mini|hochkant|Abbildung aus Märters Naturgeschichte der Bataten (1797). mini|hochkant|Von Jacquin ohne Nennung des Sammlers Bredemeyer beschrieben: Bromelia chrysantha (1797). Die Märter-Expedition fand 1783–1788 im Auftrag Josephs II. statt. Ursprünglich als Weltumseglung geplant, sollte sie naturgeschichtliche Erkenntnisse sowie Pflanzen, Tiere und Mineralien für die kaiserlichen Sammlungen liefern. Ausgangspunkt waren die unabhängig gewordenen USA, aus denen Expeditionsleiter Franz Joseph Märter auch über Politik und Wirtschaft berichtete. Dann trennten sich die verbliebenen Teilnehmer: Franz Boos bereiste die Bahamas, die Kapkolonie und die Maskarenen, Franz Bredemeyer Martinique, Puerto Rico und Venezuela, der erkrankte Märter Saint-Domingue (Haiti) und Jamaika. 1788 und 1792 sollte Nicolas Baudin Georg Scholl zurückholen, der Boos ans Kap begleitet hatte. Er verlor aber insgesamt drei Schiffe, so dass Scholl erst 1799 nach Wien zurückkehren konnte.
Born versus Jacquin Bereits Josephs Vater Kaiser Franz I., der Gründer der Menagerie und des botanischen Gartens in Schönbrunn, hatte 1754–1759 eine Expedition nach Amerika finanziert. Geleitet wurde sie vom niederländischen Naturforscher Nikolaus Joseph von Jacquin (1727–1817), den der spätere Hofgärtner Ryk van der Schot (ca. 1733–1790) und zwei Vogelsteller aus FlorenzGiovanni Buonamici und Fernando Barculla. Der von der Regierung der k. k. Staaten ferngehaltene Gatte Maria Theresias war als Franz II. Stephan Großherzog von Toskana. Später stieß noch Joseph Alix aus Besançon zu der Expedition. begleiteten. Mit insgesamt sieben Transporten gelangten damals Pflanzen und Tiere aus der Karibik, Venezuela und dem heutigen Kolumbien in die kaiserliche Sommerresidenz. Doch viele der exotischen Gewächse erfroren, als das große Glashaus kurz vor dem Tod von Josephs Mutter Maria Theresia eine Nacht lang unbeheizt blieb.Nikolaus Joseph von Jacquin: Plantarum rariorum horti cæsarei Schœnbrunnensis descriptiones et icones, Band 1, C. F. Wappler, Viennæ 1797, S. II f. ().
Joseph II. verbrachte einen großen Teil seiner Mitregentschaft (1765–1780) und seiner Alleinregierung (1780–1790) auf Reisen,Vgl. den Wikipedia-Artikel Reisen Josephs II. doch verunmöglichten es ihm seine Amtspflichten, diese über Europa hinaus auszudehnen. Auf den Reisen galt sein besonderes Interesse Gärten und naturgeschichtlichen Sammlungen. So ist die Beschreibung von Gärten eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen er sich im Tagebuch seiner Frankreichreise (1777)Österreichisches Staatsarchiv, Abteilung Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Hofreisen 9, Konv. 1. begeistert, unter Verwendung von Superlativen äußert. In Paris besuchte er den Jardin du roi und dessen Direktor Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707–1788). Auch auf seiner Reise in die Niederlande (1781)Vgl. (Ludwig von Terzi:) Journal der Reiße, so seine Majestæt der Kaÿser den 22ten Maÿ 1781 unternommen. Österreichisches Staatsarchiv, Abteilung Kriegsarchiv, Mem 1781-28-14. besichtigte er zahlreiche Gärten, worunter den Hortus botanicus der Universität Leiden.
