Martha Haushofer, geborene Mayer-Doss (* 21. April 1877 in Mannheim; † 10. März 1946 in Hartschimmelhof bei Pähl am Ammersee), war eine deutsche Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Geopolitikers Karl Haushofer.
Leben und berufliche Entwicklung Martha Mayer-Doss wurde am 21. April 1877 in Mannheim geboren als Tochter des jüdischen Zigarrenfabrikanten Georg Ludwig Mayer-Doss (1847–1919), der 1882 zum Katholizismus übertrat,hohenemsgenealogie.at und seiner Ehefrau Christine, geborene von Doss (1854–1930).genealogie-oberbayern.de In jungen Jahren wurde ihr vom Vater die Entfaltung ihrer starken intellektuellen Neigungen und Fähigkeiten strikt verwehrt. 1895 zog die Familie nach Partenkirchen. Haiger/Ihering/von Weizsäcker, Albrecht Haushofer, Ernst-Freiberg-Stiftung, Berlin 2002, S. 12f. Im selben Jahr lernte Martha kurz vor ihrem 18. Geburtstag den acht Jahre älteren Artillerie-Leutnant Karl Haushofer kennen. Die kirchliche Trauung erfolgte 1896 in der Wallfahrtskirche St. Anton oberhalb von Partenkirchen.
Im selben Jahr wurde Martha Haushofer Mitglied eines Frauenvereins, der sich 1899 den Namen Verein für Fraueninteressen e.V. gab. In der ersten Mitgliederliste wurde sie neben der Schwägerin Marie Haushofer,https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?task=lpbauthor.default&pnd=140378049 dem Schwiegervater Max Haushofer Jr. und seiner späteren Frau Emma Merk geführt. 1897 erfolgte ihre Wahl in den Vorstand, in dem sie bis 1919 verblieb.Ingvild Richardsen, Porträt von Martha Haushofer, Literaturportal Bayern Von 1897 bis 1902 übte sie im Verein die Funktion der Schriftführerin und Kassenverwalterin aus. In den Veranstaltungen referierte sie über verschiedene Themen der Frauenarbeit und die sich daraus ableitenden rechtlichen Anforderungen, außerdem über August Strindberg und Rahel Varnhagen. Ihre erste große Veröffentlichung war die Übersetzung des Buches von Anatole France „Der Gaukler unserer lieben Frauen“. erschienen in: Jugend Band I. Nr. 8 vom 22. Februar 1896 Ab 1898 arbeitete sie in der Rechtsschutzstelle des Vereins.
Mit einer Sondergenehmigung wurde sie 1898, ohne Abitur, als Hörerin für die Veranstaltungen der Universität München zugelassen. Haushofer war sprachbegabt und beherrschte mehrere Sprachen wie Japanisch, Französisch und Englisch. Sie interessierte sich stark für Politik und rechtliche Fragen. Ihre Interessen wurden von ihrem Mann nur geduldet, da sie seinen Vorstellungen von der Rolle der Frau widersprachen.Spang 2013, S. 157 books.google Fußnote 349: „Karl Haushofer an seine Frau, 18.1.1918, zitiert in: Jacobsen 1979, I, S. 146f.“ Von ihrem Wesen her war sie rational und unerschrocken. Da sie auch für die militärischen Belange ihres Ehemannes ein offenes Ohr hatte und sich mit diesen Dingen auseinandersetzte, vertraute er ihr auch dienstliche Geheimnisse an. Wusste er doch, dass er bei ihr in solchen Angelegenheiten auf volle Verschwiegenheit rechnen konnte. Als zukünftigen Lebensort für die junge Familie Haushofer kaufte ihr Vater 1900 den Hartschimmelhof bei Pähl am Ammersee. Am 7. Januar 1903 wurde ihr Sohn Albrecht Haushofer und 1906 ihr zweiter Sohn Heinz Haushofer geboren.
