mini|Mephistopheles über Wittenberg, in einer Lithographie zu Goethes »Faust« von Eugène Delacroix, 1828 mini|Faust im Studierzimmer von Georg Friedrich Kersting, 1829 Der Fauststoff, genannt auch Faust-Sage, die Geschichte des Doktor Johann Faust und seines Pakts mit Mephistopheles, gehört zu den am weitesten verbreiteten Stoffen in der europäischen Literatur seit dem 16. Jahrhundert. Das lückenhafte Wissen über den historischen Johann Georg Faust (wohl etwa 1480–1541) und sein spektakuläres Ende begünstigten Legendenbildungen und ließ Schriftstellern, die sich mit seinem Leben befassten, einigen Spielraum. Eigenschaften des Fauststoffs, die in den unterschiedlichsten Versionen wiederkehren, sind Fausts Erkenntnis- oder Machtstreben, sein Teufelspakt und seine erotischen Ambitionen.
Während sich in der Populärkultur ältere Vorstellungen von Faust als Narr und Scharlatan hielten, geschah seit dem 18. Jahrhundert eine literarische Aufwertung des Fauststoffs. Der menschliche Zwiespalt zwischen der Kraft des Glaubens und der Sicherheit wissenschaftlicher Erkenntnis wurde zu einem Hauptthema. Faust ist der über seine Grenzen hinaus strebende Mensch und befindet sich im Konflikt zwischen egozentrischer Selbstverwirklichung und sozialer Anerkennung in einer stets noch religiös geprägten Welt.
Faust als literarische Figur Vorbilder Unter dem Namen des historischen Faust verbinden sich mehrere antike, mittelalterliche und neuzeitliche Figuren: Prometheus (der die Götter herausfordert), Pygmalion (der Künstler, der sein Kunstwerk lebendig machen will), Allegorien der Todsünde Hochmut (die im mittelalterlichen Theater zu sehen waren, vgl. Vice), Don Juan (der überhebliche Frauenheld) oder die Figur des Dottore aus der Commedia dell’arte (der gelehrte Schwätzer). In die literarische Gestalt des Faust sind auch Motive älterer Verarbeitungen des Teufelspakt-Stoffes eingeflossen, so apokryphe Legenden um die biblische Gestalt des Gnostikers und Häretikers Simon Magus und mehrere teils ins 4. Jahrhundert zurückreichende griechische Legenden, die in lateinischen, später auch volkssprachlichen Bearbeitungen vielfach durchs Mittelalter bis in die frühe Neuzeit weiterlebten, so die zuerst von Hrotsvit von Gandersheim im 10. Jahrhundert lateinisch bearbeiteten Legenden von Theophilus und von Basilius (oder: Diener des Proterius) und die über lateinischen Vorversionen schließlich in die Legenda aurea eingegangene Cyprianslegende von einem Heiden Cyprian, der sich nach einem Teufelspakt am Ende doch bekehrt.Elisabeth Frenzel, Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, Stuttgart ³1970, S. 206–209; 726–729. Walter Haug, Der Teufelspakt vor Goethe oder Wie der Umgang mit dem Bösen zu Beginn der Neuzeit in die Krise gerät, in: ders., Die Wahrheit der Fiktion. Studien zur weltlichen und geistlichen Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit, Tübingen 2003, S. 88–112, hier besonders: S. 90–95.
In der um 1200 entstandenen mittelhochdeutschen Vorauer Novelle kann eine frühe Bearbeitung des Fauststoffes gesehen werden.
Renaissance und Barock mini|Titel des Drucks von Johann Spies, 1588 mini|Fassung von 1695 mini|Bearbeitung des „Faust“-Stoffes aus dem Jahre 1726 von einem „Christlich-Meynenden“
Zauberbücher (Grimoires) enthielten seit 1500 sogenannte Höllenzwänge (Zaubersprüche), die einem Johann Faust zugeschrieben wurden. Da der Wunderglaube abnahm, wurde das Interesse gegenüber Faust ein literarisches. Als Sinnbild eines Menschen, der sich aus mittelalterlicher Demut befreit, dessen Selbstbewusstsein aber in Hybris umschlägt, wurde er zu einem beliebten Vanitas-Symbol. In aller Regel blieb er dabei ein Narr oder Bösewicht.