Damals verhandelte der englische Kaufmann William Bolts (1738–1808), welcher am Indischen Ozean k. k. Faktoreien gegründet hatte, in Brüssel mit dem Kaiser, doch war dieser im Gegensatz zu seiner Mutter und zu Staatskanzler Kaunitz kolonialen Abenteuern abgeneigtJean Bérenger: Michel Baudin au service de l’Autriche. In Michel Jangoux (Hrsg.): Portés par l’air du temps, les voyages du capitaine Baudin (Études sur le XVIIIe siècle 38), Éditions de l’Université de Bruxelles, 2010, ISBN 978-2-8004-1486-7 (), S. 27–39, hier: S. 28. Joseph hatte 1777 in Brest, Rochefort und Toulon gesehen, welche Unsummen die Kriegsflotte Ludwigs XVI. verschlang.. Bald darauf war der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg, von dem die neutral gebliebene Monarchie des Hauses Österreich-Lothringen wirtschaftlich profitiert hatte,Die Blockade der Schelde durch die Vereinigten Niederlande beraubte die Staaten der Dynastie ihres wichtigsten Hafens Antwerpen. Sie versuchten deshalb, über die Freihäfen Livorno, Triest und Fiume sowie seit 1781 Ostende am Welthandel teilzuhaben. mit der Kapitulation von Yorktown entschieden. In der Folge entwarf Bolts das Projekt einer Weltumseglung: Ein nach Josephs Freund Staatsvizekanzler Johann Philipp Graf Cobenzl (1741–1810) benanntes Schiff unter Kapitän Johann Joseph von Bauer (1751–1808) sollte über Kap Hoorn in den Nootka Sound (Vancouver Island) fahren, wo James Cook 1778 günstig Seeotterfelle hatte kaufen können, und dann über China, Japan und das Kap der Guten Hoffnung zurück nach Europa. Dieses Projekt präsentierte Bolts im Mai 1782 in WienRobert J. King: Heinrich Zimmermann and the Proposed Voyage of the Imperial and Royal Ship Cobenzell to the North West Coast in 1782-1783. In: The Northern Mariner/Le marin du nord 21, Nr. 3, Juli 2011, S. 235–262 (), hier: S. 237, 239., und Joseph II. war bereit, es zu unterstützen.
Als Expeditionsteilnehmer empfahl Jacquin seinen Schüler Matthias Leopold StupićStupić verwendete für seinen Namen die ungarische Schreibweise Stupics und später die englische Stupich. (ca. 1732–1794), der Mineraloge Ignaz von Born (1742–1791) den Adjunkten im Naturalienkabinett Karl Haidinger (1756–1797)Vgl. Eintheilung der kaiserl. königl. Naturaliensammlung zu Wien. Herausgegeben von Karl Haidinger, Adjunkten am k. k. Naturalienkabinet. Christian Friedrich Wappler, Wien 1782 (). und van der Schot seinen ersten Gehilfen Franz Boos (1753–1832). Dass Jacquins Wahl auf den 50-jährigen KroatenStupić starb laut der Inschrift seines Grabsteins in Charleston () 1794 im 62. Altersjahr. Da der Kaiser Jacquin nach einem jungen Botaniker gefragt hatte, bezeichnet Ridler Stupić irrtümlich als jung. Vgl. (Johann Wilhelm Ridler:) Franz Boos, Director der k. k. Hofgärten. In: Oesterreichisches Archiv für Geschichte, Erdbeschreibung, Staatenkunde, Kunst und Literatur, 1832, 29. März, S. 150 f., 31. März, S. 153–155, 7. April, S. 166 f., hier: S. 153 (). Dass der Verfasser der Grabinschrift den Kroaten Stupić zum Siebenbürger machte, beruht auf der Verwechslung seines Geburtsorts Karlstadt (Karlovac) mit Karlsburg (Alba Iulia). Stupić fiel, der erst damals zum Doktor der Medizin promoviert wurdeVgl. Theses practico-medicæ quas (…) in (…) Universitate Vindobonensi publicæ disquisitioni submittit Math. Leopoldus Stupics Carlostadiensis (…) Mathias Andreas Schmidt, Vindobonæ 1782 ()., hing damit zusammen, dass sein Favorit Swibert Burkhard Schiverek (1742–1803) einem Ruf an die neueröffnete Universität Lemberg (Lwiw) folgte(Johann Wilhelm Ridler:) Franz Boos, Director der k. k. Hofgärten. In: Oesterreichisches Archiv für Geschichte, Erdbeschreibung, Staatenkunde, Kunst und Literatur, 1832, 29. März, S. 150 f., 31. März, S. 153–155, 7. April, S. 166 f., hier: S. 153 ()., und vielleicht auch damit, dass dem Kaiser der Anbau amerikanischer Nutzpflanzen in den Ländern der ungarischen Krone bzw. der Militärgrenze vorschwebte.
