mini|Linda Richards (1841–1930) Malinda Ann Judson „Linda“ Richards (* 27. Juli 1841 in West Potsdam, New York, USA; † 16. April 1930 in Boston, Massachusetts, USA) war eine US-amerikanische Krankenschwester und die erste diplomierte Krankenschwester der Vereinigten Staaten.
Leben Kindheit und Zeit als „Born-Nurse“ Linda Richards, eigentlich Malinda Ann Judson Richards, war die jüngste der vier Töchter von Betsy Sinclair Richards und Sanford Richards, einem Prediger, der seine jüngste Tochter nach der Missionarin Ann Hasseltine Judson benannte. Sanford Richards war mit sechs von insgesamt zehn Brüdern im Jahr 1630 nach Amerika gekommen. Etliche der Vorfahren von Sanford Richards waren Ärzte und Pfarrer. Linda Richards Mutter Betsy Sinclair Richards entstammte einer Familie der Orkney-Inseln.Linda Richards: Reminiscences of Linda Richards, America's First Trained Nurse. Classic Reprint Series, Forgotten Books FB&cLtd., London 2018, S. 1 f., online unter https://archive.org/details/reminiscencesli00richgoog/page/n31/mode/2up Als Linda vier Jahre alt war, starb der Vater an Tuberkulose. Die Mutter erkrankte neun Jahre später ebenfalls an Tuberkulose, und die erst dreizehnjährige Linda pflegte die Mutter bis zu deren Tod. Im Jahr 1860 verlobte sich Linda Richards mit George Poole, der vor der Hochzeit in den Amerikanischen Bürgerkrieg eintrat und 1865 verwundet wurde. Linda Richards pflegte auch ihn bis zu seinem Tod im Jahr 1869. Linda Richards bezeichnete sich als „born-nurse“, also als eine Krankenschwester, die von erfahrenen älteren Frauen und dem Hausarzt eingearbeitet wurde. Dies war ihr jedoch zu wenig. Sie wünschte sich eine Ausbildung, die über diese Anleitung durch in Pflege erfahrene Frauen und den Hausarzt hinausging. Sie begann eine Tätigkeit als Pflegehelferin im Boston City Hospital, wo sie jedoch lediglich die Tätigkeit eines Dienstmädchens ausführen durfte. Sie war sehr enttäuscht. Auch die schlechte Qualität der Pflege machte ihr zu schaffen. Sie empfand die meisten Pflegekräfte als gedankenlos, herzlos und respektlos. Allerdings wurden die Pflegekräfte auch wenig respektiert, lebten in schäbigen Zimmern, bekamen nur wenig zu essen und hatten wenig Freizeit. Diese schlechten Bedingungen förderten den Zynismus der Pflegekräfte. Als das englischsprachige Buch „Una and Her Paupers“ erschien, das die Geschichte der Pflegeausbildung am St. Thomas’s Hospital in London bei Florence Nightingale erzählte, intensivierte Linda Richards ihre Suche nach einem Ort, an dem sie als Pflegekraft ausgebildet werden konnte. Sie wurde zu einem der Ärzte am New England Hospital for Women and Children in Boston verwiesen, der ihr von einer Krankenpflegeschule erzählte, die an diesem Krankenhaus eingerichtet werden sollte.
