mini|230px|Toggenburger Häuser in Unterwasser Das Toggenburger Haus ist die traditionelle bäuerliche Hausform im Toggenburg. Dieser Haustyp wurde in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert gebaut und prägt heute noch die Landschaft des Tals.
Geschichte Die Bauernhäuser an der Alpennordseite waren vor dem Dreissigjährigen Krieg klein und innen dunkel. Sie trugen ein flach geneigtes Dach, weil als Bedachungsmaterial nur einheimische Brettschindeln mit groben Steinen zur Beschwerung in Frage kamen.Kirchgraber, S. 12 Eisennägel konnten noch zu Beginn des Krieges nur in geringen Mengen bezogen werden.Kirchgraber, S. 13. Ab 1680 kamen im Toggenburg die ersten Schmieden auf, was von der Obrigkeit in St. Gallen gefördert wurde. Kurz vor 1600 entwickelte man in Lüttich ein neues Verfahren, Nageleisen zu spalten, statt mit dem Hammer zu schmieden. Die so hergestellten Nägel wurden zunächst im holländischen Schiffsbau verwendet.Kirchgraber, S. 14. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam es zu einem Preissturz der Eisennägel, und ab 1670 wurden im Toggenburg die ersten stattlichen Strickbauhäuser mit steilen Nageldächern erbaut.Kirchgraber, S. 15–16. Die Eigentümer dieser Häuser waren jedoch keine einfachen Bauern, sondern wohlhabende Kaufleute, die mit dem Leinengewerbe reich geworden waren.Kirchgraber, S. 18.
Gegen 1700 kam es zur politischen Krise zwischen der Bevölkerung des Toggenburgs und dem Fürstabt, die 1712 zum Zweiten Villmergerkrieg führte. Die Bautätigkeit kam zum Erliegen. Nach langen Verhandlungen kam 1759 der endgültige Friedensvertrag zu Stande. Dieser und die aufkommende Baumwollspinnerei führten dazu, dass 80 Prozent der Tätschhäuser mit einem Steildach ausgestattet oder durch einen Neubau mit Steildach ersetzt wurden. Die ursprünglich unverkleideten Fassaden wurde seit dem Beginn der 18. Jahrhunderts entweder vertäfert oder mit einem Schindelschirm versehen.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 228–229
mini|Spätbarockes Haus «zur Mühle» in Alt St. Johann aus dem Jahr 1787 mit Mansardendach. Es dient seit 2011 als «Klangschmiede» des Klangwegs Toggenburg.Ivo Bösch: Klang in der Mühle. In: Heimatschutz/Patrimoine. Nr. 1/2012, herausgegeben vom Schweizer Heimatschutz. Online auf: www.RGBlick.com, Website des Naturfotografen René Güttinger, abgerufen am 14. November 2018. Das klassische Toggenburger Haus steht allein für sich ohne angebauten Stall. Rückseitig steht ein kleiner Anbau, in dem heute Brennholz gelagert wird.Kirchgraber, S. 44. Im späteren 18. und im frühen 19. Jahrhundert entstanden Häuser mit Mansardendächern, die für die alten Toggenburger Wirtshäuser geradezu typisch sind. Im 19. Jahrhundert wurden die Reihenfenster oft durch grössere Einzelfenster mit eigenen Regenabwurfdächlein ersetzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trat der Eternit-Schirm seinen Siegeszug an.Anderes/Hagmann, S. 49–50
Baumerkmale Das Toggenburger Haus ist ein Block- oder Strickbau, wie er für die zentralen und östlich anschliessenden Alpen vorherrschend und kennzeichnend ist. Gegen Norden ist ungefähr vom Schnebelhorn nach Bütschwil und weiter Richtung Nordosten eine Grenzlinie auszumachen. In Degersheim ist der Blockbau vorherrschend, in Flawil kommt er etwa zur Hälfte vor.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 88–90 Diese Grenzlinie deckt sich im Groben auch mit der Konfessionsgrenze. (vgl. Abschnitt Karten) Nördlich davon ist der Bohlenständerbau verbreitet, eine Mischform von Ständerbau (Rahmen) und Strickbau (Füllung). In Bütschwil und Lütisburg sind ein Drittel der der Bauernhäuser Bohlenständerbauten,Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 226 in Flawil und Uzwil sind es rund die Hälfte und in Jonschwil und Oberuzwil ist diese Bauweise in der Mehrheit.
mini|223px|Haus in Unterwasser mit weiss bemalten drei- und vierteiligen Fensterwagen und Doppelfenstern mini|223px|Oberes Türmlihaus in Furt in der Gemeinde Neckertal. Das Haus wurde bereits 1614 erbaut und ist in Riegelbauweise ausgeführt.Kirchgraber, S. 90.