Jacquin klagte, dass die Leitung des Unternehmens bald ganz an Born übergegangen sei. Dieser habe von einer Weltumseglung nach dem Vorbild derjenigen von Cook geträumt, auch wenn er seiner geschwächten Gesundheit wegen den Gedanken ans Mitfahren habe aufgeben müssen.Nikolaus Joseph von Jacquin: Plantarum rariorum horti cæsarei Schœnbrunnensis descriptiones et icones. Band 1, C. F. Wappler, Viennæ 1797, S. III (). Zum Expeditionsteam gehörten nun neben Haidinger und Boos der Botaniker Franz Joseph Märter (1753–1827) und der Maler Bernhard Albrecht Moll (1743–1788).Gazzetta universale o sieno Notizie istorice, politiche, di scienze, arti, agricoltura ec. (Florenz), Band 9, 17. August 1782, S. 532 (). Die Literatur legt Moll fälschlich andere Vornamen (Adam, Nikolaus) und das Adelsprädikat bei. Märter war Professor für Naturgeschichte und Ökonomie (Agrar- und Geowissenschaften, Technologie, Wirtschaftsethik, Handel(Theodor Kravina von Kronstein): Entwurf der oekonomischen Kenntnisse, welche in dem kaiserlichen königlichen Theresianum der adelichen Jugend beygebracht werden. Joseph Kurzböck, Wien 1773 ().) an der Theresianisch-Savoyischen Ritterakademie, die Joseph II. 1783 auflöste, Moll temporär Beschäftigter im Naturalienkabinett. Außer Moll, mit dessen Familie Born befreundet warMolls Onkel Bernhard Paul von Moll (1697–1780) und Molls Vater Albrecht Theodor Moll (1713–1772) hatten Mineralien gesammelt, sein Cousin Johann Paul Karl von Moll 1778–1780 im Naturalienkabinett gearbeitet. Vgl. John Andre, Hartmut Fröschle: The American Expedition of Emperor Joseph II and Bernhard Moll’s Silhouettes. In Gerhard K. Friesen, Walter Schatzberg (Hrsg.): The German Contribution to the Building of the Americas, Studies in Honor of Karl J. R. Arndt, University Press of New England, Hanover (New Hampshire) 1977, ISBN 0-87451-133-X, S. 135–172; Mary Macaulay Allodi et al.: Berczy (Katalog einer Ausstellung über Molls Bruders). National Gallery of Canada, Ottawa 1991, S. 25–28, 299–303; Helene M. Kastinger Riley: Charleston’s Drawing Master Bernhard Albrecht Moll and the South Carolina Expedition of Emperor Joseph II of Austria. In: The Journal of Early Southern Decorative Arts, Band 21, Winston-Salem (North Carolina) 1995, S. 4–88 ()., gehörten alle der von diesem geleiteten Freimaurerloge Zur wahren Eintracht an. Dass Born Stupić durch Märter ersetzt hatte, begründete er damit, dass Ersterer mit Ausnahme der Botanik .Helga Hühnel: Botanische Sammelreisen nach Amerika im 18. Jahrhundert. In Franz Wawrik et al. (Hrsg.): Die Neue Welt, Österreich und die Erforschung Amerikas, Österreichische Nationalbibliothek, Edition Christian Brandstätter, Wien 1992, ISBN 3-85447-427-X, S. 61–77, hier: S. 66. Ein Journalist wagte die Prognose, Haidinger und Märter würden als Generalisten umfangreichere und nützlichere Entdeckungen machen als Cooks Begleiter Joseph Banks (1743–1820), Daniel Solander (1733–1782) und Johann Reinhold Forster (1729–1798), die sich auf die Botanik konzentriert hätten.Münchner Stats-, gelehrte, und vermischte Nachrichten, 22. Juli 1782, S. 455 (). Joseph Mayer (1752–1814), nachmals Professor der Naturgeschichte an den Universitäten Prag und Wien, war entschlossen, Märter und Haidinger zu begleiten, begnügte sich dann aber mit einer Europareise, als der Kaiser die Dauer der Expedition von vier auf acht Jahre erhöhte.Therese Forster (Hrsg.): Georg Forster’s sämmtliche Schriften. 7. Band, Friedrich Arnold Brockhaus, Leipzig 1843, S. 249 ().