Ausbildung zur diplomierten Krankenschwester 1872 wurde am New England Hospital for Women and Children in Boston die erste Allgemeine Schwesternschule in den USA (General Training School for Nurses) eingerichtet. Die Gründung der Schule hing maßgeblich mit dem Engagement der beiden Ärztinnen Susan Dimock und Marie Zakrzewska zusammen. Dimock hatte auf einer Europareise auch Florence Nightingale und Theodor und Friederike Fliedner in Kaiserswerth besucht, um sich Inspirationen für eine Krankenpflegeausbildung zu holen. Zakrzewska hatte während ihrer Ausbildung zur Hebamme an der Charité in Berlin bereits das Krankenpflegelehrbuch des Arztes Johann Friedrich Dieffenbach kennengelernt.Johann Friedrich Dieffenbach: Anleitung zur Krankenwartung, Hirschwald Berlin 1832.Christine R. Auer: Geschichte der Pflegeberufe als Fach. Die Curricular-Entwicklung in der pflegerischen Aus- und Weiterbildung, Diss. Institut für Geschichte der Medizin Universität Heidelberg, akademischer Betreuer Wolfgang U. Eckart, Heidelberg 2008, S. 74–78. Richards gehörte zu den ersten fünf Schülerinnen dieser Schwesternschule, die aufgenommen wurden. Linda Richards schrieb sich als Erste ein. Im ersten halben Jahr der Ausbildung begann der Tag mit dem Aufstehen um 5:30 Uhr und endete abends um 21:00 Uhr, wenn die Schwesternschülerinnen sich in kleinen Räumen zwischen den Stationen schlafen legten. Auch während der Nachtruhe musste nach den Patienten gesehen werden, und nicht selten wurde der Nachtschlaf mehrfach unterbrochen. Nach sechs Monaten wurde eine eigene Nachtschwester eingestellt. Schulunterricht fand in jeder zweiten Woche an lediglich einem Nachmittag statt.Linda Richards: Reminiscences of Linda Richards, America's First Trained Nurse. Classic Reprint Series, Forgotten Books FB&cLtd., London 2018, S. 10 f., online unter https://archive.org/details/reminiscencesli00richgoog/page/n41/mode/2up Die Ausbildung dauerte ein Jahr, umfasste auch ambulante Einsätze und schloss ohne eigene Prüfung ab. Linda Richards erwarb am 1. Oktober 1873, im Alter von 32 Jahren, ihr Krankenpflegediplom. Da sie sich als erste Schülerin eingeschrieben hatte, galt sie bzw. gilt sie noch als erste diplomierte amerikanische Krankenschwester.
Beruflicher Werdegang Ab 1873 arbeitete Linda Richards als Hauptnachtschwester am Bellevue-Krankenhaus in New York City und bildete die Krankenpflegeschülerinnen der dortigen Krankenpflegeschule in der Nachtwache aus. Die Schule wurde geleitet von der englischen Schwester Helen des Ordens All Saint Sisters of the Poor. Schwester Helen hatte in London Florence Nightingales Art und Weise der Krankenpflege kennengelernt. Die Patienten des Bellevue-Krankenhauses kamen häufig aus den Slums von New York. Richards, die in Boston überwiegend mit Privatpatienten zu tun gehabt hatte, gewöhnte sich rasch an diese neue Situation. Die Nachtwachen waren beschwerlich, weil nachts die Gaslampen abgedreht wurden und auch nur zwei Kerzen pro Schlafsaal zur Verfügung standen. In Zusammenarbeit mit einem Arzt führte Linda Richards die ersten schriftlichen Berichterstattungen bei Schwerkranken ein. Zu den ersten Schülerinnen der Krankenpflegeschule am Bellevue-Krankenhaus gehörte Isabel Hampton Robb (1859–1910). Gegen die Schwesternschülerinnen, die wie Robb teilweise aus den bürgerlichen Schichten kamen, gab es jedoch Widerstände seitens der Patienten und ihrer Angehörigen. Da Richards am New England Hospital das Krankenpflegediplom ohne vorausgehende Prüfung erhalten hatte, legte sie mit zwei Kolleginnen aus dem New England Hospital zusätzlich die erste Prüfung, die an der Krankenpflegeschule des Bellevue-Krankenhauses stattfand, ab und bestand sie ohne Probleme.
Im November des Jahres 1874 erhielt Linda Richards die Stelle der Schulleitung der Krankenpflegeschule am Massachusetts General Hospital in Boston. Diese Schule bestand zu diesem Zeitpunkt seit einem Jahr und war lediglich indirekt an das Krankenhaus angeschlossen, weil das ärztliche Personal sich zunächst gegen die Eröffnung einer Krankenpflegeschule ausgesprochen hatte. Man erachtete eine solche Schule als überflüssig.Linda Richards: Reminiscences of Linda Richards, America's First Trained Nurse. Classic Reprint Series, Forgotten Books FB&cLtd., London 2018, S. 25 f., online unter https://archive.org/details/reminiscencesli00richgoog/page/n55/mode/2up?q=Helen Deshalb wurde die Schule einem eigenen Aufsichtsrat unterstellt. Die pflegerische Tätigkeit folgte zu jenem Zeitpunkt einer strikten Arbeitsteilung. So wurden die Schwestern beispielsweise am ersten Tag in der Wäscherei eingesetzt, am zweiten Tag im Speisesaal, am dritten Tag in den Krankensälen zum Waschen der Patienten und am vierten Tag in der Behandlungspflege. Dann folgte eine Nachtwache und schließlich ein freier Tag. Schon im Jahr 1875 ließ der ärztliche Dienst unter der Leitung von Norton Folsom seine Bedenken gegen die neue Schule fallen. Es entstand ein modernes Schwesternwohnheim mit Speisesaal und Diätküche, und die Schule wurde dem Krankenhaus direkt angeschlossen.
