Als solche fand sie Eingang in die indische Literatur und kam dann wohl durch persische Vermittlung in die abendländische Literatur. Als mögliche Zwischenstufe wird insbesondere eine Erzählung aus Firdausis Versepos Schāhnāme vermutet.Jivanji Jamshedji Modi: The Story of Alexander the Great and the Poison-Damsel of India. A Trace of it in Firdousi's Shāh-Nāmeh. In: Asiatic Papers, Part IV. Times of India Press, Bombay 1929, S. 75–93, PDF. Im 17. Jahrhundert erwähnte dann Robert Burton die Geschichte in seiner Anatomy of Melancholy, wobei er als Quelle fälschlich die Alexanderbiographie des Quintus Curtius Rufus angab. Im Zusammenhang geht es um Immunisierung bzw. Toleranz für Drogen und Gifte, als Beispiel nennt Burton die bekannte Geschichte des Königs Mithridates, der sich durch tägliche Einnahme von Giften gegen deren Wirkung unempfindlich machte, ein Verfahren, das heute als Mithridatisation bekannt ist.Robert Burton: The Anatomy of Melancholy. E. Claxton & Co., Philadelphia 1883, Partition 1, Section II, Member II, Subsection III, S. 146.

Die Geschichte der Verkörperung von Giftigkeit und Verderbnis in weiblicher Form war mit Hawthornes Erzählung natürlich keineswegs zu Ende. Im 19. Jahrhundert kam die Femme fatale in verschiedensten literarischen Ausformungen zu voller Blüte, von Baudelaires Blumen des Bösen (gleichlautend der Titel von Franz Bleis deutscher Übersetzung von Hawthornes Erzählung) bis zu der künstlich gezeugten Alraune des Hanns Heinz Ewers. Und auch in der modernen Populärkultur fand das Giftmädchen mehrfach Gestaltung, vielleicht sogar direkt inspiriert von Hawthorne. So wird vermutet, dass die Superschurkin Poison Ivy im Batman-Universum von DC auf die Figur der Beatrice Rappaccini zurückgeht.Joseph McCabe: 100 Things Batman Fans Should Know & Do Before They Die. Triumph Books, 2017, ISBN 978-1-63319-914-9, Nr. 81.

Was die direkte Motivation Hawthornes für die Erzählung betrifft, so vermerkt er in seinem Notizbuch am 27. Oktober 1841:

Und er vermerkt weiter eine Geschichte über Menschen, die sich mit Schlangengift gegen Schlangenbisse immunisiert haben. Die Quelle hierfür ist Life in Mexico von Frances Erskine Calderón de la Barca (1843), worin berichtet wird, dass mit dem Gift der Klapperschlange Geimpfte gegen Schlangenbisse immun wurden, jedoch wurde ihr eigener Biss nun giftig.Frances Erskine Calderón de la Barca: Life in Mexico : During a Residence of Two Years in That Country. Dent and Sons, London 1913,

Interpretation und Rezeption In der Einleitung findet sich der folgende Satz:

Ob es bislang gelungen ist, den exakt richtigen Blickwinkel für Rappaccinis Tochter zu finden, bleibt unklar, da die Erzählung wie kaum eine andere in Hawthornes Werk bislang Anlass zu zahlreichen, einander durchaus widersprechenden Deutungen gab.Vgl. Laura Stallman: Survey of Criticism of „Rappaccini's Daughter“ by Nathaniel Hawthorne. Archiv der Virginia Commonwealth University, 1995.

Die Schwierigkeiten der Interpreten scheint auch Hawthorne in späteren Jahren gehabt zu haben, jedenfalls schreibt er zehn Jahre später an seinen Verleger und Freund James T. Fields:

Hawthorne sprach hier über die Sammlung Mosses from an old Manse insgesamt. Dass Rappaccini’s Daughter eine Allegorie sein könnte, legt er selbst nahe, wenn er in der Einleitung scheinbar Kritik am angeblichen französischen Autor übt und als einen seinen Fehler eine „eingewurzelte Liebe zur Allegorie“ benennt, welche „seine Geschichten und Charaktere wie wolkige Formen und Figuren erscheinen lässt, und seinen Entwürfen die menschliche Wärme raubt“.„[…] an inveterate love of allegory, which is apt to invest his plots and characters with the aspect of scenery and people in the clouds, and to steal away the human warmth out of his conceptions.“ S. 95.