Chiapas [], offiziell Freier und Souveräner Staat Chiapas (), ist ein Bundesstaat im Südosten Mexikos, dessen Name von dem vor der Kolonialzeit im Hochland siedelnden indigenen Volk der Chiapa stammt. Im Norden grenzt er an den Bundesstaat Tabasco, im Westen an die Bundesstaaten Veracruz und Oaxaca sowie an den Pazifischen Ozean, im Süden und Osten an Guatemala. Chiapas besitzt eine Fläche von 75.634 km² und wird administrativ in 124 Municipios unterteilt.
Der Staat hat etwa 5,5 Millionen Einwohner (2020), wovon bei vierzehn indianischen Ethnien ca. eine Million indigener Abstammung ist. Die meisten Indigenen gehören der Mayavolksgruppe an. Diese sprechen vor allem Tzeltal oder Tzotzil; ca. 300.000 sprechen kaum oder gar nicht Spanisch. Die östlichen zwei Drittel des Staates werden überwiegend von Indigenen bewohnt.
Der Bundesstaat ist von Armut geprägt, trotz optimaler klimatischer Bedingungen für die Landwirtschaft ist ein Teil der indigenen Bevölkerung unterernährt.
Die Hauptstadt ist Tuxtla Gutiérrez, die ökonomisch wichtigste Stadt ist Tapachula. Touristisch am bekanntesten sind San Cristóbal de las Casas, früher auch Ciudad Real genannt, und die dem Weltkulturerbe zugehörige Ruinenstadt Palenque aus der klassischen Mayazeit. Chiapas weist eine große Arten- und Naturvielfalt auf.
Geographie
Landwirtschaft, Bodenschätze, Klima
mini|Viehweide in der Sierra von Chiapas Aufgrund der klimatischen Verhältnisse von Chiapas, das in den äußeren Tropen liegt, aber aufgrund der Topographie gleich mehrere Höhenzonen umfasst (feuchtheißer tropischer Regenwald im Tiefland (Regenzeit Mai bis Oktober), kalttropische Übergangsbereiche mit Bergnebelwald an der Pazifikküste und Hochlandklimaten), gedeiht hier eine große Vielfalt an Pflanzenarten. Das Klima im Hochland ist mild und keinem Wechsel der Jahreszeiten unterworfen; der deutsche Schriftsteller B. Traven nannte seinen in Buchform erschienenen Reisebericht über Chiapas deshalb Land des Frühlings.Traven: Land des Frühlings. 1928.
Fauna und Flora mini|Spitzkrokodil im Cañón del Sumidero Obwohl seltener geworden, leben in Chiapas zahlreiche exotische Säugetiere wie Affen, Brüllaffen, Tapire, Ameisenbären und Nabelschweine. Aber auch Großkatzen wie Pumas, Ozelots und Jaguare sind zu finden.
Unter den Reptilien des Regenwalds sind insbesondere zahlreiche Schlangenarten sowie Krokodile und Leguane hervorzuheben. Auch gibt es in den Regenwäldern zahlreiche Vogelarten. Der etwa 35 cm große Quetzal, einer der farbenprächtigsten Vögel des tropischen Regenwaldes, sei hier stellvertretend genannt.
Natürlich vorkommend und für wirtschaftliche Nutzung und Handel besonders wichtig sind vor allem Mahagoni, Teak, Gummi, Kautschuk und Kakao. Anbauprodukte im Hochland: Kaffee (insbesondere die Sorte Maragogype), Weizen, Gerste, Hafer, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Mais
im Tiefland: Kakao, Mais, Gummi, Bananen, Ananas, Kokosnuss, Baumwolle, Avocado, Agaven, Sisal, Tomaten, Bohnen, Maniok, Kürbis, Chilischoten, Kartoffeln, Süßkartoffeln, ChayoteB. Traven: Land des Frühlings. 1928, S. 8.
