Konrad Hahm (* 10. Juni 1892 in Ohlau, Provinz Schlesien; † 15. März 1943 in BerlinHorst Junker, Horst Wieder, Zur personellen Ausstattung des Museums für Vor- und Frühgeschichteseit 1829. Personalverzeichnis - Kurzbiografien - Stellenübersicht, in: Wilfried Menghin (Hrsg.), Das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte. Festschrift zum 175-jährigen Bestehen (Acta Praehistorica et Archaeologica 36/37 (2004/2005)), Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Berlin 2005, , S. 513–591, hier: S. 542.) war ein deutscher Volkskundler. In den 1920er-Jahren arbeitete er als Referent bei Reichskunstwart Edwin Redslob in Berlin und war vor allem mit Fragen der Volkskunst und Volkskunde betraut. Von 1928 bis 1935 leitete er die Sammlung für Deutsche Volkskunde, die der prähistorischen Abteilung des Völkerkundemuseums in Berlin angegliedert war, und war bis zu seinem Tod Leiter des 1935 neu gegründeten Staatlichen Museums für Deutsche Volkskunde. In diesem Zusammenhang arbeitete er an der wissenschaftlichen und kuratorischen Ausrichtung des Museums, dem er ein eigenes Gebäude und eine profiliertere Stellung als Institution zu verschaffen versuchte. Darüber hinaus bemühte er sich, die Volkskunde als völkische Wissenschaft zu positionieren und so sich und sein Haus im Nationalsozialismus abzusichern. In der Entwicklung des Berliner Museums für Volkskunde, das inzwischen im Museum Europäischer Kulturen aufgegangen ist, nimmt Hahm eine herausragende Stellung ein.

Leben Kindheit, Ausbildung und frühe Tätigkeit Konrad Hahm wurde am 10. Juni 1892 im niederschlesischen Ohlau als erstes von fünf Kindern des Bürgermeisters geboren. In seiner Kindheit besuchte Hahm mehrfach das Anwesen des Großvaters mütterlicherseits in Heinrichsdorf im Landkreis Militsch. Dort geriet er erstmals in Kontakt mit traditionellem bäuerlichem Volksleben. In der Folge studierte er in Breslau und Greifswald Theologie, Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. 1916 wurde er aus gesundheitlichen Gründen aus dem Kriegsdienst entlassen und konnte sich ganz seinem Studium widmen. Im Folgejahr wurde er mit einer Arbeit über das dichterische Vermächtnis von Georg Büchner promoviert.Erika Karasek, Konrad Hahm (1892–1943). Museum zwischen Aufbruch und Verhängnis, in: Jahrbuch für Volkskunde, Neue Folge 26, 2003, S. 121–136, hier: S. 121. Nach Abschluss des Studiums war Hahm für kurze Zeit an den Von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel tätig und seit 1919 Geschäftsführer des Schlesischen Vereins für Heimatschutz in Breslau. In dieser Funktion veranstaltete er unter anderem Ausstellungen und gab Kataloge heraus. Diese Position ermöglichte es ihm zudem, Kontakte mit Handwerkern, Künstlern und Museumsvertretern aus Schlesien und Sachsen zu knüpfen.

Anstellung beim Reichskunstwart (1922–1928) Arbeit für den Reichskunstwart und den Reichsverband für deutsches Handwerk mini|Reichskunstwart Edwin Redslob, 1929.

Zum 1. April 1922 erhielt Hahm eine Stelle als Referent beim Reichskunstwart Edwin Redslob in Berlin. Da er sich vor allem der Arbeitsgemeinschaft für Handwerkskultur widmen sollte, wurde die Stelle zur Hälfte vom Innenministerium und zur anderen Hälfte vom Reichsverband für deutsches Handwerk finanziert. Spätestens seit 1926 befand sich sein Arbeitsplatz im Schloss Bellevue, wo der Reichsverband für deutsches Handwerk ein Büro unterhielt. Die Stelle beim Reichskunstwart erlaubte es Hahm, verwaltungstechnische Abläufe kennenzulernen und auf wissenschaftstheoretischem Gebiet sowohl nationale wie auch internationale Kontakte zu knüpfen, die er im weiteren Verlauf seiner Karriere für sich fruchtbar machen konnte.Erika Karasek, Konrad Hahm (1892–1943). Museum zwischen Aufbruch und Verhängnis, in: Jahrbuch für Volkskunde, Neue Folge 26, 2003, S. 121–136, hier: S. 122. 1924 heiratete Hahm die finnische Kulturkorrespondentin Haidi Blafield, mit der er Kontakte zu Persönlichkeiten aus Staat und Gesellschaft pflegte, die er später für sein Projekt eines Museums für Deutsche Volkskunde nutzen konnte.