Das Toggenburger Haus lässt sich durch verschiedene Merkmale charakterisieren: Das Steildach mit dem hohen First erschien im Toggenburg früher als in anderen Gegenden der Schweiz.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 220 Es führte zu einer anderen, für alpine Verhältnisse völlig neuen Dachkonstruktion. Das steile Sparrendach ersetzte das flache Pfettendach. Anders als die Rafen eines Pfettendachs liegen die Sparren nicht auf der Traufe auf, sondern stehen auf einem Widerlager, so dass das Sparrendach eine tragende Brücke bilden kann. Mit Aufschieblingen wird ein Traufvorsprung erreicht, was am Dachknick, der im 18. Jahrhundert zu jedem Toggenburger Bauernhaus gehörte, deutlich sichtbar ist.Kirchgraber, S. 25. Das Sparrendach, das vom stehenden Ständerbau stammt, hat man auf den liegenden Strickbau des Toggenburger Hauses aufgesetzt. Das Dach des Appenzeller Hauses weicht typologisch von dem des klassischen Toggenburger Hauses ab.Kirchgraber, S. 31. Hängende Steildächer hatten die Tendenz, im Lauf der Zeit seitlich etwas abzurutschen. Flugsparrendreiecke, auch als „Züri-Vieri“ bezeichnet, schaffen Abhilfe, indem sie die vorstehenden Flugsparren mit den Pfettenbögen verstreben. Im Toggenburg kamen sie nach 1750 auf, waren aber sogleich sehr beliebt. Flugdreiecke wurden auch bei Pfettendächern angebracht, obwohl sie dort keine statische Funktion haben.Kirchgraber, S. 25. Klebdächer kamen im 16. Jahrhundert in Schwyz auf. Sie schützen vor Niederschlägen und beschatten im Sommer bei hohem Sonnenstand die Fenster. Im Toggenburg verbreiteten sie sich ein Jahrhundert später. Während Schwyzer Klebdächer auf aus dem Strickbau herauskragenden Balkenvorstössen ruhen, sind sie im Toggenburg an die Fassaden geheftet.Kirchgraber, S. 31–32. Vermutlich gleichzeitig kamen die Zugläden auf, die unterhalb der Fensterbank in Holzverschalungen versenkbar sind. Diese Zugladenkästen sind oft mit rautenförmigen Zierleisten oder Rahmenbrettern geschmückt.Anderes/Hagmann, S. 48. Dank den Klebdächern sind die Ladenkästen vor dem Regen geschützt. Im 17. Jahrhundert wurden die Klebdächer unten offen gebaut, hundert Jahre später waren konkav ausgekehlte Untersichten üblich. Ein Kennzeichen der typischen Toggenburger und Appenzeller Häuser sind die Reihenfenster, sogenannte Fensterwagen. Stattdessen hielten sich in Schwyz und Vorarlberg die Einzelfenster. Die Fensterwagen sind ein gotisches Element und von der Ständerbauweise abgeleitet.Kirchgraber, S. 69. Um 1800 kam die weisse Bemalung der Kreuzstöcke und Klebdachuntersichten auf.Kirchgraber, S. 47, 69–70. Das vierte Bauelement, der Turmerker, kommt nur bei wenigen Toggenburger Häusern vor. Der Eckerker war eine St. Galler Spezialität und diente als Vorbild für die Türmlihäuser. Sie wurden von hochgestellten, Ämter tragenden Bauherren erbaut, die mit dem Textilhandel zu tun hatten.