in der Übergangsregion: Mais, Zuckerrohr, Wein, Orangen, Zitronen, Mandeln, Kastanien, Oliven, Nüsse, Äpfel, Birnen, Kirschen, Pfirsiche, Avocado, Agaven, Sisal, Tomaten, Bohnen, Kartoffeln, Kürbis, Süßkartoffeln, Maniok
Bodenschätze Eisen, Erdöl, Edelsteine, Gas, Gold, Kohle, Kupfer, Blei, Zinn, Schmucksteine, Schwefel, Silber
Bevölkerung Indigene Ethnien
Chiapas ist nach Oaxaca der Bundesstaat mit dem zweitgrößten relativen Anteil von indigenen Muttersprachlern (Volkszählung 2020: 28,2 %).Mexico's Indigenous Speakers in the 2020 Census
Tzeltal mini|Tzeltaltänzer in Tracht, in San Cristóbal de las Casas Die Tzeltals nennen sich selbst „Winik Atel“, was schlicht „arbeitender Mensch“ bedeutet. Sie leben zumeist von der Landwirtschaft. Sie stellen die größte indigene Ethnie und siedeln südöstlich von San Cristóbal de las Casas. Heute gibt es etwa 500.000 Tzeltal in Chiapas. Das Tzeltal-Maya gehört zur Mayasprachfamilie und wird heute von über 470.000 Menschen gesprochen – somit ist es die viertgrößte Sprachgruppe Mexikos. Die Tzeltal-Sprache teilt sich in zwei Dialekte. Der eine hat sich im Hochland, der andere im Tiefland ausgebildet. Die meisten Kinder dieses Volkes sprechen mittlerweile auch Spanisch, die Erwachsenen sind zumeist einsprachig. Die Tzeltal bilden, örtlich gebunden, eine soziale und kulturelle Einheit.Eugenio Maurer: “Los tzeltales. Paganos o cristianos? Su religión, sincretismo o sintesis?” 1. Auflage. Centro de Estudios Educativos, México D.F 1984, ISBN 968-7165-11-1 Haupthandelsprodukt der Tseltales sind neben landwirtschaftlichen Erzeugnissen unglasierte Töpferwaren.John Fisher, Silvia Mayer: Mexiko. Loose, 2002, S. 641, ISBN 978-3-7701-6119-5 ().
Tzotzil mini|links|Prozession in San Juan Chamula, dem kulturellen Zentrum der Tzotzil Die Tzotzil leben im Stammesverbund konzentriert im Hochland und Grenzgebiet zu Tabasco, sie verteilen sich aber fast landesweit. Die Tzotzilsprache wird von ca. 350.000 Menschen gesprochen und ist somit nur geringfügig weniger verbreitet als die Sprache der Tzeltal. Hauptsiedlungspunkte sind Chamula, Zinacantán, Chenalhó und Simojovel. Die Sprache ist eng verwandt mit der Tzeltalsprache und entfernt verwandt mit dem Yucatec-Maya der Lacandonen.
Traditionell tragen viele Männer kurze Hosen, ein langes, helles Baumwollunterhemd unter einem Ziegenfell- oder Baumwollponcho. Der Hut ist mit Bändern geschmückt. Die Farbigkeiten der Trachten variieren von Dorf zu Dorf. Die Chamulatzotzils tragen beispielsweise dunkle Trachten, die freundlicher gestimmten Zinacantantzotzils hingegen violette und rosafarbene Tracht mit gestickter Blumenzier. Die Tzotzilfrauen tragen ihre Haare offen oder geflochten und ihre Kleinkinder in Tüchern an den Körper angeschmiegt.John Fisher, Silvia Mayer: Mexiko. Loose, 2002, S. 640, ISBN 978-3-7701-6119-5 ().
mini|Indigene Webarbeiten auf einem Markt in San Cristóbal de las Casas Handel betreiben in erster Linie Frauen und Mädchen, während die Männer abseits stehend das Treiben beobachten. Neben landwirtschaftlichen Produkten werden hochwertige Handwerksartikel angeboten. Geflochtene, sehr farbenfrohe, reichhaltig ornamentierte Gürtel und Armbänder sind zu nennen, aber auch prachtvoll gewebte Decken und Tonwaren werden angeboten. Verkauft werden an Touristen andere Ornamentmotive als der Tzotziltracht zugehörige. Diese ist von vordergründiger magischer Symbolik.
Bei den Tzotzils ist der ritualisierte Schamanismus ausgeprägt vorhanden und wird vor allem von Frauen ausgeführt. Einen sehr wichtigen Bestandteil dieser Rituale nimmt als Opfertier das Huhn ein (siehe auch: Chamula). Bei den Männern ist die Kampfbereitschaft erwähnenswert. Die Tzotzilindianer haben den Freiheitskampf der EZLN nicht nur unterstützt, sondern auch daran teilgenommen, dadurch gewannen sie die Autonomie.
Lakandonen mini|Lakandonenkanu vor einem Museum in San Cristóbal de las Casas Die auch Lakandonen genannten Maya (lakandonisch Hach Winik, „wahre oder echte Menschen“) sind ein indigenes Volk im Tiefland von Chiapas. Sie unterteilen sich in zwei Unterethnien, die nördlichen und die südlichen Lakandonen.
Unter den Nachkommen der alten Maya lebt diese Ethnie am stärksten isoliert, da sie mitten im Tieflanddschungel siedelt. Die Lakandonen haben sich im letzten Jahrhundert kulturell gespalten – die Lakandonen, die in der Nähe von Bonampak siedeln, wurden von evangelischen Missionaren christianisiert. Diese haben sich für den Tourismus geöffnet und auch Übernachtungsmöglichkeiten für Reisende eingerichtet. Durch den Verkauf von Holzfällerrechten sind einige dieser Lakandonen sehr wohlhabend geworden. Die immer noch traditionell lebenden Lacandonen siedeln in der Nähe der Ortschaft Nahè – bei Palenque, dort pflegen diese Maya noch ihre jahrhundertealte Lebensweise und Religion.John Fisher, Silvia Mayer: Mexiko. Loose, 2002, S. 659, ISBN 978-3-7701-6119-5 ().
