mini|Epikanthus medialis mini|Epicanthus lateralis Als Epikanthus medialis (; ; „zur Mitte hin“), auch Epikanthus-Falte oder einfache Oberlidfalte sowie veraltet, da ethnologisch problematisch, „Mongolenfalte“Detlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden. Verlag Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 17–18. genannt, wird eine oftmals genetisch bedingte sichelförmige Hautfalte am inneren Randwinkel des Auges bezeichnet. Diese Lidfalte bleibt auch bei geschlossenem Augenlid bestehen.
Der Epikanthus medialis ist charakteristisch für viele Angehörige der ost- und südostasiatischen Völker von der Mongolei bis Thailand. Zum Beispiel haben die meisten Mongolen, Han-Chinesen, Hui-Chinesen, Tibeter, Koreaner, Japaner, Vietnamesen und Thais Epikanthus-Falten, aber auch Angehörige sibirischer und einige Turkvölker, wie etwa die Tungusen, Tuwiner, Selkupen, Jakuten, Altaier, Kirgisen, Kasachen, Dolganen und Uiguren. Des Weiteren kommt die einfache Oberlidfalte bei indigenen Völkern Amerikas, Grönlands und Skandinaviens sowie bei Khoikhoi-Völkern im südlichen Afrika vor.
Chronologische Übersicht
1795 – Johann Friedrich Blumenbach: Erste systematische Beschreibung der Lidachse. Blumenbach postulierte im Rahmen seiner morphologischen Schädelsammlung, dass ostasiatische Augen durch eine verengte Lidspalte und einen nach außen hin nach oben gezogenen Winkel charakterisiert seien („oculorum palpebris conniventibus et in cantho externo sursum ductis“). Zur genaueren Klärung führte er später den französischen Begriff „yeux bridés“ ein. Diese Formulierung bildete die theoretische Grundlage, auf der spätere Anthropologen das Merkmal als kollektives Rassenmerkmal einstuften.
1828 – Matthias Joseph Schön: Erste deskriptive Erwähnung der Weichteilstruktur im deutschen Sprachraum. Schön deutete das Phänomen funktionell und nannte es das „vierte Augenlid“. 1831 – Friedrich August von Ammon: Erstprägung des Fachbegriffs „Epicanthus“. Ammon definierte die Falte als angeborenen Augenwinkelfehler, hervorgerufen durch einen lokalen Hautüberfluss im Bereich der Nasenwurzel. 1851 – Frédéric Jules Sichel: Einführung des Begriffs in die französische Fachliteratur. Sichel stellte eine Verbindung zu rassistisch-taxonomischen Theorien her und deutete die Struktur als anatomisches Übergangsmerkmal von der „kaukasischen“ zur „mongolischen Rasse“. 1874 – Ilja Metschnikow: Erstprägung des Begriffs „Mongolenfalte“ sowie des „wahren Mongolenauges“. Er etablierte die Theorie einer makro-evolutionären Hemmungsbildung (Einfrierung eines fetalen Zustands).
Ätiologie Die Ätiologie des medialen Epikanthus beruht auf entwicklungsbedingten und anatomischen Faktoren im Bereich des medialen Augenwinkels. Ursächlich ist meist eine unvollständige Ausbildung der Nasenwurzel in Kombination mit vermehrtem Haut-, Binde- oder Fettgewebe im medialen Lidbereich. Dadurch kommt es zur Persistenz einer embryonalen Hautfalte, die sich normalerweise im frühen Kindesalter zurückbildet.
Embryologisch wird der Epikanthus medialis auf eine veränderte Entwicklung mesenchymaler Strukturen des Gesichtsschädels zurückgeführt, insbesondere auf Störungen der Migration und Differenzierung neuralleistenderivierter Zellen. Zusätzlich spielen anatomische Variationen der Lidmuskulatur, der Faszien sowie der Fixierung der Lidhaut am medialen Kanthus eine Rolle.
Der mediale Epikanthus kann physiologisch auftreten, etwa bei Neugeborenen oder als ethnische Normvariante. Darüber hinaus findet sich der mediale Epikanthus im Rahmen verschiedener genetischer Syndrome, unter anderem bei Trisomie 21, dem Turner-Syndrom oder dem Blepharophimosis-Ptosis-Epicanthus-inversus-Syndrom, was auf eine genetische Mitbeteiligung der kraniofazialen Entwicklung hinweist.
Je nach Position unterscheidet man die seltene Form eines Epikanthus lateralis.Elschnig, A.: Zur Kenntnis der Anomalien der Lidspaltenform (1. Blepharophimosis, Epikanthus lateralis und Entropium). Klin. Monatsbl. Augenheilkd. 50, 17 (1912)
Wahrnehmung
Für viele Europäer scheint bei Ostasiaten das Auge als Ganzes verengt. So ist der heute als diskriminierend erachtete Ausdruck Schlitzauge entstanden. Allerdings haben auch Menschen aus Europa diese Falte.
Ostasiaten nehmen oft einen anderen Unterschied wahr; die Epikanthus-Falte im Innenwinkel des Auges spielt keine so große Rolle. Vielmehr unterscheiden Ostasiaten zwischen Augen mit „einer Oberlidfalte“ (chinesisch 單眼皮, dān yǎn pí; , hitoe mabuta) und Augen mit „doppelter Oberlidfalte“ (雙眼皮,shuān yǎn pí; , futae mabuta).