Reise nach England zu Florence Nightingale Linda Richards bereiste Europa und Japan. 1877 erfüllte sich ein lang gehegter Traum und sie erhielt eine Einladung der Krankenpflegeschule des St Thomas’ Hospital in London. Florence Nightingale hatte diese Schule im Jahr 1860 ins Leben gerufen. In London angekommen, erhielt sie auch eine persönliche Aufforderung von Nightingale für einen privaten Besuch. Nightingale war zum Zeitpunkt des Besuches bereits erkrankt und empfing Richards im Liegen. Der Besuch hinterließ einen bleibenden Eindruck bei Linda Richards. Nightingale empfahl ihr zum einen den Besuch bei den Sisters of St. John im King’s College Hospital und zum anderen bei der Royal Infirmary in Edinburgh. Richards erhielt die Möglichkeit einer vierwöchigen Hospitation im King’s College Hospital. Sie lernte hier die Dienstkleidung der Ordensfrauen kennen und wurde mit den strengen Regeln des Krankenhauses vertraut gemacht, die sie aus den USA in dieser Form nicht kannte. So war es beispielsweise Krankenschwestern nicht erlaubt, dasselbe Treppenhaus wie die Ärzte zu benutzen.Linda Richards: Reminiscences of Linda Richards, America’s First Trained Nurse. Classic Reprint Series, Forgotten Books FB&cLtd., London 2018, S. 40 f., online unter https://archive.org/details/reminiscencesli00richgoog/page/n71/mode/2up Vom King’s College Hospital aus reiste Richards nach Edinburgh, wo sie Mitte August 1877 bei Nebel und Regen ankam. Die Leiterin der Krankenpflegeschule am Royal Infirmary, Miss Angélique Lucille Pringle, war eine Schülerin von Florence Nightingale.Reinald Schmidt-Richter (Schwesternschule der Universität Heidelberg): A Review of the Introduction of Systematic Training for Nurses at the Royal Infirmary Edinburgh 1872–1879. Submitted in partial fulfilment of the requirements of the Degree of Master of Science in Nursing and Health Studies, University of Edinburgh 1993, S. 11 f. R. Schmidt-RichterAngélique Lucille Pringle: A Study in Nursing, Macmillan&Co London, 1905. Linda Richards wurde mit den Wundbehandlungsmethoden von Joseph Lister (1827–1912) vertraut gemacht, der als Vater der antiseptischen Chirurgie gilt. Ein Schüler Listers, der Mediziner Joseph Bell (1837–1911), gab dem Pflegepersonal an jedem Sonntag die Möglichkeit, an einer Wundvisite (bedside teaching) teilzunehmen. Zwei Krankenschwestern wurden als „house surgeons“ eingesetzt. Bell forderte unbedingt eine qualifizierte Ausbildung für das Pflegepersonal. Seiner Meinung nach waren „Nachtschwestern gescheiterte Wäscherinnen“ und das Tagdienstpersonal rekrutiere sich allenfalls aus den besten dieser insgesamt schlechten Nachtschwestern.Reinald Schmidt-Richter (Schwesternschule der Universität Heidelberg): A Review of the Introduction of Systematic Training for Nurses at the Royal Infirmary Edinburgh 1872–1879. Submitted in partial fulfilment of the requirements of the Degree of Master of Science in Nursing and Health Studies, University of Edinburgh 1993, S. 39 f.
Auf der Rückreise von Edinburgh hielt sich Linda Richards einige Tage im Landhaus von Florence Nightingale auf. So blieb Zeit für Gespräche zwischen den Frauen. Nach einem Besuch in Paris verließ Richards Europa.
Aufbau der Krankenpflegeausbildung in Japan mini|Linda Richards in Japan