Seit dem 20. Jahrhundert ist diese kleine Kultur also verstärkt in den Kontakt mit der „westlichen Zivilisation“ geraten. Die Kultur der heute nur noch (geschätzt) etwa 600–1000 Lakandonen ist infolge von dieser Akkulturation und den diversen Missionierungsversuchen akut vom Verschwinden bedroht. Die Lakandonen siedeln auch in der Nähe von Tourismusmagneten, wie den Ruinen von Palenque.Ma'ax, Rätsch (Hrsg.): Ein Kosmos im Regenwald. 1984. Dort handeln oder tauschen männliche Lakandonen selbstgefertigte Waren (Pfeile, kleine Bögen). B. Traven schreibt, dass die Lakandonen Anfang der 1930er Jahre noch nackt im Urwald lebten, mittlerweile tragen die Lakandonenmänner weiße lange Baumwollhemden und die Frisur ist häufig mit einem Pony versehen. Die Haarlänge variiert, meistens erreichen die Haarspitzen den Brustbereich.Helmut Hermann: Yucatán, Chiapas. 2. Auflage, Bielefeld 2012, S. 659. Die Lakandonen haben sich der EZLN nicht angeschlossen.
Tojolabal mini|links|Tojolabaltracht in einem Museum in San Cristóbal de las Casas Die Tojolabal siedeln im Grenzgebiet zu Guatemala. Es wird vermutet, dass sie noch vor der Kolonialisierung aus dem heutigen Guatemala nach Chiapas eingewandert sind. Die etwa 35.000 Angehörigen der Tojolabal sprechen eine eigene Sprache und nur wenige sind auch noch des Spanischen kundig. Nur die Frauen tragen Tracht, die Blusen sind weiß, die Röcke bunt. Alle Kleidungsstücke sind mit reich ornamentierten Bandmotiven bestickt. Unverheiratete Frauen tragen ihre Haare offen, verheiratete Frauen zu zwei Zöpfen gebunden. Alle verheirateten Frauen tragen Kopftücher, unverheiratete Frauen und Mädchen nur gelegentlich.
Bevölkerungsentwicklung JahrEinwohnerzahl1950907.02619601.210.87019701.569.05319802.084.71719903.210.49619953.584.78620003.920.89220054.293.45920104.796.58020155.217.90820205.543.828
Geschichte mini|Palenque Vorkoloniale Zeit Nach derzeitigem Stand der Forschung wanderten die ersten Menschen in Chiapas vor ca. 8000 Jahren aus Nordamerika kommend ein.
Etwa vor 4000 Jahren begann die in Chiapas, Guatemala, Honduras, El Salvador, Belize und auf der Halbinsel Yucatán siedelnde Volksgruppe der Maya, eine stetig in Größe und Komplexität anwachsende Hochkultur beachtlichen naturwissenschaftlichen Wissensstandes zu entwickeln.
Die Maya organisierten sich in autonomen Stadtstaaten, bildeten aber eine kulturelle und religiöse Einheit. Einzelne Städte sollen eine Einwohnerzahl von mehreren hunderttausend Bewohnern gehabt haben und waren nach derzeitigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand, zum damaligen Zeitpunkt, die größten menschlichen Ansiedlungen weltweit.
mini|Kreisrunder Bildstein vom Ballspielplatz der Ruinenstätte Chinkultic
In der klassischen Periode (bis ca. 900 n. Chr.) war die Religion Dreh- und Angelpunkt der Kultur der Maya. Dies ist auch an der architektonischen Gliederung der Städte erkennbar, wo jeweils das Zeremonialzentrum des Tempels die Stadtmitte markiert. Um den Tempelbezirk gruppierten sich die steinernen Häuser der Oberschicht, die Mittelschicht und Unterschicht wohnten in den Randgebieten der Städte, zumeist in Holzhäusern und Hütten, von denen nicht viel erhalten geblieben ist. Bestandteil der Religion war ein großes Götterpantheon.John Fisher, Silvia Mayer: Mexiko. Loose, 2002, S. 652, ISBN 978-3-7701-6119-5 ().
Der Zerfall der Hochkultur fand seit dem 8. Jahrhundert n. Chr. statt – der endgültige Fall wird in das 10. Jahrhundert datiert. Die Städte wurden hastig verlassen und sehr schnell vom Urwald überwuchert. Die Ursachen sind noch ungeklärt, als Erklärung werden derzeit die zermürbenden Kriege, Revolutionen und eine Dürreperiode als zeitlich zusammentreffende Phänomene angeführt.
Koloniale Zeit mini|hochkant|Gonzalo de Sandoval mini|hochkant|Pedro de Alvarado