mini|400px|Hinweis auf [Bernhard] Martin Giese als Autor in der Allgemeinen Kirchenzeitung (1850) Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt! lauten die ersten beiden Zeilen eines Gedichtes, das auf den Pfarrer und „Märzrevolutionär“ Bernhard Martin Giese (1816–1873) zurückgeht. Es erschien zum ersten Mal am 25. Mai 1850 im konservativen Volksblatt für Stadt und Land zur Belehrung und Unterhaltung mit den Anfangszeilen Zerschlagen will ich meine Leier / Am Felsen, der da Christus heißt. Gieses Urheberschaft muss schon in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod vergessen worden sein. Bekanntheit erlangte das Gedicht (allerdings in leicht veränderter Fassung) durch die vor allem in christlichen Kreisen und in christlicher Literatur aufgestellte Behauptung, Heinrich Heine (1797–1856) sei sein Autor und habe damit gegen Ende seines Lebens seine Bekehrung zu Christus dokumentiert. Diese Behauptung geht vermutlich auf einen Artikel zurück, der im November 1907 unter dem Titel „Heinrich Heine’s Testament“ in der Reformierten Kirchenzeitung erschienen war.

Während die einschlägige Forschung mit Verweisen auf Werkverzeichnisse und stilistische Untersuchungen eine Autorschaft Heines schon immer bestritten hatte, gelang es dem Potsdamer Religionswissenschaftler Nathanael RiemerProf. Dr. Nathanael Riemer. In: uni-potsdam.de, abgerufen am 11. Februar 2019. im Jahr 2016, Bernhard Martin Giese als Autor zu identifizieren und damit die Behauptung, Heine sei der Verfasser des Gedichtes, endgültig zu widerlegen. Das Ergebnis seiner wissenschaftlichen Untersuchung erschien im Heine-Jahrbuch 2017.

„Gedichte eines Wiedergefundenen“ In dem bereits erwähnten Volksblatt für Stadt und Land zur Belehrung und Unterhaltung, das im christlich-konservativen Verlag von Richard Mühlmann (Halle (Saale)) erschien, finden sich in verschiedenen Ausgaben des späten Frühjahrs 1850 vier „Gedichte eines Wiedergefundenen“.Nathanael Riemer: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt“. Wie das Bußgedicht des Märzrevolutionärs Bernhard Martin Giese zum Beweis einer gewünschten »Bekehrung« Heinrich Heines avancierte. In: Heine-Jahrbuch. Hrsg. von Sabine Brenner-Wilczek (Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf). 56. Jg., 2017, S. 137. Das erste Gedicht in diesem Zyklus trägt den Titel „Dichterbeichte“,Richard Mühlmann (Hrsg.): Volksblatt für Stadt und Land zu Belehrung und Unterhaltung. Verlag von Richard Mühlmann, Halle an der Saale 1850, Ausgabe Nr. 42 vom 25. Mai 1850, , Spalte 672. verfügt über fünf Strophen und beginnt mit den Zeilen „Zerschlagen will ich meine Leier / Am Felsen, der da Christus heißt“. Die drei weiteren Gedichte dieser Reihe sind mit „Passionsbuße“,Richard Mühlmann (Hrsg.): Volksblatt für Stadt und Land zu Belehrung und Unterhaltung. Verlag von Richard Mühlmann: Halle an der Saale 1850. Ausgabe Nr. 46 vom 8. Juni 1850, Spalten 735 f. „Gefängnißfreude“Richard Mühlmann (Hrsg.): Volksblatt für Stadt und Land zu Belehrung und Unterhaltung. Verlag von Richard Mühlmann, Halle an der Saale 1850, Ausgabe Nr. 47 vom 12. Juni 1850, Spalten 750 ff. und „Weihnachtslied eines Gefangenen“Richard Mühlmann (Hrsg.): Volksblatt für Stadt und Land zu Belehrung und Unterhaltung. Verlag von Richard Mühlmann, Halle an der Saale 1850. Ausgabe Nr. 48 vom 15. Juni 1850, Spalten 765 f. überschrieben. Der Zyklus „Gedichte eines Wiedergefundenen“ wurde zwar im Volksblatt für Stadt und Land […] anonym veröffentlicht, jedoch alsbald in Nachdrucken und christlichen Hausbüchern für Bernhard Martin Giese als Autor belegt.Nathanael Riemer: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt“. Wie das Bußgedicht des Märzrevolutionärs Bernhard Martin Giese zum Beweis einer gewünschten »Bekehrung« Heinrich Heines avancierte. In: Heine-Jahrbuch. Hrsg. von Sabine Brenner-Wilczek (Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf). 56. Jg., 2017, S. 139.Zum Beispiel Allgemeine Kirchenzeitung. Ein Archiv für die neueste Geschichte und Statistik der christlichen Kirche. Hrsg. Karl Gottlieb Bretschneider, Karl Zimmermann. Erster Band des 29. Jahrganges. Karl Wilhelm Leske, Darmstadt 1850, S. 1088 (Kirchenchronik und Miscellen).