Getrenntbauweise mini|Kreuzgiebelhof in der Nesselhalde, Unterwasser. Als Schutz der gegen Süden/Südosten ausgerichteten Fassade vor Wind und Regen ist der an der Westseite angebaute Ökonomieteil leicht vorstehend.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 79, 221 Im oberen und mittleren Toggenburg verfügen etwa drei Viertel der Bauernhöfe über frei stehende Stallscheunen, in Alt St. Johann und Krummenau sind rund 90 Prozent. Je mehr man sich der Thur entlang flussabwärts bewegt, desto grösser wird der Anteil der Kreuzgiebelhäuser (vgl. Abschnitt Karten). In Hemberg und Oberhelfenschwil sind noch die Getrenntbauweise vorherrschend, in Mosnang, Bütschwil und in der Gemeinde Neckertal ist das Verhältnis etwa ausgeglichen,Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 79, 215–216 wobei viele dieser Kreuzfirsthöfe ihre angebauten Stallscheunen erst im 19. Jahrhundert erhalten haben. In Kirchberg, Lütisburg, Degersheim und nördlich dieser Gemeinden sind – wie beim Appenzeller Bauernhaus – dann die Quergiebel-Vielzweckbauten dominierend.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 79, 218–219 Bei der Mehrheit dieser Bauten ist die Stallscheune westseits an das Wohngebäude angefügt als Schutz vor Wind und Nässe.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 41
Lauben und Vorkragungen mini|links|Hauseingang unter einer Laube im Oberdorf Wildhaus. Die westseitig angebrachte Wetterwand schützt die Fassade vor der Witterung. Wetterwände sind besonders häufig in der Wildhaus-Alt St. Johann und in exponierten Lagen im Neckertal.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 219–220 mini|Rückseitige Vorkragung an einem Bauernhaus im Rosengarten, Bütschwil Oft sind die Toggenburger Häuser mit auf einer oder beiden Traufseiten angefügten Lauben ausgestattet. Häufig befindet sich unter der wettergeschützten Laube an der Ostseite der Hauseingang. Die ursprüngliche Form war die mit einem Leistenschirm verschalte Obergeschoss-Laube, welche über das Erdgeschoss hinausragte. In vielen Fällen wurden die Aussenwände später auf den Boden herabgezogen, so dass die Lauben zu Laubenanbauten wurden und nun über zwei Geschosse reichen. Manchmal wurden die Laube zu einem Schopfanbau erweitert. Der Laubenanbau wurde im Erdgeschoss oft für den Einbau eines Aborts oder eines Stalls, z. B. für Hühner oder Schweine, genutzt.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 219–220
Rückseitige Vorkragungen, welche vor allem im Fürstenland anzutreffen sind,Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 225 sind besonders häufig in Flawil und Oberuzwil. Sie sind auch im unteren Toggenburg und im Neckertal zu finden. Dabei entsteht vor der Küche ein wettergeschützter Bereich.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 85 Im mittleren Toggenburg sind sie nur selten, im Obertoggenburg kaum vorhanden. (vgl. Abschnitt Karten)
Ausrichtung, Grundriss mini|Klassische Raumeinteilung eines Toggenburger Hauses. Das abgebildete Ackerhaus in Ebnat-Kappel ist seit 1952 ein Heimatmuseum. Die Toggenburger Häuser sind mit ihrer Fassade wenn möglich nach Süden bis Osten ausgerichtet. Schattenhalb werden je nach Lage auch andere Ausrichtungen gewählt.Eberle/Gschwend/Hochreutener Naef/Kruker, S. 222
Der Grundriss der Toggenburger Häuser ist ziemlich einheitlich. Das Haus wird durch einen seitlichen Eingang betreten. Giebelseitig sind Stube und Nebenstube. Der Kachelofen in der Stube wird von der hinten liegenden Küche beheizt. Im ersten Obergeschoss sind drei bis vier Schlafkammern. Die vom Steildach angeschnittenen Seitenräume, die «Schlüffe», sind mit einer kleinen Frontluke versehen und dienen als Ablage.Anderes/Hagmann, S. 51. Die Hauptfassade der grossen Häuser mit Haustüre auf der Giebelseite ist symmetrisch: unten der oft mit Rundbogen versehene Eingang, oben die Firstkammer, links und rechts dieser Linie die Fensterwagen, die die beiden unabhängigen Wohneinheiten beidseits der Symmetrieachse erhellen. Grosse Häuser lohnten sich, denn Abgaben wurden nicht pro Kopf, sondern pro Haushaltung erhoben.Kirchgraber, S. 45–46.
Webkeller und Sticklokale mini|Haus auf Strichboden, Starkenbach, mit Anbau für Stickmaschine, erkennbar an den grossen Fenstern