Ihr Ehemann Karl Haushofer war inzwischen zum Hauptmann befördert und 1908 in die Zentralstelle des bayrischen Generalstabs versetzt worden. Da ihn das „rein“ Militärische nicht mehr sonderlich interessierte, hatte er sich auf Marthas Drängen 1907 für eine Auftragsreise nach Ostasien beworben. Am 24. Juni 1907 erhielt er Kenntnis, dass er für diese Expedition ausgewählt wurde. Von der Abgabe der Bewerbung an stand aber fest, dass beide diese Reise nur gemeinsam antreten würden. Denn, wie Martha Haushofer in ihrem Reise-Tagebuch notierte: „ich war ja eigentlich die treibende Kraft bei dem Entschluß gewesen.“zitiert nach HPA, Reise-Tagebuch S. 5, in Spang 2013 S. 89 books.google Karl Haushofer bezog Martha von Beginn an intensiv in die Reisevorbereitungen mit ein. Das betraf das Zusammenstellen und Studieren verfügbarer Fachliteratur über die einzelnen Länder, das Anfertigen von Länderskizzen, die Überprüfung vielleicht schon bestehender Kontakte und die Konsultation mit Personen, die bereits über konkrete Ländererfahrungen verfügten. Zum Erlernen der Sprache bedienten sie sich des Japaners Murata, wobei Martha Haushofer mit der japanischen Sprache recht gut zurechtkam. Ihr Ehemann bezeichnete seine Beherrschung des Japanischen noch 1913 in einem Aufsatz als „schlecht und recht“.Aus den Erfahrungen des ersten bayerischen Japan-Kommandos, in: Geist des Ostens 2/1913, S. 98; vgl. Spang 2013, S. 120 books.google0 Kurz vor Reiseantritt wurden die Kinder in die Obhut der Großeltern nach Partenkirchen gegeben.Spang 2013, S. 155 books.google
Aufenthalt in Japan Als Termin der Abreise war der 19. Oktober 1908 festgelegt worden. Der kleinen Reisegesellschaft gehörten außer den Eheleuten Haushofer noch an: der Mitarbeiter des Generalstabes Heinrich Graf von Luxemburg (1874–1960) und der Strafrechtler und Cousin von Martha, Max Ernst Mayer (1875–1923). Über die Reise führte Martha ein Tagebuch, um die vielen neuen und wissenschaftlich verwertbaren Kenntnisse recht authentisch festhalten zu können. Für Karl Haushofer bestand das Ziel der Auftragsreise darin, die politische und militärische Situation in den besuchten Ländern genau zu studieren, zur Festigung der Beziehungen dieser Länder mit Deutschland beizutragen und dabei mögliche strategische Partnerschaften zu überprüfen. Vor allem Japan war aus militärischen Überlegungen mit in das Besuchsprogramm aufgenommen worden, weil sich der Auftraggeber wichtige Informationen aus den Erfahrungen des Russisch-Japanischen Krieges versprach. In Japan selbst war vorgesehen, Karl Haushofer zur deutschen Gesandtschaft in Tokio für einen längeren Dienstaufenthalt abzukommandieren und anschließend bei einem japanischen Feldartillerieregiment, in der Nähe von Kyoto als militärischen Beobachter einzusetzen. Marthas Aufgabe bestand in der Dokumentation der gesammelten Eindrücke, der Reisebegleitung ihres Gatten, der von Natur her kein „Weltreisender“ war, und darin, mit ihren fortgeschrittenen Sprachkenntnissen die Kontaktpflege und Gesprächsführung zu unterstützen.
Am 19. Oktober 1908 bestieg man in Genua den Reichspostdampfer „Goeben“ und erreichte über Indien, Ceylon, Singapur, Hongkong nach vier Monaten, am 19. Februar 1909, Japan. In Tokio wurden sie von den Angehörigen der deutschen Botschaft begrüßt und mit hohen Amtsträgern der Regierung und des Militärs bekannt gemacht. Der Aufenthalt hier dauerte 7 Wochen. Tokyo befand sich als Stadt noch in einem deutlichen Umbruchs- und Entwicklungsprozess und die Menschen, die sie auf Empfängen kennenlernten, verhielten sich zwar höflich, aber distanziert. Dennoch gelang es bereits hier, gute Kontakte zu führenden japanischen Militärs und auch zu Politikern herzustellen. Wie Martha in ihrem Reisetagebuch vermerkte, waren sie froh, die Weiterreise antreten zu können, da sie den Eindruck gewonnen hatten, hier nicht die realen japanischen Gepflogenheiten und Traditionen kennengelernt zu haben. Tatsächlich jedoch war den Erwartungen ihres Ehemanns, im ersten Jahr die Aufgaben des Militärattachés in Tokyo wahrzunehmen, nicht stattgegeben worden. Als Major der bayrischen Armee sah er es für nicht standesgemäß an, sich dem amtierenden Militärattaché Hauptmann Paul Walter Bartels unterzuordnen. Deshalb entschied er, nach nur sieben Woche die so nicht geplante Reise fortzusetzen. Christian W. Spang: Karl Haushofer und Japan. Die Rezeption seiner geopolitischen Theorien in der deutschen und japanischen Politik, Band 52 der Monographien aus dem Deutschen Institut für Japanstudien, 2013, S. 393ff.