Die doppelte Lidfalte soll optisch ein größeres Auge erzeugen, der Besitzer „freundlicher“ und „wacher“ wirken. Es existieren Schminkutensilien, mit der man eine doppelte Lidfalte erzeugen kann. Diese ist dann aber nicht von Dauer. Zunehmend werden sie auch durch eine ästhetische Augenoperation verwirklicht.Herbert Kaufmann (Hrsg.): Strabismus. Unter Mitarbeit von Wilfried de Decker u. a. Enke, Stuttgart 1986, ISBN 3-432-95391-7, S. 292. Diese Operation ist heute einer der häufigsten schönheitschirurgischen Eingriffe in Ost- und Südostasien.
Pseudostrabismus Ein Epikanthus täuscht von der Physiognomie her oft ein Innenschielen vor, insbesondere bei Kleinkindern, bei denen ein Epikanthus die Regel ist. Der Eindruck eines Schielens verstärkt sich noch bei horizontalen Blickbewegungen. Im Normalfall verschwindet dieser Eindruck mit dem Wachstum und der Ausbildung des Nasenrückens.
Kanthometrie Die Kanthometrie (von altgriechisch kanthos „Augenwinkel“ und metron „Maß“) bezeichnet eine Teildisziplin der physischen Anthropologie, der computergestützten Biometrie und der okuloplastischen Chirurgie. Sie befasst sich mit der quantitativen Erfassung, morphologischen Klassifikation und Vermessung der menschlichen Lidspalten- und Augenwinkelgeometrie.
In der morphologischen Klassifikation und quantitativen Erfassung der periorbitalen Geometrie wird die Gewebeumgebung anhand standardisierter anatomischer Messachsen und definierter Weichteilzonen topografisch differenziert:
Canthus maior und Canthus minor: Die primären kanthometrischen Messachsen unterteilen sich in den nasalen Canthus maior (Angulus oculi medialis bzw. innerer Augenwinkel) und den temporalen Canthus minor (Angulus oculi lateralis bzw. äußerer Augenwinkel). Der Canthus maior dient hierbei als zentraler Bezugspunkt zur Beurteilung von Lidfaltenanomalien im Bereich der Tränenkarunkel (Caruncula lacrimalis). Intercilium: Das Intercilium beschreibt die kutane Absenkungszone bzw. das Weichteilareal zwischen der Augenbraue (Supercilium) und der oberen Lidfurche (Sulcus palpebralis superior). Die phänotypische Ausprägung und Gewebefülle dieser Zone wird auf einer kontinuierlichen Skala klassifiziert, die von vollständig eingesunken und trocken (intercilium inanissimo) bis hin zu stark gepolstert oder infantil (intercilium plenissimo) reicht. Hypocanthus: Als direktes kanthometrisches Antonym zum Epicanthus definiert der Hypocanthus die vollständige Abwesenheit einer kutanen oder vertikalen Weichteilüberdeckung. Am inneren Augenwinkel (Canthus maior) liegt die Tränenpapille (Papilla lacrimalis) hierbei flach an der Tränenkarunkel an, ohne eine Hautfalte zu bilden. Am äußeren Augenwinkel (Canthus minor) beschreibt der Begriff den unbedeckten, frei liegenden Lidwinkel. Heterocanthia (Heterokanthie): Die Heterocanthia bezeichnet die morphologische Asymmetrie oder ungleichmäßige Kombination von Faltungs- und Winkeltypen zwischen beiden Gesichtshälften eines Individuums. Sie dokumentiert das bilaterale Abweichen von Längen- oder Krümmungsverhältnissen (beispielsweise das asymmetrische, gleichzeitige Vorliegen eines epicanthalen Winkels auf der einen und eines hypocanthalen Winkels auf der anderen Gesichtshälfte).
Differentialdiagnose Der Epikanthus ist von anderen Lid- und Augenfehlstellungen abzugrenzen. Hierzu zählen insbesondere der Pseudoepikanthus, bei dem keine echte Hautfalte vorliegt, sowie der Telekanthus mit vergrößertem Abstand der medialen Augenwinkel. Auch das Epiblepharon, bei dem eine zusätzliche Hautfalte zu einer Einwärtsstellung der Wimpern führt, kann insbesondere im Kindesalter ein ähnliches Erscheinungsbild verursachen.
Weblinks
Auge-Online: Künstliche Lidfalten (deutsch) Vorher-Nachher-Bilder nach einer Doppellidoperation (englisch)
Literatur Theodor Axenfeld (Begr.), Hans Pau (Hrsg.): Lehrbuch und Atlas der Augenheilkunde. 12., völlig neu bearbeitete Auflage. Unter Mitarbeit von Rudolf Sachsenweger u. a. Gustav Fischer, Stuttgart u. a. 1980, ISBN 3-437-00255-4. Pschyrembel klinisches Wörterbuch. Mit klinischen Syndromen und Nomina Anatomica. = Klinisches Wörterbuch. Bearbeitet von der Wörterbuchredaktion des Verlages unter der Leitung von Christoph Zink. 256., neu bearbeitete Auflage. de Gruyter, Berlin u. a. 1990, ISBN 3-11-010881-X.
Einzelnachweise
Kategorie:Augenheilkunde Kategorie:Anatomie des Auges