Reichskunstwart Redslob, der seit den frühen 1920er-Jahren die Untersuchung und Popularisierung der traditionellen Volkskunst förderte und selbst Konzepte entwickelte sowie Schriften veröffentlichte, regte Hahms Hinwendung zur Volkskunde an. Dabei folgte er einem gesamteuropäischen Trend der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.Erika Karasek, Konrad Hahm (1892–1943). Museum zwischen Aufbruch und Verhängnis, in: Jahrbuch für Volkskunde, Neue Folge 26, 2003, S. 121–136, hier: S. 123. Mit der Arbeitsgemeinschaft für deutsche Handwerkskultur sollten auch volkswirtschaftliche Ziele erreicht und über die Pflege der Volkskunst wirtschaftliche Impulse für die verschiedenen Gewerbezweige gegeben werden. Die Arbeitsgemeinschaft sollte durch kleine Ausstellungen Handwerker fördern und zudem durch historische Vorbilder gestalterische Anregungen bieten. Die Ausstellungen sollten außerdem zur Vorbereitung einer großen deutschen Volkskunstausstellung dienen, die seit 1922 angedacht worden war, deren konkrete Planung infolge der Inflation jedoch erst 1926 beginnen konnte. Redslob erarbeitete als Präsident dieser Ausstellung, die 1929 in Dresden im Kontext der Jahresschau deutscher Arbeit gezeigt werden sollte, ihr künstlerisches und wissenschaftliches Konzept, während er Hahm als Geschäftsführer einsetzte. Neben dieser Tätigkeit reiste Hahm zum Beispiel 1924 im Auftrag Redslobs nach Schlesien, wo er Material für die Ausstellung Schlesische Volkskunst, deren besonderer Schwerpunkt auf dem Aspekt des Grenzland- und Auslandsdeutschtums lag, sammeln sollte.

Als der Reichskunstwart 1926 für Mai 1928 einen internationalen Volkskunstkongress, der in Verbindung zu den Kontakten Redslobs mit dem Internationalen Institut für geistige Zusammenarbeit beim Völkerbund stand, einberief, betreute Hahm die Vorbereitungen auf deutscher Seite.Erika Karasek, Konrad Hahm (1892–1943). Museum zwischen Aufbruch und Verhängnis, in: Jahrbuch für Volkskunde, Neue Folge 26, 2003, S. 121–136, hier: S. 123 und 124. Auf dem in Prag stattfindenden Kongress wurde die Internationale Volkskunstkommission gegründet, der 24 nationale Kommissionen angehörten. Die Deutsche Volkskunstkommission stand unter dem Vorsitz Otto Lehmanns, während Hahm die Position des Geschäftsführers innehatte. Das Verhältnis der in der Kommission organisierten Volkskundler und dem Reichskunstwart war nicht ungetrübt, viele von ihnen standen dessen Kompetenz und der Gegenwartsorientierung der Beschäftigung Redslobs mit der Volkskunst skeptisch gegenüber. Auch Hahm äußerte sich in diesem Kontext abschätzig über seinen Vorgesetzten, mit dem er bereits in der Definition der Volkskunst – für Hahm lag sie wie für die meisten Fachkollegen im Bauerntum begründet, während Redslob sie dem zünftischen Handwerk zuordnete – nicht übereinstimmte. Für die Kommission bedeutete Hahms Position jedoch die Möglichkeit, in ihrem Sinne auf Entscheidungen hinzuwirken, die zu einer besseren finanziellen Ausstattung des Faches geführt hätten.Timo Saalmann, Kunstpolitik der Berliner Museen 1919–1959. De Gruyter, Berlin 2014, S. 204. Neben der Gründung der Internationalen Volkskunstkommission wurde auf dem Prager Kongress der Beschluss gefasst, in Bern eine Internationale Ausstellung von Volkskunst zu veranstalten. Als deutscher Beitrag sollte die für die Jahresschau deutscher Arbeit 1929 in Dresden konzipierte Ausstellung übernommen werden. Dies kam jedoch nicht zustande, nachdem erst das Präsidium der Jahresschau deutscher Arbeit in Dresden das Berliner Büro für die Volkskunstausstellung zum Jahresende 1927 aufgrund fehlender finanzieller Mittel schloss, womit auch Hahm entlassen wurde, und dann der Reichskunstwart im Zuge der Weltwirtschaftskrise ebenfalls nicht die Mittel für eine Beteiligung an der in Bern geplanten internationalen Ausstellung aufbringen konnte.Erika Karasek, Konrad Hahm (1892–1943). Museum zwischen Aufbruch und Verhängnis, in: Jahrbuch für Volkskunde, Neue Folge 26, 2003, S. 121–136, hier: S. 124.