Im Jahre 1587 veröffentlichte der Frankfurter Buchdrucker Johann Spies die Historia Von D. Johañ Fausten / dem weitbeschreyten Zauberer vnnd Schwartzkünstler.Historia Von D. Johann Fausten / dem weytbeschreiten Zauberer vnnd Schwartzkünstler Digitalisat des Drucks von 1593, Staatsbibliothek zu Berlin Die Erzählung enthält eine Vielzahl von Geschichten und Anekdoten, viele mit legendenhaften Elementen. Sie berichtet von Fausts Theologie- und Medizinstudium, seiner Beschäftigung mit der Zauberei und von seinem Bündnis mit dem Teufel, der Faust schließlich mit in die Hölle nimmt. Deutlich ist die christliche Einstellung des anonymen Verfassers zu erkennen. Das Buch vermittelt ein negatives Faustbild und eine Ermahnung zu gottesfürchtigem Leben. Es erlangte große Bekanntheit. Zwischen 1588 und 1611 wurde es ins Englische, Niederländische, Französische und Tschechische übersetzt.
1589 verfasste der Engländer Christopher Marlowe eine dramatisierte Version der „Historia“. Die tragische Historie vom Doktor Faustus enthält all ihre wesentlichen Stoffelemente. Die Faustfigur trägt aber deutliche Züge einer Renaissancegestalt. Faust verlangt anmaßend die Macht über die Welt und verachtet die Theologie und ihre Jenseitsorientierung. Er verschreibt sich der Magie und dem Teufel, was auch hier zu seinem bösen Ende führt. Trotzdem ist bei Marlowe deutlich die Sympathie für seinen Protagonisten erkennbar. Es ist die erste Faustbearbeitung, die der Figur des Faust positive Aspekte abgewinnt.
Marlowes Drama wurde um 1600 von englischen Schauspielergruppen nach Deutschland gebracht und von deutschen Wanderbühnen übernommen. In der folgenden Zeit wurde es allerdings zerspielt und auf komische Elemente reduziert. Faust wurde zu einer komischen Figur, vergleichbar mit dem Kasperl des Stegreiftheaters.
Zwischen Witzfigur und dämonischem Ungetüm bewegen sich die Faustfiguren der zahlreichen Bühnenfassungen des Stoffs. Oft dienen sie als Vorwand zu einem Zirkus-Spektakel zwischen Puppenspiel, Dressur, Ballett und Feuerwerk.
Der Augsburger Schausteller Rudolf Lang zog mit einer Hundenummer zum Thema Faust 1717–1721 durch Österreich und Deutschland und musste sich einmal ernsthaft gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen.
Berühmt sind die beiden englischen Faustpantomimen zu Beginn des 18. Jahrhunderts: Necromancer von John Rich und Doctor Faustus von John Thurmond (beide London 1723). Sie sind eine Sammlung von Vanitas-Motiven: Verträge, Prognosen, Musik, Tanz, Geldverleih, Prostitution, heidnische Antike werden unter dem Motto der Nichtigkeit und Vermessenheit bunt zusammengestellt.
Joseph Anton Stranitzky setzte in seiner Dramatisierung von 1725 der Faustfigur den Wiener Hanswurst gegenüber.
Seit 1750 mini|Jean-Paul Laurens – Dr. Fausto An der Verwendung des Fauststoffs lässt sich eine zunehmende Scheidung zwischen Hochkultur und Populärkultur ablesen. Im Zeitalter der Aufklärung begannen die Versuche, die Faustfigur zu rechtfertigen und grundsätzlich aufzuwerten. Gotthold Ephraim Lessing veröffentlichte 1759 in seinem 17. Literaturbrief einige Szenen eines von ihm geplanten Faustdramas. Faust wird hier als ein nach Erkenntnis strebender Renaissancemensch dargestellt. Aufgrund eben dieses Strebens nach Wissen wird er vor dem Teufelspakt bewahrt. Der aufgeklärte Künstler und Wissenschaftler, den Faust zunehmend symbolisierte, sollte keine grundsätzlich negative Figur mehr sein. Lessing vollendete dieses Werk nie. Viele junge Dichter befassten sich mit der Thematik. Faust verkörperte bei ihnen den Willen zum geistig-sinnlichen Abenteuer in einer eintönigen, überzivilisierten und naturfremden Welt. Paul Weidmann verfasste ein allegorisches Drama, in dem Faust von seinen Eltern besucht wird und umkehrt. Jakob Michael Reinhold Lenz schildert in seinem Gedicht Fragment aus einer Farce, die Höllenrichter genannt, einer Nachahmung der βατραχοι des Aristophanes Fausts Leben ohne Liebe als höllische Qual.Jakob Michael Reinhold Lenz: Fragment aus einer Farce, die Höllenrichter genannt, einer Nachahmung der βατραχοι des Aristophanes (online) In der Populärkultur gibt es parallel dazu immer noch die alte, durchwegs negativ gemeinte Faustfigur, deren Untergang als Moritat geschildert wird: In Hamburg etwa führt ein Pyrotechniker namens Girandolini 1785 ein musikalisch-physikalisches Freilichtspektakel Doctor Fausts Höllenfarth auf. Ebenso wurde diese ältere Bedeutung des Fauststoffes für aufklärerische Satiren benutzt. Friedrich Maximilian Klingers Roman Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt (1791) ist eine Mischung aus Aufklärungssatire und Sturm-und-Drang-Novelle.