Bernhard Martin Giese mini|Dorfkirche Arnsnesta mini|links|B. M. Giese: Bekenntnisse eines Freigewordenen (1846) mini|Magdeburger Zitadelle (um 1880) Bernhard Martin Giese wurde am 8. September 1816 in Wittenberg als Sohn des Bürgermeisters Carl Gottfried Giese geboren.Die hier genannten Daten und Fakten orientieren sich, wenn nicht anders angegeben, an den Angaben des Lexikons Westfälischer Autoren 1750–1950 (). Er studierte Evangelische Theologie an den Universitäten in Wittenberg, Berlin und Halle. 1839 absolvierte er sein erstes Examen in Berlin und 1841 sein zweites in Magdeburg. Giese war zunächst Hilfsprediger in Wittenberg und anschließend Pfarrer an der Dorfkirche in Arnsnesta (heute Stadtteil der Stadt Herzberg). Dort entwickelte er sich vom ehemals „glühend eifrige[n] Pietist[en]“Bernhard Martin Giese: Bekenntnisse eines Freigewordenen, mit besonderer Beziehung auf Kämpfe’s Beantwortung der Uhlich’schen Bekenntnisse. Altenburg 1846, S. III (). zum radikalen Rationalisten. Er schloss sich dem Verein der Protestantischen Freunde (Lichtfreunde) an und veröffentlichte seine Bekenntnisse eines Freigewordenen […], die 1846 in Altenburg erschienen und noch im selben Jahr zur Amtsenthebung Gieses führten.Zu Einzelheiten der Amtsenthebung siehe Allgemeine Kirchenzeitung. Ein Archiv für die neueste Geschichte und Statistik der christlichen Kirche. Hrsg. Karl Gottlieb Bretschneider, Karl Zimmermann. Erster Band des 25. Jahrganges. Karl Wilhelm Leske, Darmstadt 1846, S. 534 ff. ().

Giese verzog mit seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern nach Halle und übernahm dort die Predigerstelle der neu gegründeten deutschkatholischen Freien vereinigten Gemeinde. Politisch verband er sich mit der demokratischen Bewegung der Märzrevolution, deren Ideen er vor allem durch selbstverfasste Gedichte und Lieder verbreitete. Sein Gedicht Sturmlied, das im November 1848 in der Halleschen demokratischen Zeitung erschien, führte dazu, dass er im Frühjahr 1849 wegen Majestätsbeleidigung und Anstiftung zum Aufruhr zu zweieinhalb (dreieinhalb?David August Rosenthal: Convertitenbillder aus dem 19. Jahrhundert. Band I,3. Schaffhausen 1872, S. 106.) Jahren Festungshaft verurteilt wurde.Anzeiger für die politische Polizei Deutschlands auf die Zeit vom 1. Januar 1848 bis zur Gegenwart. Ein Handbuch für jeden deutschen Polizeibeamten. Liepsch & Reichardt, Dresden 1855, S. 232 ().

Nach der Verurteilung trat Giese seine Haftzeit in der Magdeburger Zitadelle an.Ernst Keil: Die Citadelle zu Magdeburg im Jahre 1850. Ein Beitrag zur Geschichte der Preußischen Conterrevolution. In: Der Leuchtthurm. 9/1850, S. 170–175, hier: S. 175. Schon in den ersten Monaten wandte er sich – wohl auch unter dem Einfluss seiner EhefrauNathanael Riemer: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt“. Wie das Bußgedicht des Märzrevolutionärs Bernhard Martin Giese zum Beweis einer gewünschten »Bekehrung« Heinrich Heines avancierte. In: Heine-Jahrbuch. Hrsg. von Sabine Brenner-Wilczek (Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf). 56. Jg., 2017, S. 137. – von seinen rationalistischen und revolutionären Anschauungen ab und wurde Ende Juli 1850 aufgrund eines positiv beschiedenen Gnadengesuchs aus der Haft entlassen. Bedingung war, zwei Jahre lang das Staatsgebiet Preußens zu meiden und für zwei Jahre Johann Hinrich Wichern bei seiner missionarisch-diakonischen Arbeit im Rauhen Haus bei Hamburg zu assistieren. Noch vor Gieses Entlassung aus dem Gefängnis wurde der bereits erwähnte Zyklus Gedichte eines Wiedergefundenen veröffentlicht, darin enthalten die Dichterbeichte, die mit der Zeile Zerschlagen will ich meine Leier beginnt.