Frühes wissenschaftliches Schaffen In seiner wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiet der Volkskunst zeigte Hahm schon im Laufe der 1920er-Jahre völkische Tendenzen. In seiner 1928 erschienenen Publikation Deutsche Volkskunst beschrieb er die Kreativität der Volkskunst nicht als kulturell begründbare Konstante der bäuerlichen Lebenswelt, sondern als biologisch begründete bäuerliche Lebens- und Werkauffassung. Im volkskundlichen Material erkannte Hahm Belege für das „Volksempfinden“ der Bauern, das auf Grundlage des Wirkens von „Volkstum“, „Stamm“, „Sippe“, „Erbgemeinschaft“ entstand. Die geringen Variationen von Ornamenten und Sinnbildern bewiesen für ihn die Formbeständigkeit der Volkskunst, die zur Überlieferung von germanischen Kulturelementen von der Bronzezeit bis in die Gegenwart geführt hätte. Diese ahistorische Rückprojektion von Ideen der germanischen oder deutschen Nation in die Vergangenheit bei Hahm entsprach ähnlichen Entwicklungen in der zeitgenössischen prähistorischen Forschung. Aus den festgestellten Kontinuitäten der Formen leitete Hahm das Vorhandensein einer intakten Gemeinschaft des einfachen Volkes ab, weshalb sich in der Volkskunst der künstlerisch geäußerte „Gemeinschaftsglaube“ finden lasse. Diese Position taugte zum politischen Argument in der Diskussion um die Entfremdung des Menschen im technischen Zeitalter.Timo Saalmann, Kunstpolitik der Berliner Museen 1919–1959, De Gruyter, Berlin 2014, S. 210. Hahm lehnte dabei Entwicklungen der Moderne jedoch nicht vollkommen ab. So verfasste er für den Band der Neuen Werkkunst über den Breslauer Architekten Theo Effenberger im Jahr 1929 die Einleitung. Effenberger gehörte zum progressiven Umfeld von Hans Scharoun und Hans Poelzig, verband in seiner Architektur aber moderne Elemente mit dem Heimatstil, weshalb er durchaus Hahms Vorstellung einer organischen Entwicklung im Sinne der Heimatschutzarbeit in Schlesien entsprach.Timo Saalmann, Kunstpolitik der Berliner Museen 1919–1959, De Gruyter, Berlin 2014, S. 210 und 211.

Anfang der 1930er-Jahre sollte Hahm erstmals an der Berliner Universität unterrichten. Im Wintersemester 1931/32 waren Vorlesungen zur Beziehung von Handwerk und Volkskunde in Berlin, die Studierenden aller Hochschulen und des berufspädagogischen Instituts offenstehen sollten, geplant. Das Deutsche Handwerksinstitut in Hannover sollte dieses Unternehmen finanziell unterstützen, die Vorlesungsreihe kam jedoch nicht zustande. Hahm beklagte, dass sein Ansatz Volkskunst und Handwerk miteinander in Beziehung zu setzen bis dahin weder von der Volkskunde noch Kunstwissenschaft verfolgt worden sei; das notwendige Material sei weit verstreut und kleine Museen hätten nicht die Mittel, es im notwendigen Umfang zu publizieren. Deshalb beantragte Hahm Reisemittel vom Deutschen Handwerksinstitut, so dass er im Wintersemester 1932/33 mit dem Halten der Vorlesung beginnen könnte. Im Februar 1932 teilte das Institut mit, beim preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einen Lehrauftrag zu beantragen. Sowohl der Minister als auch die philosophische Fakultät der Berliner Universität hätten zugestimmt, so dass der Beirat des Instituts Hahm für den Lehrauftrag vorgeschlagen und Mittel bereitgestellt habe. Ob es tatsächlich zur Ausübung dieses Lehrauftrags vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten Ende Januar 1933 kam, ist aber unklar. Im Vorlesungsverzeichnis tauchte Hahm erst 1936/37 auf.Wolfgang Brückner, Der Reichskunstwart und die Volkskunde 1923–1933. Ausstellungshoffnungen, Volkskunstkommission, Lehrstuhlpläne (1993), in: Heidrun Alzheimer-Haller, Christoph Daxelmüller, Klaus Reder (Hrsg.), Wissenschafts- und Institutionengeschichte der Volkskunde (= Volkskunde als historische Kulturwissenschaft. Band 78. Gesammelte Schriften von Wolfgang Brückner), Bayrische Blätter für Volkskunde, Würzburg 2000, S. 142–195, hier: S. 183–185.

Leiter der Sammlung für Deutsche Volkskunde (1928–1935)