Von Tokio aus ging die Reise weiter in die Regionen des südwestlichen Japans. Die Regenzeit verbrachten sie in Kyoto und erreichten im August 1909 die Region um den Fujiyama. In dieser Phase der Reise hatte Karl Haushofer erhebliche Depressionen und Zukunftsängste. War ihm doch völlig unklar, welche Aufgabe ihn nach der Rückkehr nach Deutschland erwarteten würde. Denn bereits vor Reiseantritt haderte er erheblich mit den ihm zugewiesenen militärischen Aufgabenstellungen. Das wurde noch verstärkt durch ein heftiges Heimweh, das ihn gepackt hatte. Hier war Martha Haushofer gefordert, ihn aufzubauen und ihm zu helfen, den Blick nach vorn zu richten. Im September 1909 besichtigten sie den Fortschritt der japanischen Eisenbahnbauten in der von Japan besetzten Mandschurei. Sie schlossen Kontakte zu Offizieren der japanischen Besatzungstruppen in Tianjin und lernten hier den Sekretär der Botschaft Honda Kumatarō (1874–1948), den späteren japanischen Botschafter (ab 1924) in Berlin kennen. Weiter führte sie die Reise nach Fushimi-ku (Kyōto), wo das Artillerieregiment stationiert war, der eigentliche Höhepunkt der Studienreise. In ungewöhnlicher Offenheit wurden sie hier empfangen, vertraut gemacht mit sehr internen militärischen Sachverhalten. Hier fühlte sich Karl Haushofer in seinem eigentlichen Element und es gelang, auf der Grundlage gemeinsamer Sympathien zu zahlreichen Japanern auch freundschaftliche Beziehungen aufzubauen. Überhaupt erreichten beide Haushofers, wie kaum ein Anderer nach ihnen, einen ungeheuer hohen Bekanntheitsgrad. Damit entstand eine entscheidende Basis für das spätere wissenschaftliche und populistische Agieren von Martha und Karl Haushofer in den 1920er und 1930er Jahren auf dem Gebiet der Geopolitik.
Auf der Rückreise, die man am 15. Juni 1910 antrat und die von Kyoto über Wladiwostok, Irkutsk, Moskau und Warschau nach München führte, erkrankte Karl Haushofer und bedurfte der Pflege durch Martha. Während sich seine Genesung bis 1912 hinauszögerte, begann Martha sofort nach der Heimkehr mit dem Ordnen der Eindrücke und gesammelten Informationen. Vor allem schrieb sie den pflichtgemäß zu erstellenden Aufenthaltsbericht, während ihr Ehemann Teile vom Krankenbett aus diktierte. Sie vervollständigte und ergänzte die Aufzeichnungen ihres Reisetagebuches, fertigte Übersichten an und recherchierte Sachverhalte in der Fachliteratur. Ergänzend dazu besuchte sie zahlreiche Vorlesungen und Veranstaltungen, die der wissenschaftlichen Arbeit ihres Mannes dienten, zum Beispiel Veranstaltungen des Geografischen Instituts in München und Vorträge des Geowissenschaftlers Erich von Drygalski (1865–1949). Einige der asiatischen Themen verarbeitete sie selbst schriftstellerisch und wuchs damit zugleich in die Rolle einer unersetzlichen wissenschaftlichen Mitarbeiterin ihres Ehemannes hinein. An der Erarbeitung seiner Betrachtungen über Groß-Japans Wehrkraft „Dai Nihon“, das 1913 erschien,Verlag E.S.Mittler und Sohn hatte sie sehr großen Anteil. Es war, wie sie in den Familienaufzeichnungen notierte: „K's erstes Buch in gemeinsamer Arbeit“.Spang 2013, S. 149 books.google mit Fußnote 306 Karl Haushofer würdigte das, in dem er ihr diese Arbeit widmete, die der Grundstein seiner wissenschaftlichen Karriere wurde.
Weitere Berufsentwicklung bis 1932 Martha Haushofer nahm nach der Rückkehr auch ihre Arbeit im Verein für Fraueninteressen wieder auf. Sie trat 1913 in den Vorstand ein, schrieb einen Nachruf für die kürzlich verstorbene Ika FreudenbergIn: Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine, 1. Februar 1912. und das Vorwort zu ihrer Schrift Was die Frauenbewegung erreicht hat. Kurz hintereinander veröffentlicht sie drei Aufsätze, in denen sie die Eindrücke ihres Aufenthaltes im asiatischen Raum verarbeitete. 1912 erschien der Artikel Im größten Krater der Welt über den Aso (Vulkan) auf Kyūshū,Kosmos, Jahrgang 1912, Heft 12, S. 481-5 books.google. ein Jahr später der Aufsatz Das japanische NaturgefühlIn: Geist des Ostens, Band 1, Jahrgang 1913, S. 147 books.google. sowie 1913 und 1914 der Artikel Die nationale Reformbewegung in Ceylon.In: Geist des Ostens, 1. Jahrgang, Heft 11 S. 664; Heft 12 S. 721 books.google und 2. Jahrgang S. 116 books.google.