mini|Ary Scheffer: Faust et Marguerite – Die französischen Versionen des Fauststoffs seit Gounods Oper legen ihr Schwergewicht meist auf die Gretchentragödie. Bruchlos geht diese Tradition ins Bühnenmelodram des 19. Jahrhunderts über. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind Ferdinand Kringsteiners Johann Faust (1811) und August Klingemanns Faust (1815)Elisabeth Frenzel: Stoffe der Weltliteratur – Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, Kröner, Stuttgart, (1. Auflage von 1976), S. 262 als populäre Schauerdramen. Noch Louis Spohr suchte im Stoff für seine Oper Faust (1818) eher einen reißerischen Aufhänger für seine Musik als einen bedeutenden Inhalt. Dass man die Vanitas-Symbolik im 19. Jahrhundert nicht mehr ernst nehmen konnte, zeigt sich in Travestien wie derjenigen von Franz Xaver Gewey 1815: Die Gegenstände in Fausts Studierstube, Totenköpfe, Skelette, Folianten, Waffen, Himmelskugeln, Landkarten beginnen sich dort wie in einem Disney-Film zu bewegen und im Chor zu singen.
In der neueren Rezeptionsgeschichte hat allerdings die Nobilitierung der Faustfigur ihre ältere Bedeutung verdrängt, obwohl sie in der Populärkultur unverändert präsent war. 1808 erschien Johann Wolfgang von Goethes Faust. Eine Tragödie. Goethe versuchte, dem Stoff seinen Pessimismus zu nehmen. Er gab seinem Faust ein zaghaft hoffnungsvolles Ende, ohne sich dem Religiösen unterzuordnen. Dieses Werk wurde zum wichtigsten der gesamten Faustdichtung. Der 1832 veröffentlichte zweite Teil ist streckenweise eher ein kulturkritischer Essay als ein Bühnenstück. Goethe beschäftigte sich insgesamt fast 60 Jahre lang mit dem Fauststoff. Er stellte Faust als Renaissancemenschen und Humanisten dar, als einen modernen Intellektuellen, der sich aus kirchlicher Bevormundung befreit hat. Seine Faustbearbeitungen konzentrieren sich auf Fausts Wunsch nach Erkenntnis und Erfahrungsvielfalt („Daß ich erkenne, was die Welt / im Innersten zusammenhält.“ – Faust I, V. 382/383). Die Gelehrtentragödie gelangt zu einem Höhepunkt, als Faust sich eingestehen muss, die von ihm gewünschte Welterkenntnis aus eigener Kraft nicht erlangen zu können. Goethe rechtfertigte damit den Teufelspakt durch eine Gesinnung, die nicht grundsätzlich verwerflich sei. Schon Lessing bezeichnete die Wissbegier als den edelsten Trieb des Menschen. Außerdem verband Goethe Fausts Suche nach Erkenntnis mit der Gretchentragödie. Gretchen, die von Faust Verführte, wird zur Personifikation der reinen Unschuld Faust gegenübergestellt (Mephistopheles: „Über die hab ich keine Gewalt“, V. 2626).
1836 erschien mit dem Drama Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer von Jens Immanuel Baggesen eine Satire auf Goethes Faustfragment. Die Goethe-Parodie von Friedrich Theodor Vischer Faust. Der Tragödie dritter Teil (1862) konnte sich nicht durchsetzen. Der Fauststoff blieb dennoch auf der Ballett- und Opernbühne in zahlreichen Versionen präsent. Am berühmtesten wurde Charles Gounods schwärmerisch-empfindsamer Faust von 1859. Aus Respekt gegenüber Goethe nannte man die Oper im deutschen Sprachgebiet Margarethe. Noch das erste US-amerikanische Musical The Black Crook (1866) nimmt den Fauststoff als Aufhänger zu einem unterhaltenden Bühnenspektakel.
20. Jahrhundert