Giese konvertierte 1854 in Hamburg zur Römisch-katholischen Kirche und verzog noch im selben Jahr nach Münster, wo er sich als Privatmann niederließ. Ab 1858 war er Mitarbeiter der von Kaspar Franz Krabbe herausgegebenen Schrift Monatsblatt für katholisches Unterrichts- und Erziehungswesen. Er verstarb 1873 in Münster. David August Rosenthal widmete ihm in seinen Convertitenbildern aus dem 19. Jahrhundert ein Kapitel.David August Rosenthal: Convertitenbillder aus dem 19. Jahrhundert. Band I,3. Schaffhausen 1872.

Text Folgende Tabelle stellt den Giese-Text von 1850 neben den von 1907, der fälschlicherweise Heinriche Heine zugeschrieben wurde. Auffälligster Unterschied ist das Fehlen der zweiten Strophe in der 1907 veröffentlichten Fassung. Ein weiterer bedeutsamer Unterschied zeigt der Vergleich der ersten beiden Strophen. Während in der Fassung von 1850 der Dichter als Akteur auftritt und das Zerschlagen seiner Leier ankündigt, geht die 1907 erschienene Fassung davon aus, dass die Leier bereits zerstört ist – ohne allerdings zu verraten, von wem. Auch in der letzten Strophe lässt sich eine massivere Veränderung erkennen. Weitere Unterschiede kann man als marginal bezeichnen. Einige bestehen im Wesentlichen aus sprachlichen Glättungen, andere können mit den Rechtschreibreformen von 1876 und 1901 erklärt werden.

Die Strophen 1 bis 4 bzw. 1–3 enden jeweils mit einer Demutsgeste vor Gott (zum Beispiel: „[…] ich knie nieder“) und der Bitte um Vergebung. In den Schlusszeilen der letzten Strophe wünscht sich der Dichter sowohl in der Fassung von 1850 als auch in der von 1907 die segnende Zuwendung Gottes sowie neue Lieder. Gemeinsam ist beiden Texten auch, dass der Verfasser des Gedichtes anonym bleibt, dennoch aber einen biographischen Hinweis gibt: Er stellt sich als Dichter vor, dessen Lieder bislang „zum Aufruhr, zu Abfall, Spott und Zweifel anstifteten.“Nathanael Riemer: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt“. Wie das Bußgedicht des Märzrevolutionärs Bernhard Martin Giese zum Beweis einer gewünschten »Bekehrung« Heinrich Heines avancierte. In: Heine-Jahrbuch. Hrsg. von Sabine Brenner-Wilczek (Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf). 56. Jg., 2017, S. 138.

Die Textdifferenzen sind in der Tabelle gekennzeichnet. Orthographische Unterschiede bleiben davon ausgenommen. Strophe Text 1850(Autor: Bernhard Martin Giese) Text 1907(irrtümlich Heinrich Heine zugeschrieben)1Zerschlagen will ich meine Leier / am Felsen, der da Christus heißt, Die Leier, die zur bösen Feier / beweget ward vom bösen Geist, Die Leier, die zum Aufruhr klang, / die Abfall, Spott und Zweifel sang! O Herr, o Herr, ich knie nieder, / vergieb, vergieb mir meine Lieder!Zerschlagen ist die alte Leier / am Felsen, welcher Christus heißt! Die Leier, die zur bösen Feier / bewegt ward von dem bösen Geist, Die Leier, die zum Aufruhr klang, / die Zweifel, Spott und Abfall sang. O Herr, o Herr, ich kniee nieder, / vergib, vergib mir meine Lieder!2In wahnberauschtem Thatendrange / hab ich manch Giftwort ausgestreuet; Die Drachensaat, nicht währt’ es lange! / zur Erndt’ wuchs sie, die mich reut. Erfüllt hat sich der alte Spruch: / Wer Wind sä’t erndtet Sturm genug O Herr, o Herr, ich knie nieder, / vergieb, vergieb mir meine Lieder!Die zweite Strophe fehlt hier.3Der Kirche ist mit ihrem Glauben / manch Spottlied frevelhaft erschallt. Es sollte Zucht und Wahrheit rauben / durch weicher Töne Truggewalt. Der Freien Rotte triumphirt: / Ich hab ihr Manchen zugeführt. O Herr, schlag’ ich die Augen nieder; / Vergieb, vergieb mir meine Lieder!Der Kirche ist und ihrem Glauben / manch Spottlied frevelhaft erschallt; Es sollte Zucht und Ordnung rauben / durch weicher Töne Truggewalt. Die freie Rotte triumphieret! / Ich hab ihr manchen zugeführet. O Herr ich schlag die Augen nieder; / vergib, vergib mir meine Lieder!4Und als des Märzens Stürme kamen, / bis zum November trüb und wild, Da streut’ ich bittern Aufruhrsaamen, / in süße Lieder eingehüllt. So manches Herz hab ich betöhrt, / des ew’gen Lebens Glück zerstört,